Von Menschen und (ethnischen) Gruppen

Als der Blog zur Umbenennung unseres Fachverbands an den Start ging, vermutete ich, dass sich nun zunächst vor allem diejenigen äußern würden, die vom Ausgang der Abstimmung in Berlin enttäuscht waren. In der Tat haben bislang vor allem diejenigen FachvertreterInnen gebloggt, die die bei der Mitgliederversammlung 2017 zur Abstimmung stehende Alternativbezeichnung „Ethnologie“ bevorzugt hätten und die die Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ zum Teil in Bausch und Bogen verdammen. Im Nachhinein wird hier jetzt fachhistorisch gegraben und geschärft und mit Blick auf die angeblich wenig mit der Geschichte unserer Disziplin vertrauten, in Berlin anwesenden DGV/DGSKA-Mitglieder erklärt, dass die getroffene Wahl ein gravierender Fehler war. Nicht nur wird damit sehr zügig über die Tatsache hinwegargumentiert, dass in Berlin ein in der Satzung unserer Fachgesellschaft verankerter und durch den Vorstand intensiv vorbereiteter Prozess in seiner demokratischen Mehrheitsentscheidung mündete (Dilger, Röttger-Rössler & Zenker 2017; Dilger 2018). Auch stellten die wenigsten Beiträge bislang die Frage, welche vielschichtigen fachhistorischen, fachpolitischen und inhaltlichen Gründe die Mitglieder in Berlin vermutlich für ihre Entscheidung hatten – und warum alleine teils essentialistisch anmutende Verweise auf die historische Konnotation der zur Wahl stehenden Fachbezeichnungen nicht ausreichen, um diese Entscheidungsprozesse nachzuvollziehen.

 

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Auszählung der Stimmzettel bei der Abstimmung zur Umbenennung der DGV e.V.
am 6.10.2017 in Berlin (Foto: Timur Kiselev)

 

In diesem Beitrag stelle ich die These auf, dass die bislang von den KritikerInnen der Berliner Entscheidung vorgebrachten Argumente für die Bezeichnung „Ethnologie“ (und gegen „Sozial- und Kulturanthropologie“) einen zentralen Aspekt vernachlässigen: die Tatsache nämlich, dass der Begriff Ethnologie es in den Augen vieler FachvertreterInnen nicht – und anscheinend noch weniger als „Sozial- und Kulturanthropologie“ – vermocht hat, eine überzeugende Kongruenz zwischen den epistemologisch-konzeptuellen Neuorientierungen unseres Fachs der letzten Jahrzehnte einerseits, und der Bezeichnung unserer Fachgesellschaft andererseits, herzustellen. Wie Dieter Haller (2018) schreibt, speist sich Fachidentität „vor allem daraus (…), was man konkret tut“; doch bildet anscheinend genau die Bezeichnung „Ethnologie“, anders als Haller es vermutet, eben diese täglichen Praktiken unserer Disziplin in Forschung, Lehre und Lernen nicht mehr hinreichend ab. Insbesondere kreiert die „Begriffsfalle Ethnologie“ (Schiffauer 2018) dabei eine kontinuierliche Diskrepanz innerhalb der täglichen Praktiken unserer Disziplin, die die Wahlentscheidungen in Berlin meines Erachtens zentraler motiviert hat als die beharrlich-belehrenden Hinweise auf die ‚richtigen‘ Konsequenzen, die aus der Fachgeschichte zu ziehen gewesen wären. Bevor ich dieses Argument jedoch weiter vertiefe, möchte ich ein paar Anmerkungen zu den hier zuletzt veröffentlichten Blogtexten machen.

 

Die Blogdebatte zur „Umbenennung“ als affektive Aufmerksamkeitsökonomie

In den letzten Wochen haben die KritikerInnen des Wahlausgangs in Berlin wichtige Hinweise darauf gegeben, warum „Sozial- und Kulturanthropologie“ nicht die ‚perfekte‘ Bezeichnung für unseren Fachverbands sein konnte und welche Gründe für „Ethnologie“ gesprochen hätten. Schwer wiegt hier insbesondere, dass „Sozialanthropologie“ – wenn der Name denn als Äquivalent für die britische Social Anthropology gedacht wird – ebenjene kolonialen Verstrickungen unserer Fachgeschichte betont, denen die GegnerInnen der Bezeichnung „Völkerkunde“ entgehen wollten. Des Weiteren steht „Sozialanthropologie“ in Deutschland selbst für eine Fachbezeichnung, die Ende des 19. Jahrhunderts von sozialdarwinistischen Rassentheoretikern geprägt wurde und die Anfang der 1930er Jahre den Lehrstuhl des Rassenkundlers Hans F. K. Günther in Jena betitelte (Kohl 2017). Schließlich – und hier wird überzeugend der Bogen zur Gegenwart geschlagen – ist „Ethnologie“ der in der Öffentlichkeit etablierte Begriff: Mit dieser Wahl hätte die Fachgesellschaft daher endlich eine direkte Verbindung zwischen der Mehrzahl unserer Institutsbezeichnungen an den Universitäten einerseits, und der Wahrnehmung unserer Tätigkeiten in der Gesellschaft andererseits herstellen können, wohingegen Sozial- und  Kulturanthropologie als „nicht vermittelbar“ erscheint (Bierschenk 2018).

Alle die hier vorgebrachten Einwände sind nachvollziehbar und sie sind, ebenso wie eine Vielzahl weiterer Pro- und Contra-Argumente, die jede der drei Bezeichnungen Völkerkunde, Ethnologie und Sozial- und Kulturanthropologie auf sich vereinigt, in einem Handout zur Mitgliederversammlung in Berlin aufgelistet worden (Handout veröffentlicht in DGSKA 2018: 19-20). Dieses Handout verweist nicht nur darauf, dass „Sozial- und Kulturanthropologie“ in der Wahrnehmung ihrer UnterstützerInnen in der Tat eine höhere internationale Sichtbarkeit hat und eine direktere Verbindungslinie zu den heutigen Disziplinen der Social und Cultural Anthropology im anglophonen Raum herstellt als „Ethnologie“. Auch haben im deutschsprachigen Raum in den letzten Jahrzehnten immer wieder einzelne Institute und Lehrstühle mit der Bezeichnung „Sozialanthropologie“ bzw. „Sozial- und Kulturanthropologie“[1] ihre eigene Tradition unter diesem Fachnamen etabliert und wurden zu keinem Zeitpunkt der Nähe zur Rassenkunde des frühen 20. Jahrhunderts verdächtigt. Schließlich ist unser Fach bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft seit mehreren Jahren innerhalb des Fachkollegiums 106 mit der Teilbezeichnung Sozial- und Kulturanthropologie beheimatet – ohne dass sich aus der Disziplin heraus signifikante Kritik formiert hätte.

Inwiefern dieses für die Mitgliederversammlung umfassend vorbereitete Handout daher nun als „parteiisch“ gewertet werden kann, erschließt sich mir nicht und eine solche Wertung wird im entsprechenden Blogbeitrag von Thomas Bierschenk (2018) auch nicht weiter begründet: Nicht zuletzt gab es in diesem Handout deutlich mehr Argumente gegen „Sozial- und Kulturanthropologie“ (6) als gegen „Ethnologie“ (3) – wohingegen sich die Pro-Punkte (jeweils 7) die Waage hielten. Aber vielleicht ist es ja genau dieses spekulative Andeuten von Argumenten, das der eigenen Positionierung innerhalb des Blogs Nachdruck verleihen und die Aufmerksamkeit von all denjenigen auf sich ziehen soll, die bislang davon ausgegangen waren, dass bei der Mitgliederversammlung in Berlin demokratisch-informiert abgestimmt wurde? Soll sich im Nachhinein etwa die Vermutung aufdrängen, der Wahlausgang in Berlin sei Ergebnis eines undurchsichtigen Prozesses, der am Ende dazu geführt habe, dass die Ethnologie sich ‚selbst zu Tode gereinigt hat‘ (Streck 2018)?

Nicht viel anders kann ich mir die teils abenteuerlichen Schlussfolgerungen dieser Blogtexte erklären, die meines Erachtens mit mitunter hilflos wirkenden Mitteln ihre Position unterstreichen. Angeführt wird hier nicht nur die „historische Unkenntnis und Ignoranz“ sowie die „Geschichtsvergessenheit“ und voreilige „Political Correctness“ der in Berlin anwesenden Mitglieder, die vor allem die jüngere, sich nun selbst ‚moralisch auf die Schulter klopfende‘ Generation dazu getrieben habe, sich von der Bezeichnung Völkerkunde zu trennen (Haller 2018, Kohl 2017). Auch wird kritisiert, dass die Mehrheit der ethnologischen InstitutsleiterInnen in einem Email-Forum wenige Wochen vor der Abstimmung für „Ethnologie“ als Bezeichnungsalternative votiert habe und diese Mehrheitsmeinung in Berlin nicht berücksichtigt wurde. Thomas Bierschenk verknüpft diesen Punkt zudem mit der Einschätzung, dass die „weniger etablierten Fachvertreter“ im Vorfeld und während der Tagung über Twitter zur Abstimmung aufriefen und das Ergebnis dort ausgiebig feierten.

Was aber soll mit einer solchen Gegenüberstellung von Kommunikationsforen konkret gesagt werden? Dass die im Oktober 2017 circa 100 Follower bei Twitter den Wahlausgang entscheidend mitbestimmten, obgleich von ihnen vermutlich nur geschätzte 10-15 de facto bei der Tagung anwesend (und von diesen nicht einmal alle DGV-Mitglieder) waren? Dies würde die Wirkmacht von Twitter im ethnologisch-wissenschaftlichen Kontext Deutschlands deutlich überschätzen – unsere Fachgesellschaft ist nicht Donald Trump! Problematischer finde ich allerdings noch, dass in der hier vorgenommenen Kontrastierung mit keinem Wort erwähnt wird, dass ein Email-Forum von InstitutsleiterInnen und ProfessorInnen kein demokratisches Forum der Fachkommunikation darstellt. Die sozialen Medien mögen ihre eigenen Probleme der Kommunikation haben – aber zumindest waren die Twitter– und Facebook-Seiten der DGV/DGSKA im Zusammenhang mit der Berliner Mitgliederversammlung für alle Statusgruppen der Gesellschaft potenziell einseh- und nutzbar und auch die Schreibenden des Email-Forums hätten über Facebook ihre Einschätzungen öffentlich teilen können.

Noch extremer zugespitzt wird die Kritik an der Berliner Entscheidung dann allerdings in denjenigen Beiträgen, die den Wahlausgang mit einem Rechtsruck (der Fachgesellschaft? des Fachs insgesamt? des Berliner Vorstands als Initiator der Wahl?) assoziieren. Dieter Haller (2018) schreibt etwa, dass mit dem Einschluss von „Sozialanthropologie“ in die Bezeichnung des Fachverbands ‚kolonialistische und faschistische Bezüge gewürdigt‘ wurden und es ‚in unserem kalt gewordenen Land‘, ‚nach rechts gehe‘. Bernhard Streck (2018) wiederum bemüht den im Nationalsozialismus genutzten Begriff der „Säuberung“, um eine Parallele zwischen der Umbenennung in Berlin und der Etablierung einer „neuen Weltordnung“ herzustellen, „die mit der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika dem Erdball implantiert wurde und (die) seither sukzessive um sich greift.“ Berlin – und Deutschland insgesamt – sei „ein besonders beflissener Modernisierungsagent“, der „überall auf der Welt die gleichen Wertvorstellungen, Versorgungsstandards und Säuberungspraktiken“ implementiere.

Auf einem Blog kann und soll man seine Argumente sicher zuspitzend formulieren – dies ist Teil der affektiv-medialen Aufmerksamkeitsökonomie, in der wie uns gegenwärtig befinden (Reichert 2013: 147) und in der nun auch die Ethnologie ihren Platz sucht. Allerdings frage ich mich, wer mit der Keule des „Faschismus“ und des „Rechtsrucks“ eigentlich getroffen werden soll: der demokratische Prozess, den unser Fachverband durchlaufen hat? Die Mitglieder, die in Berlin anwesend waren und angeblich ‚falsch‘ gestimmt haben? Die Institute und Lehrstühle, die diese Bezeichnung ebenfalls im Namen führen? Oder schließlich das DFG-Fachkollegium mit der Teilbezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“, in dem unsere Disziplin beheimatet ist? Als „etablierte FachvertreterInnen“ sollten wir uns doch überlegen, welche „Kollateralschäden“ (vgl. Kohl 2017) wir mit solchen Zuspitzungen auf öffentlichen Blogs für den kollegialen Umgang – und darüber hinaus! – bewirken und welche Art des demokratisch-partizipativen Diskurses wir innerhalb unserer Fachgesellschaft befördern möchten.

 

…Warum nun aber nicht Ethnologie, sondern Sozial- und Kulturanthropologie?

Oben habe ich geschrieben, dass der Name „Ethnologie“ – sowohl als disziplinäre Bezeichnung als auch in der Art und Weise, wie der Kern des Fachs lange Zeit definiert wurde – heute eine signifikante Diskrepanz dazu aufweist, wie wir das Fach in tägliche Praktiken von Lehre, Forschung und Lernen übersetzen. Insbesondere beziehe ich mich dabei auf drei Punkte, die in ihrem Zusammenspiel zeigen, dass die Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ einige dieser Diskrepanzen nicht nur überwinden, sondern gleichzeitig wichtige Debatten zur konzeptuellen und (inter-)disziplinären Positionierung unseres Fachs (neu) anstoßen kann:

1. Bei der Fachbezeichnung Ethnologie handelt sich um eine Rückübersetzung des deutschen Begriffs Völkerkunde, der Ende des 18. Jahrhunderts in Analogie zur Erdkunde eingeführt und zunächst insbesondere für die Benennung von Museen verwendet wurde (Kohl 2012: 15). An den Universitäten selbst etablierte sich die Bezeichnung dann erst ab den 1920er Jahren – vor allem aber nach dem 2. Weltkrieg, als (zumindest in der BRD) ein neu anwachsendes „Interesse am Exotischen und Fremden“ – zusammen mit „Krisen und (…) Unbehagen am Eigenen“ – oft ausschlaggebend für den Weg in das Fach wurden (Haller 2012: 27). Inhaltlich betonte die Fachbezeichnung Ethnologie damit lange Zeit nicht nur einen deutlich stärkeren Fokus auf Prozesse der Theoriebildung in der universitären Disziplin als in der (musealen) Völkerkunde (ibd.: 18). Vor allem definierte sich das Fach in zentraler Weise über den „Grad der Unterscheidung von [fremden Kulturen] in Bezug auf unsere eigene“, welcher ein wichtiges „Entscheidungskriterium für die Ausgrenzung des besonderen Gegenstandsbereichs der Ethnologie“ darstellte (Kohl 2012: 27; Kursivsetzung im Original).

Aus der heutigen Fachperspektive – und in einer globalisierten, durch postkoloniale Verflechtungen gekennzeichneten Welt – machen solche klaren (oder auch nur ‚graduellen‘) Abgrenzungen zwischen dem Eigenen und dem Fremden wenig Sinn. Dies haben gerade EthnologInnen in den letzten Jahren wiederholt betont, die über das Fach hinausreichende Debatten zur Dezentrierung und Multiplizität von Perspektiven mit angestoßen und dabei die vielschichtige Positionalität und Reflexivität von Forschenden selbst als zentral für den Prozess der Wissensproduktion betont haben. Der Grund, auf dem EthnologInnen mit Gewissheit zwischen dem Fremden und dem Eigenen unterscheiden, ist somit schwankend geworden – und wir haben ihn selbst zum Schwanken gebracht. Doch haben wir sowohl unseren Studierenden als auch der Öffentlichkeit überzeugend vermittelt, warum „Ethnologie“ trotzdem weiterhin die ‚richtige‘ Fachbezeichnung ist? Und wie sind wir mit den Diskussionen über fachliche Abgrenzungen zu anderen benachbarten Sozial- und Kulturwissenschaften umgegangen, die in den letzten Jahren ebenfalls brüchig geworden sind – abgesehen davon, dass wir sie auf unbestimmte Zeit aufgeschoben haben (s.u.)?

2. Der zweite Punkt, der Fragen an den Begriff „Ethnologie“ aufwirft, ist die durch ihn vermittelte Annahme, dass wir uns vornehmlich mit „Gruppen“ beschäftigen. Natürlich tun wir dies in gewisser Weise, da wir davon ausgehen, dass Menschen immer in sozialen und kulturellen Bezügen leben und durch diese geprägt werden. Gleichzeitig steht heute aber ebenso fest, dass solche Gruppen (nicht nur die ethnischen) nicht a priori gegeben sind, sondern dass Menschen sie – einschließlich ihrer sozialen Hierarchien und vielschichtigen kulturellen Differenzierungslinien – immer wieder neu herstellen und durch alltägliche Interaktionen und Praktiken verfestigen. Hier steht damit nicht nur im Fokus, wie Differenzen zwischen diesen (oder innerhalb dieser) Gruppen und Gemeinschaften entstehen oder mit Blick auf Abhängigkeiten und Machtdynamiken in einer verflochtenen Welt reifiziert werden. Auch untersuchen wir, wie solche Differenzierungslinien – wie Geschlecht, Sexualität, Alter, Klasse, Ethnizität u.a.m. – die Körper von Menschen selbst durchdringen, sie multipel verorten, und unser Handeln und Denken situativ prägen.

In einer solchen Perspektive stehen Menschen mit ihren jeweiligen Erfahrungen, Körperlichkeiten und Handlungsorientierungen im Mittelpunkt unseres Fachinteresses, ebenso wie deren vielschichtige Einbindungen in soziale und kulturelle Prozesse. Selbstverständlich lässt sich jetzt einwenden, dass erst die Ethnologie „Ethnizität“ als eine von Menschen gemachte Konstruktion entlarvt hat und dies angesichts von Rassismen und „Fremdenfurcht“ in der heutigen Zeit ein Grund sei, an solchen Errungenschaften der Disziplin festzuhalten. Aber reicht dies als konzeptueller Anspruch für die (Um-)Benennung einer Fachgesellschaft aus? Ebenso können KritikerInnen des Begriffs „Sozial- und Kulturanthropologie“ einwenden, dass die Fokussierung auf das menschliche Sein die nicht-menschliche Welt (Tiere, Objekte, Geister etc.) ausschließt. Aber ist dies in den internationalen anthropologischen Wissenschaften tatsächlich der Fall – und sind nicht auch die Beziehungen zwischen menschlichem Sein und nicht-menschlicher Umwelt immer durch soziale und kulturelle Prozesse vermittelt und können letztlich nur über diese Referenz verstanden werden?[2]

3. Schließlich drängt sich die Frage auf, welche Folgerungen wir aus den ersten beiden Punkten für die Positionierung unseres Fachs gegenüber anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen – und insbesondere gegenüber der Europäischen Ethnologie (früher Volkskunde) – ableiten. Gerade wenn man „eigen“ und „fremd“ als eine stets auszuhandelnde Relation begreift, ist eine primär auf geographischen Grenzziehungen fußende Trennung zwischen den Disziplinen an den Universitäten problematisch. In einem ausgezeichneten Forum der DGV-Mitteilungen im Jahr 2006 wurde die Beziehung zwischen „Völker- und Volkskunde (respektive Empirische Kulturwissenschaft, Ethnologie, Europäische Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie)“ (Kirsch 2006) von insgesamt vier FachvertreterInnen ausgelotet, um hierüber zu einer neuen wechselseitigen Standortbestimmung zu gelangen. Betont wurden hier – trotz der spezifischen Fachtraditionen – vor allem die gemeinsamen inhaltlichen, theoretischen und methodischen Anliegen der Disziplinen (Kaschuba 2006), die oft zugunsten strategischer Überlegungen (universitäre Stellenbesetzungen, Ressourcenverteilungen) zurückgestellt werden (Hauschild 2006). Globalisierung und Migration – und generell die „vielfältigen und komplexen Verflechtungen und Beziehungen zwischen Menschen in allen Kontinenten“ (Dracklé 2006) – lassen aus einer solchen Perspektive den bis heute bestehenden „deutschen Sonderweg“ der „Unterscheidung zwischen einer Ethnologie Europas und andern regionalen Spezialisierungen (sei es in der Ethnologie oder in benachbarten Wissenschaften) vollkommen obsolet erscheinen (ibd.).“

Mit diesem Beitrag spreche ich mich nicht für eine voreilige Zusammenführung der beiden Ethnologien an den Universitäten im deutschsprachigen Raum aus – oder aber negiere deren spezifische Fachtraditionen seit dem 19. Jahrhundert (einschließlich der Zeit zwischen 1945 und 1989). Allerdings halte ich es für höchste Zeit, dass beide Fächer ihre gegenseitige Standortbestimmung neu aufnehmen und dabei auch den Blick auf andere benachbarte Disziplinen wie die Soziologie oder die Area Studies richten. Wie die jüngste Diskussion über völkerkundlich-ethnologische Museen zeigt, sind wir an den universitären Instituten nur unzureichend dafür vorbereitet, dass solche Debatten mit großer Vehemenz in die Öffentlichkeit dringen und von dort aus wieder auf uns zurollen (Dilger 2018). Vor unseren Augen werden lang etablierte, eng mit unserer Fachgeschichte verbundene Dichotomien (zwischen „Westen“ und „Nicht-Westen“, „Globalem Süden“ und „Globalem Norden“) neu verhandelt – und historisch aufgebaute Abgrenzungen zwischen Kontinenten, Fachkulturen und Institutionen werden von den unterschiedlichsten Seiten aus auf den Prüfstand gestellt. Als Disziplin können wir zusehen, wie uns solche Prozesse überrollen – oder aber wir gestalten sie proaktiv mit und setzen gleichzeitig notwendige inhaltlich-konzeptuelle Impulse sowohl gegenüber der gesellschaftlichen Öffentlichkeit als auch in unsere Nachbardisziplinen hinein.

Mit ihrer Umbenennung in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie hat unser Fachverband das Fenster für alle diese Debatten neu aufgestoßen. Die DGSKA sollte daher ein Dachforum für Diskussionen werden, die die auf diesem Blog aufgezeichnete Mischung zwischen inhaltlichen, fachpolitischen und fachhistorischen Fragen aufarbeiten und die programmatischen Fragen an unsere Disziplin als „übergreifende Kultur- und Gesellschaftswissenschaft“ (Lentz 2017) neu eruieren. Bei aller Streitbarkeit sollten wir dabei jedoch nicht vergessen, dies in respektvoller Weise zu tun und die Anliegen aller Generationen unseres weiterhin so notwendigen Fachs in die Diskussion einzubeziehen!

 

Hansjörg Dilger studierte und promovierte im Fach Ethnologie und ist heute Professor für Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin. Zwischen 2005 und 2007 war er Assistant Professor an der University of Florida mit einer Co-Anstellung im Department of Anthropology und im Center for African Studies. Seit 2015 ist er Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie e.V., die bis 2017 Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde e.V. hieß. Bei Twitter: @h_dilger

 

Bibliographie

Bierschenk, Thomas 2018: Warum die Umbenennung der DGV in DGSKA ein Fehler war. In: Blog: What’s in a name – Wofür steht die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde.  https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/04/24/warum-die-umbenennung-der-dgv-in-dgska-ein-fehler-war/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

Dilger, Hansjörg, Birgitt Röttger-Rössler und Olaf Zenker 2017: Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde e.V. in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie e.V. am 6.10.2017 in Berlin. In: Zeitschrift für Ethnologie 142 (2). (im Druck).

Dilger, Hansjörg 2018: Mehr Ethnologie ins Humboldt Forum! Zeit für eine sozial- und kulturanthropologische Intervention. In: Blog: Wie weiter mit Humboldts Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken. https://blog.uni-koeln.de/gssc-humboldt/mehr-ethnologie-ins-humboldt-forum/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

Haller, Dieter 2012: Die Suche nach dem Fremden: Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945-1990. Frankfurt am Main: Campus Verlag.

Haller, Dieter 2018: Die Umbenennung: Moralisches Schulterklopfen und Geschichtsvergessenheit. In: Blog: What’s in a name – Wofür steht die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde. https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/04/17/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

Kohl, Karl-Heinz 2012 [1993]: Ethnologie – die Wissenschaft vom kulturell Fremden: Eine Einführung. 3. Neubearbeitete Auflage. München: C.H. Beck.

Kohl, Karl-Heinz 2017: Kollateralschäden. Eine Polemik. In: Blog: Wie weiter mit Humbolds Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken. https://blog.uni-koeln.de/gssc-humboldt/kollateralschaeden-eine-polemik/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

Lentz, Carola 2017: VIELSTIMMIGKEIT, DIFFERENZPOLITIK UND KONFLIKTE. In: Blog: Kulturrelativismus und Aufklärung. https://blog.uni-koeln.de/gssc-kulturrelativismus/2017/10/03/vielstimmigkeit-differenzpolitik-und-konflikte/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

Reichert, Ramón 2013: Die Macht der Vielen: Über den neuen Kult der digitalen Vernetzung. Bielefeld: Transcript.

Streck, Bernhard 2018: Die bereinigte DGV. In: Blog: What’s in a name – Wofür steht die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde. https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/05/08/die-bereinigte-dgv/ . Zugegriffen: 16.05.2018.

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[1] Oder auch „Kultur- und Sozialanthropologie“ wie am Institut in Wien sowie beim Fachgebiet in Marburg.

[2] Mir ist bewusst, dass dieser Aspekt komplexer zu diskutieren ist als es in diesem Blogtext möglich ist. Ich verweise daher auf Ansätze der Multispecies Ethnography sowie der Science and Technology Studies, die heute innerhalb der Sozial- und Kulturanthropologie fest etabliert sind.