04/17/18

Die Umbenennung: Moralisches Schulterklopfen und Geschichtsvergessenheit

Kurz vor der Umbenennung der DGV in DGSK konnte ich in Bochum die Umbenennung meines Lehrstuhles, der die „Sozialanthropologie“ zur Denomination hatte, in „Ethnologie“ erwirken. In Berlin geschah nun genau das Umgekehrte. Ich hätte nie gedacht, dass sich in meinem geliebten Fach einmal Gleichgültigkeit gegenüber faschistischen Bezügen, neoliberale Anbiederei an den angelsächsischen Zeitgeist, moralische Selbstüberhebung und schlichte Wurschtigkeit siegreich die Hände reichen. Aber der Zeitgeist weht eben rechts, und selbst die, die sich als Vertreter einer progressiven Haltung verstehen, sehen manchmal nicht, wessen Handwerk sie da besorgen. So wie die siegreichen Umbenenner der Berliner Tagung – wahrscheinlich bei bester Absicht – wahrscheinlich nicht merken wollten, dass sie kolonialistische und faschistische Bezüge mit der getroffenen Wahl zur Umbenennung würdigen. Auch ich hadre deshalb mit mir, ob ich aus einer solchen Gesellschaft austreten soll. Noch habe ich soviel Vertrauen in meinen Berufszweig dass ich unterstelle, die meisten Umbenenner hätten nicht gewusst, was sie da tun. Aber auch das ist schon ein Armutszeugnis für Wissenschaftler, die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen. Sensibilität gegenüber rechten Diskurshegemonien ist heute wohl „so twentieth century“, vielleicht auch deshalb hat sich auf der Tagung die Vorstellung von Identität als Bekenntnis durchgesetzt. Wie ich höre, habe es während der Mitgliederversammlung keine inhaltliche Debatte um die Umbenennung gegeben.

Anders als die m.E. nach von falscher politischer Korrektheit – bei gleichzeitiger historischer Blindheit – getriebene Mehrheit der DGV-Tagungsteilnehmer gehe ich nicht von einer Fachidentität als Bekenntnis aus, sondern davon, dass Identität sich vor allem daraus speist, was man konkret tut. Ich folge damit also dem Ansatz von „identity as practice“ anstatt von „identity as discourse and identification“.

Ich möchte mit meinem Beitrag im Blog an die Argumentation des Kollegen Kohl anknüpfen und um jene Aspekte anreichern, die die Fakultät und das Rektorat in Bochum davon überzeugten, dass Ethnologie die richtige Bezeichnung ist für das, was mein Lehrstuhl vertritt – und in der Praxis sicherlich die der meisten Lehrstühle des Faches in Deutschland. Der Bochumer Antrag auf Umbenennung, den ich zusammen mit der bisher so genannten „Sektion für Sozialpsychologie und Sozialanthropologie“, der ich administrativ zugeordnet bin, stellte, basierte auf folgenden Argumenten:

 

Fachhistorisch sind sowohl die Bezeichnungen Sozialanthropologie wie auch Kulturanthropologie sehr viel problematischer als der Begriff Ethnologie. Historisch sind die Inhalte und Ansätze eines vormals im deutschsprachigen Raume bestehenden Faches Sozialanthropologie als auch allein schon dessen Bezeichnung hochgradig belastet, da sie eng mit der rassebiologischen Bevölkerungsplanung und der Eugenik, sowie mit Rassenforscherinnen und -ideologinnen wie Eugen Fischer, Ilse Schwidetzky-Roesing und Wilhelm Emil Mühlmann verbunden sind. Für Fischer bezeichnete Sozialanthropologie die „Lehre von den Beziehungen zwischen den anthropologischen Merkmalen und den sozialen Gruppen, denen ihre Träger angehören (historische Anthropologie, Eugenik, Kriminalanthropologie, Rassenhygiene usw.)“ (Sigrist 1995: 1122). Bis zum Ende der NS-Zeit hatte die Sozialanthropologie im deutschen Sprachraum „eine Steuerungsfunktion sowohl im Bereich der staatlichen Gesundheitsdienste, als auch bei der Vorbereitung und Durchführung eugenischer Massnahmen.“ Die Sozialanthropologie setzte „auf den Staat, um der vorgeblichen ‚Degeneration‘ der Bevölkerung entgegenzuwirken.“ (Sigrist 1995: 1122).

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich an der Verknüpfung von Biologie und Gesellschaft nichts geändert: „Gegenstand der S.“, so das von Schwidetzky-Roesing – Schülerin des führenden NS-Rasseideologen, Egon von Eickstedt – mitherausgegebene Fischer Lexikon Anthropologie (Heberer et al 1959: 296) von 1959 „sind die Wechselbeziehungen zwischen der biologischen Beschaffenheit der Menschen und den Sozialvorgängen.“ Die Zentralen Begriffe der Sozialanthropologie sind noch immer Auslese (Selektion) und Siebung.

Die biologische Determinierung der sozialen Gesellungsformen steht auch im Werk des Völkerkundlers und Soziologen W.E.Mühlmann bis zum Kriegsende explizit, danach implizit, im Mittelpunkt (Westphal-Hellbusch 1959: 857f). Als ausgewiesener Rasseforscher vertrat er vor Kriegsende nationalsozialistische Positionen zur Beziehung zwischen Rasse und Kultur. Auch Mühlmann arbeitete in der Nachkriegszeit inhaltlich genauso weiter wie zuvor, er verstand es jedoch, sein wissenschaftliches Instrumentarium in neue und unverdächtige Begrifflichkeiten zu überführen: aus dem vormals biologischen Rassebegriff wurde ein soziologischer, „aus ‚Umvolkung und Volkwerdung‘ wurden ‚ethnische Assimilation und Ethnogenese‘“ (Herbert 2010: 496). Mühlmann, der institutionell versuchte, Soziologie und Ethnologie zusammenzubringen, nahm zwar in den 1960er Jahren die britische Social Anthropology und die soziologische Analyse von ‚Naturvölkerkulturen‘ auf, allerdings mit zwei entscheidenden Unterschieden zur „echten“ (= britischen) Social Anthropology: er selbst arbeitete nie als Feldforscher und er behielt seine rassentheoretischen Grundlagen immer bei.

Mein Bochumer Vorgänger Helmut Nolte, Professor für Sozialpsychologie und –anthropologie, war sicherlich kein Vertreter dieser Richtungen, allerdings führte auch er seinen sozialanthropologischen Tätigkeitsbereich auf eine bioaffine Weise fort, die sowohl national als auch international nach dem Kriege – bis eben auf Schwidetzky-Roesing – kaum mehr gepflegt wurde. Er knüpfte auch an diese Tradition an, indem er die Bereiche der biologischen (z.B. K. Lorenz, I. Eibesfeldt) Anthropologie mit der philosophischen (z.B. A. Gehlen und H. Plessner), der historischen Anthropologie und der Ethnologie (z.B. C. Geertz) kombinierte. Die britische Social Anthropology spielte bei ihm jedoch überhaupt keine Rolle.

Es ist mir unbegreiflich, wie sich mein Fachverband einen solch faschistisch kontaminierten Begriff aneignen kann, wohl im Brustton der Überzeugung, dass er unbelasteter sei als der der Ethnologie oder der Völkerkunde. Warten wir ab, ob nun auch der Antrag gestellt werden wird, etwa das Max-Planck-Institut in Halle in Wilhelm-Emil-Mühlmann-Institut umzubenennen (der wollte nämlich die Fachvereinigung einmal in Kulturanthropologie, ein andermal in Sozialanthropologie umbenennen lassen (Haller 2012)). Folgerichtig jedenfalls wärs.

Die Bezeichnung „Kulturanthropologie“ ist bei weitem nicht so vorbelastet wie der der Sozialanthropologie, aber er hat mit dem, was Franz Boas Cultural Anthroplogy nannte, heute in der Praxis wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Begriff, der für allerlei kulturwissenschaftliche Studienwege verwendet wird, die mit den Grundlagen der Ethnologie, insbesondere der langanhaltenden Feldforschung und dem mühevollen Vor-Ort-sein, kaum etwas zu tun haben. Vielmehr bewegt man sich hierzulande als Kulturanthropologin in der Tradition der britischen Cultural Studies der 1980er Jahre, die alles Mögliche und mit Vorliebe Texte untersuchen – am allerwenigsten aber das Humane am Menschen. Sigmar Gabriel hat einmal gesagt, der Platz der SPD sei dort, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Dort ist m.E. auch der Platz der Ethnologie (ähnlich argumentiert auch Howell 2017). Von den KulturanthropologInnen macht das aber kaum Jemand, vielmehr gefällt man sich darin, ohne ethnologische Basis zu Bhabheln, zu Agamben und zu Butlern, das ist ja auch viel angenehmer als sich an den Herd mit einer Familie zu setzen und mit ihnen über ein Jahr lang Kohlsuppe zu löffeln.

Der Ethnosbegriff trägt der Tatsache Rechnung, dass die meisten Menschen auf diesem Globus sich nach ethnischen Kategorien zuordnen und die Ethnologie die einzige Disziplin ist, die sich diesem Befund schwerpunktmässig zuwendet. Werner Schiffauer spricht in seinem Beitrag davon, dass mit Ethnologie der „Hypostasierung des Begriffs ‚Ethnos‘ Vorschub geleistet wird“, auch wenn „die Mehrheit der Fachvertreter dies ablehnt und einen konstruktivistischen Begriff des Ethnos bejaht“. Das ist für mich genau ein Grund dafür, warum es notwendig ist, Ethnologie als Bezeichnung beizubehalten. Wir dürfen diese konstruktivistische Herangehensweise nicht räumen in einer Zeit, in der die Identitären sich des Begriffes zu bemächtigen versuchen, um ihre kruden Vorstellungen pseudowissenschaftlich zu untermauern.

 

Im Zuge einer falsch verstandenen Internationalisierung wird „Ethnologie“ heute für ein Fach benutzt, das in Großbritannien als Social Anthropology und in der in dieser Wissenschaft international führenden Nation, den USA, als Cultural Anthropology bezeichnet wird. Beide Fächer wenden sich jedoch in der Forschungspraxis demselben Gegenstand wie die Ethnologie zu, nämlich der kulturellen Prägung des Gesellschaftlichen. Wollte man sich ernsthaft internationalisieren, müsste man sich terminologisch entweder an die Leitnation anlehnen und das Fach in Cultural Anthropology umbenennen, so wie das auf der DGV-Tagung 1977 in Büdingen vorgeschlagen wurde (auch damals übrigens mit der Absicht, Anschluss an die US-amerikanische Disziplin zu finden). Oder aber man verwendete eine inhaltlich korrekte Form: Cultural and Social Anthropology (auf Englisch). Genau für diesen Sachverhalt gibt es in Deutschland aber bereits eine altbewährte und eigene Bezeichnung, die sich ihrer selbst nicht schämen muss und sich nicht der imperialistisch verflochtenen US-amerikanischen Cultural Anthropology und der im Kolonialismus verwurzelten britischen Social Anthropology anzudienen versucht: Ethnologie. Sie merken an meiner Wortwahl hoffentlich die Ironie: natürlich waren und sind die meisten Cultural Anthropologists und Social Anthropologists weder Imperialisten noch Kolonialisten – genausowenig wie die allermeisten Ethnologen. Die aber werden auf der DGV-Tagung 2017 in toto abgewatscht, weil sie vermeintlich Böses im Schilde führen.

Im Zuge der Anbiederungen an eine vermeintlich globalisierte und damit entkulturalisierte Wissenskultur (die aber in Wahrheit sehr wohl kulturell, nämlich anglonormativ geprägt ist), orientiert man sich in der Gegenwart deshalb hierzulande lieber mehr und mehr an der dortigen Begrifflichkeit der anthropology und übersetzt dies dann als Anthropologie ins Deutsche – so als gäbe es in unserer Sprache keine bereits bestehenden, spezifisch konnotierten Bedeutungen des Anthropologiebegriffes.

Würde man Social Anthropology nicht wörtlich, sondern aus der Arbeitspraxis heraus übersetzen, dann hieße sie nicht Sozialanthropologie, sondern Ethnologie. Dies zeigte sich z.B. deutlich, als die Professur für Sozialanthropologie an der RUB 2004 ausgeschrieben wurde: die Fakultät lud ausschließlich Bewerber aus der Ethnologie ein.

 

Darüber hinaus gibt es auch epistemologische Gründe, um sich der Bezeichnung „Sozial- und Kulturanthropologie“ zu verweigern. In der US-Tradition setzt sich das Fach Anthropology aus den vier Feldern Linguistics, Archaeology, Cultural Anthropology und Physical Anthropology zusammen. Im Deutschen jedoch besitzt „Anthropologie“ eine ganz andere Bedeutung: es bezeichnet keine einheitliche Disziplin, sondern ist vielmehr Zusatz für verschiedene Fächer, die sich dem Wesen des Menschen zuwenden – und zwar zumeist unabhängig von seiner spezifischen kulturellen Prägung (wie etwa in der pädagogischen, der psychologischen oder der philosophischen Anthropologie). Fast alle Vertreterinnen der amerikanischen Cultural Anthropology, der britischen Social Anthropology und deutschen Ethnologien wenden sich aber in erster Linie den kulturspezifischen Formen der (in erster Linie gesellschaftlichen) Daseinsbewältigung zu, das Interesse sowohl an physischer Anthropologie, Archäologie und dem Wesen des Menschen ist dem ganz klar nachgelagert. Letzteres hängt übrigens von den Ontologien ab, die den verschiedenen Kulturen der Welt zu Grunde liegen, ist damit also selbst nur vor einer kulturellen Folie zu verstehen. Denn ist anthropos – der Mensch – alleiniger Erkenntnisgegenstand in einer Ontologie, in der beispielsweise Wesenheiten wie Naturerscheinungen und Geister einen Personencharakter besitzen, den sie mit homo sapiens teilen? Mit der sprachlichen Fixierung auf „anthropos“ entwerten wir genau jene Gruppen („ethnoi“), über deren Kosmologien wir als Einzige überhaupt forschen.

Eine weitere Gemeinsamkeit der Ethnologie mit allen anderen internationalen anthropologies, also auch der britischen Social Anthropology und der amerikanischen Cultural Anthropology, besteht in einer gemeinsamen und eindeutigen Schwerpunktsetzung: diese liegt ganz klar in der Erarbeitung tiefer Kenntnisse über konkrete Lebenszusammenhänge (sie ist also ethnologisch); auf dieser Grundlage werden Kulturvergleiche angestellt und in induktiver Weise Beiträge zur Theoriebildung geleistet. Das Aufstellen von Theorien über das Wesen des Menschen (also das anthropologische Moment) ist dem in der Arbeitspraxis der meisten Fachvertreter ganz klar nachgelagert (womit ich in keinster Weise etwa die Arbeiten des Kollegen Antweiler kritisieren möchte, die ich immer für wichtig, sinnvoll und extrem anregend empfinde). Man kehrt heute diese Beziehung zwischen Empirie und Theoriebildung in der Praxis um, wenn die Arbeit mit dem Begriffszusatz „anthropologie“ versehen wird. Bei solchen Umbenennungen handelt es sich um terminologische Kosmetik, denn in der wissenschaftlichen Praxis steht auch bei den „neuen“ Sozialanthropologen (die gar nichts mit der biologischen Vergangenheit zu tun haben) die Erforschung konkreter Lebenszusammenhänge im Vordergrund, das (und somit anthropologisch zu nennende) Interesse am Wesen des Menschen ist auch hier eindeutig nachgelagert.

 

Es fröstelt mich. Ich bin alt geworden und offensichtlich ein Relikt vergangener Zeiten. Wer hätte das gedacht. Es ist kalt geworden in unserem Land. Diskreditierte Begriffe kehren zurück, erobern unseren Alltag, dringen in Nischen ein, aus denen sie ihre Wirkung subkutan entfalten, aus denen sie unser Denken lenken. Im Moment stehen die Spieglungen des Eigenen im Vordergrund, es geht nach rechts. Hoffen wir, dass sich das bald wieder ändert.

 

 width=Dieter Haller lehrte Ethnologie an der New School for Social Research in New York und an der University of Texas (Austin) und unterrichtet seit 2005 als Professor an der Ruhr Universität Bochum. Er war Mitbegründer des Bochumer Zentrums für Mittelmeerforschung. Er ist Autor einer Einführung in die Ethnologie, einer bundesdeutschen Fachgeschichte und mehrerer Monographien über seine Feldforschungen in Sevilla (1980er), Gibraltar (1990er), Texas (2000er) und Tanger (2010er).

 

 

Bibliographische Angaben

Haller, Dieter 2012 Die Suche nach dem Fremden. Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945-1990. Frankfurt/Main: Campus.

Heberer, Gerhard/Kurth, Gottfried/Schwidetzky-Roesing, Ilse 1959 Das Fischer Lexikon – Anthropologie. Frankfurt/Main: Fischer.

Herbert, Ulrich 2010 Der deutsche Professor im Dritten Reich. Vier biographische Skizzen, in: Karin Orth / Willi Oberkrome (Hg.) Die DFG 1920-1970. Forschungsförderung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik. Stuttgart, pg. 483-503.

Howell, Signe  2017 Two or three things I love about ethnography, HAU: Journal of Ethnographic Theory 7, no. 1 (Spring 2017): 15-20.

Sigrist, Christian 1995 Sozialanthropologie, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hg.) Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. IX, pg. 1122-1126

Westphal-Hellbusch, Sigrid 1959 The Present Situation of Ethnological Research in Germany, American Anthropologist 61, pg. 848-865