Ethnologie – eine Begriffsfalle

Als ich hörte, dass  der Vorstoß einer Namensänderung der Disziplin von „Völkerkunde“ in „Ethnologie“ abgelehnt und statt dessen die Umbenennung in „Sozial- und Kulturanthropologie“ beschlossen wurde, war ich mehr als erleichtert. Zum einen war mir der Umbenennungsvorschlag in Ethnologie schon deshalb als absurd erschienen, weil man den Begriff des „Volkes“ (nur eben als Fremdwort) weiter als Bezeichnung des Fachgegenstandes führen wollte. Dies deckt sich aber keineswegs mehr mit dem, was inhaltlich in dem Fach passiert. An den meisten Instituten und Lehrstühle wird das Fach als Wissenschaft von der kulturellen und sozialen Formung des Menschen gelehrt – mit anderen Worten: als Sozial- und Kulturanthropologie.

Problematisch am Begriff der Ethnologie ist ja zunächst, dass der Hypostasierung des Begriffs „Ethnos“ Vorschub geleistet wird. Mir ist durchaus bewusst, dass die Mehrheit der Fachvertreter dies ablehnt und einen konstruktivistischen Begriff des Ethnos bejaht – also Fremd- und Selbstethnisierungsprozesse analysiert (auch wenn der ontological turn hier möglicherweise eine erneute Wende einleitet). Dennoch entfaltet die Fachbezeichnung als solche eine performative Wirkung: Schließlich benennt sie einen Gegenstand, der zu erforschen ist. Und dies setzt  sich immer wieder  durch – wie der sprichwörtliche Wasserfleck auf der Wand, den man vergeblich zu übertünchen sucht.

Das hatte gerade auf meinem Arbeitsgebiet, der Migrationsforschung, weitgehende Implikationen. Die erste und folgenreichste ist nach wie vor, dass das im Begriff Ethnos mitschwingende  Ordnungsprinzip der Identifikation von sozialer Gruppe, Raum und Kultur sich nach wie vor in der regionalen Ausrichtung unserer Institute wiederspiegelt (wenn auch in der verallgemeinerten Form der Kulturräume). Dies erschwert es effektiv transnationale Phänomene systematisch zu analysieren und führte dazu, dass die Ethnologie sich effektiv aus der Migrationsforschung verabschiedete. Da die regionale Ausrichtung sich in der Besetzungspolitik niederschlägt, setzt sich ein Anthropologe, der seine Habilitation auf Forschungen zu Ghanaischen Migranten in der Türkei gründet systematisch zwischen die Stühle. Er/Sie wird weder für einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Afrika noch für einen mit dem Schwerpunkt „Vorderer Orient“ berufbar sein. Die Folge ist, dass in der Ethnologie die Migrationsforschung zwar noch in studentischen Lehrforschungsprojekte eine Rolle spielt; jede_r ambitionierte_r Nachwuchswissenschaftler_in aber gut beraten ist, spätestens bei der Promotion die Untersuchung von Migrationsprozessen bleiben zu lassen. Ich selbst konnte mich nur mit Aussichten auf Erfolg auf einen Ein-Personen-Lehrstuhl an einer Kulturwissenschaftlichen Fakultät bewerben, der eben nicht regional ausgerichtet war. In die von der Ethnologie geöffnete Lücke stießt die Europäische Ethnologie (also die gewandelte Volkskunde) vor – und konnte dies, weil sie die Einwanderung nach Europa analysiert. Die transkontinentale Migration (etwa von Indien in die Golfstaaten; von Afrikanern in die Türkei oder nach China) blieb ein Außenseiterthema.

Der von dem Begriff mitgeschleppte Ballast führte auch zu problematischen Weichenstellungen in der Migrationsforschung selbst. Allzu oft bestand der Beitrag der „Ethnologen“ in der Erstellung von ethnic community studies. Damit wurde, wie Gerd Baumann überzeugend gezeigt hat, das den Alltag und die Lebenswelt bestimmende komplexe Netz zwischen Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen ausgeblendet. Schlimmer noch: Das Festhalten an der Gleichsetzung von ethnischer Gruppe,  Kultur und Identität, das  auch die ethnic community studies mit sich schleppten, unterstützte Alterisierungs- und damit Ab- und Ausgrenzungsprozesse. [1]

Es kommt dazu, dass die Fachbezeichnung auch ein Signal nach Außen setzt. Immer wieder wird in interdisziplinären Arbeitszusammenhängen die Erwartung an die „Ethnologen“ herangetragen, den „Faktor ethnische Kultur“ zu untersuchen und zu erklären welche kollektiven Werthaltungen etwa Modernisierungsprozessen im Wege stehen oder Radikalisierungsprozesse fördern. Nicht, dass die Bezeichnung Kultur- und Sozialanthropologie vor diesen Ansinnen schützen würde – aber in Frankfurt/Oder konnten wir uns wenigstens auf sie berufen um zu erklären, dass es uns um die Analyse von Verwaltungen, Unternehmen oder Migrationsprozessen ging.

Es stimmt natürlich, dass wir uns untereinander – wie in der Auseinandersetzung um die Fachbezeichnung auch schon festgestellt – gegenseitig oft als „Ethnologen“ ansprechen. Dabei spielt unsere Fachgeschichte (und damit unsere Lesebiographien) als Auseinandersetzung mit den außereuropäischen Ethnien eine Rolle. In ihr wurden die wesentlichen begrifflichen und methodischen Werkzeuge entwickelt, die heute unser Kennzeichen sind: Die intensive Feldforschung und die anthropologische Deutungskunst (ich tendiere die Abfolge der theoretischen Ansätze – Diffusionismus, Funktionalismus, Struktur-Funktionalismus, Strukturalismus, Symbolische Anthropologie, marxistische Anthropologie, Writing Culture – weniger unter dem Ansatz einer fortschreitenden Wissenschaftsentwicklung zu sehen, als unter dem der Ausdifferenzierung einer Kunstlehre der Interpretation). Wenn wir uns auf diesem Hintergrund als „Ethnologen“ ansprechen, dann in dem Wissen, dass wir dies in Anführungszeichen tun, nämlich als Wissenschaftler die nicht mehr über Ethnien forschen, sondern über Bürokratien, Unternehmen, Polizeiapparate, Migrationsprozesse etc. – aber dies mit unseren spezifischen Zugängen. Dies erklärt auch, warum wir das Wort „Ethnographie“ auch weiter gerne in Untertiteln verwenden. Wenn wir „Ethnographien“ des Labors, des Innenministeriums oder der Islamischen Gemeinde Milli Görüş vorlegen, dann ergibt sich von selbst, dass wir den Begriff „Ethnographie“ metaphorisch verwenden.

Noch ein Wort zur Fachgeschichte: Ja – alle Bezeichnungen sind problematisch. Und ich glaube auch nicht, dass uns die Doppelung Sozial-und Kulturanthropologie aus dem Dilemma rettet. Wir müssen uns dem schwierigen Erbe reflexiv zuwenden und den kolonialistischen, rassistischen und nationalsozialistischen Hintergrund unserer Disziplin aufarbeiten. Es wäre aber heillos, hier zu gewichten und eine Hierarchie der Schuld aufzumachen. Da nun alle Fachbezeichnungen problematisch sind, sollten wir die bitter notwendige Reflexion von der Frage der Selbstbezeichnung abkoppeln – und hier die Bezeichnung wählen, die am wenigsten missverständlich in Bezug auf den Gegenstand ist.

 

Werner Schiffauer ist Prof. emeritus und gegenwärtig Mercator Senior Fellow. Er war bis 2017 Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Fragen der multikulturellen Gesellschaft, Entwicklungen im Europäischen Islam und die Anthropologie von Staatsapparaten. Er ist Vorsitzender des Rats für Migration.

Zuletzt ist von ihm erschienen:

Nach dem Islamismus. Die Islamische Gemeinde Milli Görüş. Eine Ethnographie. Berlin Suhrkamp. 2010

Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention. Berlin. Suhrkamp. 2015

(zusammen mit Anne Eilert und Marlene Rudloff) So schaffen wir das. Eine Zivilgesellschaft im Aufbruch. 90 Projekte. Bielefeld. Transcript. 2017

––––

[1] Baumann, G. (1996). Contesting Culture. Discourses of Identity in Multi-ethnic London. Cambridge, Cambridge University Press.