05/01/18

Ich gebe auf… Ethnologen sind und bleiben ein segmentärer Haufen

Nach der Umbenennung der DGV in Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie und nicht, wie ich gehofft hatte, (Deutsche) Gesellschaft für Ethnologie, resigniere ich, was die Erfolgschancen meiner bisher hartnäckig auf vielen Baustellen betriebenen „namenspolizeilichen“ Aufklärungsarbeit betrifft. Lohnt es sich noch, Studenten, Journalisten, Wissenschaftsverwaltungen, Fachbereichs-Sekretärinnen, Pressereferentinnen und neugierigen Kollegen aus anderen Fächern zu erklären, dass Anthropologie und Ethnologie im deutschen Sprachraum eben nicht die gleichen Traditionen haben und dass man nicht ohne weiteres unsere Fachbezeichnung aus dem oder in das Englische übersetzen kann? Wie überzeugend sind solche geduldigen und oft durchaus mit „ach so, ich verstehe“-Ausrufen quittierten Versuche noch, wenn die eigene Fachgesellschaft genau diese Übersetzungsproblematik fortschreibt? Für mich ist die DGV-Tagung 2017 eine verpasste Chance, hier mehr Klarheit zu schaffen. Da wäre es mir sogar fast lieber, der Name „Völkerkunde“ wäre geblieben. Seine Fortschreibung lässt sich Fachfremden gegenüber doch sehr viel besser erläutern als die Umbenennung in Sozial- und Kulturanthropologie, die aufwändige Erklärungsmanöver nötig macht.

Aber welche Folgen hat die Umbenennung denn nun voraussichtlich? Die Ethnologen sind und bleiben nun mal ein segmentärer Haufen. Thomas Bierschenk (Blog vom 24.04.2018) hat völlig Recht: Die Namensänderung der Fachgesellschafts wird nichts am Wildwuchs der Fachbezeichnungen in den Instituten, Studiengängen und Förderinstitutionen oder bei den individuellen Selbstbezeichnungen unter Kollegen, in interdisziplinären Kontexten und in der breiteren Öffentlichkeit ändern. Werner Schiffauer meint, dass Fachbezeichnungen „performative Wirkung“ entfalten (Blog vom 10.4.2018). Ich fürchte, das ist mehr Wunschgedanke als Beschreibung der Realität. Und seine Analyse, dass „transkontinentale Migration … ein Außenseiterthema“ in der Ethnologie blieb, weil der Ethnos-Begriff im Namen Ethnologie dazu führt, dass wir immer noch soziale, räumliche und kulturelle Grenzen in eins setzen, halte ich für überzogen. Essentialistische Ethnos- und Kulturbegriffe sind seit vielen Jahren nachhaltig kritisiert worden, und die Fachbezeichnung, egal ob Völkerkunde oder Ethnologie, hat niemanden wirklich davon abgehalten, grenzüberschreitende Austausch- und Machtbeziehungen zu untersuchen; das zeigt schon ein Blick auf die Themen von zahlreichen ethnologischen Tagungen oder von Forschungsprojekten am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung.

Seit gefühlt dreißig Jahren versuche ich in meinen Vorlesungen und Seminaren, die Irritationen der Studierenden bezüglich der Fachbezeichnungen aufzuklären, die sich bei ihnen unweigerlich nach der Lektüre des ersten Einführungsbuchs oder schon bei der Wahl des Studiengangs, der Durchsicht der Lehrveranstaltungstitel oder gar einem Studienortwechsel eingestellt haben. Aber nicht nur die Studierenden sind regelmäßig verwirrt, auch gestandene Wissenschaftler wissen nicht, dass und wie Anthropologie, Völkerkunde und Ethnologie, ethnology und cultural anthropology, social anthropology und Sozialanthropologie zusammenhängen oder sich unterscheiden. Aktuelles Beispiel war meine Bemühungen, den Rektor des Wissenschaftskollegs davon zu überzeugen, dass mein in Amerika arbeitender ethnologischer Kollege, mit dem ich hier an einem Buchprojekt arbeite, dasselbe Fach vertritt wie ich; er wurde eingangs in der deutschen Fellow-Liste als Anthropologe und in der englischen als anthropologist aufgeführt, ich als Ethnologin und ethnologist. Jetzt sind wir beide als Ethnologen bzw. anthropologists aufgelistet. Damit bleibt die Problematik der „four field“-Struktur der anthropology in den USA zwar ausgeklammert, auf die Dieter Haller ganz richtig hingewiesen hat (Blog vom 17.4.2018); aber tatsächlich setzen unserer ethnologischen Kollegen dort das „cultural“ nur dann vor ihre alltägliche Selbstbezeichnung, wenn die Unterscheidung von den „physical anthropologists“ oder den „linguistic anthropologists“ klar gemacht werden muss.

In meinen Einführungsveranstaltungen für die Studierenden erkläre ich dann immer wieder, dass Fachbezeichnungen wissenschaftspolitische Kampfbegriffe sind. Im Idealfall wollen und können sie eine Disziplin nach innen einigen, vor allem aber nach außen als ein eigenständiges und darum symbolische und materielle Anerkennung verdienendes Forschungsfeld positionieren. Diese Grenzziehung erfolgt in der – und ist geprägt durch die ‑ bereits vorhandene Wissenschafts- und Fächerlandschaft. Weil deren Geschichte nun einmal in verschiedenen Sprachräumen und Ländern unterschiedlich ist, hat „dasselbe“ Fach unterschiedliche Namen. Und in Deutschland war nun mal zur Zeit der universitären Institutionalisierung der Ethnologie (oder Völkerkunde, wie sie sich damals meist nannte) Ende des 19. Jahrhunderts die Anthropologie, die biologisch fundierte (Natur-)Wissenschaft vom Menschen, eine der wichtigen Disziplinen, zu der sich die Völkerkunde positionierte. Die Geographie war die zweite Disziplin, von der sich die Ethnologen/Völkerkundler – nicht alle, aber doch eine wachsende Zahl ‑ unterscheiden wollten. Die Gesellschaft für Völkerkunde wurde 1929 nicht zuletzt in aktiver Abgrenzung von der Deutschen Anthropologischen Gesellschaft gegründet (vgl. dazu den Beitrag von mir und Silja Thomas zur Geschichte der DGV; https://www.dgv-net.de/wp-content/uploads/2016/09/Carola_Lentz__Silja_Thomas_ZfE
_140_2015_S.225-253.pdf#
). „Sozialanthropologie“ war um 1900 ein Etikett, das Sozialdarwinisten prägten, und wer Nähe zur „Anthropologie“ betonte und in den 1930er Jahren sich als Sozialanthropologe bezeichnete, stand den Rassehygienikern nahe. Darauf haben Bernhard Streck, Karl-Heinz Kohl und andere Fachhistoriker in verschiedenen Diskussionen aufmerksam gemacht, und auch Dieter Haller hat das in seinem Blog-Beitrag (17.4.2018) nochmals ausführlich dargelegt. Dass die britische „social anthropology“ wiederum sich eher in Grenzziehung gegenüber und teilweise Kooperation mit der Soziologie (und nicht der Anthropologie) entwickelt hat, ist vielleicht weniger bekannt. Noch komplizierter wird es, wenn man die Interaktionen zwischen der französischen Soziologie und britischen „social anthropology“ betrachtet und bedenkt, dass in Frankreich „ethnologie“ eher eine volkskundliche Disziplin bezeichnet, „anthropologie“ dagegen „unsere“ Ethnologie. Aber wer schaut schon auf Frankreich…? Dass die britische „social anthropology“ ihr Profil in Auseinandersetzung mit der amerikanischen „cultural anthropology“ geschärft hat und das sogar schon vor dem Zweiten Weltkrieg, erst recht aber seit der amerikanischen „Writing Culture“-Debatte, weiß zumindest die Gründergeneration der European Association of Social Anthropologists (und eben nicht „Social and Cultural Anthropologists“!) nur allzu gut. Die beiden nun in der Bezeichnung der deutschen Fachgesellschaft zu verschwistern, ist zumindest bemerkenswert. Wer weiß, vielleicht zieht die europäische Gesellschaft ja noch nach?

Nun könnte man betonen, dass eine Rückübersetzung und Kombination von „cultural anthropology“ und „social anthropology“ ins Deutsche größtmögliche Gemeinsamkeit und Pluralität stiften und helfen kann, sich von problematischen Vergangenheiten zu distanzieren. Schließlich hat es in der Fachgeschichte in allen Ländern immer wieder Umbenennungen gegeben. Und selbstverständlich ist die Geschichte der Fachbezeichnungen weit komplexer als hier angedeutet, denn auch die Wissenschaftslandschaften, in denen sich die Ethnologie zu positionieren versuchte, haben sich immer wieder verändert. Außerdem war und ist das Tempo dieser Namens-Veränderungen aus den unterschiedlichsten internen und externen Gründen in verschiedenen Disziplinen unterschiedlich. Reaktionen benachbarter Fächer auf Umbenennungen ihrer „Abgrenzungspartner“ erfolgten manchmal verzögert, sogar um Jahrzehnte. Und dann unterscheiden sich auch noch die Konstellationen in den einzelnen Universitäten; je nachdem, in welche Fachbereiche oder Fakultäten und in welche übergreifenden Architekturen von Studiengängen unsere Disziplin eingebaut wird, bekommt sie einen anderen Namen. Und schließlich reagieren verändernde Fachbezeichnungen nicht nur auf Umbauten in den Wissenschaftslandschaften in einem Land, sondern agieren und argumentieren grenzüberschreitend. Die lange Geschichte der Beziehungen zwischen Volks- und Völkerkunde und die wechselvollen Umbenennungen der Volkskunde in Empirische Kulturwissenschaften, Kulturanthropologie, europäische Ethnologie und dergleichen mehr wären hier ein eindrückliches Beispiel. Mark Münzel hat das in zwei Vorträgen bei Workshops der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde und bei der DGV eindrucksvoll dargelegt (2009, 2011).

Aber Münzel hat in einem Überblick über die im Mai 2017 im deutschsprachigen Raum verwendeten Benennungen von Instituten, Museen und Studiengängen auch gezeigt, dass von 99 Benennungen immerhin 49, also die Hälfte, schlicht „Ethnologie“ verwendeten. Völkerkunde kam nur noch im musealen Kontext vor (16 Mal), Sozial- und Kulturanthropologie ganze vier Mal, dagegen immerhin zehn Mal Kultur- und Sozialanthropologie und acht Mal Sozialanthropologie ohne weiteren Zusatz. Da wäre es dann doch, wie Thomas Bierschenk argumentiert, hilfreich gewesen, den Trend hin zu „Ethnologie“ auch durch die Benennung der Fachgesellschaft zu fördern.

Ein Trost bleibt: Namen – und schon gar nicht der Name einer nicht allzu mächtigen Fachgesellschaft – entfalten letztlich nicht wirklich und schon gar nicht automatisch sehr große Wirkmächtigkeit. Jedenfalls nicht, wenn sie so vielgestaltig auftreten, wie es die Bezeichnung unseres Forschungsfeldes und unserer Studiengänge tun. Fachnamen sind, wie oben erläutert, Instrumente der Grenzziehung und Positionierung in der wissenschaftlichen Landschaft und beim Kampf um Ressourcen und Ansehen. Sie können nach Innen einigen und nach Außen Wahrnehmungen lenken. Aber offensichtlich gibt es keine sanktionsbewehrten Begriffspolizisten, die bei einem segmentären Haufen wie dem unseren einen gemeinsamen Namen durchsetzen könnten. Und so wichtig ist die Fachgesellschaft denn nun auch wieder nicht. Nicht einmal die Logik der von Evans-Pritchard so treffend analysierten segmentären Opposition – sich gegenüber externen „Feinden“ intern wenigstens temporär zusammenzuschließen – greift anscheinend in der bunten Ethnologen-Landschaft im deutschen Sprachraum. Insofern wird die Umbenennung der DGV in DGSKA keine dramatischen Folgen haben. Weder wird sie Kooperationen mit anderen sozial- und kulturwissenschaftlichen Projekten und Fachverbänden verhindern noch wird sie die inhaltliche Ausrichtung unserer künftigen Forschung und Lehre tatsächlich steuern. Insofern war meine Hoffnung, eine umbenannte Fachgesellschaft könnte zur Vereinheitlichung der Nomenklatur beitragen und die Kommunikation in der Öffentlichkeit erleichtern, von vornherein illusionär.

Es bleibt also beim geduldigen Geschäft des Erläuterns, was die Disziplin tut und kann und welche Geschichte sich in den verschiedenen Bezeichnungen sedimentiert hat. Und ich werde mich weiterhin in der deutschsprachigen Öffentlichkeit als Ethnologin bezeichnen und im Englischen als anthropologist und so weiter. Und ich werde auch weiterhin darauf dringen, dass zumindest dort, wo eine Fachbezeichnung in Artikeln und Einträgen über mich aktenkundig wird, meine Selbstbezeichnung als Ethnologin übernommen wird. Von mir aus lasse ich mich auch gern Sozialwissenschaftlerin oder Kulturwissenschaftlerin nennen, aber nicht Kultur- und Sozialanthropologin, was dann gern bequem zu Anthropologin verkürzt wird. Ganz aufgegeben habe ich also vielleicht doch noch nicht…

 

Carola Lentz ist Professorin für Ethnologie am Institut für Ethnologie und Afrikastudien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Ende der 1980er Jahre forscht sie in Ghana und Burkina Faso zu Kolonialgeschichte, Arbeitsmigration, Bodenrecht, Ethnizität, Nationenbildung, Mittelklasse und Erinnerungspolitik. Zu ihren neueren Buchveröffentlichungen gehören Land, Mobility and Belonging in West Africa (Indiana University Press, 2013), von der amerikanischen African Studies Association mit dem Melville J. Herskovits-Preis ausgezeichnet, und Remembering Independence (gemeinsam mit David Lowe; Routledge 2018). 2011-15 war sie Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde. Seit 2016 ist sie Sekretarin der Sozialwissenschaftlichen Klasse der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Am Wissenschaftskolleg zu Berlin, wo sie derzeit Fellow ist, leitet sie die Fokusgruppe „Familiengeschichte und sozialer Wandel in Westafrika“.