11/07/17

Zwischen den Stühlen

Der Fachverband der Ethnolog*innen diskutiert über das Humboldt Forum

„Ethnologie im Humboldt Forum: Quo vadis Berlin-Mitte – und mit wem?“ war der Titel einer Podiumsdiskussion, die als einer der Höhepunkte der diesjährigen Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie stattfand. Moderiert durch den Journalisten Thomas Schmidt von der Wochenzeitung Die Zeit beteiligten sich vier Wissenschaftler*innen fachöffentlichkeitswirksam an der wieder hitziger geführten Debatte über das Humboldt-Forum: Albert Gouaffo (Professor für Germanistik in Dschang in Kamerun), Viola König (Direktorin des Ethnologischen Museums Berlin), Carola Lentz (Professorin für Ethnologie in Mainz) und Wolfgang Schäffner (Professor für Wissens- und Kulturgeschichte an der HU Berlin).

Das Diskussionsformat hatte einen prominenten Platz im Rahmen der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie. Die Vereinigung der Ethnolog*innen hatte sich am selben Tage einen neuen Namen gegeben (vorher: Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde) und legte die Diskussion an den Abend direkt vor das Konferenzfest im ehemaligen Ethnologischen Museum in Berlin-Dahlem. Mit Veranstaltungen wie dieser wollte der Vorstand des Verbandes, der seit zwei Jahren von dem Berliner Ethnologie-Professor Hansjörg Dilger geleitet wird, signalisieren, dass man sich gesellschaftlichen Debatten weiter öffnen und Kontroversen nicht aus dem Weg gehen will. Deshalb deutete Hansjörg Dilger in seinem Grußwort zur Veranstaltung auch an, dass die Debatten um das Humboldt-Forum, das geplante neue ethnographische Museum auf der Museumsinsel, nicht nur öffentlich kontrovers geführt werden, sondern auch das Fach und ihre Vertreter*innen in besonderer Weise in ihrem Selbstverständnis betreffen. Wie sehr die Humboldt-Forum-Debatte die Sozial- und Kulturanthropologie zwischen die Stühle setzt, wurde in der Podiumsveranstaltung deutlich sichtbar.

Selten habe die deutsche Ethnologie so sehr im Fokus der Öffentlichkeit gestanden wie in den kontroversen Debatten um das neue Museum im Herzen der Hauptstadt, bemerkte der Moderator Thomas Schmidt gleich zu Beginn der Diskussion. Doch Freude über diese ungewohnte Prominenz mag bei den meisten Fachvertreter*innen nicht so recht aufkommen, denn die Position des Faches ist innerhalb dieser Debatte äußert vertrackt. Zwei wesentlich klarer konturierte Meinungen treffen hier aufeinander, zwischen denen die Sozial- und Kulturanthropologie eine kompliziert zu erklärende Mittelposition einnehmen muss. Das eine Ende des Spektrums bilden diejenigen Kritiker*innen des Humboldt-Forums, die aus postkolonial informierter Perspektive die Gefahr sehen, ein Museum mit ethnographischen Objekten auf der Berliner Museumsinsel könne, wenn nicht den Kolonialismus verherrlichen, so doch jedenfalls postkoloniale Machtverhältnisse stabilisieren. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die, meist von einer konservativen europäischen Kunst- und Ideengeschichte informiert, den Entdeckergeist und Enthusiasmus Humboldts für das Fremde, aber auch die wissenschaftliche Neugier des 19. Jahrhunderts in einem Weltmuseum wieder auferstehen lassen möchten. Bei näherer Betrachtung ist die Sozial- und Kulturanthropologie zu bestimmten Anteilen von beiden diesen Denkrichtungen geprägt, und entwickelt dabei eine für beide Seiten der Debatte schwer zu ertragende Sowohl-als-auch-Rhetorik.

Eine Seite dieses Meinungsspektrums wurde auf dem Podium von dem kamerunischen Germanisten Albert Gouaffo vertreten. Dieser kritisierte gleich in seinem Eingangsstatement, dass es dem deutschen Staat nicht freigestellt werden dürfe, mit ethnographischen Objekten, die unter den Machtverhältnissen des Kolonialismus nach Deutschland gekommen seien, ganz ungeniert nationale Identitätskonstruktion zu betreiben. Die Eigentumsfrage der Objekte und ihre Provenienz müssten klar herausgearbeitet werden, um zu zeigen, dass diese Exponate keine deutschen Objekte seien, mit denen Deutschland verfahren dürfe, wie es ihm beliebe. Stattdessen plädierte Gouaffo für das Humboldt Forum als einen Ort der Dekolonisation, in dem das koloniale Erbe Deutschland schonungslos aufgearbeitet werden müsse. Guaffo wurde aber an einer wichtigen Frage nicht konkret; nämlich, ob dieser Prozess der Dekolonisation im Humboldt-Forum (von berechtigten Rückführungen gestohlener Objekte einmal abgesehen) unter Einbeziehung oder unter Auslassung ethnographischer Objekte passieren soll. Mit anderen Worten: Kann man den Dekolonisierungsprozess, den Guaffo sich vorstellt, auch innerhalb des ethnographischen Museums betreiben, oder muss hierfür das Format Museum aufgegeben werden?

Die andere Seite des Spektrums wurde nicht auf dem Podium, sondern aus dem Publikum heraus abgebildet. Der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, selbst Mitglied der dreiköpfigen Gründungsintendanz des Humboldt-Forums, meldete sich aus dem Plenum zu Wort und hielt ein flammendes Plädoyer für das progressive Erbe Humboldts. Ihm sei es unverständlich, wieso Kritiker*innen, gerade aus der Ethnologie, den weltbürgerlichen Entdeckergeist des 19. Jahrhunderts in Deutschland derart geringschätzen. Eine wohlverstandene Lesart Humboldts und seiner Zeitgenossen, gleichsam abzüglich des Evolutionismus und Rassismus enthalte einen kosmopolitischen Kern, der Ausgangspunkt eines globalen Weltbürgertums werden könne. Wenn das Humboldt-Forum dieses Erbe Humboldts in bestverstandener Weise verkörpere, sei das Ziel eines weltoffenen, toleranten, und auch antikolonialen Museums erreicht. Aber auch hier blieb einiges unkonkret. Denn wie genau sich ein Kosmopolitismus des 21. Jahrhunderts aus einer um Imperialismus, Rassismus und Evolutionismus subtrahierten Lesart des deutschen 19. Jahrhunderts in Kombination mit ethnographischen Objekten erarbeiten lässt, verriet Bredekamp nicht. Es drängt sich eher der Verdacht auf, dass ein solches von Bredekamp favorisiertes Humboldt-Forum genau auf das hinausliefe, was Gouaffo als nicht wünschenswertes Gegenbild entworfen hatte: ein Museum, in dem es mehr um deutsche Identitätskonstruktion als um Ethnographie kolonialer und postkolonialer Realitäten geht.

Wie sehr die Ethnologie zwischen diese beiden Fronten gerät, deutete sich bereits in den Kommentaren von Viola König an. Sichtlich ermüdet von der fast zwanzigjährigen Debatte warb sie dafür, die aufgezeigten Fronten nicht zu starr zu sehen, und „das Ding jetzt endlich mal zu eröffnen“. Sie kritisierte, dass das Humboldt-Forum vor allem auf die Ausstellung ethnographischer Objekte reduziert würde. Alle Akteure würden sich an der Ausstellungskonzeption abarbeiten, wo doch das Humboldt-Forum auch noch andere Formate bereithalte, in denen die Ausstellungskonzeption auch kritisch hinterfragt werden könnte. Königs Reaktion deutet schon an, dass die eigentliche Frage, nämlich die nach dem Status und der Prominenz der ethnographischen Objekte im Humboldt-Forum letztlich ungeklärt ist. Soll das Humboldt-Forum vor allem oder lediglich auch ethnographisches Museum sein?

In der Podiumsdiskussion erstaunlich randständig behandelt wurde das Problem, ob die Ausstellungsobjekte in einem Humboldt-Forum lediglich als Projektionsfläche von Identitätsdebatten fungieren (wahlweise zur Dekolonisation in postkolonialer Lesart oder zur Konstruktion eines von Deutschen erdachten Weltbürgertums) oder ob sie auch als ethnographische Objekte erscheinen dürfen. Michael Kraus (2015) hat jüngst die Tendenz beklagt, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit ethnographischen Objekten im Museum zu vernachlässigen. Das geschehe entweder, indem die Objekte – in nicht zuletzt eurozentrischer Geste – vornehmlich als „Kunst“ gelesen würden (eine Rhetorik, die eine Abwertung „bloßer“ kultureller ethnographischer Objekte aus dem globalen Süden in sich trägt) oder dass sie ohne intensive wissenschaftliche Auseinandersetzung lediglich als illustrative Beispiele kolonialen Unrechts Verwendung finden. In den gängigen Debatten wird es entweder implizit oder explizit abgelehnt oder bleibt unerwähnt, ob mit diesen Objekten (jedenfalls auch) Ethnographie betrieben werden kann – in dem Sinne, dass an ihnen (wie sonst anhand ethnographische Bücher oder ethnographischer Filme) menschliches Leben in seiner Diversität beschrieben werden kann. Kraus plädiert also dafür, dass es dem ethnographischen Museum weiterhin erlaubt werden müsse, Objekte über die kulturellen Kontexte erzählen zu lassen, aus denen sie stammen – und verteidigt also letztlich die Präsenz der Ethnologie im ethnologischen Museum. Damit liegt er einerseits erstaunlich quer zu den gängigen Museumsdebatten. Doch andererseits ist es genau dieses Festhalten am ethnographischen Anspruch des ethnologischen Museums, das Sache für das Fach so kompliziert macht.

Carola Lentz’ Beiträge machten diese Zwickmühle dann auch deutlich. Sie bestärkte einerseits Albert Gouaffos Forderung nach dem Humboldt-Forum als einem Ort der Dekolonisation und bescheinigte, dass aus ethnologisch-wissenschaftlicher Perspektive, die schließlich tief von postkolonialen Theoriedebatten geprägt sei, keine andere Grundausrichtung für ein ethnographisches Museum in Frage komme. Die Ethnolog*innen auf dem Podium nahmen immer wieder die Position einer antikolonialen (Selbst-)Kritik für sich in Anspruch und vertraten auch, dass die Sozial- und Kulturanthropologie genau diese Kritik auch von anderen einfordere – ein wichtiger Bestandteil dessen, was der Berliner Wissenshistoriker Wolfgang Schäffner auf dem Podium als die „Ethnologisierung der Humanwissenschaften“ bezeichnete. So hielt Lentz auch Bredekamp entgegen, eine unschuldige Neugier für das Fremde könne dem deutschen 19. Jahrhundert nicht einfach unter Auslassung des kolonialen, imperialistischen, evolutionistischen und rassistischen Mainstreams entnommen werden. Humboldts Weltgewandtheit sei von Humboldts Rassismus nicht umstandslos zu trennen.

Dennoch bleibt ja unbestreitbar, dass die Sozial- und Kulturanthropologie selbst in wichtiger Hinsicht ein Kind des europäischen 19. Jahrhunderts ist. Die Neugier für das andere ist in die Grundidee der Ethnologie und ihrer Forschungspraxis, der Ethnographie, eingeschrieben. Das Schreiben über andere ist immer eine Machtgeste, wie das Fach selbst hinlänglich reflektiert hat und versucht, durch systematische Selbstreflektion abzumildern. Trotzdem betreiben Ethnolog*innen weiterhin Ethnographie – ein Widerspruch, der sich nicht auflösen, sondern nur mehr oder weniger gut aushalten lässt.

Die Podiumsdiskussion hat gezeigt, dass die Ethnologie eigentlich dreierlei will: weltgewandte und tolerante Neugier für das Fremde mobilisieren (ähnlich wie Bredekamp), konsequente Dekolonisation betreiben (ähnlich wie Gouaffo) und zusätzlich, schon aus ihrem Selbstverständnis heraus, den wissenschaftlichen Status der ethnographischen Objekte als materielle Kultur nicht gänzlich preisgeben. Eine solche Position ist nur mit internen Widersprüchen zu haben, und sie ist, wegen ihrer notwendigen Inkohärenz, nicht leicht zu erklären. Daher plädierte Lentz auch für ein Humboldt-Forum, das „nicht aus einem Guss“ sein dürfe, in dem es möglich sein müsse, widersprüchliche Deutungen nebeneinander zu Wort kommen zu lassen. Ein solches Humboldt-Forum, wie es sich wohl die Mehrheit von Ethnolog*innen wünscht, ist sicherlich – von allen Modellen, die die Feuilletons bevölkern – dasjenige, das am schwierigsten umzusetzen ist. Es wäre ein Humboldt-Forum zwischen den Stühlen, und damit wohl auch das Humboldt-Forum, das den meisten Gewinn brächte.

Jonas Bens ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Affective Societies und dem Institut für Sozial- und Kulturanthropologie der Freien Universität Berlin. Nach dem Magisterabschluss in Ethnologie/Altamerikanistik und den Ersten Juristischen Staatsexamen wurde er 2015 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit einer Arbeit über indigene Rechte in den Amerikas promoviert. Zur Zeit arbeitet er in einem ethnographischen Forschungsprojekt über den Internationalen Strafgerichtshof in Norduganda und legt dabei den Fokus auf die Rolle von Affekt und Emotionen in politischen und rechtlichen Prozessen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in in der Politik- und Rechtsanthropologie, Indigenitätspolitiken, Transitional Justice, und Praktiken der demokratischen Partizipation.

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Literatur

Kraus, Michael (2015) „Abwehr und Verlangen? Anmerkungen zur Exotisierung ethnologischer Museen“, in Michael Kraus and Karoline Noack (Hrsg.), Quo Vadis, Völkerkundemuseum? Debatten zu ethnologischen Sammlungen in Museen und Universitäten. Bielefeld: Transcript: 227-256.