03/27/18

Humboldt Forum, Ethnologie und kulturelles Erbe

Kulturelles Erbe ist die Behauptung des mehr oder weniger exklusiven kollektiven Besitzes von identitätsstiftendem kulturellem Kapital (gleich ob materiell oder immateriell), dessen Ursprung in der Vergangenheit lokalisiert wird. Grundsätzlich gilt das für alle heutigen und vergangenen Gesellschaften der Welt, die sich aber voneinander in der Art und Weise unterscheiden, wie dieses Kapital akkumuliert und verwaltet, wie die Vergangenheit konstruiert und in welchem Ausmaß die Identitätsstiftung artikuliert bzw. reflektiert wird: sei es als Ausdruck einer lebendigen und sich kontinuierlich verändernden Überlieferung, sei es durch die Bewahrung von unveränderlichen materiellen Zeugnissen (einschließlich von Dokumenten von Handlungen oder Ereignissen in Schrift, Bild und Ton), sei es – wie in unserer Gesellschaft – durch ein niemals widerspruchsfreies Nebeneinander dieser beiden Strategien.

Die nationalstaatliche Idee der Bewahrung identitätsstiftender Sachgüter und Praktiken, ihr Schutz vor Gefährdung und Entfremdung, ihre Bedrohung durch Kriege, Vandalismus und sich verändernde Lebensumstände, datiert aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert, stand im Zusammenhang mit dem Aufstieg der Nationalstaaten und war begleitet von der Entstehung bzw. Neubelegung von Begriffen wie „Nation“ und „Kultur“. Museen traten neben Bibliotheken und Archive als bürokratisch organisierte Verwaltungsorte dessen, was für bewahrenswert gehalten wurde. Der im 19. Jahrhundert einsetzende Denkmalschutz weitete die Idee auf Immobilien aus. Es dauerte aber bis ins 20. Jahrhundert, bis sich der Begriff „Kulturerbe“ herausbildete.

Dass ein Erbe kein Selbstläufer ist, sondern seine aktive Inanspruchnahme voraussetzt, kann man schon in Goethes „Faust“ nachlesen: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“. Wie die Etymologie des Worts „Erbe“ nahelegt, handelt sich dabei um nach dem Tod des Besitzers „verwaistes Gut“, das erst in Anspruch genommen werden muss – oder auch nicht. Die selektive Annahme des Erbes beinhaltet einen Prozess der Wertzuschreibung, der dem des Sammelns entspricht. Im privaten Erbgang wird richtet sich die Wertzuschreibung nach dem Eigeninteresse des Erben, während beim kollektiven Erbe diese Entscheidung oft fern vom Kollektiv getroffen wird und dem Kollektiv erst mühsam und häufig erfolglos erklärt werden muss.

Das Humboldt Forum ist ein nettes Beispiel dafür, wie aus einem nicht mehr existierenden Bauwerk, dem Berliner Stadtschloss, ein identitätsstiftender Teil des kulturellen Erbes der Bunderepublik Deutschland mit all seinen inneren Widersprüchlichkeiten gemacht werden soll. Auch wenn die Mehrzahl der Bürger diese Vermehrung ihres kollektiven kulturellen Kapitals wohl noch nicht so recht verinnerlicht hat, lassen sich Bund, Land und privat Spender diese imaginäre „Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ reale 595 Millionen Euro (zum Preisindex II/2011) kosten.

Wenn man der FAQ-Rubrik der Webseite des Humboldt Forums trauen darf, so stehen im Vordergrund des Bürgerinteresses die angesichts anderer öffentlicher Megabauprojekte verständlichen Fragen nach Kosten und Bauzeit. Die Frage „Was ist das Humboldt Forum“ findet sich erst weit nach „Wie viele Schmuckelemente gibt es?“ oder „ Kann man weiterhin am Spreeufer spazieren gehen?“, aber immerhin noch knapp vor „Aus welchem Holz sind die Fenster?“ Die Antwort auf die Frage nach dem Inhalt ist entsprechend vage, weil darüber bis heute keine klare Linie zu erkennen ist. Die versprochene „Herangehensweise, die unterschiedliche Kulturen und Perspektiven zusammenführt und nach neuen Erkenntnissen zu aktuellen Themen wie Migration, Religion und Globalisierung sucht“, könnte man grundsätzlich auch als die eines gut geführten ethnologischen Museums betrachten, wäre da nicht die Tatsache des Mangels an ethnologischer Sachkompetenz auf den in dieser Hinsicht überforderten höheren Entscheidungsebenen des Humboldt Forums.

Das ist natürlich kein einzigartiges Phänomen. In Paris hatte nicht zuletzt staatliche Vernachlässigung dazu geführt, dass das alte Musée de l’Homme nicht mehr den Ansprüchen des postkolonialen 20. Jahrhunderts genügte. Auch hier schien es statt einer überfälligen Anpassung der bestehenden Institution an die veränderten Zeitumstände politisch attraktiver zu sein, mit dem Musée du quai Branly ein staatliches Repräsentationsprojekt in der Art des 19. Jahrhunderts zu verwirklichen, bei dem der Architektur von Jean Nouvel die primäre identitätsstiftende Funktion zukam, während die inhaltliche Ausrichtung explizit die eines Museums mit ethnographischen Gegenständen anstatt die eines ethnologischen Museums sein sollte. Ähnlich dem Humboldt Forum verrät der Name des Pariser Museums dem möglichen Besucher nicht, worum es dabei geht, so als müsste man sich für die Ethnologie schämen. Es mag ein tröstlicher Ausblick sein, dass das Musée de l’Homme nach der Gründung der teuren Konkurrenz am anderen Ufer der Seine in der Lage war, sich mit wesentlich geringeren Mitteln neu zu erfinden und sich unter ethnologischer Leitung jenen Fragen zuzuwenden, die im Musée du quai Branly unbeantwortet bleiben.

Dass die Ethnologie im 18. Jahrhundert ihre Ursprünge als eigene Disziplin im Umfeld der wachsenden Bedeutung der Nationalstaatlichkeit in Europa hatte, ist kein Zufall. Als Projekt der Aufklärung zur Erfassung und Erklärung der Welt in ihrer Vielfalt wurde ihr zwar der Zugang zu den entlegensten Winkeln der Erde durch den europäischen Kolonialismus erleichtert, zugleich besaß die neue Wissenschaft dank ihrer Insistenz auf der Relativität und Gleichwertigkeit von Kulturen gegenüber der „universalistischen“ (das heißt „eurozentrischen“) Behauptung der eigenen Überlegenheit von Anfang an ein subversives Potential, das auch immer wieder (wie etwa bei der Entstehung der modernen Kunst) zum Tragen kam.[1]

Wie schwer sich die Ethnologie insbesondere im deutschsprachigen Raum mit ihrem eigenen Erbe tut, zeigt die Tilgung des Worts „Völkerkunde“ nicht nur aus den Namen fast aller ethnologischer Museen und Universitätsinstitute im deutschsprachigen Raum, sondern zuletzt auch aus dem Namen der Fachgesellschaft „Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde“ (jetzt „Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie“),[2] so als könne man sich der eigenen Vergangenheit durch Namenswechsel entziehen – eine auch dem Humboldt Forum vorgeworfene „Geschichtsvergessenheit“. Zugleich hat der zunehmende Präsentismus in der Sozial- und Kulturanthropologie auch die Gräben zwischen den akademischen und musealen Fachvertretern vertieft, da sich letztere notgedrungen vor allem mit den historisch akkumulierten Sammlungsbeständen und ihrer Interpretation für heutige Museumsbesucher befassen müssen.

Es war die ethnographische Praxis, die durch das Sammeln und Bewahren von Sachgütern, der Verschriftlichung und Verbildlichung von Wissensbeständen und Ausdrucksformen kultureller Vielfalt jenes Reservoir schuf, aus dem sich heute die postkolonialen Nationalstaaten und die vielfach mit diesen im Konflikt lebenden indigenen Völker bedienen können, wenn es um die Behauptung ihres kulturellen Erbes geht. Mindestens ebenso oft, wie heute in Museen verwahrte Dokumente anderer Kulturen in der Kolonialzeit durch Raub oder ungleiche Machtverhältnisse erworben wurden, verdanken sie ihre Bewahrung den traditionellen Wissensträgern, die den Ethnologen jenes Wissen zur Archivierung weitergaben, für das in ihren eigenen Gesellschaften kein Interesse mehr bestand.

Mit dem Sammeln ging stets eine Entfremdung von Dingen aus den ursprünglich sinnstiftenden Lebenszusammenhängen einher. Sie dienen nicht mehr der gelebten Praxis, sondern wurden zur beispielhaften Repräsentation und zugleich zu Quellen historischer Phänomene. Dies stand im Gegensatz zu den Anschauungen der großen Mehrzahl der Herkunftsgesellschaften, denen es nicht um die historische Erklärung der Vergangenheit auf der Grundlage konservierter Dokumente ging, sondern um die Legitimierung der Gegenwart durch Verweis auf eine vielfach mythische Vergangenheit.[3]

Gleichzeitig signalisiert die mit der Bewahrung verbundene Wertzuschreibung (ökonomisch messbar am Aufwand für ihre Erhaltung) ihre Transformation in kulturelles Erbe der sammelnden Gesellschaften, in denen sie den Wert der kulturellen Vielfalt und den Respekt vor anderen Lebensentwürfen verkörpern – nicht der verachtenswerteste Teil der westlichen Kulturtradition.[4]

Für das Humboldt Forum, das ja kein Museum sein will, aber ohne die musealen Bestände nicht existieren könnte, ergeben sich aus den bisherigen Ausführungen zwei vordringliche Probleme. Das eine ist, dass die ins Auge gefasste Brücke zwischen der Vergangenheit und Gegenwart nicht allein über den Palast der Republik der sozialistischen DDR hinweg ins imperialistische Kaiserreich und seine kolonialen Aktivitäten führt, sondern dass die Vergangenheit in anderen Kulturen unterschiedlich konstruiert ist. Die Vergangenheit ist, in den Worten des britischen Schriftstellers L. P. Hartley, „ein fremdes Land“, das durch die kulturellen Unterschiede doppelt fremd wird. Sowohl im Hinblick auf die eigene Geschichte, also auch in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit anderer Gesellschaften und dem latenten Konflikt zwischen Tradition und westlicher Geschichtsschreibung erscheint es daher nötig, die Versöhnung von Vergangenheit und Gegenwart zu einem Schwerpunktziel einer Einrichtung wie des Humboldt Forums zu machen. Wie das ohne zentrale Einbindung der Ethnologie (oder Sozial-und Kulturanthropologie) und bei der im Forum gegebenen Dominanz einer universalistisch-eurozentrischen Kunstwissenschaft geschehen soll, muss erst einmal erklärt werden.

Das andere Problem besteht in der Tatsache, dass das Humboldt Forum (und das vermutlich mit ihm verbundene ethnologische Campusmuseum) Hunderttausende von Dingen ausstellt, bzw. bewahrt, die das (wenigstens potenzielle) kulturelle Erbe von Dutzenden von Nationalstaaten und Tausenden von Herkunftsgesellschaften sind, zugleich aber auch Bestandteil unseres eigenen kulturellen Erbes. Auch hier geht es um die Versöhnung widerstreitender Behauptungen, die letztlich nur durch konstruktive Gespräche zwischen allen Beteiligten unter der Voraussetzung des prinzipiellen Anspruchs aller Beteiligten auf Zugang zu ihrem kulturellen Erbe und durch kreative Lösungen versucht werden kann.[5] Es steht zu befürchten, dass die dafür erforderlichen Mittel und sachkundige Personalausstattung in den laufenden Kosten des Humboldt Forums nach seiner Eröffnung nicht eingepreist sind.

Christian Feest war Professor für Ethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Direktor des Museums für Völkerkunde (heute: Weltmuseum) Wien.

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[1] Freilich ist die Berufung der modernistischen Künstler auf nicht-westliche Gestaltungspraktiken auch ein Beispiel dafür, wie dieses subversive Potenzial in erster Linie zur Kritik an westlichen Traditionen eingesetzt wurde und wenig zu einem besseren Verständnis anderer Kulturen beitrug (siehe z.B. Christian Feest, „Identitäten und Irrtümer.“ In: J. Hofleitner, E. Madlener [Hg.], Kulturen—Verwandtschaft in Geist und Form (Wien 1991: Galerie nächst St. Stephan), 131–148, nachgedruckt in in: Wolfgang Lindig [Hg.], Indianische Realität. Nordamerikanische Indianer in der Gegenwart [München 1994: dtv], 15–34).

[2] Dass die “Sozialanthropologie” kaum weniger weit vom britischen und französischen als die “Völkerkunde” vom deutschen Kolonialismus angesiedelt war, lässt die Umbenennung in einem spezifisch deutschen Licht erscheinen.

[3] Zu unterschiedlichen Konstruktionen der Vergangenheit auf der Grundlage der Bewahrung von Dokumenten siehe z.B. Christian Feest, „On Some Uses of the Past in Native American Art and Art History.“ In: Marie Mauzé (Hg.), Past is Present (Lanham, MD 1997: University Press of the Americas), 65–79. 4 Zur Frage der Praktiken der Bewahrung von Objekten in den Herkunftsgesellschaften, zu historischen Veränderungen der kulturspezifischen Regeln im Umgang mit Dingen und zu der aus ihrer Transformation in Dokumente kultureller Alterität entspringenden Polykulturaliltät ethnographischer Sammlungsgegenstände siehe z.B. Christian Feest, „Ethnographic Objects: Polymaterial and Polycultural.” In: Stefania Pandozy (Hg.), Sharing Conservation II: Earth (Vaticano 2014: Musei Vaticani), 193–203.

[4] Zur Frage der Praktiken der Bewahrung von Objekten in den Herkunftsgesellschaften, zu historischen Veränderungen der kulturspezifischen Regeln im Umgang mit Dingen und zu der aus ihrer Transformation in Dokumente kultureller Alterität entspringenden Polykulturaliltät ethnographischer Sammlungsgegenstände siehe z.B. Christian Feest, „Ethnographic Objects: Polymaterial and Polycultural.” In: Stefania Pandozy (Hg.), Sharing Conservation II: Earth (Vaticano 2014: Musei Vaticani), 193–203.

[5] Jeder Fall ist ein Einzelfall. Beispielhaft sei aber auf das österreichisch-mexikanische Projekt zum altmexikanischen Federkopfschmuck (vulgo „Krone des Moctezuma“) verwiesen, das auf der Grundlage der Anerkennung eines gemeinsamen kulturellen Erbes durchgeführt wurde (Christian Feest und Lilia Rivero Weber, „Shared Heritage: The Ancient Mexican Feather Headdress in Vienna. In: G. Ulrich Großmann and Petra Krutisch (Hg.), The Challenge of the Object / Die Herausforderung des Objekts (CIHA 2012 – Congress Proceedings, 4 Bde., Nürnberg 2013: Germanisches Nationalmuseum), 4: 1397–1401).