04/17/18

“Dialogue” und “Collaboration“ mit “Source Communities”

Persönliche Reflexionen zum Schwerpunkt „gemeinsames Kulturerbe“

Ethnologische Museen und Sammlungen nehmen innerhalb der Museumslandschaft eine Sonderstellung ein. Diese ergibt sich u.a. daraus, dass viele der heutigen Nachfahren der Gemeinschaften, aus denen die Sammlungen ursprünglich stammen, eine Rückkopplung mit diesen Beständen suchen. Insofern weisen diese Institutionen eine neue, eigene Nutzergruppe auf, die „Source Communities“[i].

In meiner mehrjährigen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und Chancen dieser Entwicklung, die ich am Ethnologischen Museum in Berlin im Rahmen eines zweijährigen Volontariats und zwei dreijährigen Forschungsprojekten (2005-2012), aber auch in hierauf folgenden Forschungsprojekten seither sammeln konnte, beschäftigte ich mich zudem intensiv mit der Frage, inwiefern man diese Gemeinschaften stärker aktiv seitens der Museen als „Partner“ einbeziehen kann. Naheliegend ist dabei die Entwicklung des Grundgedankens eines „geteilten“ bzw. „gemeinsamen Kulturerbes” – schließlich sind die Sammlungen auch Produkte unserer verwobenen Interaktionsgeschichte(n). Diesen Gedanken beleuchtete ich auf der Grundlage mehrerer langfristiger, auf „collaboration“ ausgerichteter Projekte. Ziel war es, nicht nur die Geschichte einzelner Sammlungen aufzuarbeiten, sondern auch, deren Biografien fortzuschreiben. Die so gewonnenen Erfahrungen haben mir dabei die Notwendigkeit verdeutlicht, die eigene Rolle als „Dialogpartner“ in solchen Prozessen und die Frage „Was wollen wir eigentlich und zu welchem Zweck?“ verstärkt zu problematisieren.

Ausgangspunkt meines Interesses an der Thematik bildete meine Forschung zu dem im indigenen Nordamerika weit verbreiteten Tanzfest “Powwow” (1990−2003) und hier insbesondere die in diesem Zusammenhang beinahe flächendeckend negativ bewerteten Erfahrungen mit Ethnologinnen und Ethnologen und insgesamt eine sehr kritische Wahrnehmung der Ethnologie (Tenor: „eine Tradition des Raubs indigenen Wissens zur eigenen akademischen Profilierung“). Diese Erfahrungen führten zu meiner Hinwendung zur musealen Ethnologie, die für viele Indigene – wie auch zunehmend in der breiten Öffentlichkeit –, dieses belastete Image verkörpert (Stichpunkte „koloniale Raubkunst“ und „human remains“). Ich stellte mir dabei die Frage: Inwiefern müssen / sollen / können historische Sammlungsbestände überhaupt Ausgangspunkt der Neugestaltung einer positiv wahrgenommenen museumsethnologischen Zukunft sein? Diese beleuchtete ich in einer Reihe von Digitalisierungs-, Datenbank- und Ausstellungsprojekten auf der Grundlage verschiedener Sammlungen: einer „kulturell sensitiven“ Sammlung von Zeremonialliedern[ii] (2005−2009[iiii]), einer Regionalsammlung (2009−2012)[iv], einem Medizinbündel (2014−2015)[v] und, seit 2012, anhand von Archivbeständen, deren Dreh- und Angelpunkt die erstmalige Erschließung der stenografischen Feldnotizen des „Vaters“ der American Cultural Anthropology, Franz Boas, ist.[vi]

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1. Clarenda Begay, Vertreterin des Navajo Nation Museums, und Rainer Hatoum bei der Übergabe einer digitalisierten Sammlung von Zeremonialliedern der Navajo. Foto: unbekannt, 10.10.2008, Window Rock, Arizona.

Projektbedingt standen unterschiedliche Aspekte im Vordergrund: die Diskussion der zentralen Begriffe „collaboration“, „Dialog“ und „Kulturerbe der Menschheit“, die Problematik des Zusammenpralls unterschiedlicher Auffassungen hiervon sowie die Frage nach dem „adäquaten“ Dialog-Partner und die nach einer Balance im Umgang mit politisch divergierenden Ansichten innerhalb der „Source Communities“. In den Datenbankenprojekten tauchten neben den üblichen Herausforderungen in Bezug auf Kategorisierung, Verknüpfung und Festschreibung unvollständiger / fragwürdiger / unklarer Museumsdokumentationen auch die mit Blick auf die Zusammenarbeit mit „Source Communities“ zentrale Problematik unklarer bzw. nicht mehr zeitgemäßer ethnischer Bezeichnungen auf. Zudem stellte sich die Frage der Integration indigener Wissensformen sowie in Projekten, die auf eine Zusammenarbeit mit multiplen indigenen Partnern abzielten, die Problematik des häufigen Fehlens entsprechender institutioneller Strukturen. Hierzu zählten auch unterschiedliche indigene Ansprüche an bestimmte Objekten. In den jüngsten Projekten rückte wiederum die Notwendigkeit weiterführender Forschung in den Vordergrund (Stichpunkt: die Digitalisierung von Quellen allein reicht oft nicht, sie müssen – mitunter unter Aneignung neuer Schlüsselkompetenzen – erst erschlossen werden). Hieraus ergibt sich wiederum eine neue Forschungsdimension, aber auch die Problematik des Zusammentreffens unterschiedlicher Expertentraditionen.

Eine Kernfrage hat sich in meinen auf „collaboration“ ausgerichteten Projekten immer wieder gestellt: „Wer will hier eigentlich was von wem und aus welchem Grund?“. Wenn Vertreter von „Source Communities“ von „außen“ an Museen herantreten, etwa um „ihre“ Sammlungsbestände einzusehen oder zu erfassen, springt diese Frage zunächst nicht weiter ins Auge – schließlich entspricht ein solches Ansinnen dem verbreiteten musealen Selbstverständnis als „Service-Institution“. Diese Frage kann allerdings durchaus kritisch werden, wenn eine „collaboration“ – wie in der Mehrzahl der von mir verfolgten Projekte – von Museen aktiv initiiert werden. Während einerseits die Frage des Verhältnisses „rezeptiver“ bzw. „aktiver“ Formen von „collaborations“ – und hier spreche ich lediglich davon, von wem eine „collaboration“ initiiert wird – durchaus als Gradmesser der Eigeninitiative im Bemühen um eine museale Neuorientierung gewertet wird, liegt hier andererseits auch eine Herausforderung darin, nicht strukturbedingt alte, oft als „kolonial“ bzw. „westlich“ empfundene Muster zu reproduzieren. Für mich war in diesem Zusammenhang ein Projekt mit der Navajo Nation[vii] besonders lehrreich. Als Repräsentant eines nach akademischen Standards erfolgreichen drittmittelfinanzierten Projekts, das mit Blick auf eine zukünftige gemeinsame Verwaltung einer Sammlung von Zeremonialliedern auf „Konsultationen“ abzielte, traf ich in diesem Zusammenhang auf offizielle Vertreter der Navajo Nation, die für Fremdprojekte zuständige waren. Diese stellten klar, dass sie mein Gesuch um „Konsultationen“ als eine Bitte um „collaboration“ auffassten. Diesbezüglich setzten sie als Maßnahme zur „Dekolonisierung“ von Fremdprojekten ein aktives Mitwirken an der Entwicklung und Formulierung der Zielsetzung voraus und zwar – allen voran − unter Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen. Die Folge war, dass weit über die Hälfte meines dreijährigen inzwischen als „Forschungsprojekt“ eingestuften Unterfangens der Aushandlung und der Bewilligung eines gemeinsam erarbeiten Konzepts durch die Navajo Nation gewidmet war. Daher stellte der Aushandlungs- und Bewilligungsprozess in vielerlei Hinsicht das Hauptprodukt der Projektarbeit dar. Persönlich erwies sich dabei ein Punkt als besonders kritisch: die zentrale Frage des Besitzes an allen Wissens- und Darstellungsformen, die die Navajo Nation berühren. Problematisch war dabei, dass die Navajo Nation hierauf Anspruch erhob, ein Anspruch, der sich auch auf meine im Projekt erstellten Felddaten und Dokumente sowie auf die Frage der Kontrolle meiner zukünftigen Vortrags- und Publikationstätigkeit auf dieser Grundlage erstreckte.

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2. Chief William Wasden Jr. (Kwakwaka’wakw) zu Beginn der Arbeiten des U’mista Database Project am Ethnologischen Museum in Berlin, das am Anfang einer Reihe von Kollaborationen stand, die bis in die Gegenwart reichen. Foto: Sharon Granger, 2007.

Ein weiterer Punkt, der in diesem Zusammenhang aus offenkundigen Gründen nicht minder wichtig ist, ist die Frage, ob „collaborations“ „zeitlich befristet/ ergebnisorientiert“ (z.B. Erarbeitung einer Ausstellung) oder „zeitlich unbefristet/ ergebnisoffen“ (z.B. ein digitales Forschungsnetzwerk oder die partnerschaftliche Verwaltung einer Sammlung) sind. Letzterer Aspekt, der mir mit Blick auf eine grundlegende Neugestaltung einer musealen Zukunft besonders wichtig erscheint, ist insgesamt noch deutlich ausbaufähig. Allerdings sind hier auch die Herausforderungen besonders hoch: Neben der gemeinhin vorherrschenden Knappheit personeller, finanzieller und zeitlicher Ressourcen, die dazu führt, dass entsprechende Initiativen über drittmittelfinanzierte Forschungsprojekte verfolgt werden müssen (was eine Vielzahl eigener Probleme bedingt), ist hier auch eine klare institutionelle Positionierung hilfreich.

Am Ende möchte ich folgendes festhalten: So begrüßenswert wie unvermeidbar die kritische Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte und der offensive Umgang mit den eigenen „Leichen im Keller“ auch ist, kann dies nicht die einzige Zukunftsperspektive bleiben. Diese Einsicht ließ mich mein Interesse – wie auch das mancher meiner Kollegen – an der Entwicklung eines über „Dialog“ und „collaboration“ geformten Kerngedankens eines gemeinsam getragenen Kulturerbes mit „Source Communities“ weiterverfolgen. In meinem bisherigen Erfahrungsspektrum stellte sich mir dabei aber auch wiederholt die Frage, inwieweit das Ziel eines Zustandekommens solcher Interaktionsräume das Maß aller Dinge sein kann bzw. wo dessen Grenzen sind? Was tun, beispielsweise, wenn – wie in einem konkreten Fall eines „Medizinbündels“[viii] − ein Gesuch nicht auf Gegenliebe stößt? Sollte man dann ein Ausstellungs- und Publikationsprojekt dennoch durchführen oder nicht? Was tun, wenn der Dialogpartner nur seine Position im Prozess gelten lassen will oder ein Dialog in einem Patt, dem Ausgangszustand, endet? Auch wenn solche Fragen natürlich immer nur fallabhängig und situativ zu beantworten sind, zeigen sie doch, dass es nicht genügt, für „collaboration“ und „Dialog“ offen zu sein bzw. diese zu suchen. Es zeigte sich, so mein Eindruck, dass sich zwar der Wille zum Dialog von musealer Seite zunehmender Beliebtheit erfreut, im konkreten Umgang mit potentiell heiklen Themen – offenkundig aus Furcht vor „bad publicity“ – jedoch mitunter große Unsicherheiten bestehen, die tendenziell dazu führen, eben solche Themen auszusparen. Dabei sind diese Beispiele in Bezug auf das Zusammentreffen unterschiedlicher Sichtweisen besonders aufschlussreich. Es scheint mir deshalb notwendig, dass sich Museen – mehr noch als bisher – zur allgemeinen Orientierung um eine deutlichere Eigenpositionierung, um ein klares „mission statement“ in dieser Frage bemühen sollten. Hiermit verbinde ich die Hoffnung, dass sich aus dem damit zusammenhängenden Reflexionsprozess auch eine stärkere aktive museale Verpflichtung aus dem bereits verbreiteten allgemeinen Bekenntnis zu „collaborations“ mit „Source Communities“ ergibt. Da Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bereits langjährig etablierter Museen aufgrund allgemeiner Ressourcenknappheit und zeitlichen wie infrastrukturellen Beschränkungen oft nur mit erheblichen Mühen besagtes Bekenntnis in die Tat umsetzen können, bleibt zu hoffen, dass sich diese Einsicht insbesondere auch in sich gegenwärtig dynamisch entfaltenden musealen Projekten – allen voran im Humboldt Forum – personell wie finanziell niederschlagen wird. Wünschenswert wäre, dass so die Frage der „collaboration“ mit „Source Communities“ in Zukunft besser koordiniert und im Sinne einer bewussten musealen Politik verfolgt werden kann.

Rainer Hatoum studierte Ethnologie und Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin und promovierte 2002 in Frankfurt a.M. Zwischen 2005 und 2012 arbeitete er am Ethnologischen Museum in Berlin u.a. im Rahmen von zwei dreijährigen Forschungs- und Digitalisierungsprojekten, die die Potentiale einer langfristigen Partnerschaft mit verschiedenen indianischen Gemeinschaften in Nordamerika beleuchteten. Diese Projekte wurden in Kooperation mit verschiedenen Instituten der Freien Universität durchgeführt. Nach der erstmaligen Dechiffrierung der Kurzschrift von Franz Boas (2012/13) durch Hatoum verfolgte er den Gedanken der Zusammenarbeit mit „Source Communities“ auch in einer Reihe weiterer Projekte.

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[i] Auch wenn der Begriff „Source Communities“ in vielerlei Hinsicht problematisch ist, da er die tatsächliche Komplexität der Thematik nur ungenügend ausdrückt, wird an ihm hier festgehalten, da er in der Diskussion der Kernthematik fest verankert ist.

[ii] Die „kulturelle Sensibilität“ der Sammlung ergab sich einerseits aufgrund ihrer Konzeption als ein aus übernatürlicher (d.h. aus nicht-menschlicher) Quelle stammendes, potentiell „gefährliches“ Gut, andererseits aber auch aus neu entstandenen kollektiven Ansprüchen der „Source Community“, in diesem Fall der Navajo Nation (so die offizielle Eigenbezeichnung). Beide Aspekte stellten und stellen den Anspruch seitens des diese Sammlung verwahrenden Archivs in Frage, besagte Sammlung als einen deutschen Beitrag zur Wahrung des kulturellen Erbes der Menschheit weiterhin anzuerkennen.

[iii] z.B. Hatoum, Rainer 2010 Musealizing Dialogue. In Guzy, Lidia, Rainer Hatoum, Susan Kamel (Hg.). From Imperial Museum to Communication Centre? – On the New Role of Museums as Mediators between Science and Non-Western Societies. Würzburg, 121-136.
2015 Zeremoniallieder im Mediensog – Zur Problematik des ethnologischen Einsatzes und der Entfaltung von Medien anhand eines „kollaborativen“ Forschungsprojekts mit der Navajo Nation. In Bender, Cora und Martin Zillinger (eds.). (2015). Handbuch der Medienethnographie. Berlin 223-240.

[iv] z.B. Hatoum, Rainer 2011 Digitization and Partnership – The Berlin Northwest Coast Collection and the Future of the “Non-European Other” in the Humboldt-Forum. In Blätter, Andrea und Sabine Lang (Hg.). EthnoScripts – Contemporary Native American Studies, Jahrgang 13/ Heft 2/ 2011. Hamburg, 155-173.
2014 – Self-Explanatory Objects? – The Berlin Boas Northwest Coast Collection in the Context of the Humboldt-Forum. In Förster, Larissa (Hg.). Transforming Knowledge Orders – Museums, Collections and Exhibitions. Paderborn, 107-134.

[v] Hatoum, Rainer 2014 Das Medizinbündel des Benet Toehe – Eine Sammlung von Zeremonialobjekten der Navajo auf dem Prüfstand. Lübecker Beiträge zur Ethnologie, Band 7.

[vi] z.B. Hatoum, Rainer 2016 “I wrote all my notes in shorthand. I hope that I will be able to read them”: A first glance into the treasure chest of Franz Boas’ shorthand writings. In Local Knowledge, Global Stage – Histories of Anthropology Annual, Vol. 10. University of Nebraska Press, 221-272. Glass, Aaron, Judith Berman und Rainer Hatoum 2017 Reassembling „The Social Organization“. In: Museum Worlds – Advances in Research, Vol. 5 (2017): 108-132.

[vii] Das ist die offizielle Eigenbezeichnung der Navajo Gemeinschaft und der Oberbegriff der sie vertretenden politisch/bürokratischen Instanzen.

[viii] „Medizinbündel“ sind Behältnisse (Beutel, Säcke oder mittlerweile auch Koffer), in denen Ritualspezialisten – in diesem Fall der Navajo – die Gegenstände aufbewahren, die sie für die Durchführung ihrer Heilrituale benötigen. In diesem Fall gelten sie nicht als „Gegenstände“ sondern als „lebendige“, in den Händen Unkundiger potentiell gefährliche Einheiten.