14/09/20

Über diesen Blog

DECOLONIZING COLLECTIONS – NETWORKING TOWARDS RELATIONALITY

 

Decolonizing – Dieser Blog möchte einen Beitrag zur Dezentrierung der Debatte über koloniale und ethnographische Sammlungen, Archive und Museen leisten. Unser Ziel ist es, koloniales Wissen und vorherrschende epistemische Praktiken kritisch zu reflektieren, auch in unserer eigenen Praxis zu überwinden und damit zugleich die hierarchischen Trennungen zwischen Zentrum und Peripherie zu destabilisieren. Der Blog bietet eine Plattform für diverse Stimmen und spricht explizit auch neue Öffentlichkeiten jenseits des akademischen Diskurses an. Wir laden indigene Interessenvertreter*innen, lokale Expert*innen, postkoloniale Aktivist*innen, Künstler*innen, Museumspraktiker*innen und Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen und Regionen ein, an diesem Vorhaben mitzuwirken.

Collections – In den letzten Jahren haben koloniale Sammlungen und die umstrittene Vergangenheit des ethnographischen Museums in folgenreichen Debatten über Europas koloniales Erbe an Bedeutung gewonnen. Die Spuren kolonialer Gewalt, die lange Zeit zum Schweigen gebracht oder ignoriert wurde, kommen in der heutigen post-migrantischen Gesellschaft und globalisierten Welt an die Oberfläche. Diese Verschiebungen in der Erinnerungspolitik bringen das strukturelle und epistemische Gefüge des Museums ins Wanken. Museen stehen als Institutionen, in denen Kultur kanonisiert wird, in denen Fragen von Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit verhandelt werden und in denen sich nationale Identität durch den Ausschluss von „Anderen“ herausgebildet hat, auf dem Prüfstand. Kurator*innen sehen sich gezwungen, frühere Repräsentationslogiken radikal zu überdenken und ihr Arbeitspraxis zu verändern — vom Bewahren, Schützen und kennerschaftlichem Einschätzen von Objekten lässt sich ein Wechsel zu kooperativem Aktivieren und Bereitstellen der Objekte beobachten. Dabei treten neuen Akteursgruppen in Erscheinung, die eine andere Politik der Erinnerung, der Rückgabe von Objekten und ein gleichberechtigtes Mitwirken an der Repräsentationspolitik und der Verwaltung der Sammlungen einfordern. Diese tektonischen Verschiebungen und ihre Folgen verweisen auf das Potenzial von Artefakten, historische und aktuelle Themen sichtbar zu machen und gemeinsame Erinnerungsräume zu schaffen. Jenseits etablierter Klassifizierungsarbeiten im Museum sind Artefakte stets in Relationen mit anderen Objekten und Personen zu denken. Sie können zu wichtige Aktanten bei Versuchen der Versöhnung und des „Reparierens“ von Beziehungen werden und generieren neue Bedeutungen und Sinnzuschreibungen, etwa wenn sie durch Restitution in ihre Herkunftskontexte gebracht oder mit neuen, diasporischen und kosmopolitischen Netzwerken verknüpft werden.

Networking – In Zeiten des erneut aufkeimenden Nationalismus und zunehmend fragmentierender Globalisierung ist es entscheidend, unsere wechselseitige globale Verstrickung und Abhängigkeit anzuerkennen. Der Blog zielt darauf ab, eurozentrischen und nationalistischen Perspektiven und dem Wiedererstarken neokolonialer Muster entgegenzuwirken, den interkontinentalen Wissenstransfer zu fördern und unterschiedlichen epistemischen Praktiken Raum zu geben. Wir begrüßen Berichte über kollaborative Forschung und kollaborative kuratorische Praxis — an und zwischen verschiedenen Orten — sowie über die Entwicklung neuer Allianzen und Netzwerke. Wie können wir uns die Veränderung oder sogar Auflösung bestehender Machtverhältnisse vorstellen, die kooperativen Projekten im Wege stehen? Wie müssen sich die Strukturen und Infrastrukturen von Museen verändern, um eine symmetrische Zusammenarbeit möglich zu machen?

towards – Jetzt, wo die Narrative des linearen Fortschritts zunehmend in Frage gestellt werden, wird es möglich, (prä-)koloniale Vergangenheit und postkoloniale Gegenwart aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und andere Modelle der Zeit und der Weltgestaltung zu würdigen. Wir wollen diesen historischen Moment der Ungewissheit und des Übergangs nutzen und dazu einladen, über verschiedene Zukünfte nachzudenken, in denen Objekte, Orte und Menschen über den Rahmen des konventionellen Museumsraums hinaus (wieder) verbunden werden. Wir begrüßen nicht nur klassische akademische Formate für unseren Blog, sondern alle Arten von heterogenen und experimentellen Dialog- und Ausdrucksformen.

Relationality – Als Felwine Sarr und Bénédicte Savoy 2018 ihren Bericht über die Restitution afrikanischer Kulturgüter veröffentlichten, forderten sie die dauerhafte Rückgabe afrikanischer Objekte aus französischen Sammlungen und visionierten damit zugleich eine Umkehrung der bestehenden Machtverhältnisse innerhalb der Museumswelt. Ausgehend von dieser Vorstellung einer „neuen relationalen Ethik“ begrüßen wir Beiträge, die nicht nur über die Hindernisse, Ambivalenzen und Chancen der Rückgabe nachdenken, sondern auch weitere Implikationen für Museen, Community Work und die Geisteswissenschaften im Allgemeinen untersuchen. Was bedeutet es, mit Routinen zu brechen, sich von der individuellen Autorschaft und kuratorischen Autorität zu lösen und eine kollaborative Dynamik zuzulassen? Welche Auswirkungen hat es, wenn wir uns voll und ganz auf neue Formen der Zusammenarbeit und Diversität innerhalb der oft hierarchischen Struktur von Museumsinstitutionen einlassen? Wie können wir die Systeme wissenschaftlicher Anerkennung ver- oder umkehren, indem wir verschiedene Arten der Wissensgenerierung anerkennen?

The Backstory:

Going beyond Humboldt! – Dieser Blog startete 2017 unter dem Namen „Wie weiter mit Humboldts Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken“ als Reaktion auf die hitzige Debatte um den Bau des „Humboldt-Forums“ in der Mitte Berlins. Die anachronistische Geste, die dem Wiederaufbau-Projekt des preußischen Schlosses zu Grunde liegt, das zugleich die kaiserliche ethnographische Sammlung in der Hauptstadt Deutschlands zeigen soll, wurde vor allem von den Diasporagemeinschaften als reaktionärer Versuch gesehen, die triumphalistische Idee eines Universalmuseums wiederzubeleben. Das architektonische und konzeptionelle Projekt erschien unangemessen, um auf die Bedürfnisse einer post-migrantischen und post-kolonialen Gesellschaft zu reagieren, so dass dieser Blog eine Plattform für eine breitere Diskussion über das Humboldt-Forum und über die Zukunft ethnographischer Sammlungen im deutschsprachigen Raum anbieten sollte. Die Veröffentlichungen des Blogs haben in Deutschland und international eine wichtige Debatte gespiegelt und befördert, aber mit fortschreitender Diskussion wurde deutlich, dass das Gespräch erweitert werden muß, um einen breiteren kooperativen Austausch zwischen dem globalen Norden und dem globalen Süden zu ermöglichen. Als Auftakt für eine Neuorientierung fand 2019 die Konferenz „Museum Collections in Motion“ in Köln statt. Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen und Museumsexpert*innen aus der ganzen Welt kamen zusammen, insbesondere aus jenen Gemeinschaften, die Teile ihres sozialen, politischen, kulturellen und ästhetischen Erbes durch die koloniale Herrschaft verloren haben. Wir haben von unseren Kolleg*innen und Mitarbeiter*innen, die großzügig ihre Perspektiven, ihr Wissen und ihre Visionen in diesem Blog geteilt haben, viel gelernt und signalisieren mit der Umbenennung des Blogs in DCNtR unsere Neuausrichtung.

 

Die Redaktion freut sich über Kommentare, Fragen und Beitragsvorschläge an dcntr@boasblogs.org

 

Redaktion:

Anna Brus

Anna Brus is lecturer and research fellow at the art history department, University of Cologne. Her research focuses on the history of science in art history and anthropology, anthropological collections and exhibition practices, and the discourse on global art. From 2012 to 2016 she was a DFG fellow at the Locating Media Research Training Group of the University of Siegen with the project “Colonial Art in Symmetrical Perspective: Julius Lips and the Inversion of the Gaze”. She is currently guest curator at the Johann-Jacobs Museum in Zürich (exhibition title “Among Whites” 2020/21) and co-curated “Spectral-White. The Appearance of Colonial Europeans“ at the HKW (Haus der Kulturen, 2019/20) in Berlin and „The Savage Hits Back. Colonial-Era Depictions of Europeans in the Lips Collection“ at the Rautenstrauch-Joest-Museum – Cultures of the World in Cologne (2018).

 

Carl Deussen

Carl Deußen studierte Liberal Arts am University College Freiburg und Museum Studies an der Universität Amsterdam. Zur Zeit arbeitet er an seinem Dissertationsprojekt an der Universität Amsterdam und am Rautenstrauch-Joest-Museum. Seine Forschung beschäftigt sich mit der Rolle von Affekten in der kolonialen Ethnologie und den Dekolonialisierungsprozessen im ethnografischen Museum der Gegenwart.

 

Michi Knecht

Michi Knecht holds a position as professor for Social Anthropology at Bremen University and is co-speaker of the interdisciplinary research platform “Worlds of Contradiction”. Her research focuses on interconnections between knowledge practices and social forms. At the intersections of Anthropology and STS, she has investigated reproductive technologies, political and religious movements, poverty, anonymity and new forms of kinship. Currently, she is trying to rethink problems of unrequited reciprocity in the context of object circulation under colonial rule and with post/colonial consequences, the history of object-extractivism, and post/colonial naturecultures.

 

Larissa Förster

Larissa Förster, Dr., ist Leiterin des 2019 am Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geschaffenen Fachbereichs „Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ und assoziiertes Mitglied des Centre for Anthropological Research on Museums and Heritage an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie ist promovierte Kultur- und Sozialanthropologin mit dem regionalen Schwerpunkt südliches Afrika und befasst sich mit Fragen der postkolonialen Provenienz und Rückgabe von Museumsobjekten und menschlichen Überresten. Sie ist Mitherausgeberin von „Museumsethnologie – Eine Einführung. Theorien – Praktiken – Debatten“ (2019) und „Provenienzforschung zu ethnografischen Sammlungen der Kolonialzeit. Positionen in der aktuellen Debatte“ (2018).

 

Gabriel Schimmeroth

Gabriel Schimmeroth arbeitet als Kurator und Projektkoordinator am Museum am Rothenbaum – Kulturen und Künste der Welt (MARKK) in Hamburg. Im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Programms MARKK in Motion verantwortet er den experimentellen Ausstellungs- und Diskursort „Zwischenraum – A Space Between“.

 

Bernard Mueller

His research in anthropology and performance studies focuses on the processes of staging, whether it is a question of scenic devices (theatre, rituals, plastic arts, etc.), museum scenography or any situation that explicitly concerns a performance. He is particularly interested in research devices inspired by the ethnographic field, as they are developing today in but above all outside scientific institutions, especially in the arts. In association with the Institut für Ethnologie and the Rautenstrauch-Joest Museum in Cologne (Germany), he leads the teaching and research programme „Museum on the couch: creative and reflexive explorations of the ethnographic collections“ since 2015. He is an associate member of the l’Institut de Recherche Interdisciplinaire sur les enjeux sociaux (IRIS, EHESS, Paris) and coordinates the activities of CURIO (www.curioweb.org), a space for research in anthropology through art, and chairs the Ouvroir d’Anthropologie Potentielle. Since 2020, he has been teaching anthropology at the Ecole Supérieure d’Art d’Avignon (ESAA).

 

Ehler Voss

Ehler Voss is an anthropologist working on the interferences of medicine, media and religion. He is currently visiting professor at the Department of Anthropology and Cultural Research at the University of Bremen.

 

Martin Zillinger

Martin Zillinger is Professor of Anthropology at the Department for Social and Cultural Anthropology, University of Cologne. He is interested in the history of anthropology (Mauss-Werkstatt), the study of media and practice theory. Principal Investigator at the Collaborative Research Center 1187 “Media of Co-operation” and the CRC 228 “Future Rural Africa”, he is also board member of the Global South Studies Center, Cologne. Working on new media and trance mediums since 2003, he has, together with the film maker and curator Anja Dreschke, collaborated with Sufi-brotherhoods on their video archives and trance practices for the exhibition “Animism” at the Museum of Contemporary Art, Antwerp (2010), and the HKW, Berlin (2012).