VOM LESEN IM MUSEUM

HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Dynamische Räume 6. Juni - 30. August 2020

Es ist für Kulturinstitutionen in Mode, sich kraft antirassistischer Sonderausstellungen inmitten derzeitiger Frontverläufe postkolonialer Diskurse zu positionieren. Das Museum Ludwig lädt seinerseits mit Contemporary and (C&) ein Kunstmagazin ein, das zum Schaffen von Künstler*innen der globalen Diaspora publiziert. Dass ein Leseraum mit allerlei Titeln zur kolonialen Geschichte und Gegenwart Mittelpunkt der Ausstellung ist, scheint bei einem Gastbeitrag eines Magazins wenig verwunderlich. Die Intervention lädt aber zu Spekulationen über zeitgenössische Praktiken der Kuration ein, die über Displayformate, die auf visuelle Repräsentation setzen, hinausgehen.

 

Die sechste Ausstellung der Reihe HIER UND JETZT des Museum Ludwig, Dynamische Räume, sucht die (Nach-)Wirkungen kolonialistischer Machtverhältnisse bis in die Gegenwart zu aspektuieren. Kuratiert wurde die Intervention von Romina Dümler und diesmal ist das von Julia Grosse und Yvette Mutumba 2013 gegründete Kunstmagazin Contemporary And (C&) zu Gast. Vorher waren es u. a. das Künstler*innenkollektiv Reena Spaulings oder zeitgenössische Videokünstler*innen wie Neïl Beloufa. C& diskutiert in diversen Online-Beiträgen das Wirken von Künstler*innen der afrikanischen Diaspora und gibt zudem analog erscheinende Ausgaben sowie Buchpublikationen wie z. B. eine Anthologie zum südafrikanischen Künstler Helen Sebidi heraus.

Installationsansicht, C& Center of Unfinished Business,HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Dynamische Räume, Museum Ludwig, Köln 2020 © Contemporary And, Foto: Rheinisches Bildarchiv

Dass mit Grosse und Mutumba[1] nicht zwei Künstler*innen, sondern Kulturproduzent*innen und -kritiker*innen das Thema der Ausstellung stellen, ist offenkundig: Bereits der auf die Ausstellung hinweisende Wandtext vor dem Eingang erklärt das Projekt C& Center of Unfinished Business, eine partizipative und eigens für die Präsentation im Museum Ludwig kuratierte Bibliotheksarchitektur, zum „Mittelpunkt“ der Zusammenarbeit mit dem Museum Ludwig. Nachdem Besucher*innen durch zwei Räume mit Arbeiten afro-diasporischer und afrikanischer Künstler*innen, u. a. von Frida Orupabo und Nkiruka Oparah, geführt wurden, betreten sie ebendiesen Leseraum: Dutzende Bücher sind in wohnlich wirkenden Regalen aufgestellt, einige mit ihrem Frontcover, andere seitlich gerückt mit ihrem Einband vorne, eine Reihe an längsgerichteten Tischen lädt Besucher*innen auf Bänken zum Verweilen ein. Obgleich Teile der Publikationen auch der in Köln ansässigen Kunst- und Museumsbibliothek entliehen sind, inszeniert sich das C& Center of Unfinished Business anders als die stillen, zur Kontemplation mahnenden Leseräume der Kölner Bibliothek am Museum für Angewandte Kunst: Besucher*innen werden dazu aufgefordert, die Reihungen der Titel umzustellen, selbstgekritzelte Zettel hinein zu legen, nach den von Grosse und Mutumba teils selbst dazugelegten Zetteln zu suchen oder gar – vermutlich nicht ganz lautstark, aber doch ungehemmter als in einer Bibliothek und sonst in Museumsräumen – mit anderen Leser*innen die Konversation zu suchen. Der Leseraum stellt sich als ein Raum der dynamischen Wissensproduktion und -dissemination vor, der Besucher*innen mittels des händischen Durchblätterns der Seiten, des freien Umstellens der jeweiligen Titel, des physischen, des mit anderen Besucher*innen gemeinsamen Lesens, des Fühlens des Druckpapiers sowie des Letternsatzes, ja, des Geruchs einer 1981 publizierten Erstauflage James Baldwins Roman Zum Greifen nah eine gewisse Partizipation erlaubt. Eine Partizipation, die durch Interaktionen der Besucher*innen untereinander, aber im Besonderen mit den präsentierten Büchern konstituiert wird: Wenn eine*r Besucher*in ein fertig durchgeblättertes Buch an einen anderen Platz stellt, ist dies kein Durcheinanderbringen einer feststehenden Katalogisierung, sondern ein sich neu darbietender Diskurs zweier im Verbund anders lesbarer Titel. Die den Besucher*innen erlaubten Interaktions- und Teilhabemöglichkeiten zeigen sich in einem regen Treiben um die Buchregale herum: Bei meinem zweiten Ausstellungsbesuch finde ich tatsächlich eine veränderte Reihung vor.

Installationsansicht, C& Center of Unfinished Business,
HIER UND JETZT im Museum Lud-wig.
Dynamische Räume, Museum Ludwig, Köln 2020
© Contemporary And
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Nina Siefke

Die Auswahl ebendieser Buchpublikationen erschließt sich dem ersten Blick auf die nicht zuletzt wegen der farbigen Einband- und Covergestaltungen divers erscheinenden Auswahl kaum: Wir sehen u. a. die Reiseerinnerungen Escape to Berlin von Adrian Piper, Virgil Ablohs Figures of Speech, den bei Fischer publizierten Band Über alle Grenzen verliebt, der von Frauen in Beziehungen mit nicht-deutschen Männern erzählt, am Ende des Tisches liegt zur Zeit meines Besuchs die illustrierte, von Quention Fiore publizierte, Ausgabe McLuhans The Medium is the Massage. Was weniger überrascht, ist mein Auffinden von im Merve-Verlag, dem Urheber des deutschen Wortes „Diskurs“,[2] publizierter Titel sowie Sekundärliteratur zur Aneignung der Expressionist*innen von Kunst der von diesen so klassierten „primitiven“ Anderen. Zwei Auswahlen, bei denen wohl angenommen werden darf, dass sie bei Kenner*innen von Frontverläufen postkolonialer Diskussionen allzu bekannt seien, da es zur wiederholten Strategie von Kulturinstitutionen wurde, auf die kolonialen Verflechtungen hauseigener Sammlungen, im Fall des Museum Ludwig auf das umfangreiche Konvolut expressionistischer Kunst, hinzuweisen.[3] Doch soll auch kein zweiter Blick eine Klärung bieten; es bleibt ja zugleich ungeklärt, wer die Titel zusammenstellte und warum die Titel zusammengestellt wurden. Der Leseraum bleibt ebendas: ein Center of Unfinished Business.

Es bedarf wohl keiner Klärung des unabgeschlossenen Status dieses Business wie des Momentums der Ausstellung: Beiträge zum Rassismus jeglicher Ausprägung, zu ebenjenen kolonialen Spuren, die Grosse und Mutumba von C& mit der Auswahl der Bände aufzuzeigen suchen, sammeln sich in den sozialen Medien. Online-Redakteur*innen referieren in ihren Instagram-Stories auf andere Profile, die „was zu Rassismus zu erzählen haben“, Slogans auf Protestplakaten werden zu Bildunterschriften, Hashtags wie #Icantbreathe oder #blackouttuesday erlauben User*innen zwischen den millionenfach unter diesen Verlinkungen gesammelten Posts hin und her zu scrollen. An digitalen Protestaktionen wie dem #blackouttusday wird kollektiv partizipiert, bis sich des zensierenden Effekts des von User*innen geposteten schwarzen Quadrats bewusst wird, Fotografien werden im Stundentakt in Erzählungen einzubinden versucht, so eine von Patrick Hutchinson, eines #blacklivesmatter Aktivisten, der dank eines Schnappschusses, auf dem er einen weißen, angeschlagenen Gegendemonstranten auf seinen Schultern trägt, zur Ikone der Zivilcourage erklärt wurde.

Installationsansicht, Nkiruka Oparah, SUOON (Detail), 2020,
HIER UND JETZT im Museum Ludwig. Dynamische Räume,
Museum Ludwig, Köln 2020 © Contempora-ry And,
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Nina Siefke

Das Center of Unfinished Business umgeht aber jegliche unterkomplexe Dichotomosierung digitaler und analoger Wissensökonomien. Der Leseraum ist keine analoge Heterotopie, keine „Gegenplatzierung“[4] zur digitalen Diskursproduktion. Da, und das ist der Triumph dieser Ausstellung, das C& Center of Unfinished Business eben nicht als „Geschichtsstunde“, als Lückenfüller des Visuellen (nicht zuletzt, da einige Bildbände wie z. B. derjenige Virgil Ablohs das Visuelle zu vertreten scheinen), sondern ebenso als Geflecht verschiedenartiger Spuren, sich gegenüberstehender Diskurse inszeniert wird. Wie die den Protesten entnommenen Bilder in den Massenmedien, bleibt auch das Sammelsurium an Publikationen ein Fragment; bleibt damit ein Aufruf nicht zum Vervollständigen, aber zum Anknüpfen, zum Umdrehen, zum Heraus- und Hinzunehmen. Was ausgestellt wird, ist keinesfalls ein Konvolut an geschlossenen Wissensbeständen, sondern die Arbeiten von Akteur*innen, die an der Aushandlung, Vermittlung und auch Verweigerung der von C& so klassierten „schwarzen Kritik“ teilhaben. Damit steht die Schau jenem educational turn Pate, der kuratorische Praktiken als edukative versteht, die Wissens- und Kritikproduktion fördern sollen. Nur so ist das Paradox aufzulösen, dass die Herausgeberinnen von C& auf „Leerstellen“ postkolonialer Diskurse hinzuweisen vorhaben, aber die Vollständigkeit suggerierende Architektur einer Bibliothek als Display wählen. Es ist glücklich, dass jenes hiesige Nebeneinander von künstlerischen Arbeiten und (Sekundär-)Literatur nicht suggeriert, dass afrikanische und afrodiasprosiche Kunst einer Erklärung, einer die Arbeiten der Künstlerinnen rechtfertigenden Instanz bedarf; so, als würde die Sekundärliteratur nebenan eine Entschärfung der keiner Interpretation entgegenkommenden Werke wie SUOON, einer den horizontalen Raum einnehmenden, dreiteiligen Zeichnung Nkiruka Oparahs, anbieten. Aber es finden sich im C& Center of Unfinished Business keine Erklärwerke, die Letztgültigkeit anstrebten sowie sich zugleich keine explizit auf die Werke von Oparah oder Orupabo verweisende Titel finden. Das Austauschverhältnis von Kunst und Text ist kein hierarchisches, in dem letzterer erstere zu erklären sucht. Obgleich der Leseraum den künstlerischen Arbeiten nicht konzeptuell zuwiderläuft, buhlt dieser nichtsdestotrotz ein wenig mehr, gar vollständig um die Aufmerksamkeit der Besucher*innen, was allerdings – wie bereits auf den Wandtexten angekündigt – mit den Vorstellungen der Austellungsmacherinnen korrespondiert.

Der Leseraum ist ein Abgesang auf die Suggestionen des einen Publikums von Ausstellungen zur Gegenwartskunst. Mit dem Leseangebot nicht eines, aber vieler Genres, vermag das C& Center of Unfinished Business die Vorlieben diverser Besucher*innen zu bedienen. So verquicken sich in dem Aufruf zur freien Wahl des Lesestoffes private Idiosynkrasien mit kolonialer (Text-)Geschichte: Wenn zuerst nach James Baldwin gegriffen wird, der seit der deutschen Wiederveröffentlichung seines Debütromans 2018 Go Tell It on the Mountain wohl potenzieller Lieblingsautor vieler sein dürfte, wenn nach Virgil Ablohs Publikation gegriffen wird, da dieser dank sensationsträchtiger, von Prominenz gefeierter Modenschauen auf sozialen Netzwerken Favorit jüngerer Besucher*innen sein dürfte, wird dann eben auch nach Künstler*innen gegriffen, deren Werk teils implizit, oft explizit Fragen afrodiasporischer Selbst- und Fremdidentität artikuliert. Es war eine Besucherin, die die beim Merve-Verlag erschienene Anthologie Ethnofuturismen neben We should all be feminists, der Schrift von Chimamanda Ngozi Adichie, stellte. Ob dies ein Hinweis ihrerseits auf die Intersektionalität feministischer Politik ist, soll unbeantwortet bleiben. Am Ende formuliert das Ausprobieren eines*einer jeden Besucher*in die Frage nach anti-rassistischen Anstellungspraktiken, die über tradierte, auf visuelle Repräsentation gründende Displayformate hinausgehen. Wenn die Intervention von C& mittels seines Titels positiv als „Dynamischer Raum“ vorgestellt wird, ist dies zugleich im Negativen eine Infragestellung der Dynamiken aller restlichen Ausstellungsräume des Museum Ludwig. Zurückbleiben wird ein*e jede*r Besucher*in mit der Frage: Müssen wir im Museum mehr lesen?

 

Leander Pöhls beendet im Sommersemester 2020 seinen Bachelor in Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln. Im kommenden Wintersemester wird er mit einer Förderung der Studienstiftung des deutschen Volkes seinen Master of Studies in Kunstgeschichte an der University of Oxford beginnen. Sein Forschungsinteresse ist die Theorie und Geschichte fotografischer Praktiken.

 


Footnotes

[1] Mutumba wurde auch kürzlich zum curator-at-large am Stedelijk ernannt.

[2] Philip Felsch, Der lange Sommer der Theorie: Geschichte einer Revolte 1960-1990, München: Beck 2015, S. 13.

[3] Die zweite derzeitige Sonderausstellung des Museum Ludwig, Mapping the Collection, sucht ebenfalls mit Leihgaben von Arbeiten indigener und queerer Künstler*innen auf hauseigene Leerstellen der Sammlung von Kunst der 1960/70er Jahre aufmerksam zu machen.

[4] Michel Foucault, „Andere Räume“, in: Karlheinz Back u. a. (Hg.), Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, Leipzig: Reclam 2002, S. 39.