Bloß kein Völkerkundemuseum

Zur aktuellen Konzeptentwicklung des Humboldt Forums

„Empört euch, aber bitte öffentlich! Ethnologie als Störwissenschaft“, so lautete der Titel einer von Cassis Kilian moderierten Plenarveranstaltung auf der DGV-Tagung „Verortungen. Ethnologie in Wissenschaft, Arbeitswelt und Öffentlichkeit“ 2013 in Mainz, auf der ich den damaligen Stand des Humboldt Forums referierte. Im Zentrum der Diskussion stand die allgemeine Klage, die Ethnologie werde zu zentralen Themen, zu denen sie etwas zu sagen hat, überhört. Vier Jahre später steht die Ethnologie – zumindest in Gestalt ihrer Museen –  im Zentrum der Öffentlichkeit, allerdings negativ. Was ist passiert?

Durch einen Bundestagsbeschluss des Jahres 2002 soll das Ethnologische Museum in das Zentrum der deutschen Hauptstadt rücken, ins Humboldt Forum auf dem Berliner Schlossplatz. Zentraler geht es nicht, umringt von Museumsinsel, Berliner Dom, Auswärtigem Amt und Alex. Solange die Inhalte dafür nur intern geplant und in Fachkreisen diskutiert wurden, interessierten Politik und Öffentlichkeit sich nur wenig für das Ausstellungskonzept der Ethnologen, d.h. des Kuratorenteams im Ethnologischen Museum. Von unterschiedlichen Verantwortlichen, Beratern und Gremien kontrolliert, national wie international evaluiert, entwickelte es einen flexibel angelegten, den Themen der Zeit folgend fortschreibbaren Masterplan unter den Leitlinien ‚Multiperspektivität, Gegenwart, Publikum’. Der 2015 erreichte Planungsstand wurde vom Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zur Umsetzung durch die Gestalter formal frei gegeben. Doch das Gebäude, nun unübersehbar aus der Erde gewachsen, rüttelte die Politik auf. Selbst die Bundeskanzlerin meldete sich nun zu Wort, vielfach zitiert mit ihrer „Angst davor, dass nur ein Völkerkundemuseum entstehen könnte“[1]. Auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer fürchtet „ein Völkerkundemuseum alter Schule“, obgleich er durchaus wahrnimmt: „Diverse völkerkundliche und ethnologische Museen weltweit fangen gerade sehr kritisch an, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.“[2]

Diese Aussagen reflektieren negative Grundeinstellungen gegenüber der Institution des Völkerkundemuseums als solcher. Man fragt sich, ob die zitierten Politiker ethnologische Museen aus eigener Erfahrung kennen und über Eröffnungen oder neue Ausstellungsansätze der letzten Dekade in Europa wie Paris, Basel, Köln, Genf, Frankfurt oder Bremen informiert sind? Aber sie fordern konkrete Inhalte ein: die großen Menschheitsthemen wie Religion, Migration, Leben und Tod und andere. Die Frage, welches die großen Menschheitsthemen sind, aus wessen Perspektive sie festgelegt werden und wie diese in ethnologischen Museen präsentiert werden können, wurde bislang wenig diskutiert.[3]

Doch nicht nur die ethnographischen Sammlungen und die Museen stehen in der Kritik, sondern auch das Fach selbst. Kenntnisse des Faches scheinen sich selbst bei Universitätsprofessoren auf die Würdigung der Tradition der Ethnologie des 19. Jahrhunderts zu beschränken, folgt man Äußerungen von Bénédicte Savoy oder Horst Bredekamp.[4]  Das 20. und 21. Jahrhundert bleiben ausgeblendet, als ob das Fach nicht mehr existierte, was sich auch in der Zusammensetzung des aktuellen internationalen Expertenteams spiegelt. In einem Leserbrief zum Artikel von Karl-Heinz Kohl „Dies ist Kunst, um ihrer selbst willen“ vom 6.9.2017 in DIE ZEIT heißt es:

„Es ist ein Skandal sondergleichen, dass in dem Gremium, das Kohl benennt, kein einziger und keine einzige FachvertreterIn sitzt. Ethnologen wurden ausgeschlossen, stattdessen haben sich Kunsthistoriker und sonstige Laien des Museums bemächtigt. Das ist etwa so, als befände sich im Leitungsgremium eines Landeskrankenhauses keine einzige Medizinerin, als setze sich der Oberkirchenrat aus allen möglichen Fachleuten zusammen, bloss [sic!] Theologen und Theologinnen hätten nichts zu melden; als würde ein Oberlandesgericht von Archäologen, Sprachwissenschaftlern und Informatikern geleitet – aber von keinem einzigen Juristen. Es ist nicht zu fassen, welche Ignoranz hier herrscht. Ethnologen aus den Museen, Universitäten und Forschungsinstituten sind die geeigneten Personen, um die Sache beurteilen zu können. Aber so ist es eben: heute darf anscheinend jeder alles, bloss [sic!] die, die es gelernt haben, haben nichts zu melden.“[5]

Doch nicht nur im Expertenteam fehlt ethnologischer Sachverstand, sondern auch auf der Entscheidungsebene für die so genannte ‚Optimierung’ des bestehenden Konzeptes der Ethnologen, das heißt seitens des Gründungsintendanten und seines Beauftragten, beide Kunsthistoriker. Für die Ethnologen im Humboldt Forum gelten dabei offensichtlich andere Kriterien als für Kuratoren von Disziplinen wie Kunst und Kunstgeschichte, was das eigenständige Konzipieren und Umsetzen von Ausstellungen betrifft. Dies spiegelt sich in der Art der inhaltlichen Interventionen ins Konzept und im Umgang mit den Kuratoren, äußert sich in Respektlosigkeit gegenüber den Ergebnissen jahrelanger Planung und den wohl überlegten Ausstellungsabläufen. Man kehrt beispielsweise wieder zu der traditionellen Abgrenzung von Dauerausstellungen gegenüber Wechselausstellungen zurück. Die neue Nutzung der ehemaligen Portalräume eines immerhin rekonstruierten Schlosses als Wechselausstellungsfläche führt zu Unterbrechung, Störung und auch völliger Streichung wichtiger konzeptioneller Inhalte, die dort bislang geplant waren. Neue sog. „Blickfenster“ und andere Interventionen mit Bezug auf die Geschichte des Schlosses schaffen Verwirrung, drohen zusammenhängende ethnologische Aussagen in den Hintergrund zu drängen. Dabei hieß es noch im Architektenwettbewerb, dass das Innere des Schlosses modern und für die Nutzung als Ausstellungsfläche zu gestalten sei.

Die inhaltlichen Schwerpunkte des neuen Konzepts sollen bis Jahresende festliegen. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags sind die jüngsten Äußerungen dazu nur zwei aktuellen Vorträgen des Gründungsintendanten und seines Beauftragten zu entnehmen.[6] Können Ethnologen sich darin wiederfinden?

Bei einem Projekt dieser Größenordnung ist mit Kritik nach der Eröffnung in 2019 zu rechnen. Doch gegen wen wird sie sich richten? Den einen großen Aufschlag soll es wohl nicht mehr geben, denn taktisch vorbeugend, zweifelte die Kulturstaatsministerin erst kürzlich, „ob es didaktisch wirklich sinnvoll ist, alles auf einen Schlag zu eröffnen oder ob man die Inhalte in vertretbaren Phasen präsentiert“[7].  Angeblich um den Besucher nicht zu überfordern, wird er vorsorglich nicht gleich ein Gesamtkonzept der Ausstellung besichtigen können, sondern nur Teile daraus. Damit wären der Ursprungsgedanke und die Begründung des Umzugs aus Dahlem, dass sich nämlich das Ethnologische Museum insgesamt neu präsentiert, nicht mehr realisierbar.

Derweil wächst der Club von Humboldts Erben, denn die Humboldt Forum Kultur GmbH stellt laufend neues Personal ein, auch wissenschaftliches, und Ethnologen haben eine gute Chance auf Einstellung. Die Frage wird sein, inwieweit sie sich inhaltlich einbringen können und wollen und den Mut haben, sich zu positionieren, um Inhalte aus ethnologischer Perspektive aktuell fortzuschreiben. Dabei geht es um mehr als die Ausstellungen – es geht um das Programm des Humboldt Forums. Wenn es der neuen Generation beteiligter Ethnologen gelingt, sich inhaltlich einzubringen, wie zum Beispiel aktuell beim Pop-up Cinema, einer Art Wanderkino von Humboldt Forum und Berlinale NATIVe, dann könnte das Humboldt Forum auch über die Ausstellungen hinaus zu einem Wendepunkt für das Fach werden.[8]

Viola König ist Direktorin des Ethnologischen Museums der Staatlichen Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Honorarprofessorin für Altamerikanistik und Kulturanthropologie am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin. In ihrer Amtszeit als Direktorin des Übersee-Museums Bremen realisierte sie 1999 das erste öffentliche Museumsschaumagazin in Europa. Unter ihrer Leitung wurde bis 2016 das kuratorische Gesamtkonzept für die ethnologischen Sammlungen im Humboldt Forum entwickelt. Sie forscht und publiziert zu Museum, Sammlungen, Mesoamerika sowie Nordwestamerika und Alaska.

____________________[1] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Rede/2016/06/2016-06-09-rede-merkel-kultursalon-unter-der-kuppel.html