07/24/18

Ich arbeite am Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen; die wissenschaftliche Fachgesellschaft, bei der ich Mitglied bin, ist die dgv, die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde. Wie einige andere KollegInnen wurde ich von den Blog-BetreiberInnen freundlicherweise eingeladen, die Umbenennungsdebatte und ihre möglichen Folgen für das Verhältnis der beiden Fächer – Ex-Völkerkunde und Ex-Volkskunde – zu kommentieren. Ich wünsche den Kolleginnen und Kollegen in der DGSKA, dass sie die Lage angesichts der generellen Tendenz zur Ununterscheidbarkeit von Fachbenennungsdebatten und Wissenschaftssatire mit etwas Humor nehmen können. Ein wenig Schadenfreude darüber, dass das Benennungschaos bei der Ethnologie/Sozial- und Kulturanthropologie nun ähnlich weit gediehen ist wie „bei uns“ – die spiegelverkehrten Umbenennungsprozesse haben schon was! – und darüber, dass auch dort die handliche Lösung ohne Dopplungen nicht gelingen will, kann ich nicht verleugnen. Nett ist das sicher nicht von mir, ich hoffe aber, einigermaßen verständlich. Man ist mit seinem Leid nicht gern allein.

Das Bedürfnis, den Namen „Völkerkunde“ abzulegen, kann ich jedenfalls sehr gut nachvollziehen. Das auch auf Fachverbandsebene zu tun, war in meinen Augen eine überfällige Entscheidung. Rundum elegant, historisch über alle Zweifel erhaben und widerspruchsfrei ist auch die neue Lösung offenbar nicht, aber weder Ethnologie noch Völkerkunde schneiden in dieser Hinsicht besser ab. Die Kritik, die Umbenennung sei Teil eines allgemeinen Rechtsrucks, wirkt auf mich abstrus. Ein affirmatives Verhältnis zu universitätspolitischen Steuerungsprozessen (Stichwort „proaktiv“) und Prestigepolitiken scheint in einigen Begründungen schon eher durch, aber wer steht da schon gänzlich drüber und will den ersten Stein werfen. Dafür irritieren in einigen der pro-ethnologischen Beiträge die denunzierenden Formulierungen – gelegentlich erinnerte die Debatte fast schon an die unselige Berliner Volksbühnen-Konfrontationsformierung von Derconianern („Wir Kosmopoliten!“) vs. Castorfianern („Ihr Neoliberale!“).

Ansonsten habe ich beim Lesen, wie man so sagt, tatsächlich viel gelernt.

Auch darüber, dass die Grenzen des Sagbaren in der Ethnologie/SKA längst nicht so strikt gezogen werden, wie ich mir das vorgestellt hatte: Als ich in Bernhard Strecks Text von einer „Neuen Weltordnung“ las, an der die Sozial- und Kulturanthropologie notwendig teilhabe, weil sie aus dem „angloamerikanischen Westen“ kommt, gegen den die „Souveränität“ (der Völker) hochzuhalten sei, da verlor ich mich zunächst im Dickicht von Sarkasmus, emphatischem Antimodernismus und Verschwörungstheorie-Vokabel. (Ein Kollege wies in den Kommentaren verdienstvollerweise kritisch auf die indirekte Assad-Apologie im Text hin). Dann ergooglete ich (danke, Amerika!) ein siebzehnseitiges Gutachten, in dem der Blog-Autor dem AfD-Politiker Wolfgang Gedeon – was tagespolitisch vor zwei Jahren einige Nachrichten wert war – bescheinigte, kein Antisemit im strikten Sinne des Wortes zu sein. Beeindruckt von Gedeons, wie er sagt, nonkonformistischen Denken, bewarb Streck dessen antijüdisch-antimodern-antizionistischen Dreiteiler „Christlich-europäische Leitkultur“ als „politisch-historisches Meisterwerk“. Streck teilt, wie er sagt, „keineswegs alle Positionen“ Gedeons (Gutachten, S. 15), vor allem nicht die theologischen, um die es Gedeon vor allem geht, will aber wie dieser dem „NOVUM ORDO SECLORUM des Dollarscheins“ (ebd., S. 8) etwas entgegenhalten, offensichtlich auch im Anti-Neue-Weltordnungs-Blog-Text, der so zur intertextuellen Fortsetzung des Pro-Gedeon-Gutachtens wird. Da fühlt sich jemand anscheinend wahnsinnig unangepasst und wagemutig, als Kämpfer gegen den Zeitgeist und den Terror der politischen Korrektheit – oder spielt er nur neu-rechtes Bullshit-Bingo mit sich selbst? Seltsam jedenfalls, das im Zusammenhang dieses Forums zu lesen.

 

Übernahmen, Enteignungen & Eingemeindungen

Genug echauffiert, zurück zum Thema und zu den Fächern. Bislang sind bei mir keine Diskussionen angekommen, in denen auf „unserer“ Seite der löchrigen disziplinären Trennmauer darüber spekuliert würde, ob mit dieser Umbenennung eine feindliche Übernahme, eine freundliche Übernahme, gar keine Übernahme, eine Einladung, keine Einladung oder was auch immer gemeint war. Solche Fragen könnte man sich ja stellen, vielleicht tun das auch die einen oder anderen. Es berührt uns bislang aber insgesamt nicht so sehr, glaube ich; die wissenschaftspolitische Vorsicht und Erfahrung gebieten ohnehin eher Quietismus und Aussitzen: Lieber nichts tun als schlafende Hunde zu wecken, sich daneben zu benehmen, einen Korb zu holen, in schwer kontrollierbare Dynamiken zu geraten usw.. Aber bemerkenswert ist das schon: Meine KollegInnen und ich sind durch die Umbenennung der DGV zur DGSKA terminologisch in den Verband eingemeindet worden und müssten ihm nun eigentlich beitreten, da er sich ja für Leute wie uns zuständig erklärt – stärker als unser eigener Verband, schließlich sind wir ja, was die Instituts- und Studiengangnamen angeht, keine VolkskundlerInnen mehr.

Allerdings wäre es unehrlich, sich auf unserer Seite über diese ungefragte Eingemeindung allzu laut beschweren oder gar eine Enteignung beklagen zu wollen, denn die Ex-Volkskunde hat in den letzten Jahrzehnten auch Namen – vor allem eben Kulturanthropologie – für sich beansprucht, die die (vor allem außereuropäische) Ethnologie wissenschaftssystematisch mit mindestens ebenso viel Recht für sich beanspruchen hätte können. Die Ex-Völkerkunde war bei den Rückübersetzungen aus dem Englischen aber deutlich langsamer – und holt jetzt offensichtlich auf bzw. hat uns überholt. Wenn EthnologInnen bzw. nach jetzigem Sprachgebrauch Sozial- und KulturanthropologInnen, deren Vorgängerfach Völkerkunde heißt, solche Entlehnungen vonseiten der Ex-Volkskunde damals dreist fanden und deshalb die jüngsten Eingemeindungen nur als historische Berichtigung betrachten, kann ich das nachvollziehen. Wenn ihnen – wahrscheinlicher – real existierende kulturanthropologische Institute, die nicht zur DGV oder zur DGSKA gehören, sondern zur dgv, eher gleichgültig sind – fair enough.

 

Disziplinarität und Lebenslauf

Um einen kurzen Einblick in den Benennungs-Wirrwarr zu geben, durch den sich unsereins in einer wissenschaftlichen Biografie so bewegt und zu dem zumindest ich dann irgendwann ein resigniert-liebevolles Verhältnis entwickelt habe: Studiert habe ich Europäische Ethnologie, an der HU Berlin. Das Institut steht in der Nachfolge des Bereichs Ethnografie, Sektion Geschichte, der zu DDR-Zeiten ein Fernstudium der Deutschen Volkskunde anbot. Das Studienfach habe ich gewählt, weil ich – eher zufällig – wusste, dass sich hinter diesem Namen das verbirgt, was in Tübingen Empirische Kulturwissenschaft heißt, also eine ethnografisch und kultursoziologisch und zum Teil auch ethnologisch modernisierte ehemalige Volkskunde mit historischen, vor allem alltagsgeschichtlichen, Komponenten. Das war mein Verständnis, manche Lehrende sahen es eher so, dass sie ein gänzlich neues Fach unterrichten. Mein Doktorvater in der Europäischen Ethnologie ist wiederum habilitierter Kultursoziologe, dessen besonderes wissenschaftsgeschichtliches Interesse sowohl den Cultural Studies als auch der Cultural Anthropology galt (vor allem ersteres teile ich). Dann habe ich am Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde gearbeitet – und angesichts des V-Wortes einigen Spott Berliner KommilitonInnen über mich ergehen lassen müssen –  daraufhin einige Jahre am Institut für Volkskunde/Europäische Ethnologie der LMU München, das aber seit 2018 Institut für Empirische Kulturwissenschaft/Europäische Ethnologie heißt, bis 2007 aber noch das Institut für deutsche und vergleichende Volkskunde war. Durch den Wechsel nach Göttingen wurde ich 2015 offiziell zum Kulturanthropologen, was ich bis dahin noch nicht war, ohne dafür aber das Fach wechseln zu müssen. Eine meiner dortigen Kolleginnen, die dort 2003 in die Umbenennung von Volkskunde zur KAEE involviert war, hat einen Ph.D. in Folklore Studies (setzte sich aber auch schon in den USA für Umbenennungen ein), die andere in Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie. Leuten, denen ich in Feldforschungen und bei Interviews begegne, stelle ich mich meistens als Kulturwissenschaftler vor, das finde ich unverfänglicher als Kulturanthropologe (kennt ja kaum jemand, und –anthropologie evoziert gelegentlich doch noch seltsame biologistische Assoziationen, ein zum Rechtsradikalismus tendierender Interviewpartner erhoffte sich von mir mal Schädelvermessung), Ethnologe nenne ich mich in schwachen Momenten, wenn nicht das Risiko besteht, dass sich jemand ethnisiert und exotisiert vorkommt – und wenn keine VölkerkundlerInnen in der Nähe sind, die da häufig exklusive Ansprüche haben. Europäischer Ethnologe funktioniert nicht, weil die Information, dass ich aus Europa komme, selten jemanden überrascht. In interdisziplinären Zusammenhängen formuliere ich auch mal so etwas wie „wir Ethnografen“ (bzw. EthnografInnen), wozu ich mich durch einigermaßen ausführliche Feldforschungen berechtigt fühle. In einer interdisziplinären DFG-Forschergruppe, an der ich beteiligt bin, erklärt die Kollegin aus der Ethnologie in englischsprachigen Situationen gern, sie selbst sei social anthropologist und wir (Ex-VolkskundlerInnen) seien cultural anthropologists. Das klingt erstmal gut, nur: Viele meiner KollegInnen von der Kulturanthropologie/Europäischen Ethnologie nennen sich in englischsprachigen Zusammenhängen auch lieber social anthropologists, was meiner Beobachtung nach mit Lektürelisten, Studienaufenthalten, Anglophilie und auch theoretisch fundiertem Anti-Kulturalismus zusammenhängt und auch zur Berufung einer social anthropologist auf einen Europäische Ethnologie-Lehrstuhl vor einigen Jahren passt. Es macht die Lage aber auch nicht übersichtlicher.

Bei allem Umbenennungsfleiß und terminologischem Wirrwarr: die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (gegründet erst 1963 als Nachfolgerin des Verbandes der deutschen Vereine für Volkskunde von 1904) hat den Namen Volkskunde bis heute ebenso wenig abgelegt wie die Zeitschrift für Volkskunde (worüber kürzlich aber noch einmal diskutiert wurde) – sicherlich auch aus allgemeiner Ermüdung nach nunmehr fünf Jahrzehnten der Namensdiskussionen. Seit kurzer Zeit gibt es eine englischsprachige Ausgabe der Zeitschrift für Volkskunde, das Journal for Cultural Analysis and European Ethnology. Auch nochmal eine Option.

Wie gesagt, ich habe ein eher liebesvolles Verhältnis zu dieser Unübersichtlichkeit entwickelt und glaube nicht daran, dass es hier je wieder klare Verhältnisse geben wird.

In meinen Augen ist der Begriff Volkskunde schon aufgrund der Assoziationen, die er provoziert, nicht zu retten. Ein Bewusstsein davon, dass damit auch einiges verloren ging und geht, widerspricht dieser Überzeugung letztlich nicht: Verloren ging aber zum Beispiel der explizite Bezug auf die Subalternen und das Populare (populus und demos, nicht so eindeutig ethnos wie in der Völkerkunde), eine durchaus beeindruckende Forschungsgeschichte insbesondere über soziale Unterschichten, über die und mit denen sonst kaum jemand arbeitete, oder auch der stete Zwang zur Auseinandersetzung mit untergründigen völkisch-nationalistischen Kontinuitäten sowie ein Wissen um die eigene Provinzialität, das ja eine gute Grundlage für einen nicht-elitären Kosmopolitismus sein kann. Weil mir die zuletzt genannten Aspekte immer wichtiger geworden sind, je mehr ich mich mit der Fachgeschichte beschäftigt habe, kann ich mit den fortlaufenden Namen von Verband und Zeitschrift (Zeitschrift für Volkskunde) einigermaßen leben. Die Studiengänge und Institute heißen ja meist längst anders (eben Europäische Ethnologie, Kulturanthropologie, Empirische Kulturwissenschaft, gelegentlich noch mit Volkskunde vor oder hinter einem Schrägstrich).

 

Namen und was sie bedeuten (Bendix/Eggeling 2004)[1]

Würden „wir“ nun ebenfalls in eine neue Umbenennungsdiskussion auf Verbandsebene einsteigen, stünde – mal wieder – die praktische Frage im Raum, welche anderen Namen überhaupt zur Verfügung stehen. Verbreitet sind bei uns derzeit vor allem drei Bezeichnungen: Kulturanthropologie, Europäische Ethnologie und empirische Kulturwissenschaft.

„Gesellschaft für Kulturanthropologie“ können wir uns jetzt offensichtlich nicht mehr nennen, das ist die einzige klare Veränderung. „Gesellschaft für Europäische Ethnologie“ wäre für mich nicht plausibel, jetzt weniger denn je, weil die vermeintliche Systematik einer europäischen und einer außereuropäischen Ethnologie in verschiedener Hinsicht fragwürdig ist (was genau ist nochmal dieses Europa?) und die KAEE/EKW mit ihrer historisch-archivalischen Komponente, ihrer kulturwissenschaftlichen Öffnung etc. als regionale Ethnologie missverstanden und in ein besonders wenig den eigenen Körperformen angepasstes disziplinär-methodologisches Korsett gezwängt wäre – ganz abgesehen davon, dass selbst die Ethnologie nicht mehr Ethnologie heißen will und es jetzt besonders seltsam wäre, unsererseits diesen abgelegten Namen aufzugreifen und so den Ethnos-Begriff im Spiel zu halten. Bei der DFG ist der Fächer-Name 106-1 bislang allerdings „Ethnologie und Europäische Ethnologie“ – we’ll see what happens, wie Trump immer so schön sagt.

Es bleibt die „Gesellschaft für empirische Kulturwissenschaft“. Mir wäre das recht. So benannte sich das Vorreiterinstitut der fachpolitischen Umbauten an der Universität Tübingen um 1970. Die Bezeichnung EKW machte Furore, wurde aber jahrzehntelang von keinem anderen Institut übernommen; „Europäische Ethnologie“ lag damals vielen im Fach näher, u.a. weil sie so das Volk nicht ganz aufgeben mussten, es fügte sich in die Sprachregelungen in anderen europäischen Ländern und passte dann später z.B. auch besser an manche Universitäten wie die HU Berlin, wo es keine Ethnologie gab, von der man sich hätte abgrenzen müssen, aber eine (dezidiert hochkulturelle) Kulturwissenschaft. EKW galt als Benennung bis vor kurzem als ein bisschen antiquiert, glaube ich, bis sie sich auf einmal wieder in neuen Studiengängen, Professur- und Institutsbenennungen wiederfand (in Zürich, Klagenfurt, München).

Oder – und das wäre die vierte Alternative, die jetzt im Raum zu stehen scheint – verstehen wir uns vielleicht doch in erster Linie als Bestandteil einer übergreifenden Anthropology bzw. Sozial- und Kulturanthropologie mit der Tendenz zum räumlichen Gegenstandsbereich Europa, was dann mittel- oder längerfristig zu einer stärkeren institutionellen Annäherung oder Verschmelzung führen sollte?

Steht „SKA“ also für eine inhaltliche, methodische und transdisziplinäre Öffnung der Ethnologie, mit der sich dann auch die Vorbehalte unsererseits gegenüber dem einengenden disziplinär-methodischen Korsett erledigt hätten, das sich, so könnte man zumindest denken, zumindest für viele von uns mit den Namen Ethnologie verbindet? Ich glaube, dass eine ganze Reihe von KollegInnen diese Aussicht sympathisch fänden und die eigene Arbeit auch in erster Linie so (als Europa-SKA) verstehen. Vonseiten der Europa-Ethnologie, die institutionell aus der Völkerkunde kommt, wurde eine solche Annäherung ja bereits immer wieder vorgeschlagen – auch vor dem Hintergrund eines offenkundigen Unbehagens in der „eigenen“ damals Ethnologie/Völkerkunde, wie sie damals real existierte. Und tatsächlich gibt es ja nicht nur viele Kooperationen bei Forschungsprojekten, sondern inzwischen auch – anders als vor zehn Jahren – einige gemeinsame Studiengänge.

Aber konsensfähig ist derzeit, glaube ich, weder „EKW“ noch „Europa-SKA“. Mehrheitsfähig könnten je nach Abstimmungssituationen mit all ihren Kontingenzen beide sein: Da müsste man sich dann eben angemessen vorbereiten und off- und online organisieren, für so etwas gibt es ja offensichtlich Vorbilder…

Die Fach-Verhältnis-Strategiediskussionen haben bekanntermaßen eine eigene Geschichte. Auf die kurzen Diskussionsbeiträge von Thomas Hauschild, Dorle Dracklé, Karl Braun und Wolfgang Kaschuba in den DGV-Nachrichten von 2006 wurde in diesem Blog schon verwiesen[2]; andere Positionen finden sich zum Beispiel in Texten von Gisela Welz[3] und (eher ethnologiskeptisch) Rolf Lindner[4]. Hauschilds Text[5] lohnt an dieser Stelle ein kurzes Resümee, weil er die Gemengelage ethnologischerseits so schön sortiert und illustriert: Einerseits führt er den Reiz einer gemeinsamen Programmatik an, aber auch, was er nach längerer Beschäftigung mit diesen Fragen als die Hindernisse oder Probleme einer stärkeren Verzahnung versteht: gesellschaftliches Desinteresse am Globalen und am Ethnografischen, Ressourcenknappheit und Einspar-Versuchungen, daraus resultierendes Misstrauen, reale Methoden-Differenzen und wechselseitige Ignoranz gegenüber den Stärken der jeweils anderen Seite, divergierende Vorstellungen von der Rolle von Theorie, Unterschiede „in der Klientel“. All das mache ihn zunehmend skeptisch, ob die Disziplinen je zueinander finden würden. Vorsicht sei geboten: „Sehr brüske Vereinigungsversuche würden wahrscheinlich nicht nur das betroffene Personal verstören sondern auch zum Einbruch jeweils sinnvoller und wichtiger Forschungstraditionen führen.“ (S. 6) Andererseits ruft er bei den Studiengängen nach einer Top-Down-Lösung: „Man sollte hier, vielleicht gemeinsam mit Drittmittelinstitutionen, eine nationale Lösung anstreben“ (S. 5) – um dann aber umzuschwenken – „oder aber es ganz lassen und die Unterschiede der Fächer wieder stärker herausarbeiten.“ (S. 5) Vielleicht lässt sich nachvollziehen, dass der erste Teil des Satzes nicht so wahnsinnig vertrauensbildend klingt, wenn man sich als das personell kleinere und prekärere Fach empfindet. In jedem Fall ist ersichtlich, dass bei diesen Fragen institutionell und intellektuell viel auf dem Spiel steht, und es ist weniger klar, wie sich das alles entwirren lässt. Was daran ist ein interessantes Projekt (lasst uns etwas tolles, neues zusammenbauen!)? Was ist defensive Strategie, um im hochschulpolitischen Verteilungskampf den Kopf über Wasser zu halten? Was ist – durchaus positiv zu verstehender – Opportunismus, um sich bietende Chancen zu nutzen? Was ist rhetorische Erzeugung von Dringlichkeit und Zugzwang, um partielle Interessen durchzusetzen?

Und da sind wir wieder, 2017/18. So sehr ich mich an der Zusammenarbeit mit KollegInnen aus der SKA freue und hoffe, dass diese sich weiter intensiviert, und so sehr ich mich mit ihnen verbunden fühle, vor allem, wenn ich mit anderen, nicht-feldforschenden KulturwissenschaftlerInnen zu tun habe, so halte ich es erst einmal mit der zweiten von Hauschild damals skizzierten Optionen. Defensiv gesprochen: Ich bin skeptisch, was das Schicksal der empirisch-kulturwissenschaftlichen Seite unseres Faches, die mir am nächsten liegt, und ihres Denkstils bei einer weiteren Annäherung an die Sozial- und Kulturanthropologie längerfristig wäre. Klar: Das Feldforschungs-Lernen vor allem von der Ethnologie (und z.T. auch Soziologie) hat der KAEE/EKW fraglos viel gebracht, ethnografisch, soziografisch, praxeografisch, wie auch immer. (Und viele von uns sind darin inzwischen auch ziemlich gut und gründlich). Für viele wichtige inhaltliche Debatten sind Sozial- und KulturanthropologInnen international die ersten AnsprechpartnerInnen und Orientierungspunkte. Für viele andere aber auch nicht. Offensiver gesprochen: Als modernisiert-transformierte Ex-Volkskunde hat das Fach in den letzten Jahrzehnten viele originelle und fundierte Studien produziert, die ihren alltags- und populärkulturellen Gegenständen (historisch wie gegenwartsbezogen) auch auf andere Weise gerecht geworden sind, als dies in der Ethnologie/SKA geboten und üblich ist – mit historisch-kulturwissenschaftlichen Methoden, durch medienanalytische Verfahren und oft auch im Rahmen anderer Darstellungskonventionen. Dabei waren und sind auch die wesentlichen theoretischen Bezugspunkte keine (Sozial- oder Kultur-)Anthropologischen.

In meinen Augen gerieren sich die englischsprachigen Fachformationen, die nun als Vorbild eines möglichen neuen gemeinsamen Projektes dienen, in solchen Fragen nicht viel weniger streng disziplinär als die deutsche Ethnologie, so schwer das angesichts der Größe dieser Fächer auch zu überblicken ist. (Ich habe gar nichts gegen die übliche Praxis der SKA, sich weitgehend exklusiv über bestimmte Formen von langfristiger Feldforschung zu definieren, das kann ja sehr berechtigt sein, aber passt eben für viele empirisch-kulturwissenschaftlich relevante Fragen nicht). Das Bedürfnis zur geringschätzenden Abgrenzung z.B. gegenüber den Cultural Studies – die, mit all ihren Innovationen in Sachen Gesellschaftsdiagnostik, in der Ethnologie üblicherweise als „flach“ gelten und im Unterschied zur Cambridge-Oxford-LSE-usw.-Sozialanthropologie auch – oh weh! – in besonderem Maße an prestigeschwachen Institutionen wie ehemaligen Fachhochschulen institutionalisiert wurden – und gegenüber der Geschichtswissenschaft ist dort meiner Erfahrung nach sehr stark ausgeprägt. „SKA“ muss also nicht unbedingt für Öffnung stehen.

Oft heißt es, auch in diesem Blog, die organisatorische Selbständigkeit der Ex-Volkskunde und der Ex-Völkerkunde als separate Disziplinen sei (a) ein zu überwindendes Erbe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das (b) in besonderem Maße koloniale Wissensstrukturen reproduziere und (c) ein irgendwie peinlicher deutscher Sonderweg. Keines dieser Argumente ist völlig falsch, aber keines überzeugt mich rundum.

Meiner Ansicht nach ist da letztlich (a) nichts „Ganzes“, das irgendwann zerbrochen wäre, das trifft die Sache weder als historische Rekonstruktion noch als systematische Analyse, (b) war und ist die Unterscheidung von Volks- und Völkerkunde auch nicht „kolonialer“ und eurozentrischer als die sehr viel fundamentalere und wirkmächtigere von Soziologie und Ethnologie, an der nicht so häufig gerüttelt wird, vermutlich, weil kaum jemand anthropologischerseits Lust auf eine Vereinigung mit den tendenziell methodenimperialistischen SoziologInnen hat, und (c) gab und gibt es diese Unterscheidung sehr wohl auch anderswo, von Schottland über Schweden und die USA bis Japan. Wobei sich die Ex-Volkskunden zugegebenermaßen nirgendwo so weit von Volkskunde/Folklore Studies entfernt haben und ähnlich groß sind wie in den deutschsprachigen Ländern. Ich würde das aber eher als eine Bereicherung der Wissenschaftslandschaft sehen wollen denn als eine aufs internationale Normalmaß zurückzustutzende Anomalie. Lasst viele Blumen blühen usw.

Carola Lentz schrieb in der Vorgänger-Blogserie, von ihr aus könne die Ethnologie auch gerne in einer umfassenderen Kultur- und Sozialwissenschaft aufgehen. Ihr gehe es um die Sache und sie fühle sich der Soziologie ohnehin oft näher als einer „romantisierenden Ethnologie“ mit ihrem Fremdheitsfetisch. Die Blog-InitatorInnen fragten in ihrer Diskussionsanregung dann, ob die Umbenennung zur DGSKA nicht genau das leiste. Lentz sieht das offenkundig nicht so, stört sich in ihrem zweiten Beitrag aber vor allem an der terminologischen Abkehr von der Ethnologie. Wichtiger finde ich an dieser Stelle eigentlich, dass bei ihrer Vision einer umfassenden Kultur- und Sozialwissenschaft (die nicht in erster Linie eine Anthropologie sein muss) auch noch viele andere Disziplinen einbezogen bzw. mit aufgelöst werden müssten. Derartige Deterritorialisierungen sind eine mindestens ebenso spannende Aufgabe wie die Reterritorialisierung auf „den Menschen“. Vielleicht ließe sich nicht nur über die Chancen und Gefahren einer fortlaufenden Anthropologisierung, sondern auch an diesem Punkt weiterdiskutieren – oder einfach an Kleinteiligerem, Arbeitspraktischem, um das sich dieser Text erfolgreich drücken konnte.

 

Moritz Ege, Professor für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie an der Universität Göttingen. Veröffentlichungen u.a.: Tübingen/Birmingham. Empirische Kulturwissenschaft und Cultural Studies in den 1970er-Jahren, in: Historische Anthropologie 22.2 (2014), S. 149-181; „Ein Proll mit Klasse“. Mode, Popkultur und soziale Ungleichheiten unter jungen Männern in Berlin, Frankfurt am Main/New York: Campus, 2013; Schwarz werden. Afroamerikanophilie in den 1960er- und 1970er Jahren, Bielefeld: transcript, 2007. Stellvertretender Sprecher der DFG-Forschergruppe Urbane Ethiken. Konflikte um ‚gute‘ und ‚richtige‘ städtische Lebensführung im 20. und 21. Jahrhundert; Redaktionsmitglied der Historischen Anthropologie und der Zeitschrift für Kulturwissenschaften.

 

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[1] Regina Bendix/Tatjana Eggeling (Hg.), Namen und was sie bedeuten. Zur Namensdebatte im Fach Volkskunde, Göttingen: Schmerse, 2004 (= Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen, 19).

[2] Die Beiträge sind in der 36. Ausgabe der DGV-Mitteilungen 36 im Mai 2006 erschienen.

[3] Vgl. Gisela Welz, Europa: Ein Kontinent, zwei Ethnologien? Nachdenken über einen Grenzfall, in: Thomas Bierschenk/Matthias Krings, Matthias/Carola Lentz (Hg.), Ethnologie im 21. Jahrhundert, Berlin: Reimer, 2013, S. 211-227.

[4] Vgl. Rolf Lindner, Vom Wesen der Kulturanalyse, in: Zeitschrift für Volkskunde 99 (2), S. 177-188. In diesem Sinn auch Jens Wietschorke, Beziehungswissenschaft. Ein Versuch zur volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Epistemologie, in: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde LXVI, S. 325-359.

[5] Thomas Hauschild, Volkskunde und Völkerkunde, in: DGV-Mitteilungen 36, Mai 2006, S. 4-7.