Multiple Ontologies of Waste Water
Über die Entsorgung von heiligem Wasser
Abstract
This paper takes the conceptualization and use of water in religious rituals of the Catholic Church as an example to demonstrate the coexistence of different water ontologies. It is argued that the regulations governing the disposal of consecrated water and Eucharistic wastewater point not only to a plurality of knowledge systems and corresponding practices, but also to the coexistence of fundamentally different ontological conceptions of water. Drawing on Philippe Descola’s conception of four basic ontologies, the paper discusses the existence of separate wastewater systems – for ordinary and for holy water – as indicative of two incommensurable conceptions of water: a naturalistic and an analogist understanding of water.
Was wir in den Ausguss unseres Waschbeckens schütten oder in der Toilette herunterspülen, gelangt für gewöhnlich in eine Kanalisation, durch die es zusammen mit anderen Abwässern in eine Kläranlage befördert wird. Dort wird das Wasser in mehreren Schritten aufwendig gereinigt und schließlich in einen sogenannten Vorfluter, zumeist ein Fließgewässer, eingeleitet. Von dort aus fließt es weiter, vermischt sich mit anderem Wasser, verdunstet oder gelangt ins Grundwasser. Aber Abwasser ist nicht gleich Abwasser, und nicht jedes Wasser kann, darf oder sollte nach seiner Benutzung in den gewöhnlichen Ausguss oder in die Toilette geschüttet werden. Das gilt für private Abwässer, die mit Abfällen oder Schadstoffen verunreinigt sind oder bestimmte Medikamentenrückstände enthalten (Umweltbundesamt 2021). Es gilt aber auch für verunreinigte oder belastete industrielle und gewerbliche Abwässer (Umweltbundesamt 2025). In beiden Fällen gelten strenge Regeln dafür, was in die Kanalisation eingeleitet werden darf und was nicht.
Daneben existiert aber noch eine weitere Kategorie von Abwässern, für deren Entsorgung es mitunter besondere Vorschriften gibt: als heilig erachtetes oder in bestimmten religiösen Ritualen verwendetes Wasser. Regeln für den Umgang mit religiös genutztem Wasser und Abwasser gibt es in verschiedenen Religionen und Konfessionen. Ich werde mich im Folgenden auf den christlich-katholischen Glaubenskontext konzentrieren und exemplarisch zu zeigen versuchen, dass die dort existierenden Wasserentsorgungsverbote und -gebote nicht nur auf eine Pluralität von Wissensordnungen und damit korrespondierenden Praktiken verweisen, sondern als Ausdruck eines Nebeneinanders grundverschiedener Bestimmungen von Wasser gesehen werden können. Der Umgang mit Abwasser in der katholischen Kirche scheint mir in dieser Hinsicht besonders ergiebig, da sich hier zwei voneinander (ontologisch) getrennte Abwassersysteme finden lassen, ein gewöhnlicher Ausguss für gewöhnliches Abwasser und eine Art „heiliger Ausguss“ (Glenz 2020) für sakrale Abwässer.
Modernes Wasser
Was Wasser ist und in welcher Beziehung es zu uns Menschen und zu anderen Dingen in der Welt steht, ist eine Frage, auf die sich je nach Kontext, Kultur und Epoche unterschiedliche Antworten finden lassen. Die Vorstellung, der die meisten in den westlichen Industrienationen lebenden Menschen intuitiv anhängen dürften, betrachtet Wasser als eine natürliche Substanz, die unabhängig von ihrem jeweiligen Aggregatzustand, den Stoffen, mit denen sie verbunden ist, dem Ort, an dem sie sich befindet, oder den sozialen Praktiken, in die sie verwoben ist, im Grunde immer identisch bleibt. Jamie Linton (2010, 8) bezeichnet die Vorstellung von Wasser als einer im Kern unveränderlichen, kontextunabhängig existierenden Substanz (H₂O) als „modern water“. Damit verknüpft ist die Idee eines Wasserkreislaufs, in dem dasselbe Wasser in wechselnden Zuständen und Erscheinungsformen unablässig zirkuliert. Aber auch das Konzept der Abwasserklärung basiert letztlich darauf: Weil Wasser eben „nur“ Wasser ist, kann es, ungeachtet seiner Herkunft oder seiner bisherigen sozialen oder ökologischen Einbindung, in einer Kanalisation zusammengeführt, in einer Kläranlage von unerwünschten Stoffen befreit und anschließend in (möglichst) reiner Form wieder in den Wasserkreislauf eingespeist werden.
Diese Vorstellung von Wasser korrespondiert mit einer typisch „modernen“ Weltkonzeption, die auf einer strikten Trennung von natürlichen Dingen und allem Geistigen, Kulturellen und Moralischen beruht (Latour 2008). Die Natur wird dabei als „Bereich autonomen Gesetzen unterliegender Gegenstände“ (Descola 2022, 11) angesehen, wodurch es möglich und legitim erscheint, Wasser als einen von sozialen und moralischen Angelegenheiten prinzipiell unabhängigen Sachverhalt und entsprechend als uneingeschränkt nutzbare Ressource zu behandeln.
Es gibt aber auch andere Möglichkeiten, Wasser und dessen Verhältnis zu Menschen und Dingen zu konzipieren. So zeigen etwa Yates et al. (2017) am Beispiel der Trinkwasserversorgung in der kanadischen Provinz British Columbia, wie unterschiedliche „water realities and ways of being-with-water“ (Yates et al. 2017, 798) miteinander in Konflikt geraten können. Der typisch modernen Vorstellungen von Wasser als einer nutzbaren Ressource („water-as-a-ressource“) steht hier die indigene Konzeption von Wasser als lebendiger und mit zahlreichen anderen Wesen in einer vitalen Beziehung stehender Entität („water-as-lifeblood“) gegenüber (Yates et al. 2017, 802). Yates et al. betonen, dass es sich dabei nicht einfach um divergierende Perspektiven oder Wissensformen handelt, sondern um grundverschiedene „ontologies of water“. Nach Ansicht der Autor:innen stehen die ontologischen Bestimmungen von „water-as-a-ressource“ und „water-as-lifeblood“ exemplarisch für eine Vielzahl prinzipiell möglicher Wasserontologien (Yates et al. 2017, 802).
Aber auch wenn die von Yates et al. dargestellten ontologischen Bestimmungen von Wasser kontingent sein mögen, zufällig sind sie nicht. Folgt man Philippe Descola, einem der Referenzautoren der sogenannten ontologischen Wende in den Kulturwissenschaften, so lassen sich vier übergeordnete Weisen unterscheiden, die Welt und ihre menschlichen und nicht-menschlichen Bewohner bzw. deren Verhältnis zueinander sinnhaft zu ordnen. Diese vier von ihm ebenfalls als „Ontologien“ bezeichneten Weltkonzepte nennt er Naturalismus, Animismus, Totemismus und Analogismus (Descola 2022, 189-190). Nach Descola handelt es sich dabei um anderen Sinnformen übergeordnete Schemata, „die es ermöglichen, die Flut der Wahrnehmungen und die Beziehungen zu anderen auf selektive Weise zu strukturieren“ (Descola 2022, 346). Folgt man dieser Konzeption, so wird schnell deutlich, dass die von Yates et al. (2017) dargestellten Wasserontologien auch als Erscheinungsformen jeweils übergeordneter ontologischer Bestimmungen im Sinne Descolas verstanden werden können. Während nämlich ein Verständnis von „water-as-a-ressource“ einer naturalistischen Weltkonzeption entspricht, folgt die indigene Konzeption von „water-as-lifeblood“ einer animistischen.
Ontologien in diesem Sinne lassen sich hinsichtlich ihrer je spezifischen Behandlung von Physikalitäten (Materie, Erscheinungen) und Interioritäten (nicht-sichtbare Eigenschaften, Geist, Bewusstsein) unterscheiden (Descola 2022, 189-190). So zeichnet sich der Naturalismus „durch eine Kontinuität der Physikalität der Entitäten der Welt und eine Diskontinuität ihrer Interioritäten“ (Descola 2022, 260) aus. Das heißt, es wird eine gemeinsame materielle Grundbeschaffenheit aller menschlichen und nicht-menschlichen Wesen angenommen, wobei Geist, Kultur und echte Sozialität aber nur den Menschen zuerkannt wird (Descola 2022, 260-261). Der Animismus funktioniert seiner inneren Struktur nach genau umgekehrt: Die Vorstellung einer Diskontinuität der äußeren Erscheinungsformen (Physikalitäten) menschlicher und nicht-menschlicher Wesen wird mit der Idee einer Kontinuität bestimmter innerer Eigenschaften (Interioritäten) verbunden (Descola 2022, 197). Animistisches Denken äußert sich dementsprechend darin, dass einigen nicht-menschlichen Entitäten ein dem menschlichen ähnliches Innenleben zugestanden wird. Sie werden als beseelte und über Kultur verfügende Wesen betrachtet und besitzen dementsprechend auch einen besonderen moralischen Status (Descola 2022, 197-218). Die Konflikte, die Yates et al. (2017) beschreiben, verlaufen also genaugenommen nicht zwischen singulären Wasserontologien, sondern zwischen übergeordneten ontologischen Weisen, die Welt, die Dinge in der Welt sowie die Beziehungen zwischen ihnen sinnhaft zu ordnen.
Wie ich im Folgenden zeigen möchte, eignet sich Descolas Ontologiekonzeption auch dazu, die besonderen Entsorgungsregeln für bestimmte religiös genutzte Wässer in der katholischen Kirche verständlich zu machen. Auch hier treffen unterschiedliche ontologische Bestimmungen von Wasser zusammen.
Zwei Arten von Wasser, zwei Arten von Ausguss
In der katholischen Glaubenspraxis spielen im Wesentlichen zwei Varianten von Wasser eine Rolle: geweihtes und nicht-geweihtes (gewöhnliches) Wasser. Diese beiden Formen von Wasser unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihrer religiösen Funktion als auch in Bezug auf bestimmte Eigenschaften oder Wirkungsweisen, die ihnen zugeschrieben werden. Ich beginne zunächst mit geweihtem Wasser.
Geweihtes Wasser:
Geweihtes Wasser wird in der katholischen Kirche hauptsächlich zur Taufe, für bestimmte Rituale – etwa für das sonntägliche Taufgedächtnis, bei dem die Gemeindemitglieder vom Priester damit besprengt werden – sowie für verschiedenste Segnungen verwendet. Die Verwendung von Weihwasser gehört in der katholischen Kirche zu den sogenannten Sakramentalien. Dabei handelt es sich um Handlungen und Rituale, die an die Sakramente (Taufe, Eucharistie, Firmung, Beichte usw.) angelehnt sind, aber nicht von Christus selbst, sondern von der Kirche eingesetzt wurden und mit deren Hilfe auf der Grundlage kirchlicher Fürbitte eine Teilhabe an der göttlichen Gnade bewirkt oder zumindest begünstigt werden sollen (Katechismus der Katholischen Kirche 1997, Abs. 1667).
Geweihtes Wasser wird „hergestellt“, indem von einem Bischof, Priester oder Diakon ein spezielles Segensgebet über eine Menge von Wasser gesprochen wird. Damit bittet der Geistliche um Gottes Segen. Der Ursprung des verwendeten Wassers ist dafür nicht entscheidend. Ob Leitungswasser, Flusswasser oder Quellwasser – es kommt nur darauf an, dass es sich wirklich um Wasser (und nicht um eine andere Art von Flüssigkeit) handelt. Durch den Segen wird das Wasser auf die Beziehung zum Transzendenten (zu Gott) hin ausgerichtet. Das heißt, auch wenn das Wasser in seiner chemischen Zusammensetzung und seiner physischen Erscheinungsform unverändert bleibt, wird es durch die Segnung in eine besondere Relation zum Göttlichen gestellt. Dadurch wird es dem gewöhnlichen, alltäglichen Gebrauch entzogen und einer besonderen religiösen Funktion gewidmet (geweiht).
Die durch die Weihung erwirkte Veränderung und religiöse Zweckbestimmung des Wassers ist dabei von Dauer. Weder verliert die Weihung mit der Zeit ihre Wirkung – auch dann nicht, wenn das geweihte Wasser in biologischer Hinsicht verdirbt oder verunreinigt wird –, noch kann es nach dem Gebrauch einfach wieder entweiht werden. Weihwasser bleibt Weihwasser. Eine sogenannte „Profanierung“, wie sie zuweilen bei nicht mehr genutzten Kirchengebäuden durchgeführt wird, ist für geweihtes Wasser nicht vorgesehen. Das macht die Entsorgung von geweihtem Wasser allerdings zu einer heiklen Angelegenheit. Was soll man mit gebrauchtem Weihwasser tun, wenn dafür keine Verwendung mehr besteht oder wenn es biologisch verdorben ist?
Ein eleganter und naheliegender Weg, der in vielen Kirchen gegangen wird, besteht darin, mit geweihtem Wasser so umzugehen, dass keine oder möglichst wenige entsorgungswürdige Reste entstehen. Gesegnetes Taufwasser wird z.B. oft für die Weihwasserbecken am Kircheneingang weiterverwendet, oder die Gemeindemitglieder nehmen das Weihwasser für den privaten Gebrauch mit nach Hause. Allerdings lässt es sich nicht in jedem Fall völlig vermeiden, dass Weihwasser übrigbleibt und entsorgt werden muss. Auch wenn es für die Herkunft des geweihten Wassers keine besonderen Vorgaben gibt, für dessen Entsorgung gibt es sie sehr wohl. Der gewöhnliche Ausguss ist dafür nämlich tabu. Aber wohin mit dem heiligen Abwasser?
Dafür gibt es zwei konkrete Möglichkeiten, hinter denen sich dasselbe Prinzip verbirgt: Heiliges zu Heiligem. Im Fall des geweihten Wassers (aber auch anderer heiliger Substanzen und Gegenstände, die entsorgt werden müssen) bedeutet dies, dass es nicht einfach auf profanem Wege entsorgt werden darf, sondern geweihtem Boden zugeführt werden muss. In einem Handbuch für den Küsterdienst liest man dazu beispielsweise Folgendes: „Die Entsorgung der gebrauchten Weihwasserreste (sowie gebrauchtes Taufwasser) erfolgt entweder im vorhandenen Sakrarium oder im Pfarrgarten, Blumenstock o.ä., jedoch nicht im Ausguss des Waschbeckens“ (Mesnerverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2006, 38). Die elaborierteste Methode der Weihwasserentsorgung ist die Verwendung eines sogenannten „Sakrariums“. Dabei handelt es sich um einen speziell für derartige Abwässer vorgesehenen „heiligen Ausguss“ (Glenz 2020), der sich in vielen – vor allem älteren – katholischen Kirchengebäuden finden lässt. Das Sakrarium kann in Form einer schlichten Öffnung im Boden im Altarraum oder der Sakristei oder als eine Art Waschbecken, eingelassen in der Wand des Kirchengebäudes, vorkommen (Glenz 2020; Mesnerverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart 2006, 42). Seine Form ist dabei zweitrangig. Entscheidend ist, dass die darin versenkten Flüssigkeiten nicht in die gewöhnliche Kanalisation gelangen, sondern in die durch die Kirchweihe geheiligte Erde unter dem Gotteshaus geleitet werden. Da aber nicht alle Kirchengebäude über ein Sakrarium verfügen, ist es alternativ auch zulässig, das Wasser auf anderem Wege in gesegneten Boden zu bringen, z.B. indem Pflanzen auf dem Kirchengelände damit gegossen werden. Auch kann der geweihte Boden eines Friedhofs dafür genutzt werden (Glenz 2020).
Nicht-geweihtes Wasser:
Neben geweihtem Wasser spielt in der katholischen Kirche aber auch gewöhnliches, also nicht speziell geweihtes Wasser eine wichtige Rolle. Zum einen wird es für bestimmte Rituale wie etwa die symbolische Händewaschung des Priesters in der Messe (Lavabo), für rituelle Fußwaschungen, die Beimischung einer geringen Wassermenge in den Messwein (vor der Konsekration) usw. verwendet. Zum anderen kommt es für die Reinigung von Kirchenräumen und deren Einrichtungen sowie zum Säubern ritueller Gegenstände zum Einsatz. Das so verwendete „gewöhnliche“ Wasser kann zumeist auch über den gewöhnlichen Ausguss entsorgt werden. Aber auch hier gibt es Ausnahmen. Denn es ist keineswegs so, dass nur geweihtes Wasser einer speziellen Entsorgung bedarf. Noch heikler als die Entsorgung von Weihwasser ist die Entsorgung von Wasser, das mit den eucharistischen Gestalten – also Brot (Hostie) und Wein, in denen nach katholischer Vorstellung Leib und Blut Christi real gegenwärtig sind – in Berührung gekommen ist. Während geweihtes Wasser durch seine Segnung „lediglich“ auf Gott hin ausgerichtet und dem alltäglichen Gebrauch entzogen wird, enthält dieses Wasser Anteile der Gestalten, in denen Jesus Christus leibhaftig präsent ist oder war. Deshalb wird im Normalfall darauf geachtet, dass die eucharistischen Gestalten möglichst vollständig von den Gläubigen konsumiert werden. Übriggebliebene oder auf den Boden gefallende Hostienteilchen werden nach Möglichkeit verspeist, übriger Messwein getrunken. Auch für die Purifikation (Reinigung liturgischer Gefäße) genutztes Wasser muss im Anschluss an die Prozedur durch den Priester oder Diakon selbst getrunken werden.
Es gibt aber auch Situationen, in denen Überbleibsel von Wein und Hostien nicht mehr so einfach konsumiert werden können – jedenfalls nicht in zumutbarer Weise. Das gilt z.B. für auf den Boden, die Kleidung oder das Altartuch verschütteten Messwein, aber auch für Hostienreste, die Gläubigen aus dem Mund gefallen sind, ausgespuckt oder sogar erbrochen wurden. Auch in diesen Fällen müssen alle Überreste der eucharistischen Gestalten sorgfältig ausgewaschen, aufgewischt oder aufgesammelt werden (Glenz 2020; Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2007, Abs. 278-280). Diese aufgenommenen Reste werden mit Wasser vermischt und darin aufgelöst. Durch das vollständige Auflösen der eucharistischen Gestalten in Wasser endet nach katholischer Vorstellung auch die damit verbundene Präsenz Christi (Glenz 2020). Dennoch darf das so entstandene Abwasser nicht einfach in den gewöhnlichen Ausguss geschüttet werden, schließlich befinden sich die Überreste der zuvor als Leib und Blut Christi verehrten Substanzen noch immer darin – wenn auch in gelöster Form. Zwar wird Christus darin nicht mehr als leibhaftig präsent angenommen. Dennoch kann das Wasser damit als in einer gewissen Beziehung zum Göttlichen stehend angenommen werden. Für die Entsorgung dieses Wassers kommt deshalb nur das Sakrarium infrage bzw. ist es, falls kein Sakrarium vorhanden ist, geweihter Erde zuzuführen (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2007, Abs. 280).
‚Holy‘ vs. ‚Sacred‘
Bei den beschriebenen Entsorgungsvorschriften handelt es sich nicht nur um Symbolik (obwohl diese selbstverständlich auch eine Rolle spielt). Die Beziehung, die zwischen dem Göttlichen und geweihtem Wasser bzw. den aufgelösten Rückständen der eucharistischen Gestalten besteht, geht über eine bloß symbolische hinaus. Eine profane Behandlung, wie sie das Entsorgen über den gewöhnlichen Ausguss darstellen würde, wäre dieser Beziehung nicht angemessen und würde sie gewissermaßen entwerten.
Ganz anders verhält es sich hingegen im evangelischen Glaubenskontext, der hier als Kontrast herangezogen werden kann. Auch dort spielt Wasser z.B. für das Taufritual eine zentrale Rolle. Aber anders als in der katholischen Kirche, existiert im evangelischen Glauben kein geweihtes Wasser. Die Vorstellung, Wasser könne durch einen Segen irgendwie verändert (etwa auf das Göttliche hin ausgerichtet) werden, wird abgelehnt. Dem verwendeten Wasser wird stattdessen eine primär symbolische Bedeutung zuerkannt. Entsprechend finden sich dort auch keine festen Vorschriften für die Entsorgung von rituell verwendetem Wasser. Es kann also ohne weiters in den gewöhnlichen Ausguss gegeben werden. Das bedeutet allerdings nicht, dass etwa für die Taufe verwendetes Wasser nicht dennoch oftmals mit besonderer Würde behandelt und z.B. zum Wässern von Pflanzen im Kirchgarten genutzt wird, statt es in den Ausguss zu schütten. Diese Form der Pietät bezieht sich dann aber nicht auf den heiligen Status des Wassers, sondern vielmehr auf seine Würde als Symbol.
Eine begriffliche Differenzierung, die diesen unterschiedlichen Formen der religiösen Bezugnahme auf Wasser zu entsprechen scheint, ist die zwischen „holy“ und „sacred“ (Oestigaard 2011, 24).1 Während „holy“ auf eine tatsächliche Verbindung einer Sache mit den Göttlichen verweist (z.B. in Form einer Übertragung von göttlichen Eigenschaften), bezieht sich „sacred“ auf ihre rituelle oder symbolische Bedeutung (d.h. der Sache werden keine über das Weltliche hinausgehenden Eigenschaften zugeschrieben) (Oestigaard 2011, 24-25). Nach katholischem Ritus gesegnetes oder im Rahmen der Eucharistiefeier verwendetes Wasser kann demnach als „holy“ gelten, denn es wird geglaubt, dass es mit den Göttlichen in einer tatsächlichen Beziehung steht. In Gegensatz dazu ist das im Taufritus genutzte Wasser nach evangelischem Glauben „nur“ „sacred“, da es primär als ein Symbol fungiert. Es ist wenig überraschend, dass man für Gegenstände und Substanzen, die als „holy“ gelten, in der Regel strengere Entsorgungsvorschriften findet als für solche, die sich als „sacred“ klassifizieren lassen. Im erstgenannten Fall geht es um das Heilige selbst, das als in dem zu entsorgenden Ding gegenwärtig angenommen wird, im zweiten Fall lediglich um ein Symbol der menschlichen Verehrung des Heiligen.
Zwei Ontologien des Wassers
Wir finden also in der katholischen Kirche zwei voneinander vollständig getrennte Abwasserwege – die Entsorgung über die gewöhnliche Kanalisation und das Versenken in geweihter Erde (z.B. über das Sakrarium). Während die Versorgung mit Wasser für die verschiedenen Zwecke noch problemlos aus derselben Quelle erfolgen kann, hat man es nach der Verwendung mit zwei inkommensurablen Arten oder Zuständen von Wasser zu tun, die nicht (mehr) in gleicher Weise behandelt und entsorgt werden können bzw. dürfen. Aus naturwissenschaftlicher Sicht bleibt die chemisch-physikalische Beschaffenheit des Wassers unverändert. Aus einer Perspektive aber, die unterschiedliche Ontologien vorstellbar macht, wandelt sich der ontologische Status des geweihten oder mit den eucharistischen Gestalten in Berührung gekommenen Wassers. Wir haben es hier also – zumindest ist das meine These – mit unterschiedlichen ontologischen Bestimmungen von Wasser zu tun. Auf der einen Seite finden wir eine – in den Kategorien Descolas ausgedrückt –naturalistische Konzeption von Wasser, auf der anderen eine analogistische (geweihtes oder mit dem Göttlichen in Kontakt gekommenes Wasser).
Anders als unsere vorherrschende naturalistische Ontologie, die an einer strikten und unüberwindbaren Trennung zwischen der kalten, unbeseelten materiellen Welt und der Sphäre des Geistigen und Sozialen festhält, zeichnet sich der Analogismus dadurch aus, dass er eine sich zunächst als unzusammenhängend darstellende Welt durch eine Vielfalt an Entsprechungen und Referenzen zwischen den Dingen (dem Materiellen und dem Geistigen, dem Immanenten und dem Transzendenten) zu ordnen versucht (Descola 2022, 301-344). Die katholische Vorstellung heiligen („holy“) Wassers entspricht einer solchen analogistischen Vorstellung (Mabille 2025). Im Unterschied zur animistischen Vorstellungswelt, wird Wasser dabei nicht als lebendige oder irgendwie beseelte Entität betrachtet. Es steht vielmehr durch seine Ausrichtung auf das Göttliche hin damit in einer besonderen Verbindung (Mabille 2025).
Die katholischen Wasserentsorgungspraktiken verweisen also letztlich auf eine institutionalisierte Form des Analogismus, die sich, trotz der in der Moderne dominierenden naturalistischen Ontologie2, in der katholischen Vorstellungswelt und Glaubenspraxis erhalten hat.3 Anders als etwa die von Yates et al. (2017) beschriebenen ontologischen Differenzen, besitzt die hier zutage tretende allerdings nur ein geringes Konfliktpotenzial – wenn man von theologischen Unstimmigkeiten (vor allem zwischen den Konfessionen) einmal absieht. Im Grunde ist der im katholischen Umgang mit Wasser partiell hervorscheinende Analogismus recht gut mit einer sonst primär naturalistischen Weltkonzeption vereinbar. Denn erstens bilden naturalistische und analogistische Vorstellungswelten, auch wenn sie keineswegs miteinander übereinstimmen, keine direkten Gegenentwürfe, wie es nach Descolas Schema etwa bei der Differenz von Naturalismus und Animismus der Fall ist.4 Zweitens beschränkt sich das analogistische Denken nur auf einen fest umgrenzten rituellen Bereich. Die meisten alltagspraktischen Belange bleiben davon völlig unberührt. Ein derart partieller Analogismus verlangt somit niemandem ab, seine naturalistische mentale Grundausstattung abzulegen oder grundlegend infrage zu stellen. Vielmehr bietet er eine durch spezielle Anlässe und Rituale gerahmte Ausnahme, die sich relativ unproblematisch in eine sonst naturalistisch geprägte Weltsicht integrieren lässt. So lässt sich rituell genutztes Wasser als heilig („holy“), anderes Wasser hingegen nach naturalistischer Maßgabe behandeln. Die verhältnismäßig gute Integrierbarkeit beider ontologischer Bestimmungen von Wasser ist dabei vermutlich auch eine Besonderheit des religiösen Bereichs. Ob und inwieweit die Existenz solcher religiösen nicht-naturalistischen Refugien auch Einfluss auf das generelle Verhältnis von Menschen und Wasser haben kann, wäre eine interessante Forschungsfrage.
Literatur
Descola, Philippe. 2022. Jenseits von Natur und Kultur. Suhrkamp Verlag.
Glenz, Tobias. 2020. „Der heilige Ausguss.“ Zugriff 06.05.2026. https://katholisch.de/artikel/13098-der-heilige-ausguss.
Katechismus der Katholischen Kirche. 1997. Libreria Editrice Vaticana. https://www.vatican.va/archive/DEU0035/__P5E.HTM.
Latour, Bruno. 2008. Wir sind nie modern gewesen: Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Suhrkamp Verlag.
Linton, Jamie. 2010. What Is Water?: The History of a Modern Abstraction. UBC Press.
Mabille, François. 2025. “From safeguarding creation to integral ecology: Catholic thought put to the test by Philippe Descola’s anthropology”. IFCU Publication. https://www.wcu.academy/en/news/from-safeguarding-creation-to-integral-ecology-catholic-thought-put-to-the-test-by-philippe-descola-s-anthropology-51
Mesnerverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart. 2006. „Gottes Haus anvertraut: Handreichung für den Mesnerdienst“. https://mesnerverband.drs.de/fileadmin/user_files/95/Dokumente/Handbuch/Handbuch_Mesner_0406.pdf.
Oestigaard, Terje. 2013.Water, Christianity and the Rise of Capitalism. I. B. Tauris.
Oxtoby, Willard G. 1987. „Holy, Idea of the.” In The Encyclopaedia of Religion, herausgegeben von Mircea Eliade, 6:431–438. Macmillan.
Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Hg. 2007. „Grundordnung des Römischen Messbuchs: Vorabpublikation zum Deutschen Messbuch.“ Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz. https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/arbeitshilfen/AH_215.pdf.
Umweltbundesamt. 2021. „Was darf nicht in die Toilette?“ Zugriff 15.05.2026. https://www.umweltbundesamt.de/themen/was-darf-nicht-in-die-toilette.
Umweltbundesamt. 2025. „Anforderungen an das Einleiten von Abwasser – Abwasserverordnung.“ Zugriff 15.05.2026. https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/abwasser/anforderungen-an-das-einleiten-von-abwasser.
Yates, Julian S., Leila M. Harris und Nicole J. Wilson. 2017. „Multiple Ontologies of Water: Politics, Conflict and Implications for Governance.”Environment and Planning D: Society and Space 35 (5): 797-815. https://doi.org/10.1177/0263775817700395.
1 Die Unterscheidung wurde ursprünglich von Oxtoby (1987) vorgeschlagen und wird von Oestigaard (2011, 24) explizit auf die religiösen Bestimmungen von Wasser bezogen.
2 Auch wenn Descola davon ausgeht, dass in verschiedenen Kulturen und Epochen jeweils unterschiedliche Ontologien das Denken der Menschen dominieren, sieht er keine evolutionäre Abfolge und kein hierarchisches Verhältnis zwischen ihnen. Es handelt sich lediglich um unterschiedliche Weisen, die Welt zu ordnen und ihre Bestandteile miteinander in Beziehung zu setzen (vgl. Descola 2022, 346-347).
3 Descola weist auf eine Reihe von weiteren Analogismen hin, die trotz der vorherrschenden naturalistischen Ontologie, z.B. in Form esoterischer Praktiken wie der Astrologie oder der alternativen Medizin, überdauert haben. Das europäische Mittelalter und insbesondere die Renaissance bilden für ihn eine Art Hochphase des analogistischen Denkens, welches im Übergang zur Moderne allerdings in weiten Teilen durch eine naturalistische Weltkonzeption abgelöst wurde (vgl. Descola 2022, 306).
4 Die Vorstellung einer beseelten Natur ist im Grunde das genaue Gegenstück der Konzeption einer von allem Geistigen und Kulturellen strickt getrennten materiellen Welt (vgl. Descola 2022, 259).
Stefan Brachat ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Derzeit arbeitet er im vom BMFTR geförderten Thüringer Wasser-Innovationscluster in den Projekten HaVe und VerNetzT. 2021 wurde er mit einer Arbeit zum Strukturbegriff in der Systemtheorie Niklas Luhmanns promoviert. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a. soziologische Systemtheorie, Akteur-Netzwerk-Theorie, Fallrekonstruktion und soziologische Wasserforschung.

