11/27/18

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~: Warum das Ethnologon ins Leben hineinlassen? :~
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°° Von lähmenden Hinterfragungstornados & genießendem Staunen über die Lebensfülle °°

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°°Ein Gebiet, das, wie wir früher glaubten, im Jenseits lag, erweist sich
jetzt […] als Gebiet, das wir täglich begehen.°°
(Suzuki [1937] 1990: 152)

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°°Maintain enough curiosity to notice the strange and wonderful as well as the terrible and
terrifying.°°
(Bubandt/Gan/Swanson/ Tsing 2017: M7)

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°° […] die Freiheit […], die Wirklichkeit als ein wirklich
Gemachtes zu leben.°°
(Taussig [1993] 2014: 56)

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1°~:: Um hier gleich mal damit zu beginnen, diese leere und verwirrend Fragezeichen aufwerfende Worthülle des ‘Ethnologons’ ein wenig greifbarer werden zu lassen: Das Wesen, die Präsenz des Ethnologons ist vergleichbar mit einem elektro-magnetischen Feld: Als ein global latenter Geist ist das Ethnologon ein überall schlummerndes, immer anzapfbares Potential, das sich über Erdungspunkte (wie etwa Fakultätsgebäude) materialisiert, um (etwa in Form ethnologierenden Menschen, Diskussionen und Büchern) eingefärbt vom spezifisch Örtlichen zu weltlichen Vorhandenheiten zu gerinnen.
Gemäß eines überall latent vorherrschenden Potentials kann das Ethnologon somit an mehreren erdenden Punkten gleichzeitig sein. An ihnen ergießt es sich dabei als auftretend-entladender Kraftfluss in die dingliche Welt hinein, um mit örtlichen Gegebenheiten verschmelzend schließlich in unterschiedlichsten lokal-spezifischen Gemischen und Gemengen aufzugehen.
Aufgrund dieser ortsentbundenen Potentialität, als Geist unterschiedlichst in die Welt aus Fleisch und Blut hinein gerinnend, ist das Ethnologon, aufgelöst in weltlich lokalen Konkretheiten, immer eine besondere, ortsspezifisch gefestigt-formbare Vorhandenheit. Mancherorts kann es dabei eher durch Themen wie Ethnizität, Identität, Postkolonialismus, fachinterne Selbstreflexion oder Anwendungsorientierung gescheckt sein, während es anderorts dann wieder geprägt ist durch thematische Scheckungen wie Arbeit, Aneignungsprozesse und Verwandtschaftsbeziehungen ~ diese unterschiedlichsten Materialisierungen bleiben dabei jedoch nichts anderes, als verschieden gepolte Kristallisationen des einen Ethnologons, das seinem latenten Wesenszug entsprechend überall gleichzeitig existiert, nämlich in ‘Potentia’, d.h. stets als Möglichkeit, um wie eine schlummernde Kraftquelle unterschiedlichsten Kontexten und lokalen Lebenswelten entsprechend verschieden vermischt aufzuquellen.
2°~:: Das titelgebende ‘Warum Ethnologie?’ des Blogs lese ich demnach als Aufforderung, sich hier erstmal über ein ‘Was ist die Ethnologie?’ Gedanken machend die Grundzüge des Ethnologons weiter in Worte abzupacken, um sich ein genaueres Verständnis darüber erschreiben zu versuchen, was für ein Potential da eigentlich aufquellend zu Ethnologien gerinnt: Was ist der Einheit-stiftend gemeinsame Kraftkern, der die Ethnologie mit all seinen Strömungen gegen andere wissenschaftliche Disziplinen wie etwa Philosophie, Physik oder Soziologie abgrenzt? Anders gefragt: Was ist die miteinander verbindende und Strömungen, Traditionen und Denkschulen übergreifende, gemeinsame Essenz der ethnologischen Perspektive ~ kurz ~ wie tickt das Ethnologon eigentlich? ~ diese Frage soll nun etwas gründlicher beleuchtet werden, damit anschließend das ‘Warum Ethnologie’ nachvollziehbarer angepeilt werden kann.

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3°~:: Wie tickt nun das Ethnologon? Ganz klar, es tickt emisch; eine Emischheit, die sich niederschlägt in der Aufforderung, einzutauchen in Lebenswelten, sie im langwierigen Zusammenleben mit Menschen persönlich zu erfahren, sie teilnehmend beobachtend aus sich selbst heraus erschließen zu versuchen, um dies anschließend via geschriebener (Re-)Konstruktionen ~ sogenannten Ethnographien ~ festzuhalten, und damit uns, nicht dort Gewesenen, ein kleines Gefühl dafür zu vermitteln, wie das Leben woanders, jenseits gewohnter Kontexte abläuft (wenn man es denn in Worte fassen müsste).
Beseelt von dieser Agenda beschäftigte sich das Ethnologon klassischerweise bevorzugt mit dem empirischen Erhellen des Lebens bei schriftlosen Gesellschaften in fernen Weltgegenden; mittlerweile hat es jedoch dazugelernt und erkannt, dass unbekannt Erforschenswertes nicht zwangsläufig mit Distanz zusammenhängt ~ Lebenswelten in Burschenschaftshäusern, an Theatern, in Investmentbanken oder von Obdachlosen, Straßenmusizierenden oder Politiker_innen können ebenso unbeleuchtet und damit erforschenswert sein wie indigenes Leben an den Oberläufen des Amazonas oder Handelsnetzwerke innerhalb eines polynesischen Inselarchipels. Immer mehr betrachtet es nun also auch Lebenswelten sozusagen vor der eigenen Haustüre als erkundenswert interessant.
Egal, ob in der Ferne oder Daheim, an einem Punkt lässt es nicht mit sich reden: mit seinem auf ‘teilnehmender Beobachtung’ pochendem, emisch kalibrierten Herz beharrt dieses Wesen nämlich kompromisslos darauf, sich wie auch immer geeichte Lebenswelten erst von innen heraus, also aus der Perspektive der jeweiligen Menschen erschließen zu versuchen, um danach abstrahierend und theoretisch verallgemeinernde Töne anzuschlagen: °°to learn how to think about a situation together with one’s informants; research catergories develop with the research, not before it°° (Tsing 2015: ix).
In den Adern des Ethnologon fließt demnach quasi alles durchdringend belebende Kraft, ein radikal emisch gepolter Puls, und nur aus dieser emisch pulsierenden Vitalität heraus kann es dann zum Beispiel anarchistische, funktionalistische, strukturalistische, kritisch-selbstreflexive, Ästhetik-zentrierte, Feminismus-inspirierte, existenziell-anthropologische, postkoloniale, anwendungsorientierte, marxistische, praxeologische oder dicht-beschreibend interpretierende Bewegungen vollziehen. Unterschiedlichste ethnologische Strömungen und Denkschulen sind so gesehen verschiedene Bewegungen eines einzigen Wesens, welches jedoch aufhört zu existieren, wenn das emisch gepolte Herz zu lange vernachlässigt und nicht mehr mit entsprechenden Impulsen genährt oder fit-haltend trainiert wird. Solange hier jedoch ein emisch pulsierendes Herz teilnehmende Beobachtungen durch die Adern pumpt, lebt das Ethnologon ~ ganz egal, ob es nun seiner Potentialität entsprechend zugleich bei Crack-Dealenden in Harlem, bei Pilzsammler_innen in Oregon, auf AAA-Panels, den Trobriandinseln, im Amazonasbecken oder in oberpfälzischen Schreinereien aufquellt ~ interessant-vielschichtig fremde Lebenswelten gibt es schließlich überall. Um hier jedoch sofort ehrlich zu sein, ist schnell hinzuzufügen, dass ich (wie lange Zeit zuvor auch das Ethnologon) das Interessante darin sah, was fern und ‘exotisch’ wirkt. Dass es überall interessant-erkundenswerte Lebenswelten gibt, wurde mir erst durch (m)ein Ethnologie-Studium bewusst (hier vor allem durch die obligatorische Lehrforschung im sechsten Semester). Davor, etwa während meiner Schreinerlehre nach dem Abitur, war dies noch völlig anders: Hier Zuhause, also in Deutschland, Ungarn oder Europa war mehr oder weniger immer schon alles klar und damit gähnend langweilig, erst woanders, in der Ferne wurde dann alles irgendwie spannend-interessant, da zog es mich hin: Dokus über mongolischen Kehlkopfgesang, westafrikanische Griots, Taxifahrer in Mumbai, Sufi-Schreine in Pakistan, Inuit-Iglus, Samuraischwert-Herstellung, das Leben von LKW-Fahrern auf Andenpässen, Nollywood, iranische Architektur, polynesische Tätowierungen, Baseball in den Straßen von Havanna oder über sibirische Schamanen wurden ehrfürchtig-staunend aufgesogen und beschäftigten mich tagelang, wenn es dagegen um niederbayrische Volksmusik, Hebammen in Kopenhagen, schwäbische Fachwerkhäuser, sizilianische Dorffeste, gotische Kathedralen, ungarische Hirten, Schottlands Clangesellschaften, Alpenhörner oder um baskische Tänze ging, wurde gelangweilt weitergezappt. Meine ursprüngliche Motivation für ein ethnologisch eingefärbtes Studium wäre demnach völlig zurecht als ziemlich exotistisch zu beschreiben. Im Laufe des Studiums wurde hier allerdings vieles geradegerückt, wofür ich auch sehr dankbar bin, da ich letztendlich dadurch geöffnet wurde für die Unfassbarkeit des gewohnten Alltags ~ und genau darum geht es in diesem:
Das Wuchern des Ethnolgons ist einerseits wissensvermittelnd theoretisch, andererseits wuchert es auch persönlichkeitsverändernd in das Leben hinein, sodass sich das Studium stark abstrahiert auf zwei miteinander verwobenen Ebenen abspielt: Auf einer theoretisch lernenden und auf einer persönlich verändernden. Im Hin- und Herspringen zwischen diesen beiden Ebenen soll nun das Ticken des Ethnologons in seiner ganzen Dimension (be-)greifbar gemacht werden. Indem universitär vermittelte theoretische Axiome als persönliche Aufforderungen erfahrbar gemacht werden sollen, wird versucht Lesenden das(Lebens-)Gefühl zu vermitteln, welches durch das Wuchern des Ethnologons in mir entstanden ist, da es in meinen Augen genau das ist, weshalb es lohnenswert ist, sich eben ethnologisch mit der Welt zu befassen und nicht anders.

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4°~:: Im antiken Griechenland wurde unter dem Leitsatz epimeleia heautou jedem Menschen die ‘Sorge um sich’ empfohlen (vgl. Foucault [2007] 2015: 74). Im Sinne eines °°Erkenne dich selbst!°° (ebd.: 123) ist darunter ein selbsterkennender Weg hin zu einer idealen °°Lebensform°° zu verstehen (ebd.: 126). Nach Platon ist dabei grundlegend, dass hierfür eine große Portion des bereits Gewohnten entledigend abgeschüttelt wird, dementsprechend ist °°Verlernen (de-discedere) […] eine ganz wichtige Aufgabe im Rahmen […] [dieser] Selbstbildung°° (ebd.: 127). Auch im Zen-Buddhismus geht es darum, sich persönlich von den gesellschaftlichen das-macht-man-halt-so Wahrheiten zu befreien, um neue Wege einschlagen zu lernen: °°Gerade die Zerstörung ist notwendig, wenn eine neue Ordnung der Dinge im Sinne der Zen-Erfahrung entstehen soll°° (Suzuki [1937] 1990: 146).
Im Einklang mit den obigen Aufforderungen des epimeleia heautou und denen des Zen-Buddhismus war ein abschüttelndes Verlernen wohl auch die entscheidende, auf jeden Fall aber die inspirierendste Würze meiner letzten zehn stark ethnologisch eingefärbten Bachelorsemester: Umherwirbelnde Taifune, die hier bestehende Muster mal aufbrechen, mal einstampfen; neue theoretische Reize und ethnographische Beschreibungen, welche alt-eingesessene Denkschneisen, tief-prägende Argumentationspfade und vielbefahrene Wahrnehmungsfurchen planierend zuschütten, sodass neue Betrachtungswege möglich werden.
Noch ganz gut kann ich mich beispielsweise an eine ethnologische Einführungsvorlesung erinnern, in welcher das Thema ‘Symbolismus’ abgehandelt wurde; zum ruhigen Verarbeiten der Gedanken aufwirbelnden Sätze, die in diesem Zusammenhang auf uns herabgeprasselt sind, musste ich mich damals nach der Stunde erstmal ins Tropenhaus der Universität Bayreuth setzen: Holztische zum Beispiel sind also erstmal als aneinander geschraubte oder miteinander verleimte Holzplatten, Bretter und Balken zu beschreiben. Nirgends auf dem Tisch steht, dass es ein Tisch ist ~ nur durch unsere Sinngebung liegt die Essenz dieser miteinander verbundenen Holzteile in ihrer Tischheit. Im Alltag auf einen Holztisch zeigend zu einem ‘Beschreiben Sie mir, was Sie sehen’ auffordernd, ist es allerdings sehr unwahrscheinlich hier nicht rasch die Antwort ‘Ich sehe einen Tisch’ zu erhalten ~ Warum eigentlich? Aufgrund unserer lebenslangen Sozialisation, durch unser Mitdasein innerhalb einer wie auch immer konditionierten Ganzheit, festigt sich in uns nämlich über alltägliche Interaktionen ein unbewusstes Reservoir an implizitem Wissen, welches uns reflexartig im Holztisch einen Holztisch erkennen lässt ~ ohne jedoch gleichzeitig zu sehen, dass es sich hier eigentlich nur um miteinander wie auch immer verbundenes Holz handelt, welches auch ganz anders wahrgenommen und genutzt werden kann. Das Ethnologon versucht eben genau an Punkten wie diesen die reflexartige Vorschnellheit normativer Folgerungen so gut es geht zu nullen, indem es dazu auffordert hier an sich arbeitend Anstrengungen zu unternehmen, um zu versuchen sich solcherlei normierende Reflexe abzutrainieren und sich über sie bewusst werdend zu lernen, sie dosiert den Umständen entsprechend einzusetzen (denn jenseits der Ethnologie erleichtern solcherlei Automatismen ja gehörig unser Alltagsleben. Das Verinnerlichen von solcherlei ethnologischen Aufforderungen bedeutet demnach einen ziemlich abenteuerlichen Spagat, bei welchem darauf zu achten ist, nicht vollständig gesellschaftsunfähig und einsam zu werden).
Auf die Tischplatte setzend können tischartig verbundene Holzhaufen also auch als Bänke benutzt werden, während man sich bei Regen oder zu viel Sonne, Schatten oder Trockenheit suchend auch unter sie verkriechen kann. Nachts eine Matratze, Isomatte oder ein Kissen ausbreitend lässt es sich auf Tischen aber auch gut schlafen! Potentiell ist mit einem Tisch also vieles anzustellen, dementsprechend ist darin auch sehr vieles zu sehen ~ und genau hier fängt Ethnologie an: °°Das Ergebnis ist die Anerkenntnis, daß ein Spaten ein Spaten und gleichzeitig kein Spaten ist°° (Suzuki 1990: 83). Ganz im Sinne dieses Zen-buddhistischen Leitsatzes lehrt auch das Ethnologon die Unumstößlichkeit von Bedeutungen zu überwinden, sie nicht mehr als in Stein gemeißelt natürlich anzusehen, sondern sich vom gewohnt althergebrachten emanzipierend zu befreien: Vergleichbar mit Zen-buddhistischen Ansätzen ist nämlich auch das Ethnologon davon überzeugt, dass wir aus der Gewohnheit heraus sozusagen °°Sklaven°° (ebd. 83) von alt-eingesessen stark normierenden Logiken und Bedeutungswelten sind, der Schlüssel für das Erreichen von neuen Betrachtungswinkeln liegt demnach darin, sich vom Gewohnten loszuketten, um über das Staunen und die Demut kultivierend in einem fragend-entdeckungsfreudigem Sein aufzugehen
Das Ethnologie Studium ging für mich also Hand in Hand mit dem Versuch, eigene Vorannahmen so gut es geht abwürgen zu lernen, damit der Blick frei wird dafür, zu erkennen was etwa Personen in einem Tisch sehen, die aus ihrem Alltag keine Tische kennen, denn dafür gilt es in demütiger Zurückgenommenheit das Mysterium ‘Tisch’ wieder zuzulassen und über ein Mitleben, Beobachten, Fragen und Unterhalten die emischen Perspektiven dieser Personen zu rekonstruieren zu versuchen ~ um zu beschreiben wie Andere das wahrnehmen, was für mich (mysteriöser Weise) nur ein Tisch sein kann.
Sich nun, wie für Ethnolog_innen üblich, jenseits gewohnter Zusammenhänge aufzuhalten, also in Kontexten in denen nur noch sehr wenig so selbstredend ist wie ein Tisch, bedeutet jedoch, dass sich die Situation dreht: Nicht, dass es in der Fremde keinerlei Selbstverständlichkeiten mehr gäbe ~ sie gibt es sehr wohl. Im Gegensatz zu dem Gewohnten, können Selbstverständlichkeiten hier jedoch völlig anders geeicht sein. Dann geht es also nicht mehr darum, sich vom Tisch zu entfremden um herauszufinden was er noch bzw. eigentlich ist, sondern darum, hier mit fremden Selbstverständlichkeiten vertraut zu werden. Und da im Sinne des Ethnologons dabei emische und niemals eigene Blickwinkel im Vordergrund stehen sollen, wird ein loslösendes Befreien von mitgebrachten Vorstellungen, Logiken und Bedeutungswelten nun zum unerlässlichen Imperativ: Eintauchen in anders gepolte Lebenswelten, um auf fremde Selbstverständlichkeiten aus einer Offenheit heraus voller staunender Fragezeichen zu blicken (statt sich hier durch wertend-abtakelnde (Vor-)Urteile selbst zu blenden), und damit das Andere emisch, sprich aus sich selbst heraus, erschließen zu versuchen: Warum haben etwa viele Männer auf Bali eine große Leidenschaft für Hahnenkämpfe? Wie laufen solche Kämpfe ab? Wie und wann gewinnt ein Hahn? Wann kämpfen Hähne bis zum Tod, wann wird der Kampf vorzeitig abgebrochen? Was hat es mit den messerscharfen Sporen an den Füßen der Kampfhähne auf sich und warum sollen sie nur bei Neumonden oder Mondfinsternissen geschliffen werden? Wer sind die Schiedsrichter? Wie bindend ist ihr Schiedsspruch? Wie werden Streits geregelt? Gibt es Fouls und was sind Beispiele dafür? An welchen Äußerlichkeiten sind starke von schwachen Kampfhähnen zu unterscheiden? Wie hängt dies wiederum zusammen mit den Wettquoten, die mit den lebhaften Wetten um den Hahnenkampfring herum zusammenhängen? Wie sind die Dynamiken der Wettbewegungen um einen Kampf herum zu erklären? Was bedeuten die unterschiedlichen Handzeichen mit denen Wettende und Wetten-anbietende Zuschauer kommunizieren? Wie entstehen während einem solchen Kampf die Wettquoten ~ wann und weshalb ändern sie sich? Wie werden Quoten angezeigt? Was hat es mit den zu beobachtenden Wettallianzen auf sich? Wie kommen sie zustande? Warum wettet ein Mann °°im Grunde nie gegen einen Hahn, der einem Mitglied seiner eigenen Verwandtschaftsgruppe gehört°° (Geertz: [1973] 1994: 237)? Und was passiert wenn er gegen solcherlei Erwartungen dann doch verstößt? Wie bindend ist dieses Ideal also? Gibt es in Fällen solch illoyalen Wettens familiäre Sanktionen? Wie hängen Erfolg beim Hahnenkampf und soziales Prestige in Dörfern zusammen? Was sind die dorfpolitischen Dimensionen eines Hahnenkampfs? Weshalb spielen örtliche °°Statusrivalitäten°° (ebd.: 237) bei Hahnenkämpfen eine Rolle? ~ und in wie fern ändern sich diese, wenn °°ein fremder Hahn°° aus einem anderen Dorf °°gegen einen Hahn aus dem eigenen Dorf kämpft°°? (ebd.: 238) Gibt es Hierarchien unter den Hahnenkampfteilnehmern? Worauf basieren sie? Was versteht man unter einem ‘tiefen’ Kampf ~ und wie wird bei Hahnenkämpfen betrogen ~  was passiert beim Auffliegen dabei?
Wie das Beispiel balinesischer Hahnenkämpfe exemplarisch verdeutlicht, schäumen bei einem ethnologischen Eintauchen in alltäglichste Phänomene ungeahnt viele ineinander vielschichtig verwobene Dimensionen auf, welche zuerst zu erschließen sind, um Phänomene wie etwa balinesische Hahnenkämpfe aus emischen Perspektiven heraus destilliert annährend in ihrer lokalen Selbstverständlichkeit ethnographisch beschreiben zu können. Sich das Was, Warum, Weshalb, Wie oder Wann solch fremder Selbstverständlichkeiten (die wie gesagt auch in bayrischen Bierzelten oder an Bushaltestellen in Berlin lauern) via teilnehmender Beobachtungen erschließen zu versuchen, dies ist die Essenz des emisch pochenden Ethnologon-Herzens.
In einem seiner zahlreichen Bücher beschreibt Galsan Tschinag die Karawane °°seines in den sechziger Jahren zwangsumgesiedelten Volkes zurück zu den Weideflächen und Jagdgebieten im Hohen Altai°°, wie sie sich durch die Steppen, Berge und Wüsten der Mongolei zieht (Tschinag (1997) 2003: Klappentext). Mit dieser Karawane zieht auch ein deutsches Filmteam, dessen Arbeitsweise von Tschinag wie folgt zusammengefasst wird: °°Das Team ist mit bestimmten Vorstellungen gekommen, und die Arbeit besteht nun in der Hauptsache daraus, dass Vorgedachte hier bestätigt zu finden, die Planaufgabe also zu erfüllen°° (ebd.:153) ~ und genau dem entgegengesetzt tickt das Ethnologon: Teilnehmende Beobachtung als Methode und Forderung, sich ins Lokale fallenzulassen, das Eigene loszulassen, und dem Anderen damit aus sich selbst heraus eine Chance zu geben und es nicht vorschnell im Eigenen zu ersticken.

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Indem dargestellt wurde, wie das Ethnologon tickt, wie und was unter seiner Emischheit zu verstehen ist, wurde bereits deutlich, dass sein Wuchern im Rahmen eines Ethnologiestudiums jenseits bloßen Hortens von theoretischem Wissen vor allem mit persönlichkeitsverändernden Aufforderungen einhergeht. Da dies meines Erachtens auch die eigentlich berichtenswerte Würze eines Ethnologie-Studiums darstellt, soll nun genau darauf weiter detailliert eingegangen werden. Was nun folgt ist dementsprechend ein persönlich gehaltener Rückblick über Höhen und Tiefen eines zehn semestrigen Ethnologie-Studiums, um so einen kleinen Einblick darüber zu gewähren, wie aufwühlend und nachhallend das Ethnologon bereits im Kontext einer stark ethnologisch eingefärbten Bachelorstudienzeit im Leben wuchern kann. Ziel ist, das durchdringende Wuchern des Ethnologons (so gut es geht) über ein Lebensgefühl zu beschreiben, um damit das titelgebende ‘Warum’ des Blogs nicht ausschließlich abstrakt-theoretisch zu beantworten. Dabei würde nämlich genau das Ergreifende wegfallen, was das Ethnologiestudium zu einem schwindelerregenden, aufwirbelnden und enorm bereichernden Lebensabschnitt macht ~ kurz, zu einer tiefgreifenden Erfahrung, zu einem Erlebnis, in dessen Rahmen man sehr viele interessante Menschen trifft. …Und was macht man mal damit? Einen Master in Ethnologie dranhängen.
Lesenden, die nun nicht in diese persönlichen, vielleicht auch etwas unstrukturierten Beschreibungen eintauchen möchten, sei an dieser Stelle gesagt, dass sie jetzt großzügig hinunterscrollen können bis zu dem Absatz, welchem ein {8°~::} vorangestellt ist (und von dort aus weiterlesend ist es auch nicht mehr weit bis zum Schluss, dieser ist bei {12°~::}).

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5°~:: Zweierlei wurde mir quasi von Beginn an ziemlich regelmäßig und konsequent durch die ethnologisch gepolte Auseinandersetzung mit der Welt vorgeführt: Erstens, wie sehr ich unbewusst dazu neige, durch meine eigene Normbrille hindurch deutend und urteilend zu sehen (und wie schwierig es ist, sich hier gegenteilige Reflexe anzuerziehen), zweitens, wie sehr ich damit dann auch noch oft und grandios daneben liege. Rasch lernte ich dementsprechend, dass ‘logische Kohärenz’ nicht der einzige Maßstab für die Richtigkeit von Folgerungen und Interpretationen ist, da Beschreibungen trotz einleuchtendster logischer Stimmigkeiten noch immer falsch (im Sinne von ethnozentrisch) sein können, zum Beispiel wenn angenommene Kausalitäten zu sehr auf eigenen Annahmen basieren. Die Herausforderung ist hier also, zuerst anders geeichte Deutungs- und Urteilsparameter nachzuvollziehen, um sich erst anschließend aus ihnen heraus Logiken herleiten zu versuchen. Kurz, es geht darum, den Kontext erstmal zuzulassen, für diesen gilt es ein Gespür zu bekommen, dieser ist zu beschreiben, um anschließend aus Kontext innewohnenden Logiken heraus Folgerungsversuche anzupeilen.
‘Sich erstmal auf den Zusammenhang in staunender Offenheit einlassen, dann versuchen zu reden!’ ~ Das Ethnologiestudium ist ein hartnäckig wiederkehrendes Hinunterstoßen von einer hohen, vermeintlich alles überblickenden und (ver-)urteilend allwissenden Arroganz-Kanzel, mitten hinein in unterschiedlichste, erstmal nachzuvollziehende Welten.
Allerdings geht diese einher mit Lektionen, die persönlich sehr aufwühlend harte Prozesse lostreten. Zumindest war dies bei mir der Fall und mein Ethnologie Studium zur Welle mit einer ziemlich schmerzhaft desillusionierenden Talsohle machte. Rückblickend waren es nicht so sehr Prüfungen, Hausarbeiten und irgendwelche Abgabefristen, die mich umtrieben, sondern die Zersplitterung eines Weltbildes und das Aufstehen nach diesem Hinfallen.
Wie etwa bei einer Linse mit zwei Brennpunkten geht dieser emisch blinzelnde Blick des Ethnologons im Sinne einer °°bifocality°° (Fischer 1986: 199) nämlich auch damit einher, dass dieses Öffnen fürs Andere abfärbt auf das Gewohnte. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichst gepolten Lebenswelten lehrte mich, dass selbst die grundlegendsten Selbstverständlichkeiten des Eigenen global gesehen eigentlich gar keine sind: Zusammenlebensweisen, Elternschaft, Geschlechterrollen, gesellschaftliche Ideale, Vorlieben, Werte, Eltern-Kind-Beziehungen oder religiöse Überzeugungen können auf der Welt zum Beispiel so unterschiedlich geeicht sein, dass (für uns) selbstredende Grundpfeiler wie ‘Monogamie’, ‘Familie’, ‘Schaffe-Schaffe-Häusle-Baue’, ‘Liebe’, ‘Natur’ oder ‘Geld’ in ihrer vermeintlich universalen Selbstverständlichkeit beinahe zu kurios willkürlichen Konzepten zerbröseln (oder verglichen mit dem Gewohnten völlig andere Bedeutungen annehmen können).
(Vermeintlich) natürlichste Grundpfeiler wie etwa das, was wir uns unter einem ‘Individuum’ oder einer ‘Person’ vorstellen, können nicht als Kulturen übergreifende gemeinsame Nenner vorausgesetzt werden: Wie etwa unsere westliche Gesetzgebung zeigt, gehen wir davon aus, dass jeder Mensch einen Art individuellen Kern hat, ein Kontext unabhängiges Selbst, dass er/sie/es eine sogenannte Person ist. Auf dieser Grundlage kann dann auch plausibel etwa von ‘persönlichem Besitz’ gesprochen werden oder von ‘Persönlichkeitsrechten’, die zugestanden aber auch wieder entzogen werden können. Die Ethnologin Marylin Strathern wendet dagegen ein, dass Menschen in Melanesien hier von einem radikal abweichenden Menschenbild ausgehen, welches sie unter dem Konzept ‘partible/multiple Person’ zu fassen versucht: Für uns hängt das Menschsein mit einer einzigartig machenden Seele, Geist oder mit einem wie auch immer zu beschreibenden einzigartig machendem Persönlichkeitskern zusammen ~ Mensch = Person. In Melanesien dagegen wird laut Strathern die ‘Identität’, das indentitätsstiftende Selbst eines Menschen jedoch zu etwas Situativem; jenseits von Situationen keinerlei grundlegende, individualisierende, situationsunabhängige Persönlichkeit, keine innere Essenz; ich bin nicht eine Person, sondern immer eine andere Person ~ Mensch = Personen ~ °° People have all sorts of identities°° (Graeber 2001: 39). °°Melanesians, according to Strathern, either do not recognize such a unique core, or if they do, do not attach much importance to it. Therefore they assume that we are, before we are anything else, what we are perceived to be by others°° (ebd.). Ein solches Menschenbild macht es dann zum Beispiel schwierig, von persönlichen Besitztum zu sprechen, wenn es keine situationsunabhängigen Individuen gibt ~ °°they do not see objects as having been produced by individuals. They see them as the outcome of relationships°° (ebd.).
Über ethnologische Betrachtungsversuche unterschiedlichster Lebenswelten verschwimmen also eigene Natürlichkeiten (etwa in der Fülle von Weltsichten) zu Ausnahmen und Kuriositäten. Bei mir ging dies so weit, dass sie plötzlich fremdartig wurden ~ ‘komische Bräuche, Lebensweisen, Ansichten und Traditionen pflegen wir da eigentlich’, und diese Verfremdung des Eigenen mündete in einer lähmenden persönlichen Krise: Das Eigene verkümmerte. Was für mich bis dahin die Wahrheiten gepachtet und vertraute Welt war, wurde in der Fülle unterschiedlichster Zusammenlebensweisen zu einem Potential unter vielen möglichen ~ und dies schlug damals in mein Leben ein, wie Steine in Fensterscheiben: Alt-eingesessene Wahrheiten zersplitterten völlig und der nun leere Fensterrahmen wurde durch hartnäckig aufwühlende Fragen ersetzt: Woran kann ich eigentlich noch glauben? Was ist im Licht der überwältigenden Fülle an gesellschaftlich-kulturellen Wahrheiten eigentlich noch ‘die Wahrheit’, auf welche ich mich selbst guten Gewissens stützen kann? ‘Einfach nur ganz fest an die Wissenschaft als neutrale Wahrheitsinstanz klammern’ ist man hier geneigt zu antworten, aber auch die Vorstellung von ‘Neutralität’ zerfließt durch das aufrüttelnde Ethnologon zu einem kuriosen kulturellen Ideal, sodass ich selbst den vermeintlichen Ausweg, die wissenschaftlich neutrale Erkenntnis als eine für alle Menschen universal gültige Wahrheit, durch das wuchernde Ethnologon mit Trümmern zugeschüttet vorfand: Auch vermeintlich wertfreie wissenschaftliche Wahrheiten sind schon immer implizit durchtränkt von unbewusst normativen Vorannahmen; in ihnen schlummert also auch schon Kultur ~ unmöglich, dass dies nicht so ist ~ alleine deshalb, weil wissenschaftliche Erkenntnisse für gewöhnlich in verbale Sprache gegossen wird. Da jedoch °°niemand eine Sprache [kennt], in der er unabhängig von der Sprache über das Gegebene sprechen könnte°°, bietet uns °°[j]ede Beschreibung der Sache […] nichts anderes als eine Gegebenheit, die im Verhältnis zu der benutzten Sprache steht. Die Sache flieht [somit] auf der unendlichen Asymptote des Gesagten°° (Serres (1985) 1993:).
Neutrale sozusagen kulturfrei-universalgültige Wahrheiten kann es per Definition also gar nicht geben, denn sobald wir Bestimmtes verbal Ausdrücken (und sei es nur als Frage formuliert) setzen wir damit bereits etwas in Verhältnis zu Wörtern und Begrifflichkeiten, erzeugen somit stets schon einen Bezug zu spezifisch kulturell eingefärbten Bedeutungswelten: Die wirklich ‘richtige Wahrheit’ im Sinne eines allgemeingültigen neutral von-der-Welt-losgelösten Betrachtungspostens ist somit verwelkt durch die Sensibilisierung für in-der-Welt-Positionalitäten, aus welchen heraus bereits gesprochen wird, sobald Wörter in den Mund genommen bzw. zu Blatt gebracht werden (die Sensibilisierung dafür, dass Forschende schon immer Teil vom Forschungsfeld selbst sind, und es damit auch mitbeeinflussen ~ dass allein schon die Tatsache des Beobachtens den untersuchten Kontext verändert ~ solcherlei Einwände verstärkten zu dieser Zeit nur noch die Lawine der einstürzenden Wahrheiten, was ein darunter Hervorkriechen nicht vereinfachte).
Nicht nur meine persönliche Krise, sondern auch eine fachinterne Krise speist sich jedoch aus solcherlei Einsichten: Bereits um die 1980er und 90er Jahre he