Wir müssen denken. Nicht Kultur- und Sozialanthropologie machen.

In den frühen Tagen der Pandemie nahm ich an der virtuellen Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung Critical Zones: Horizonte einer neuen Erdpolitik des ZKMs in Karlsruhe teil. Ein Moment aus der Dokumentation ist mir seitdem in Erinnerung geblieben: Eine kurze Bemerkung Donna Haraways über Denken und Disziplinen. Und in Hinblick auf die Herbstakademie „Fieldwork meets Crisis“ scheint sie mir von Bedeutung.

Bild 1: Teilnahme von Zuhause: Die Eröffnung von Critical Horizons, vom Bett aus gesehen. Copyright: Julian Schmischke.

Auf dem Gästebett meiner Kölner Wohngemeinschaft liegend folgte ich erst der Dokumentation Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival und dann der anschließenden Diskussion zwischen Donna Haraway, Bruno Latour und Peter Weibel. Die Dokumentation zeigt unter Zuhilfenahme verschiedener Erzählweisen Facetten von Haraways Leben und Arbeit. Ein wesentlicher Teil des Films besteht aus mitgefilmten Gesprächen zwischen Haraway und dem Filmemacher.

An ihrem Schreibtisch sitzend spricht Haraway über Science-Fiction Literatur und deren Einfluss auf ihr Denken und ihre Arbeit:

 

 

„Thinking is what we need to do. Not the discipline of philosophy, or political economy, or biology, or literature, or, or, or, or. The disciplines will take care of themselves, without my help. It’s not like everything that happens in the disciplines is bad, far from it. But, thinking is what we are about. And thinking is a materialist practice with other thinkers. And some of the best thinking is done as storytelling“ (Terranova 2017, 36:25).

Problemlos könnte hier Kultur- und Sozialanthropologie in die Aufzählung der Fachdisziplinen aufgenommen werden. Die Disziplinen werden sich schon um sich selbst kümmern. Ohne dass dazu viel getan werden muss. Für uns als Fachgemeinschaft heißt das: Wir müssen Denken. Nicht Kultur- und Sozialanthropologie machen.

Bild 2: Donna Haraway stellt eine Zapatista Puppe als Mit-Denker:in vor. Copyright: Julian Schmischke.

Wie ich sie verstehe, betont Haraway hier, dass Diskussionen um die Zukunft von Forschungsdisziplinen und die Sorge um den Kern eines Faches niemals vor dem Nachdenken über den ‚Forschungsgegenstand‘ und mit anderen Menschen kommen sollten. Aber genau das ist einer der Leitgedanken dieser Herbstakademie, oder nicht?

Haraways Bemerkung erzeugt Resonanz in mir, weil mir ab und an die Nabelschau über das Wesen und den Kern der Disziplin Kultur- und Sozialanthropologie doch lästig werden. Haben wir als Fachgemeinschaft denn nicht besseres zu tun? Gibt es nicht eine Welt voller Leben da draußen der wir uns eher zuwenden sollten?

Haraways Gedanke trifft die Kultur- und Sozialanthropologie hart, zeichnet sich die Disziplin doch durch stetige Selbstreflexion aus. Diese Selbstreflexion nimmt in unserer akademischen Arbeit viel Raum ein. Im Studium vermitteln wir Studierenden, dass Nachdenken über das Fach einen wesentlichen Teil der Disziplin ausmacht. Wir verfertigen wir diese Praxis einem gewissen Stolz und empfinden sie als essentielle Komponente unsere besondere Klangfarbe im Orchester der wissenschaftlichen Disziplinen.

Es wurde schon viel darüber nachgedacht was es bedeutet Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben und ebenso auch darüber was anthropologisches Denken auszeichnen mag. Um genau zu sein müsste man wohl sagen, dass diese Frage von uns allen irgendwann beantwortet werden muss wenn wir uns als Teil der Community verstehen wollen.

Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben meint ja eigentlich vor allem irgendwann einmal eine Feldforschung zu bestreiten. Davor braucht es etwas Vorbereitung, danach wird aufgeschrieben und es soll ein Buch entstehen. Im Feld bewegen wir uns im Modus der teilnehmenden Beobachtung unter Menschen und versuchen uns jeden Tag ein bisschen mehr in ihrer Lebenswelt einzufinden und zu orientieren.

In Bezug auf ethnologisches Denken scheint eine gewisse Übereinkunft zu bestehen, dass ‚ethnologisches Wissen‘ immer ko-produziert wird. Denken passiert für uns im Austausch mit Menschen, mit denen wir uns entschlossen haben zusammen zu arbeiten und von denen wir lernen möchten. Insofern ist Denken im Sinne der Kultur- und Sozialanthropologie kein kognitiver Prozess, sondern ein materialistischer, interaktiver Prozess mit anderen Denker:innen.

Bild 3: Temporary Technical Trouble: Im ZKM und auch in der Kultur- und Sozialanthropologie? Copyright: Julian Schmischke.

Die Grundlage der Kultur- und Sozialanthropologie und ihrer Wissensproduktion ist die Feldforschung im Modus der teilnehmenden Beobachtung. Für Forscher:innen ist damit die Grundvoraussetzung für eine ‚klassische‘ Feldforschung die Möglichkeit zur Mobilität und damit zur dichten Teilnahme am Leben von Menschen in physischer Ko-Präsenz. In dieser pandemischen Situation ist nun vielen von uns in gewisser Weise die Grundlage für die Möglichkeit zu denken entzogen worden. Wir können uns nicht mehr an die Orte begeben, die wir uns ausgesucht haben, um die Begegnungen zu haben die unser Denken voranbringen.

Wenn wir Haraway folgend nicht Kultur- und Sozialanthropologie betreiben wollen, sondern denken wollen, zusammen mit anderen Menschen, von denen wir lernen möchten, dann könnte ja eigentlich festgehalten werden, dass wir gut aufstellt sind mit der pandemischen Situation umzugehen. Vielleicht sind wir nicht so sehr darauf angewiesen in einem Feld zu sein, um Kultur- und Sozialanthropologie zu betreiben, sondern müssen vielmehr weiterhin versuchen Wege zu finden mit Menschen zu denken und von ihnen zu lernen.

Die Frage danach wo dieses ‚Feld‘ für die Forschung eigentlich liegt, wo, oder wann, es endet, ob es sinnvoll oder angemessen ist davon zu sprechen, sind im Fachdiskurs (aber auch darüber hinaus) immer wieder problematisiert worden. Nun scheint diese Frage eine neue Dringlichkeit zu bekommen. Sie scheint gar von Grund auf neu gestellt werden zu müssen. Oder wir nutzen die Gelegenheit und lassen die Metapher des Feldes, das beforscht werden muss, einfach hinter uns.

Tim Ingold schrieb kürzlich: „anthropology will always be a discipline-in-the-making: it can be no more finished than the social life with which it is concerned“ (Ingold 2018). In Zeiten, in denen wir darauf angewiesen sind Begegnungen von Angesicht zu Angesicht zu reduzieren, oder zumindest stark zu regulieren und stetigen Risikoabwägungen zu unterziehen, drängen sich durch digitale Medien gefilterte Begegnungen als Ausweg auf. Sie würden eigentlich einen Raum bieten, in dem wir weiterhin mit Menschen denken können.

Aber an dieser Stelle spüre ich Widerstand in mir. Physische Ko-Präsenz ist mir beim Denken wichtig und die Situationen, in denen dieses gemeinsame Denken passiert beeinflussen den Prozess. Die Aussicht mich im weiteren Verlauf meines Projektes auf digital mediiertes Denken verlassen zu müssen erfüllt mich mit Unbehagen.

Begeben wir uns alle auf diesen Weg, so scheint es mir, wird uns an dessen Ende eine ‚Anthrodigitalogie‘ erwarten: Eine Kultur- und Sozialanthropologie die gemeinsames Denken nur gefiltert durch digitale Medien verfertigt und deren Methodenkanon sich vollständig aus der digital anthropology herleitet. Dieser Gedanke erschreckt mich. Die Vorstellung, dass die Mehrheit unserer Arbeiten in näherer Zukunft von den Denkrahmen bestimmt werden könnte den Facebook, Whatsapp und Zoom uns bieten ist überaus gruselig.

Insofern sollte der Gegenstand unserer Diskussionen im Rahmen der Herbstakademie vielleicht weniger sein wie die pandemische Situation oder die Digitalisierung die Kultur- und Sozialanthropologie verändert. Vielmehr könnten wir gemeinsam darüber nachdenken wie wir als Fachgemeinschaft in Zukunft denken möchten. Also wie wir unsere Forschungsarbeit in enger Zusammenarbeit mit Menschen betreiben wollen, die den ethischen Ansprüchen der geteilten globalen Gegenwart gerecht wird.

Dieser Beitrag wurde am 12. Oktober 2020 verfasst.

 

Julian Schmischke ist early-stage researcher an der a.r.t.e.s. Graduiertenschule für die Geisteswissenschaften und Doktorand am Institut für Ethnologie an der Universität zu Köln. Er promoviert zur Transformation journalistischer Praktiken und neuen Öffentlichkeiten in der globalen Gegenwart. Die Promotionsforschung wird von den Marie-Skłodowska-Curie-Actions (MSCA) der Europäischen Union gefördert. Von November 2019 bis März 2020 unternahm er Feldforschung in Accra, Ghana bevor er aufgrund der Covid-19 Pandemie nach Deutschland zurückkehrte.

E-Mail: julian.schmischke[at]uni-koeln.de


References

Ingold, Tim (2018): Anthropology: Why it matters. Cambridge: Polity Press.

Terranova, Fabrizio (2017): Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival. [Dokumentation, 81 Minuten]. New York: Icarus Films.