23/02/21

Geburtstagsgrüße

Lieber Herr Schüttpelz,

den heutigen Tag, den Sie hoffentlich mit viel Freude begehen/begangen haben, möchte ich als Gelegenheit nutzen, einige persönliche Worte an Sie zu richten, die ich zu gern längst gesagt hätte (die Umstände ließen es nicht zu, ich denke, es ist heute ein sehr guter Anlass, es zu tun). Andere Sorten von Texten werden Sie heute sicher zur Genüge gelesen haben, ich hoffe, ein solcher wird Sie auch erfreuen.

Dazu muss ich etwas weiter ausholen, ich hoffe, dass Sie den Grund verstehen werden, zumindest zum Ende hin (Sie können auch direkt den Schluss erst lesen):

Meine gymnasiale Zeit war geprägt von einer Form der Erfahrung, die ich keinem Kind und keiner Jugendlichen wünsche. Ich war eine von drei Kindern aus dem Dortmunder Bezirk „Eving“, die in dieselbe Klasse mit den Kindern aus Brechten kamen – einem Bezirk, in dem damals fast keine sog. „Ausländerfamilie“ lebte. Unsere Eltern waren derzeit noch keine „Migranten“ und wir noch komplett ohne „Migrationshintergrund“.

Die Schule war der Vielfalt gegenüber keineswegs abgeneigt, aber sie war auch nicht unbedingt diversitätssensibel: Weil sie sich nah am Stadtzentrum befand, wurden dort auch sog. „Nordstadtkinder“ aus der Nähe eingeschult, von denen die meisten aus Bildungsschwachen und/oder Migrantenfamilien stammen (Marokko, Tunesien, Türkei, Albanien, Polen, Russland) – alle sorgsam homogen in die anderen Klassen verpackt. Evinger „Schwarzköpfe“, als solche galten wir, von denen es zur damaligen Zeit nur wenige auf der Schule gab, streute man in die Brechtener-Klassen – wie Rosinen in einen Apfelkuchen, eigentlich wie kleine Fische unter die großen.

Dass das eher einen Zerfleischungseffekt haben würde, war weder mir noch meinen Eltern bewusst, und zwar deswegen nicht, weil wir solche Mechanismen nicht kannten. Wir hatten zwar von einer Diskriminierungserfahrung eines muslimischen Mädchens mit Kopfbedeckung auf einem anderen Gymnasium erfahren, weshalb meine Eltern sich gegen diese entschieden hatten; diese Diskriminierung ging aber wohl von der Lehrerin aus. Dass es (rassistisch motiviertes) Mobbing in der Schülerschaft gab und wie so etwas aussah, war meinen Eltern genauso fremd wie ihnen viele deutsche Begriffe im Alltag fremd waren.

Was die damaligen Brechtener auszeichnete (das soll sich heute geändert haben), war, dass sie sich ziemlich schnell zu einer hasserfüllten Gruppe verbündeten. Dieser Hass manifestierte sich in Form von systematischen Pöbeleien, Belustigungen, Auslachen, Hänseleien, grenzüberschreitenden Scherzen, Beleidigungen und Erniedrigungen. Ich war eine von acht Mädchen (alle wurden in unterschiedlicher Ausprägung gemobbt), eine von vier muslimischen „Schwarzköpfen“ und letztlich die einzige MUSLIMA in der 30-köpfigen Klasse. Dann gehörte ich auch noch unverschämter Weise zu den Besten (in der 8. Klasse war ich Klassenzweitbeste) und wies damit alle Merkmale auf (weiblich, migrantisch, muslimisch, erfolgreich), die einen dafür prädestinierten, in solch einer Klasse unter anderen zur Zielscheibe gemacht zu werden. „Intersektional“ heißt das Phänomen wohl – es ist so schön, Dinge benennen zu können. Vor allem haben Rassismus- oder Diskriminierungserfahrungen dann ein Akzeptanzsiegel, man muss sich nicht länger für sein Unwohlgefühl rechtfertigen. Das Problem war nur, ich kannte diese Gefühle und die Kategorien, die sie bezeichnen, damals nicht.

Die Hasser waren eigentlich in der Unterzahl, aber sie schafften es, die anderen zu verängstigen und auf ihre Seite zu ziehen. So brauchte man natürlich keine Angst zu haben, selber diskriminiert zu werden; oder aber, es war einfach nur cool, dazu zu gehören. Anfangs waren es Sätze, die ich kaum einzuordnen in der Lage war, weil mir der geschichtliche Hintergrund für ihre Bosheit nicht bekannt war. Ich habe mich einfach nur extrem falsch gefühlt. Rückblickend ist mir klar, dass es sich in den 5./.6. Klassen noch um die vorurteilsbehafteten Einstellungen und Stigmatisierungen der Eltern dieser Kinder handeln musste, die sie in die Klasse trugen und damit die gesamte Atmosphäre vergifteten. Je älter sie dann wurden, nahm das ganze nunmehr andere Züge an: Dank der Ignoranz und Bequemlichkeit der Lehrer:innen, die vermutlich absolut überfordert waren und sich den Ärger mit den Eltern dieser Kinder ersparen wollten, hatten wir endlich eine hasserfüllte Neonazi-Klasse, die unheimlich schwer zu ertragen war. Beispielsweise wurde auf einer Klassenfahrt bei der Wanderung laut Märsche der Hitlerjugend gesungen. Die Lehrer belächelten dies nur, viel lieber schauten sie darauf, wie wir reagieren. Da wir (mit „wir“ sind alle gemeint, die nicht mitmachten) nicht recht wussten, was da passierte, blieb das einfach so stehen. Ich hätte die Klasse wechseln können, oder die Schule, ich entschied mich aber zu bleiben, denn dass jemand geht, war sicher genau das, was sie wollten. Auch wollte ich meine Eltern nicht unnötig belasten, letztlich würden sie sich nur hilflos fühlen. Ich ließ mich nicht einschüchtern, erhob meine Stimme, wo es nur ging, hörte über alle blöden Kommentare hinweg und versuchte, sie an mir abprallen zu lassen; ich schrieb sogar die beste Grammatikarbeit in Deutsch und machte ein gutes Abitur. (In meiner wissenschaftlichen Facharbeit zum „Kaukasischen Kreidekreis“ von Brecht erhielt ich sogar als eine von Zweien 15 Punkte – die beste Note, die man bekommen konnte, die die aber kaum vergeben wurde. Eine Brechtenerin war damit nicht einverstanden). In der Oberstufe hatte sich die Gruppe zumindest in dieser toxischen Form endlich aufgelöst, weil es keine Klassen mehr gab: Einige waren sitzen geblieben und die anderen trauten sich nicht mehr, weiter zu machen, denn die damaligen Schüler:innen aus der Nordstadt (das soll heute auch anders sein) hatten einen Ausgleich geschaffen.

Neben all diesen Schwierigkeit hatte ich glücklicherweise einige Lehrer:innen gehabt, die mir ein ganz anderes Bild zeichneten, eines, das von Wertschätzung geprägt war. Sie hatten ein wahres Interesse an meinem Erfolg und die Freilegung meiner Potentiale gehabt, was mir Kraft in der Dunkelheit gegeben hatte. Dennoch hatte leider den Lehrer:innen grundsätzlich ein Auge für die Mechanismen gefehlt, die sich in der Klasse ganz konkret abgespielt hatten (die Neigung zum Wegsehen war vermutlich auch den Frustrationen geschuldet gewesen, die aus der manchmal nicht einfachen Arbeit mit Kindern/Jugendlichen aus anderen Kulturkreisen entstanden war, zu denen man keinen Zugang gefunden hatte). Doch es waren eben nicht einfach nur typische Jugendphänomene gewesen (Mobbing sollte ohnehin nicht als solches relativiert werden), sondern es war rassistische Diskriminierung, was da passiert war.

Das Thema „Identität“, was für uns anders verwurzelte Deutsche immer ein Thema bleiben wird, gewann in dieser Zeit für mich stärker an Bedeutung. Es gibt nur drei Wege, die man in diesem Alter einschlagen kann, Tendenzen, die ich alle beobachtet habe: 1) Entweder man verschließt sich komplett und ist selbst von Wut und Hass erfüllt, 2. Man passt sich komplett an und macht mit, 3. Man grenzt sich innerlich ab, versucht sich selbst nicht zu verlieren. Zum Glück hatte ich ein entsprechendes (muslimisches) Umfeld, in der ich mich aufgefangen und wohl fühlte; ich war überzeugt, dass es einen Weg geben musste, trotz allem, was ich erlebt hatte und was nicht gut lief, Gutes zu bewirken. Ich gab Nachhilfeunterrichten an Kindern aus allen Kulturkreisen (auch Brechtenerkindern, die aber super lieb waren) und schöpfte Kraft aus dem Musizieren und aus meiner Jugendarbeit. Das war der Beginn meiner Rolle als „Brückenbauerin“, die ich irgendwann eingenommen hatte ­– immer versuchte ich alle Seiten miteinander zu versöhnen.

Mein Weg nach Siegen war frei, aber ich trug all diese Erfahrungen mit im Gepäck. Auch wenn ich wieder ziemlich allein war mit meinem „Hintergrund“, gab es solche Mechanismen an der Uni glücklicherweise nicht; auch die Dozenten begegneten mir in einer sehr menschlichen und wohlwollenden Art. Nur merkte ich wie nie zuvor, dass die abwertenden Erfahrungen an der Schule an meinem Selbstbild gezerrt hatten. Als ich erfuhr, dass ich eines der besten Ergebnisse unter den Erstsemestern in einer Hausarbeit bekommen hatte, konnte ich das kaum glauben. Und als ich das Angebot erhielt, bei Ihnen zu arbeiten, genauso. Immer überwog eine innere Überzeugung aus dem „Gepäck“, dass mir das nicht zustünde. Dank der Bestärkung der Menschen, die an mich glaubten, habe ich die Stelle angenommen. Zum Glück! Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag, als wir uns an der Uni kennengelernt hatten. Jede Arbeitsbesprechung oder Sprechstunde bereitete mir große Sorgen, aber aus jeder ging ich immer nur zufrieden und gestärkt wieder raus.

Nicht selten war es schwer, den Optimismus und die Ambition einer „Brückenbauerin“ aufrechtzuerhalten. Die Erfahrung in der Schule war eine sehr intensive, und sie hat mich lange geprägt. Vermutlich prägt sie mich heute noch latent, denn sie macht mich sehr wachsam, wenn es um Diskriminierung, Rassismus, jede Form von Menschenfeindlichkeit geht, inzwischen leider auch dem verstärkten Extremismus geht. Umso mehr war ich sehr erfreut, als ich von Ihren Stellungsnahmen und Artikeln zum Vorfall an der Universität Siegen erfahren hatte. Ich wünsche mir sehr, dass eine solche offene Einstellung und Lesart in der Wissenschaft und in weiten Teilen der Gesellschaft dominieren.

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Es gibt sicherlich noch viel zu sagen, aber warum ich überhaupt so weit ausholen musste?

Sie sind sich sicher kaum dessen bewusst, was Sie an Gutem in mir bewirkt haben. An Ihnen habe ich leibhaftig gesehen, dass einfach nur das „Gutsein“ das beste Wissen und die Lehre ist, die man einem Menschen vermitteln kann (ich habe sehr viele Bespiele dafür). „Hâl dili“ sagen wir im Türkischen, d.h. die „Sprache des bloßen Seins und Tuns“.  Ich weiß nicht, wie Sie es schaffen, alle Hierarchiestufen zu durchbrechen und jeder/jedem in ihrer Gegenwart das Gefühl zu geben, dass Sie sie wertschätzen. Für all das, was ich von Ihnen gelernt habe, allein durch die manchmal neugierige stille Arbeit an Ihrer bestellten Literatur im Siegener Büro, bedanke ich mich vielmals, auch für alle Ideen und Gedanken und für den Einblick in Ihre Wissens- und Arbeitswelt, die mir neue Perspektiven eröffnet haben. Ich danke für viele unzählige Dinge, klein und groß, die mich aus dem Austausch mit Ihnen prägen, letztlich für alles, was Sie für mich getan haben. Allen, die von Diskriminierung und Rassismus, von den bösen „Weißen“ sprechen (sicher nicht zu Unrecht), nenne ich mit großer Freude unter anderen Sie als Beispiel für solche in der sog. „Dominanzgesellschaft“, die mir den Rücken gestärkt, an mich geglaubt und mich unterstütz haben. Sie stehen da ganz weit vorn. Mit Ihnen ist eine tiefsitzende Annahme, die seine Gründe hatte (daher die ausführliche Darstellung oben), ins Wanken gekommen. Wenn ich sage „Prof’um“, was so viel heißt wie „mein Prof“, dann weiß jeder in meinem Umfeld, es geht um Erhard Schüttpelz. Diese Bezeichnung steht also allein Ihnen zu.

Es ist für mich eines der größten Geschenke, dass sich unsere Wege in Siegen gekreuzt haben. (Dafür danke ich erst Allah und dann dem lieben Marcus Hahn! J).

Damit gratuliere ich Ihnen nun ganz herzlich zum 60. Geburtstag und wünsche Ihnen viel Gesundheit, Freude und alles erdenklich Gute im weiteren Leben!

Inschallah bleiben Sie uns lange gesund, wir brauchen Ihre Erfahrungen, ihr Wissen, Ihren beispiellosen Enthusiasmus für unbeackerte Felder der (Medien-)Forschung, wir brauchen Sie als genialen Denker, Schreiber, Wissenschaftshistoriker, Medientheoretiker, …, Prof’um und natürlich als Mensch!

Ganz herzliche Grüße

Rukiye Canlı