„…unsere Gesellschaft den veränderten Verhältnissen anzupassen…“

Nicht nur gegen, sondern auch für eine Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde wurde fachhistorisch argumentiert. Ein neuer Name für die Gesellschaft sollte als ein Zeichen der Distanzierung zur eigenen Disziplingeschichte verstanden werden, da etwa „die Völkerkunde einen nicht unerheblichen Anteil an der wissenschaftlichen Produktion und Legitimierung von Rassen-Theorien“ gehabt habe.[i] Im Gegenzug dazu beinhaltete die Kritik an der Namensänderung wiederholt den Vorwurf, es handele sich bei denjenigen, die eine Umbenennung befürworten, um jene, so z.B. Dieter Haller, „die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen“.

Bevor ich genau hier ansetze, auch auf die Gefahr hin, als „geschichtsbesoffen“ bezeichnet zu werden, wie es in dem Beitrag von Thomas Widlok heißt, möchte ich mich jedoch noch zu dem Blog des Kollegen Han Vermeulen äußern. Zum Thema „deutschsprachige Ethnologie und Kolonialismus“ liegen neben den angeführten doch ein paar mehr Studien vor. Ingeburg Winkelmann schrieb beispielsweise 1966 in Ostberlin ihre Doktorarbeit zu diesem Thema, und 1983 erschien das Buch von Manfred Gothsch über „Die deutsche Völkerkunde und ihr Verhältnis zum Kolonialismus“, um zwei frühe Arbeiten zu nennen. Weitere Studien folgten, z.B. in jüngerer Zeit von Fiedler, Förster, Stoecker oder im Sammelband, herausgegeben von Brigitte Templin und Gottfried Böhme – dies sind nur Beispiele. Erwähnt seien in diesem Zusammenhang auch die Studien, die u.a. in Museen und im Rahmen von Projekten durchgeführt werden, nicht zuletzt im Kontext von „Provenienzforschung in ethnologischen Sammlungen der Kolonialzeit“ (so der Titel einer Tagung im vergangenen Jahr]. Auch im Blog „Wie weiter mit Humboldts Erbe? Ethnographische Sammlungen neu denken“, finden sich Hinweise zu laufenden Arbeiten. Da, wie Erhard Schüttpelz es ausdrückte, die „deutsche Kolonialgeschichte mit ihren ethnologischen Träumen und Alpträumen“ nicht 1914 endete, sondern 1945, ließe sich eine längere Literaturliste aufstellen, die ebenfalls dem zweiten von Han Vermeulen angesprochenen Komplex, namentlich Ethnologie und Nationalsozialismus zuzuordnen wäre.[ii] Zweifellos ist hier noch sehr viel zu erforschen bzw. auch immer wieder zu revidieren, und es wird stets auch offene Fragen geben. Aufgrund von umfangreichen, detaillierten und differenzierten Studien in den vergangenen drei Jahrzehnten explizit zu Ethnologie und Nationalsozialismus können wir aber durchaus in Bezug auf jenen Themenkomplex zu den allgemeinen Aussagen kommen, dass ein Großteil der Völkerkundlerinnen und Völkerkundler, die in jener Phase im „Deutschen Reich“ geblieben sind, kolonialrevisionistisch eingestellt waren und sich entsprechend nicht selten in Eigeninitiative engagierten. In der Hoffnung auf neue Positionen und Betätigungsfelder strebten sie in der Regel auch die Zusammenarbeit mit Parteifunktionären an, die ihrerseits Völkerkundler in ihre Kolonialpläne einbezogen. Nahezu niemand hat eine angebotene Forschungsförderung durch den NS-Staat ausgeschlagen. Vor allem diejenigen, die ein Amt innehatten, kooperierten in irgendeiner Form mit dem System, wenn auch in ganz unterschiedlichem Ausmaß, d.h. manche nur minimal, andere umso williger. Das gilt wohl für Akademiker aller Disziplinen im NS-Regime. Vollkommen unabhängig davon, wie man sich zu der Umbenennung der ehemals DGV stellt, kann es m.E. nicht sein, die Verstrickungen des Faches mit der NS-Diktatur in Frage zu stellen. Das wäre fatal. Ganz abgesehen davon, erscheint es mir unrealistisch, eine Disziplin als eine Einheit zu begreifen und von der Ethnologie zu sprechen. Ohne dies als Apologetik zu verstehen, sollte selbstverständlich jede einzelne Person, ihr Lebensverlauf, ihre Studien, ihr Netzwerk, ihr Handeln und in diesem Kontext auch die jeweiligen Beweggründe vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen, unter Berücksichtigung des zur Verfügung stehenden Handlungsspielraums sowie auch die absehbare Tragweite ihres Tuns betrachtet werden. Um sich von dem teils anbiedernden, teils vollkommen überzeugten Verhalten unserer akademischen Vorfahren in jener düsteren Ära zu distanzieren, kann das Studium bzw. die Thematisierung der Fachgeschichte m.E. durchaus aufrichtiger sein als eine Namensänderung. Der Vorwurf der „Rückwärtsgewandtheit“ bekräftigt diesen Gedanken nur.

Zur oben bereits angedeuteten dunklen Seiten der Fachgeschichte habe ich wiederholt publiziert und in diesem Zusammenhang habe ich auch konstatiert, dass es in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum einen Völkerkundler gab, der Aspekte der physischen Anthropologie bzw. der Rassenkunde komplett außer Acht gelassen hatte. Im Folgenden möchte ich jedoch mal eine Gegenbewegung in den späten 1920er/frühen 1930er Jahren und damit eine lichtere Seite hervorheben, die eben genau die Geschichte der Gesellschaft für Völkerkunde betrifft bzw. mit dieser eng zusammenhängt und von daher als Ergänzung des Artikels von Carola Lentz und Silja Thomas über die „Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde. Geschichte und aktuelle Herausforderungen“ (2015) zu verstehen ist.

Wir gehen zurück in das Jahr 1926, als in Leipzig diskutiert wurde, wer das Ethnographische Seminar als ältestes akademisches Institut seines Faches im deutschsprachigen Gebiet nach dem Tod Karl Weules übernehmen soll. Favorisiert wurde der Leiter des Museums für Völkerkunde Hamburg, Georg Thilenius. Als dieser absagte, entschied man sich in Leipzig für die Berufung des Anthropologen und Völkerkundlers Otto Reche. Seine anthropologischen Studien empfand man als „glückliche Ergänzung seiner völkerkundlichen Tätigkeit“.[iii] Darüber hinaus war seine rassistische Auffassung bekannt, ebenso die Durchdringung seiner Schriften von diesem Gedankengut, da man auch auf seinen publizierten Vortrag anlässlich der Gründung der Wiener Gesellschaft für Rassenpflege hinwies. Fritz Krause als Interimsleiter des Ethnographischen Seminars, des Staatlich-Sächsischen Forschungsinstituts für Völkerkunde und des Museums für Völkerkunde zu Leipzig äußerte schon zeitig seine Bedenken gegenüber einer Berufung Reches. Krause hatte bereits im Juli 1926 an den Leipziger Stadtrat geschrieben, Reche gelte als „Vorkämpfer auf neuen Wegen in der Vererbungsforschung“, während er selbst sich bemühe, „die Völkerkunde aus ihrer bisherigen Bindung an die Naturwissenschaften zu lösen und zur Kultur- und Geisteswissenschaft auszubauen“.[iv] Die Ämter wurden schließlich getrennt, Reche wurde Leiter des akademischen und des Forschungsinstituts und Krause übernahm das Museum.

Reche personifizierte also in Leipzig eine Völkerkunde mit rassistischem Unterbau und stand mit dieser eindeutig formulierten Orientierung Krause gegenüber. Dass sich Krause nun in der folgenden Zeit für die Emanzipation der Völkerkunde engagierte, hängt m.E. eben auch genau mit jener Situation in Leipzig zusammen. Als er im März 1929 zur Gründung einer Gesellschaft für Völkerkunde aufrief, widmete er sich bereits im ersten Absatz des Blattes der Loslösung der Völkerkunde von den Naturwissenschaften, darunter namentlich der Zoologie und physischen Anthropologie, was im Klartext eine Trennung der Völkerkunde von der Rassenkunde bedeutete. Dies war ein wesentlicher Schritt in der Geschichte der Disziplin, den Krause gegen Widerstände auch innerhalb des Faches unternahm. „Aufgabe und Ziel“ der Gesellschaft definierte er vor rund 90 Jahren folgendermaßen: „Pflege und Förderung der Wissenschaft der Völkerkunde in jeder Hinsicht, nämlich der allgemeinen Ethnologie wie der speziellen Ethnographie der einzelnen Erdgebiete mit Einschluß Europas und unter Berücksichtigung aller Zeitperioden. Und zwar unter Fühlungnahme mit den kulturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen, wie Soziologie, vergleichender Religions-, Rechts- und Sprachwissenschaft, Völkerpsychologie u.a.“[v] In der Gesellschaft für Völkerkunde wollte man also den Blick auf außereuropäische wie auf europäische Gebiete lenken. Die Auswahl der relevanten Nachbardisziplinen liegt nicht so fern der Definition, die heute auf der Homepage der Gesellschaft (jetzt Deutsche Gesellschaft für Kultur- und Sozialanthropologie) zu finden ist: „Die Gegenstandsbereiche […] umfassen die sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Organisationsformen sowie die Norm- und Wertsysteme, die menschliches Handeln motivieren“.[vi] Zu den Mitgliedern der ersten Stunde zählten auch Fachvertreter aus dem Ausland, wie etwa Franz Boas, Evans-Pritchard, Paul Rivet, George Henri Rivière, Wilhelm Koppers und Wilhelm Schmidt.

Krause setzte sich jedoch nicht nur innerhalb Deutschlands für die Loslösung der Völkerkunde von der physischen Anthropologie ein; dass er sich gleichfalls auf internationaler Ebene der Trennung jener Verbindung widmete, ist bei Lentz und Thomas bereits erwähnt[vii] und soll im Folgenden detaillierter dargestellt werden. Kurz zur Vorgeschichte: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde regelmäßig ein Congrès international d’Anthropologie et d’Archéologie préhistoriques abgehalten. Dies spiegelt das Interesse der damaligen Zeit wieder, u.a. ein umfassendes Bild der Menschheitsgeschichte schreiben zu wollen. Dementsprechend trafen sich in Deutschland Fachvertreter in der 1869 gegründeten Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Auf internationaler Ebene trennten sich die Prähistoriker im Frühjahr 1931 von den Anthropologen und kamen bereits im August desselben Jahres in London zu einem eigenen International Congress of Prehistoric and Protohistoric Sciences zusammen. Bereits zuvor war über die weitere Entwicklung und „die Frage des sachlichen Aufgabenbereiches des Kongresses“ diskutiert worden.[viii] Fritz Krause nahm als Ehrenmitglied des Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland und korrespondierendes Mitglied der Wiener Anthropologischen Gesellschaft sowie der Societé des Américanistes de Paris[ix] aktiv Anteil an den Debatten, in welchem Rahmen nun künftig die Anthropologen international tagen sollten und inwiefern dies gemeinsam mit Ethnologen geschehen soll. Während Krause die Mitglieder der frisch gegründeten Gesellschaft für Völkerkunde zu dieser Thematik befragte, unternahm unabhängig von ihm in Wien Pater Wilhelm Schmidt eine ähnliche Umfrage unter seinen Kollegen vor Ort. Wie Krause plädierte auch Schmidt für einen eigenen Internationalen Kongress für Ethnologie. Laut Krause hatten sich von 180 Mitgliedern der Gesellschaft 54 an der Umfrage beteiligt und sich von diesen Personen 38, d.h. rund 70% definitiv für einen eigenen Internationalen Kongress für Ethnologie ausgesprochen. Als Begründung wurde u.a. angegeben: „Insbesondere haben E und A völlig getrennte Entwicklungsrichtungen eingeschlagen, so daß ihre Verbindungen in Widerspruch steht zur inneren Entwicklung beider Wissenschaften“.[x] In der Zeitschrift Man hatte Krause 1932 seine Umfrage vorgestellt und seinen Standpunkt erneut dargelegt: „In the autumn of 1929 an Ethnological Society (die Gesellschaft für Völkerkunde) was established with the aim of promotion the science in all countries which take an active part in the advancement of mankind; and especially, in those countries where this science still stands in historical connections with other sciences, to release it from those connections and set it on its own feet, so that it may develop freely in accordance with its own aims. […] Almost all those whom I asked said they preferred, and would welcome, a purely ethnological congress.“[xi]

Unmittelbar anschließend in dieser Ausgabe von Man erläuterte auch Schmidt seine Gedanken zu jenem Thema. In Wien sei das Verhältnis der Ethnologie zur Prähistorie enger als zur physischen Anthropologie. Er sähe jedoch die Ethnologie mit ihrer Konzentration auf lebende Völker auf einem Congres of Prehistoric and Protohistoric Sciences nicht ausreichend repräsentiert. Schmidt schlug vor, dass sich im Abstand von zwei Jahren Vertreter von Ethnologie, Anthropologie und Prähistorie zu einem jeweils eigenen Kongress auf internationaler Ebene treffen sollten: „[…] ethnology, anthropology, and prehistory are independent sciences, with their own fields of research, their own methods and equipment, and their own workers. But the more fully these three sciences of man have become conscious of their individuality and independence, the more fruitfully and spontaneously should they be able to co-operate, without forfeiting their independence.”[xii] Auf den Tagungen der jeweiligen Disziplinen, so Schmidt, sollte es eine Sektion gemeinsam mit den jeweils anderen beiden Fächern geben. Nach seiner Empfehlung sollte man nach den Tagungen der einzelnen Disziplinen zwei Jahre später, also alle acht Jahre zu einem gemeinsamen Kongress für Ethnologie, Anthropologie und Urgeschichte zusammenkommen.

Krause und Schmidt waren sich durchaus bewusst, dass sie mit vielen ihrer anglophonen Kollegen nicht konform gingen. 1932 hatte John Myres im Kontext jener Diskussionen geschrieben: „Our British colleagues have been, for many years, a ‘happy family’ within a single Institute, and are accustomed, like most of our countrymen, to a few large composite congresses, divided into several sections; and they would probably prefer to support a single Congress for Anthropology and Ethnology combined.”[xiii]

Auch unter den deutschsprachigen Kollegen gab es selbstverständlich Gegenstimmen, wie jene von Thilenius, der für eine enge Zusammenarbeit der physischen Anthropologie und der Völkerkunde eintrat und daher von Beginn an schon gegen die Gründung der Gesellschaft für Völkerkunde gewesen war. Im Anschluss an eine Aussprache von Anthropologen und Ethnologen aus unterschiedlichen europäischen Ländern in London im September 1931 hatte sich Thilenius in einer Umfrage insbesondere ein Bild von dem allgemeinen Interesse an künftigen internationalen Kongressen gemacht.[xiv] Aus den Akten des Hamburger Museums geht darüber hinaus hervor, dass sich manche Gelehrte explizit dem Vorschlag Schmidts anschlossen und die meisten sich auch zum Verhältnis der Disziplinen zueinander äußerten. Einige wünschten sich wieder die Beteiligung der Prähistorie, andere sprachen sich, wie Krause und Schmidt, für eine Separierung der Ethnologie von der physischen Anthropologie aus, darunter Bernhard Ankermann (Berlin), A.L. Sera (Naples), Henri Théodore Fischer (Utrecht), Raffaele Pettazzoni (Rom), Lucian Scherman und Heinrich Ubbelohde-Doering (München).[xv] Auch Franz Boas, dessen aufklärerische Studien und Stellungnahmen gegen Rassismus wohl bekannt sind, legte keinen Wert auf die Einbeziehung der physischen Anthropologie und äußerte sich folgendermaßen: „An effort should be made to place in the program of the Congress these two items, ((1) the distribution of physical types in so far as they throw light on the history of people, (2) the problem of the relation of bodily and mental characteristics) excluding the purely biological aspect of anthropology. The separation of prehistoric archaeology and ethnology seems to me of a similar kind … I believe that the two should be kept together, provided undue emphasis upon earliest prehistoric times can be avoided … If we could have a general congress of ethnology and prehistoric archaeology every five years our purpose would be adequately served. Then I should let the physical anthropologist do whatever they like.”[xvi]

Die konstituierende Versammlung für den Internationalen Kongress fand schließlich vom 20. bis zum 22. April 1933 in Basel statt, rund zweieinhalb Monate nachdem Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war. Nach Krauses Ausführungen traten nun auf diesem Treffen er und Wilhelm Koppers „als einzige der Anwesenden für möglichste Selbständigkeit der Ethnologie“ ein. Gemeinsam hätten sie für die Umsetzung des Planes von W. Schmidt plädiert, „obwohl uns von vornherein klar war, daß wir damit nicht durchdringen würden“.[xvii] Wie erwartet, stimmte die Mehrheit für einen gemeinsamen Internationalen Kongress für Anthropologie und Ethnologie, der alle vier Jahre stattfinden sollte. Krauses Engagement war offensichtlich Anlass für Thilenius, auch im Namen der Anthropologen Eugen Fischer und Theodor Mollison, noch am 30. April 1933 einen Brief an Krause zu verfassen. Darin warf Thilenius ihm vor, sich auf jener Zusammenkunft in Basel nicht an die „internationale Sitte“ gehalten zu haben, „daß die Delegierten eines Landes als Einheit auftreten“.[xviii]

Die Beschäftigung mit Biographien bedeutet auch immer, Unstimmigkeiten auszuhalten und Schwarz/Weiß- oder Gut/Böse-Raster beiseite zu legen. Wie eingangs erwähnt, gibt es wohl keinen Fachvertreter, der im „Dritten Reich“ seine Stelle und gleichzeitig eine vollkommen weiße Weste behalten konnte. Speziell gegen Krause wird immer wieder sein Artikel angeführt, mit dem er das Fach in seiner Bedeutung gegenüber dem NS-Regime hervorheben wollte.[xix] Dies war auch die Schrift, aus der Eva Lips in den Weihnachtstagen 1950 zitierte, als sie für die Entlassung Krauses plädierte. Außerdem habe Krause, so Eva Lips, schon 1932 einer „von ihm inspirierten Naziclique“ angehört, „die die Hitlersche ‚Ideologie’ und Rassenlehre vorbereitend vertrat“.[xx] Zweifellos war Krauses Artikel eine Anbiederung an das NS-Regime; in die Partei trat er nicht vor 1933, allerdings 1937 ein,[xxi] und er sprach sich gegenüber Franz Termer gegen die Beteiligung von Franz Boas an einem Sammelwerk aus.[xxii] Krause war jedoch sicher kein Vertreter einer „Rassenlehre“. Er pflegte weiterhin Kontakt zu seinem Kollegen, dem Sinologen Eduard Erkes, nach dem dieser als SPD-Mitglied denunziert und entlassen worden war;[xxiii] und Krause gehörte 1939 zu den nur ganz wenigen Personen, die sich explizit für Marianne Schmidl einsetzten, als diese bereits ihre Stelle verloren und massiv unter den Repressalien der Nationalsozialisten zu leiden hatte.[xxiv]

Für unser Thema lässt sich zusammenfassen, dass es in Deutschland ausgehend von Fritz Krause und der Gesellschaft für Völkerkunde Bestrebungen gab, sich nicht zuletzt von der physischen Anthropologie und damit von der Rassenkunde zu lösen. In Österreich traten die Gesellschaftsmitglieder Wilhelm Schmidt und Wilhelm Koppers für die Eigenständigkeit der Ethnologie ein und zogen in jenem Punkt mit Krause an einem Strang. International scheiterten diese Bemühungen auch an der „happy family“ in Großbritannien und dem four-field-approach der Kollegen aus den USA. Interessanter Weise sprach sich auch Boas, der als ein Begründer dieses Ansatzes gesehen wird, für einen von der physischen Anthropologie unabhängigen internationalen Kongress für Ethnologie aus – vielleicht aus Kenntnis der zahlreichen rassistischen Ansätze innerhalb jener Disziplin. Ungeachtet aktueller seriöser humanbiologischer oder neurowissenschaftlicher Forschungsergebnisse wird hoffentlich die ehemalige DGV, jetzt DGSKA, an dieser frühen Errungenschaft festhalten.

Die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Deutsche Gesellschaft für Kultur- und Sozialanthropologie im Herbst 2017 sollte u.a. den veränderten Fragestellungen im Fach gerecht werden. Das Wort „Völkerkunde“ sei außerdem negativ belegt, da mit „Volk“, „Völker“ und „Völkerkunde“ Kolonialismus und rassistische Festschreibungen assoziiert würden. Gerade im Blogbeitrag von letzter Woche hat Mark Münzel noch einmal auf durchaus positive Konnotationen des Begriffs „Völker“ hingewiesen. Voller Hoffnung wurde etwa auch das 1. Manifest gegen die Wehrpflicht und die militärische Ausbildung der Jugend im Oktober 1930, u.a. unterschrieben von Albert Einstein, Siegmund Freud, Thomas Mann und Stefan Zweig, an die „Völker der Welt“ gerichtet.[xxv] Dass der nun bevorzugte Begriff „Sozialanthropologie“ in Deutschland eine keineswegs rühmliche Geschichte hat, erwähnten hier bereits Karl-Heinz Kohl, Dieter Haller und Mark Münzel.

Vorschläge, den Zusatz „Deutsche“ im Namen der Gesellschaft zu streichen, wurden hingegen ignoriert, obwohl jenes nationale Attribut – auch dies wurde schon mehrmals angeführt – erst 1938 und zwar definitiv in Folge des sogenannten Anschlusses Österreichs an das nationalsozialistische „Deutsche Reich“ hinzugenommen wurde. So hatte Termer am 15. Juli 1938 an die Mitglieder geschrieben: „Nachdem der Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich vollzogen worden ist, steht auch unsere Gesellschaft für Völkerkunde vor neuen Aufgaben im geeinten Grossdeutschland. Ich nehme dies zum Anlass, unsere Gesellschaft den veränderten Verhältnissen anzupassen und schlage daher vor, sie neu zu benennen als Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde.“[xxvi] Dass fast 80 Jahre später auf der Tagung 2017 nicht die Gelegenheit genutzt wurde – wie bei der Gründung der Gesellschaft im Jahr 1929 – wieder auf das „Deutsche“ zu verzichten, ist allein schon gegenüber den österreichischen Mitgliedern ein Affront.

Eigentlich ist es sehr bedauerlich, dass das, was wir nun als ausführliche Beiträge zum Thema „Umbenennung“ im Internet lesen dürfen, nicht bereits vor der Berliner Tagung auf einer eigens dazu einberufenen Zusammenkunft ausgetauscht werden konnte, etwa in Form von Referaten und sich anschließenden Diskussionen und Dialogen. Die Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde in Deutsche Gesellschaft für Kultur- und Sozialanthropologie im Herbst 2017 wurde kaum hinreichend fundiert in einem solchen Rahmen debattiert. Auf der Mitgliederversammlung war eine derartige Aussprache nicht mehr möglich. Vor dem Hintergrund des hier Dargestellten wirkte auch der große Jubel befremdlich, der nach Verkündung des neuen Namens auf der Versammlung und in ähnlicher Form nochmals am Abend im Anschluss an die Eröffnung des Konferenzfestes zu hören war.

 

Katja Geisenhainer forscht insbesondere zur Geschichte der deutschsprachigen Ethnologie, mit dem Schwerpunkt auf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, speziell zur Ethnologie während der Zeit des NS-Regimes: Dissertation zu Otto Reche (publ. 2002); DFG-Projekt zu Marianne Schmidl (publ. 2005), Lise-Meitner-Projekt (FWF) zu den fachlichen Vernetzungen zwischen Wiener und deutschen Völkerkundlerinnen und Völkerkundlern, 1933-1945 (im Druck bzw. in Vorbereitung). Sie ist Autorin weiterer zahlreicher fachhistorischer Publikationen: https://www.vernetzungen.net/deutsch/über-mich/    

 

Bibliographische Angaben

Fischer, Hans: Völkerkunde im Nationalsozialismus. Aspekte der Anpassung, Affinität und Behauptung einer wissenschaftlichen Disziplin. Berlin, Hamburg 1990.

Geisenhainer, Katja: „Rasse ist Schicksal“. Otto Reche (1879-1966) – Ein Leben als Anthropologe und Völkerkundler. (Beiträge zur Leipziger Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Reihe A, Band 1). Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt 2002.

Geisenhainer, Katja: Nachwort. In: K. Geisenhainer, L. Bohrmann, B. Streck (Hrsg.), 100 Jahre Institut für Ethnologie der Universität Leipzig. Eine Anthologie seiner Vertreter. Leipzig: Universitätsverlag 2014: 295-326.

Geisenhainer, Katja: Verfolgung, Deportation und Tod im KZ – Die letzten Lebensjahre von Marianne Schmidl. In: A. Gingrich, P. Rohrbacher (Hrsg.), Geschichte der Wiener Völkerkunde in der NS-Zeit. Im Druck.

Krause, Fritz: International Congresses for Anthropology and Ethnology. In: Man 32 (1932); 81-82.

Krause, Fritz: Bericht über die Frage der Schaffung eines Internationalen Ethnologen-Kongresses. In: Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Völkerkunde 1 (1933a), 2–8.

Krause, Fritz: Die Begründung eines „Internationalen Kongresses für Anthropologie und Ethnologie, in: Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Völkerkunde 2 (1933b), 1–3.

Krause, Fritz: Die Bedeutung der Völkerkunde für das neue Deutschland. In: Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Völkerkunde 3 (1934), 1-12.

Lentz, Carola und Silja Thomas: Miszellen der Ethnologiegeschichte. Die Deutsche Gesellschaft für Völkerkunde. Geschichte und aktuelle Herausforderungen, in: Zeitschrift für Ethnologie 140 (2015), 225–253.

Myres, John L.: An International Congress for Anthropology and Ethnology. In: Man 32 (1932): 10–12.

Schmidt, Wilhelm: Congresses, Ethnological and Anthropological. In: Man 32 (1932): 83.

Vorstand und Beirat der DGV e.V.: Völkerkunde ad acta? Ein Denkanstoß zur Umbenennung der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde e.V. In: Mitteilungen der DGV e.V. 49 (2017): 12-14.

Wolfradt, Uwe: Ethnologie und Psychologie. Die Leipziger Schule der Völkerpsychologie. Berlin: Reimer 2011.

 

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[i] Vorstand und Beirat der DGV e.V.  2017: 12.

[ii] Leider wird die an sich lobenswerte Bibliographie zu diesen und verwandten Themen (http://www.ethno-im-ns.uni-hamburg.de/literatur.htm ) schon seit einigen Jahren nicht mehr vollständig aktualisiert. In den letzten Jahren sind zahlreiche weitere wichtige Studien publiziert worden. In Kürze wird außerdem ein Sammelband zum Thema Geschichte der Wiener Völkerkunde in der NS-Zeit erscheinen, herausgegeben von Andre Gingrich und Peter Rohrbacher, für den rund 40 österreichische und deutsche Autorinnen und Autoren Beiträge verfasst haben.

[iii] Universitätsarchiv Leipzig (UAL), PA 831; Dekan der Philosophischen Fakultät, Julius Bauschinger, 23.7.1926, an das Sächsische Ministerium für Volksbildung Dresden.

[iv] Stadtarchiv Leipzig, Kap. 4, Nr. 32, Bd. 2; Krause an Stadtrat Barthol, 20.7.1926. Zur Berufung Reches vgl. Geisenhainer 2002, 148-154; Geisenhainer 2014, 304-306.

[v] UAL, IEUL, ReVI; „Aufruf zur Gründung einer Gesellschaft für Völkerkunde“, März 1929.

[vi] https://www.dgv-net.de.

[vii] Lentz/Thomas 2015: 230.

[viii] Krause 1933a: 2.

[ix] Vgl. Wolfradt 2011: 97.

[x] Krause 1933a: 5.

[xi] Krause 1932, 81 (Herv. im Orig.).

[xii] W. Schmidt 1932.

[xiii] Myres 1932: 12.

[xiv] Vgl. Krause 1933a: 3.

[xv] Archiv des Museums für Völkerkunde Hamburg (MfVH), 1001-1, Nr. 1454; aus „extracts from correspondences with colleagues unable to attend the conference at Basel“ in April 1933, o.D.

[xvi] MfVH, 1001-1, Nr. 1454; aus „extracts from correspondences with colleagues unable to attend the conference at Basel“ in April 1933, o.D.

[xvii] Krause 1933b, 2.

[xviii] MfVH, 1001-1, Nr. 1454; Thilenius, 30. April 1933, an Krause.

[xix] Krause 1934.

[xx] UAL, PA 114; Eva Lips: „Gutachten über Fritz Krause, ehemals Professor für Völkerkunde in Leipzig“, 25. Dezember 1950.

[xxi] Vgl. Wolfradt 2011: 173.

[xxii] Vgl. Fischer 1990: 69f.

[xxiii] Archiv des Grassi-Museums Leipzig (MVL/SES), Briefwechsel Jahrgang 1936, Krause, 16. Dezember 1936, an Heine-Geldern und allgemein Nachlass Fritz Krause.

[xxiv] Vgl. Geisenhainer (im Druck).

[xxv] „Völker der Welt, beschließt: Fort mit der Militarisierung! Fort mit der Wehrpflicht! Erzieht die Jugend zur Menschlichkeit und zum Frieden!“

[xxvi] UAL, IEUL, Re XIII (Herv. im Orig).