06/05/18

Ich heisse Bub

Einsidel: „Wie heissestu?“ – Simplex: „Ich heisse Bub.“ […] Einsidel: „Wie hiesse dich dann dein Meüder?“ – „Sie hat mich Bub geheissen, auch Schelm, langöhrichter Esel, ungehobelter Rültz, ungeschickter Dölpel und Galgenvogel.“ – […Und wie hat deine Mutter deinen Vater gerufen?] – „Rülp, grober Bengel, volle Sau, alter Scheisser“ (Simplex Simplicissimus, 1669, s. Endnote [1]).

Aus Bub wurde Simplex. Namenswechsel ist deutsche Tradition. 1915 war es die „Verdeutschung der Speisekarte: Die in der Küche und im Gasthofwesen gebräuchlichen, aber entbehrlichen Fremdwörter in das Deutsche übersetzt. […] Grosse Probe-Speisekarte ist beigegeben[2]. Zum posthumen Ehrenmitglied unseres neubenamten Fachverbandes aber schlage ich Joachim Heinrich Campe (gest. 1818) vor: Er fand ca. 11.500 neue Wörter, wie „Zitterweh“ für „Fieber“[3].

Wortmagier

Nacht für Nacht brauen sie magische Wortgebräue. In Zitterweh umbenannt, ist das Fieber gebannt – bis der Morgen graut und der Namensspuk verweht. Ein neuer Name der 1970er Jahre für die Entwicklungsländer, UGL = unterentwickelt gehaltene Länder, hätte diese gewiss befreit, hätte er sich nur durchgesetzt. Durch das Kürzel BRD wollte die DDR unseren Staat so klein zaubern wie sie selbst war, doch das vereitelten unsere Ämter, indem sie nie „BRD“ schrieben. In Frankfurt schreiben Beamte nicht, wie die Post empfahl, „Frankfurt/Main“, sondern Frankfurt am Main: Dort liegt Frankfurt bis heute, wir lassen uns hinter keinen Schrägstrich zaubern![4]

 

Mein Dorf ist die Welt

Ein Fachname sollte nicht mit einem bestimmten innerfachlichen Paradigma verwechselt werden. In einem lebendigen Fach wechseln Paradigmen und Themen oft. Geographie bedeutet „Erdbeschreibung“, aber das Fach macht längst weit mehr, und anders als einst; die Anglistik inkorporiert allgemeine linguistische Theorie über das Englische hinaus, nach dem sie sich aber weiterhin nennt. Man forscht anders als vor Jahrzehnten, bewahrt aber den Fachnamen. Nur der Name unseres Faches soll die „epistemologisch-konzeptuellen Neuorientierungen unseres Fachs der letzten Jahrzehnte“[5] nachzeichnen. Paradigmen entwickeln sich etwa im Dekadenrhythmus – soll der Fachname ebenso oft wechseln?

Und soll die Welt jedes Mal so werden wie mein Dorf gerade geworden ist? Die Westberliner „Sozial- und Kulturanthropologen“ tragen diesen Namen erst seit 2015, und nun tragen sie ihn mit dem missionarischen Eifer der Neugetauften aus ihrem Dorfclub in den ganzen bis dahin „für Völkerkunde“ genannten Verein.

Auch im Nachbardorf werden keine Ethnien mehr erforscht. Damit ist Ethnologie raus, und die Dorf-Magier müssen nur noch zwei Probleme wegzaubern.

1) Der Name Sozial- und Kulturanthropologie ist zusammengebraut aus Social und Cultural Anthropology. Die Social Anthropology gründet auf Malinowskis Paradigma der Wechselwirkung der Funktionen innerhalb einer (!) Gesellschaft (oder des Handels innerhalb einer Handelsgemeinschaft). Die Cultural Anthropology hat im größten Teil ihrer Geschichte überwiegend je einzelne Kulturgruppen erforscht. Wie nun das Publikum so verzaubern, dass es aus den gleichen Namen ersieht, dass wir keine einzelne Gruppen mehr erforschen, sondern: „wie Differenzierungslinien […] die Körper von Menschen selbst durchdringen“?

2) Als Vereinsmitglied belehre ich die Welt, dass ihre Völker der falsche Ansatz sind – und die lachen! Ach, sollen sie doch. Was zählt, ist unsere Wortmagie. Was kümmern uns da Einwände wie:

„the abolition of Völkerkunde and the associated idea of distinct peoples may have consequences for applied anthropologists and non-governmental organizations working with indigenous peoples (indigene Völker) to protect their rights.“ (Han Vermeulen[6])

Als ginge es auch um Menschen, die ihre Rechte gerade als Völker einfordern! Denen muss man halt erklären, dass es nur dann um sie geht, wenn sie auf unsere eigene „vielschichtige Positionalität“ Rücksicht nehmen und migrieren. Entsprechend unserem neuen Paradigma muss die Gesellschaft für Bedrohte Völker sich umbenennen in Gesellschaft für „eine stets auszuhandelnde Relation“, Survival International in „Bodynesses and Action Orientations International.[7]

 

„Den Reinen ist alles rein, den Unreinen und Ungläubigen aber ist nichts rein“ (Paulus an Titus, 1:15)

Völkerkunde: Das Wort Volk kann nationalistisch abgrenzen, aber auch für demokratische Hoffnung stehen wie in „Volksaufstand“, „Wir sind das Volk!“, oder in der aus genossenschaftlichen Idealen erwachsenen „Volksbank“. Der Plural Völker meint meist Vielfalt, so verstehe ich ihn auch in Völkerkunde.

Ethnologie: Griechisch ethnos meinte meist die Bevölkerung eines Bezirks, ob alteingesessen oder immigriert (mehr „Bevölkerung“ als „Volk“). Im hellenistischen Universalismus und im Evangelium zeigte der Plural dann Überwindung regionaler Schranken: Matthäus 28:19 „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker“ (im Urtext „Ethnien“) – gegen die Begrenzung auf eine Ethnie alle Ethnien, die Menschheit. In der Aufklärungszeit drückte der Begriff Ethnos die „Völkervielfalt“ aus, zuerst 1718 (zeitlich vor Völkerkunde) adjektivisch in dem Begriff Historia ethnica des Matej Bél, der just wegen seines Kosmopolitismus kritisiert wurde.[8]

Ernst Wilhelm Müller plädierte dafür, die Begriffe Volk und Ethnos so zu verwenden, wie man sie in der jeweiligen Gruppe versteht, und sie als Selbstzuschreibungen ernst zu nehmen. Volk bezeichne eine Gemengelage, in der letztlich „die Meinungen der Mitglieder über diese ihre Gruppen selbst“ den Ausschlag geben.[9]

In das Selbstverständnis zumindest jener modernen indigenen Politiker Lateinamerikas, denen ich begegnet bin, ist freilich die Idee des Nationalen seit dem 19. Jh. eingewebt. Die jüngst in die Verfassungen mehrerer hispanoamerikanischer Staaten aufgenommene Pluri-Ethnizität meint (meist indigene) Ethnien/Volksgruppen. Alles Faschos? Schon in Emanzipationsbewegungen kleinerer ost- und südosteuropäischer Völker waren die Herder‘schen Völker ein wichtiger Begriff. Finnen, Esten, Tschechen kämpften mit ihm gegen Imperien, für eine Demokratie, die für sie auch Rückkehr zu eigenen Traditionen und Sprachen bedeutete. Das hallt wider in indigenen kulturellen Autonomiebestrebungen, die wir nicht Europa-zentrierten Blickes mit dem faschistoiden Ethnopluralismus europäischer extremer Rechter verwechseln sollten.

Sozialanthropologie: Die in der Anthropologie mitgedachte physische Anthropologie ist per se nicht rassistisch. Doch in Deutschland wuchs sich diese Verbindung zur biologistisch-rassistischen Eiterbeule der Sozialanthropologie aus.[10] Deren erster Lehrstuhl, 1930 auf Vorschlag des Nazi-Innenministers von Thüringen eingerichtet, wurde mit dem profiliertesten Vertreter (neben Hitler) der nazistischen Rassenideologie besetzt, Hans Günther.[11] Dieser verstand als Thema sozialanthropologischer Forschungen u.a. „die Verhältnisse: Beruf und Kopfform, Beruf und Körperhöhe“ und stellte fest, dass längere Hüte in einem höheren Preissegment liegen als kürzere. Das erklärte er nicht damit, dass in längeren Hüten mehr Stoff verarbeitet wird, sondern (empirische Sozialanthropologie!) damit, dass nordische Langköpfe höhere soziale Positionen innehaben.[12] Die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte ehrte Günther 1936/37 mit ihrer Rudolf-Virchow-Plakette.[13] Auf die Nazizeit rückblickend warf Mühlmann (der sie aus tiefer Verstrickung kannte) Kollegen „ein eigensinniges Festhalten an den Kategorien und Standpunkten der älteren Sozialanthropologie mit ihren unreflektierten sozialdarwinistischen Begriffen“ vor.[14]

 

Geschichte ist Mumpitz

„Nur wer von dieser geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Tradition Mitteleuropas nichts weiß, wird die Eindeutschung des englischen Social Anthropology vorbehaltlos begrüßen“, schrieb Bernhard Streck in der Begründung seines Austritts aus der Gesellschaft, die sich nun „für Sozial- und Kulturanthropologie“ nennt.[15] Ach, vergesst doch die Geschichte (wie ich in meiner Nachkriegsjugend oft hörte), es muss endlich ein Schlußstrich… Was wird da noch „fachhistorisch gegraben“ nach „irgendwelchen Funden aus frühen Zeiten“, hört doch auf mit der „Geschichtsbesoffenheit“![16] Singen wir alle gemeinsam das Lied Wonderful World:

Don’t know much about history
Don’t know much biology
Don’t know much about a science book
Don’t know much about the French I took
But I do know that I love you[…]
La ta ta ta ta ta ta
(und der Chor wiederholt “history”) […].

Dieser Hit evoziert den Roman Brave New World von Huxley, wo Mustapha Mond (Weltaufsichtsrat für Westeuropa in der Welt des Vergessens) ruft: „Sie kennen wohl alle den erhabenen und erleuchteten Ausspruch Fords des Herrn: Geschichte ist Mumpitz“ (History is bunk) – im Interesse der geistigen Leere.[17]

Die britischen social anthropologists können nichts dafür, dass die deutschen Sozialanthropologen mit Massenmördern ideologisch verbandelt waren, doch ihr eigener Bezug zum Kolonialismus ist unvergessen, auch wenn die meisten keine Kolonialisten waren. Laut Vermeulen haben anthropologists wenig zur Kolonialpraxis beigetragen; doch könnte dies auch daran liegen, dass man sie nicht so ernst nahm (Jomo Kenyatta wurde als social anthropologist m.W. kaum beachtet, wohl aber als Politiker).

Namensänderungen scheinen „in Berlin endemisch zu sein“ (Vermeulen), doch die Vergangenheit kehrt durch die Hintertür zurück. Unsere umbenannte Gesellschaft kehrt zu einem Namen aus der Zeit des Rassismus zurück und behält von ihrem bisherigen Namen just nur den aus der Nazizeit stammenden Zusatz „Deutsche“ (gegen den Einspruch österreichischer Kollegen).

Kulturanthropologie ist relativ weniger kolonialistisch und rassistisch belastet. Die Cultural Anthropology hat Beachtung der je unterschiedlichen Historien von Kulturen gefordert – gerade in den USA gegen die white Anglo-Saxon Übermacht und gegen das „Geschichte ist Mumpitz.“ Das deutsche „Kulturanthropologie“ ist zwar als Viel-Fächer-Schibboleth ziemlich sinnentleert, aber immerhin: An die erste Stelle des neuen Doppelnamens gesetzt, hätte es den Rassismus der Sozialanthropologie und die Geschichtsvergessenheit auf den zweiten Platz verwiesen.

An Museen können Direktoren individuellere Namens-Akzente setzen als an der Universität, wo das Weiterlaufen von Studiengängen eine gewisse Konformität der Namen verlangt. In Frankfurt nannte eine neue Direktorin das Museum für Völkerkunde in „der Weltkulturen” um, ihre Nachfolgerin wenige Jahre später änderte das in Weltkulturen Museum. Neue Leerstelle zwischen den beiden Namensteilen: hip! Noch hippiger, soll das Hamburger Museum für Völkerkunde bald “Markk” heißen, woraus der findige Tourist die Adresse erraten kann.[18] Spiel mit, finde den lustigsten Namen!

Nehmen wir die Spielchen als Denkanstöße: „Auf Alles, was den Denker in seinen Gedanken unterbricht […], muss er friedfertig hinschauen, wie auf ein neues Modell, das zur Thür hereintritt“.[19] Denn schimmert auch beim Mantel des Modells vorne noch das Hakenkreuz durch, während er hinten etwas verwaschen ist – „Sozial- und Kulturanthropologie“ ist kein Fach, sondern ein neues Modell, ein Ansatz. Und ein neuer Ansatz kann ja wirklich „ein Fenster für […] Debatten“ sein, darin hat Hansjörg Dilger recht, auch wenn Ansätze nicht mit dem Fach verwechselt werden sollten, und es einer Ansatz-Diskussion nicht schlecht anstünde, die Geschichte ihrer Begriffe zu reflektieren.

 

Mark Münzel, seit 1989 Prof. der Völkerkunde in Marburg, seit 2008 im Ruhestand.

––––

[1] Grimmelshausen, Jacob Christoffel von (1887 [1669]): Der abentheuerliche Simplicius Simplicissimus. Berlin/Stuttgart: Speman: 25-26.

[2] Gruber, Alois (1915): Die Verdeutschung der Speisekarte [etc.]. Partenkirchen: Oberbayerisches Institut Werdenfels.

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Sprachpurismus.

[4] Das sind keine Witze. Das Kürzel BRD wurde tatsächlich als kommunistisch tabuisiert, und ich hörte die Begründung: Die Kommunisten wollen uns kleinmachen. Die Frankfurter Stadtverwaltung legt bis heute Wert auf das „am Main“, was auch ich schöner finde als Schrägstrich oder „a.M.“.

[5] Dieses und die folgenden Zitate, sofern nicht anders ausgewiesen, aus dem Beitrag von Hansjörg Dilger zu diesem Blog.

[6] Vermeulen, Han F. (2018): German Ethnological Society Changes Its Name during a Highly Contested Vote. In: Anthropology Today, 34, 1: 20. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1111/1467-8322.12407

[7] Die zwei neuen Namen wieder nach Dilger, Blog cit., der zweite aber von mir aus „Körperlichkeiten und Handlungsorientierungen“ ins Englische übersetzt.

[8] Vermeulen (2015): Before Boas, Lincoln/London: University of Nebraska Press; und jetzt kurzgefasst: https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/05/29/die-geschichtsverdraengung-der-ethnologen-als-gesellschaftliches-problem/#more-192. Zu Bél: Vermeulen op. cit. (2015): 164, 328; und Treimer, Karl (1932): Mathias Bel und sein Slovakentum, in Jahrbücher für Kultur und Geschichte der Slaven, N.F. 8,2: 224-227.

[9] Müller, Ernst Wilhelm (1987): Der Begriff “Volk” in der Ethnologie. Mainz: Institut für Ethnologie und Afrika-Studien, Johannes Gutenberg-Universität Mainz: 18.

[10] worauf anlässlich der Umbenennung der DGV in Ges. f. Sozial- und Kulturanthropologie hingewiesen haben: Dieter Haller https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/04/17/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit/, Karl-Heinz Kohl https://blog.uni-koeln.de/gssc-humboldt/kollateralschaeden-eine-polemik/, Carola Lentz https://blog.uni-koeln.de/gssc-whatsinaname/2018/05/01/ich-gebe-auf-ethnologen-sind-und-bleiben-ein-segmentaerer-haufen/#more-132, Bernhard Streck in Austrittsbegründung v. 7. 11.2017 an Prof. Dilger als Vorsitzenden der Ex-DGV.

[11] Geisenhainer, Katja (2000): Rassenkunde zwischen Metaphorik und Metatheorie: 84. In: Streck, Bernhard (ed.): Ethnologie und Nationalsozialismus. Gehren: Escher. S. auch Kohl Blog. cit. (obige Endnote 10) mit weiteren Angaben.

[12] Günther, Hans F. K. (1939 [1922]): Rassenkunde des deutschen Volkes. München: J. F. Lehmanns Verlag: 198-199.

[13] Hoßfeld, Uwe (2017): Hans F. K. Günther: 253, in: Fahlbusch, Michael et al. (2017, 2. Aufl.): Handbuch der völkischen Wissenschaften. Berlin/Boston: Walter de Gruyter. Geisenhainer loc. cit. erwähnt diese Ehrung, aber ohne dieses Datum.

[14] Mühlmann, Wilhelm E. (1986 [1948]): Geschichte der Anthropologie. Wiesbaden: Aula: 199.

[15] Streck, loc. cit. (s. Endnote 10).

[16] Erstes Zitat: Dilger, Blog cit., die Kritiker ironisierend. Die zwei weiteren Zitate bei Thomas Widlok.

[17] Lied von Sam Cooke: Don’t know much about history, in Album The Wonderful World of Sam Cooke (1960). Huxley, Aldous (1974 [1932]): Schöne neue Welt. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag: 38. „Ford der Herr“: Parodie auf den Industriellen Henry Ford. Diesem wird das wohl von Huxley erfundene Zitat oft zugeschrieben. Immerhin hat Ford Ähnliches gesagt, s. https://www.thoughtco.com/henry-ford-why-history-is-bunk-172412.

[18] Abkürzung für „Museum am Rothenbaum, Kulturen und Künste der Welt“.

[19] Nietzsche, Friedrich /1980 [1880]: Der Wanderer und sein Schatten, § 342, in: Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe. München/Berlin-New York: dtv/de Gruyter, vol 2.