10/30/18

Sich auf Ethnologie einen Reim machen

An einem Sonntag im September 2018 habe ich die Titel laufender Dissertationsprojekte der Europäischen Ethnologie aus dem Browser kopiert und mit zahlreichen Funktionen einer Analysesoftware und meinem Augenmaß zu ethnologisieren versucht und etwas ver/ge-dichtet.[1]

Hier einige Beobachtungen:[2]

Eure Titel beginnen oft mit E oder G,[3]
Land ist in, Stadt ist inner, Jugend sticht Alter und DDR die BRD.
Ihr seid „nur von besten Eltern“ oder „verliebt in das Fremde“,
habt „Sehnsucht nach dem Wilden Westen“ und konsultiert dafür verstaubte Bestände.

Fragezeichen ja, Ausrufezeichen nein; „Utopien leben?“
Viel läuft auf Englisch o. in Klammern, „(trans-)national belongings“ und „(bi-)nationale Ehen“.
Die Verben sind verhandeln, aushandeln, austarieren, navigieren, steuern und streiten
in allen Dissertationsprojekttiteln von insgesamt 8,56 Normseiten.

Auf den Ersten Seiten gibt’s auffallend viele Alliterationen
von Grenzgängerinnen und Kulturkonjunkturen,
von Mode und Museum, Praxeologie und Päderastie,
und im Kanon fragt ihr alle nach dem WIE.

Ihr wollt’s beforschen und seid’s vielleicht selbst,
„gefeiert, entrechtet, verfolgt“/ „vielschichtig, umstritten, disparat“,
sagt euch: „Jeder ist Humboldt“ und fahrt dafür an den Alpenrand.
Und es glitzert thematisch von queeren Zukünften her,
dabei ist FLTI*-Repräsentation in der Ethnologie noch immer prekär.

Wenig habe ich gefunden an methodologischen Disses,
Feldforschung lockt wohl mehr als der fachinterne Dissens.
So richtig viel Studying-up scheint’s weiterhin nicht zu geben,
dafür viele Felder, die Lust machen auf’s Native-gehen.

Außerhalb von „Europa“ faszinieren Russlands und Brasiliens Lebenswelten
und jene der dazwischenliegenden Grenzräume und peripheren Wirklichkeiten.
Wer nicht reisen will, macht Ethnographie two-point-o
und sucht bei Tinder o. Egoshootern nach Rollenspielen und Topoi.

Zugegeben, es gibt viel Grund, euch abzufeiern!
Traut euch in Kloster, Start-Ups und Administrationen rein,
Hinterfragt die Lebensrealitäten Anderer und eurer selbst,
an Arbeitsplätzen, in Krebslaboren und bei Fashionweeks:
Für mich seid ihr der Wissenschaft wahre Geeks.

Ihr berichtet und verdichtet, verleiht mit eurer Sprache den Phänomenen Kontur,
seid mit „doing“ und Co Alltagspraktiken und kult. Gedächtnis auf der Spur.
Benutzt Ethnographie als Konjunktion in eurem Satzbau für die Welt,
und da merke ich, wie sehr mir eure Lebenswelt gefällt.

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[1] Siehe auch: postreligiöse Praktiken, Arbeitskämpfe, Institution; Prekarität, Flaschenhälse, Reproduktion; Berlin, München, Kiel, Saarland, Freiburg; gesammelt, angeordnet, Innensicht gesucht.

[2] Merke: Keine Ergebnisse.

[3] Entanglemengts, Economies, Ethnographie; Grenze, Gegen-, Gedächtnis.

Carmen Grimm hat Europäische Ethnologie in Berlin studiert; interessiert sich für die intersektionale Betrachtung der Bewegungen von Menschen und die Beweglichkeiten ihrer Kategorien; ist im Verstehen von normierten Wegen immer auf der Suche nach den abseitigen Pfaden und den dabei entstehenden Netzen; ist inspiriert, wenn die Schattierungen wissenschaftlicher Darstellung und die Bedeutung des eigenen Körpers in der Forschung neu austariert werden.