12/06/16

Anmerkung der Redaktion: Wir beginnen diesen Blog mit einem Beitrag von Cora Bender, die am 16.10.2016 als eine der ersten Ethnologinnen auf Facebook mit einer Gegenpolemik auf Christian Webers Artikel reagierte.

Die Ethnologie hat irgendwas richtig gemacht, wenn sie in der Süddeutschen Zeitung zusammen mit den indigenen Völkern attackiert wird.

Eine Gegenrede von Cora Bender

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Indigenen. Entdeckt, erobert, kolonialisiert, versklavt, manchmal auch vernichtet, ist der Indigene gleichwohl nicht totzukriegen. Er geistert durch die Köpfe der Durchschnittsbürger, wabert in den Phantasien der Intellektuellen, spukt durch die Medien: so unerklärlich anders als wir und so dauerhaft unbeeindruckt von den Errungenschaften der Moderne besitzt der Indigene seit seiner Entdeckung durch einen geographisch desorientierten Seefahrer im Jahr 1492 die magische Kraft, Menschen zu faszinieren, die sich nicht davon überzeugen können, dass in ihrem eigenen Hier & Heute alles OK ist, und dass seit Erfindung des Staatschristentums, des gesunden Menschenverstandes und des bürgerlichen Feuilletons im Prinzip alles gesagt und alles richtig eingerichtet ist.

Am nachhaltigsten aber treibt der Indigene sein unheimliches Wesen in den Berichten jener merkwürdigen Sorte von Menschen, die die Begegnung mit ihm zu ihrem Beruf gemacht haben, und die es als ihre Aufgabe verstehen, hinter die phantastischen Spiegelungen zu schauen, in denen der Indigene erscheint, und sein So-sein so zu beschreiben, wie es ihm selbst erscheint – als ein Alltag in einer Welt, die meistens nach bestimmten Regeln funktioniert und manchmal große Herausforderungen bereithält.

Unfälle, Krankheiten, Hunger und das Erscheinen europäischer Segel am Horizont stehen in den Alltagswelten der Indigenen an der Spitze der Hitliste unerwünschter Malaisen. Ein Konquistador kann einem ganzen Kontinent von Indigenen so richtig den Tag vermiesen. Der Konquistador hingegen sieht das ganz anders, er ist der Meinung, er hat Großartiges vollbracht, und seine Sicht ist die, die wir seit 1492 in den Lobeshymnen und Schulbüchern nachlesen können. Doch die Geschichte stimmt nicht ganz – es ist nicht „ganz Gallien von den Römern erobert – ein Dorf leistet Widerstand“.

Es ist das Dorf der Ethnologen, die den Römern das Spiel verderben. Ethnologen nehmen der europäischen Selbstbespiegelung ihr Lieblingsornament weg – die „zivilisatorische Errungenschaft“. Seit Ethnologen mit den Indigenen reden, kann Europa sich nichts mehr darüber vormachen: Das Kommen der Weißen bedeutet für die Indigenen in der Regel so etwas ähnliches wie für die Juden Europas das Erscheinen des Mobs am Eingangstor zum Shtetl: Tod, Zerstörung, Ausrottung jahrhundertealter Kulturtraditionen, die in rassistischen Kampagnen als volksfremd, barbarisch und unmenschlich diffamiert und zur Zielscheibe genau jener Grausamkeit gemacht werden, die man ihnen zuvor unterstellt. In der Grausamkeit des Wilden verschwindet die Grausamkeit der Kolonisation, das Modell hierfür sind die quintessentiell Fremden Europas, die Juden und Roma. (Wer mir das nicht glaubt, kann es bei Sander Gilman nachlesen.)

Ein großes Glück also, dass es in den Zwischenzeiten des Atemholens zwischen Krieg, Pogrom und der Niederschlagung von sozialen Aufständen manche Juden über den Atlantik schafften, die hofften, fernab vom Wirkungskreis der Schreibtischtäter und ihrer Handlanger im Möglichkeitsraum der Neuen Welt von vorne anzufangen mit dieser verdammten Zivilisation, die sogar nach Ansicht von konservativen Historikern wie Lothar Gall aus Frankfurt von der europäischen Bourgeoisie zwischen 1870 und 1945 derartig abgrundtief in den Graben gerammt wurde, dass man schon die Überzeugung gewinnen konnte, diese Bourgeoisie und ihr Feuilleton würden mal für zwei bis dreitausend Jahre den Ball flach halten. Aber weit gefehlt – kaum siebzig Jahre nach der größten Bankrotterklärung der bürgerlichen Gesellschaft sind sie wieder wer, die Richtungsweiser und Strategen aus der deutschen Kolonialjournaille (ich übernehme den Begriff von Karl Kraus), und erklären den träumenden Massen, den spintisierenden intellektuellen Romantikern und den Überlebenden des europäischen Kolonialgulags, wo die Reise hingeht am Beginn des dritten Jahrtausends. Stellvertretend für alle, die bei diesem neuen Kreuzzug nicht mitmachen wollen, wird wieder ein Jude an den Laternenmast gehängt.

Diesmal ist es Franz Boas, Begründer der amerikanischen Kulturanthropologie und Erfinder von so abenteuerlichen Ideen wie z.B. die, dass man zur Abwechslung mal den Anderen zuhören kann, die es vorgezogen haben, ihre Energie in andere Dinge zu investieren als Dampfmaschinen, Gefängnisse und Finanzämter. Franz Boas ging 1881 nach Amerika, nicht um dort den Westen zu erobern, Eisenbahnen zu bauen und chinesische Arbeiter auszubeuten, sondern um etwas zu lernen. Und dazu reiste Franz Boas ausgerechnet zu den Inuit von Baffinland und lebte bei ihnen. Und als er einige Monate bei ihnen gelebt hatte, konnte er es kaum erwarten, noch mehr zu lernen, und er reiste weiter, bis ans andere Ende des Kontinents und lebte an der kanadischen Nordwestküste bei den Kwakiutl. Dabei handelte es sich um Leute, die vor der Ankunft der europäischen Kolonisten in ihrer natürlichen Umgebung von Lachs und wildwachsenden Pflanzen in Saus und Braus lebten und die Hälfte des Jahres damit verbrachten, faul in ihren Langhäusern herumzulungern, atemberaubend schöne kosmologische Maskentänze zu inszenieren und sich auf großen Festen gegenseitig zu erniedrigen, indem sie einander beschenkten.

Den höchsten Rang in der Achtung nahm der ein, der die anderen am großzügigsten beschenkt hatte. Hin und wieder führten sie gegen Nachbarn Krieg, und wenn sie Gefangene mit nach Hause nahmen, erging es denen ziemlich übel, sie wurden auf den Status von Leibeigenen oder Sklaven degradiert. Aber da Franz Boas gerade aus Europa kam, wo so etwas zum Guten Ton gehörte, muss er es wohl nicht für einen Grund gehalten haben, die Kulturen der amerikanischen Nordwestküste für Auslaufmodelle zu erklären. Das tat aber wenig später die kanadische Regierung, die die Maskentänze und Geschenkfeste als unchristlich, unzivilisiert und barbarisch brandmarkte und den größten Teil des 20. Jahrhunderts über mit Verfolgung und Gefängnisstrafen belegte. Davon ließen einige Indigene sich nicht beeindrucken, eben so wenig wie Franz Boas, der Gottseidank keinen gesunden Menschenverstand und keinen Sinn für Staatsraison hatte und darin fortfuhr, diese vom Gesetz gebrandmarkten Rituale weiter zu untersuchen.

Seine Begegnung mit George Hunt, dem marginal-Kwakiutl mit einer wahrhaft transkulturellen Familiengeschichte, war der Beginn einer langen Freundschaft. Es war nach hunderten von Jahren Kolonialismus das erste Mal in der europäischen Wissenschaftsgeschichte, dass ein Europäer einem jener Leute, die man immer noch „Wilde“ nannte, das Recht einräumte, die Welt und seine eigene Kultur, so wie er sie sah, zu beschreiben. Franz Boas wurde bewusst, dass das Universum tatsächlich so ist, wie sein Zeitgenosse Albert Einstein es in seiner Relativitätstheorie beschrieb: Es ist überall anders und gleichzeitig überall gleich, aber das, wonach es aussieht, bestimmt sich immer nach dem Standort des Beobachters. Es gibt keinen absoluten Standpunkt im Universum; jeder Standpunkt muss zuvor mit Bezug auf einen anderen erst etabliert werden und ist von diesem abhängig.

Und was fand Boas in diesen fremden Ecken des Universums? Er fand Kulturtraditionen von bestrickender Schönheit und ungeahnter Komplexität; er fand Unverständliches, Verstörendes und Grausames, er fand viel, das er sich erst mühsam erklären lassen musste, bevor er es verstand, und erfand vor allem eins: Provinz. Und mit der Provinz für sich selbst: die unendlich große, weite Welt des wahren Kosmopoliten, dem nichts fremd ist, was menschlich ist. Provinz, das hat der amerikanische Kulturanthropologe Paul Bohannan vor einigen Jahren in seiner lesenswerten Einführung für Anfänger auf dem Gebiet des Kulturvergleichs dargelegt, das ist die Weltsicht, die wir alle teilen, egal ob wir am Amazonas Maniok anbauen oder in München Dirndls verkaufen.

Wer das wirklich begreift, kann sich einfach nicht mehr dazu überreden lassen, gegen andere Provinzler zu Felde zu ziehen, vor allem dann nicht, wenn sich herausstellt, dass viele der ihnen zugeschriebenen haarsträubenden Sitten und Gebräuche in Wahrheit das Ergebnis langjähriger Verflechtungen mit einem nicht weniger haarsträubenden System kolonialer Biomacht sind. Das Beispiel Frauenbeschneidung: Die in dem SZ- Artikel aufgestellte Behauptung, dass einige Ethnologinnen in Afrika den Frauen erklärten, die operative Entfernung von Teilen der Vulva aus kosmetischen und religiösen Gründen sei eine bewahrenswerte Kulturtradition, hat denselben Wahrheitswert wie die Geschichte, dass die Juden kleine Christenkinder schächten.

Vielmehr weisen Ethnologinnen, besonders aus der Subdisziplin der Medizinethnologie, seit vielen Jahren unermüdlich darauf hin, dass es sich hierbei um schmerzhafte Einschreibungen von moralischen Grundsätzen (wie Keuschheit, eheliche Treue, Unterordnung unter die Familie) in Körper handelt, die zumeist in der Peripherie von zentralisierten Herrschaftssystemen die blutigsten Blüten treiben. Es ist beispielsweise erwiesen, dass die Sitten der Gefangenenfolterung bei indigenen Kulturen Nordamerikas erst im Zuge der kolonialen Landnahme jene hypertrophen Formen annahm, die der amerikanische Staat dann im 19. Jahrhundert als Vorwand nahm, die Kavallerie los zu schicken. Die Ethnologin Janice Boddy konnte nachweisen, dass Frauenbeschneidung in der britischen Kolonie Sudan um 1920 zum Ziel von medizinischen Umerziehungsmaßnahmen der britischen Behörden wurde, weil man sich damit eine Verbesserung der Geburtenrate und mehr arbeitsfähige Untertanen erhoffte. Mit Unterstützung der britischen Kolonialbehörden wurde sie zu einer medikalisierten Operation umgewandelt. Die Klitoris war den Briten dabei völlig egal:

Zur gleichen Zeit wurde Frauenbeschneidung, ebenso wie Elektroschocktherapie, in europäischen Heilanstalten als Mittel gegen eine Geistkrankheit namens Hysterie ausprobiert, die vornehmlich Frauen befiel, die sich gegen die barbarische Einschnürung in Korsetts aufbäumten. Michel Foucault, der Romantisierung fremder Kulturen wirklich gänzlich unverdächtig, hat nachgewiesen, dass die Rationalität des modernen Strafvollzugs und der Biomedizin die Grausamkeit der mittelalterlichen Folter nicht aufgehoben sondern beerbt, in Verfahren der Disziplinierung und Zurichtung von gelehrigen Körpern umgemünzt hat. Deswegen sind meine Studentinnen magersüchtig und lassen sich die Brüste operieren, deswegen stiefeln meine Studenten wieder im Gleichschritt mit der Bundeswehr nach Afrika, um dort für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Ach – nein! Meine Studentinnen und Studenten sind ja Ethnologen, die machen sowas nicht. Bin ich froh.

Um es auf den Punkt zu bringen, nach Boas gab es kein Halten mehr für das Bollwerk der europäischen Überlegenheit. Boas hat sich sogar den Lieblingsfetisch der europäischen Wissenschaften vorgenommen, den Rassebegriff, und hat ihn seines magischen Schwirrens beraubt. Was der alte Meister über die statistische Konstruktion von Rasse zu sagen hatte, hält bis heute gegen alle aktuellen Versuche stand, das hässliche Ding mithilfe der Genetik aus der Mottenkiste auferstehen zulassen. Und Boas war ein unermüdlicher Antifaschist. Bis zu seinem Tod im Jahr 1942 reiste er furchtlos sogar ins Schlachthaus Europa, um die Menschen gegen die Seuche des Rassenhasses zu imprägnieren. Sein Antidot war Wissen: das Wissen, dass wir keinen Anlass haben, die Welt an unserem Wesen genesen zu lassen. Wenn Franz Boas dafür, wieder einmal, zusammen mit den Indigenen, geteert und gefedert wird, dann weiß ich, warum ich Ethnologin bin. Und das ist gut so.