Wie sieht die Zukunft für ethnografische Museen aus?

Ein Interview mit Nelson Adebo Abiti

Das nachstehende Interview mit Abiti Adebo Nelson ist auf der Konferenz „Museums in Motion: Colonial and Postcolonial Encounters“ in Köln im Juli 2019 entstanden. Dort kamen Künstler*innen, Kurator*innen, Expert*innen, junge Forscher*innen, Stipendiat*innen und Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt zusammen, um über die Notwendigkeit der Dekolonialisierung von Museen zu sprechen und neue Formen der Kooperation zu erproben. Klar wurde, dass Restitution mehr umfasst als die Rückgabe von Objekten, sie ist vielmehr „ein Anfangspunkt in der Auseinandersetzung mit kolonialen und postkolonialen Beziehungen zwischen ‚Bewahrer‘- und ‚Herkunftsgesellschaften‘ kolonialer Objekte“ (Heidtmann, Röhling, Schäfer auf diesem Blog, 2019). Deshalb ist es von größter Wichtigkeit, neue Wege zu finden, mit ethnographischen Sammlungen umzugehen und die Vergangenheit angemessen aufzuholen, um die Verantwortung nicht durch die bloße Rückgabe der Objekte zu verdrängen.

Abiti Adebo Nelson ist Kurator am National Museum in Uganda. In seinem Vortrag „Repositories and Community Reconciliation“ als Teil des Panels „New Museums Practices in an Entangled World“ am zweiten Tag der Konferenz, sprach er über ethnografische Strategien des Dialogs, über eine neue Museologie und darüber, wie das Museum als offener Ort des Dialogs dazu beitragen kann, Gesellschaften nach traumatischen Erfahrungen, Kriegen und Bürgerkriegen wieder aufzubauen und als ein Ort der Zusammenkunft zu fungieren.

Am dritten Tag der Konferenz bot sich mir in der Mittagspause die Gelegenheit, Abiti Adebo Nelson im Innenhof des Rautenstrauch-Joest-Museums nach seinen Überlegungen zum Thema Restitution zu befragen. Welche Zukunft sieht er für ethnografische Museen und welche kolonialen Strukturen entdeckt er noch bis heute in Museen in Europa, aber auch in Afrika, etwa dem Nationalmuseum Ugandas?[1]

 

Frage: Auf der MCiM-Konferenz wurde viel über postkoloniale Provenienz und Restitution gesprochen. Was sind Ihre Überlegungen zu diesem Thema?

Antwort: Meine Position ist sehr klar. Es gibt eine Vielzahl von Objekten, die gewaltsam eingesammelt wurden, wo den Gemeinschaften Unrecht und Grausamkeiten angetan wurden. Die heutigen Generationen haben vielleicht Traumata, die sie von dieser Vergangenheit, von dieser Ungerechtigkeit, geerbt haben, und wir geben Afrikaner*innen manchmal die Schuld für ihre Armut oder für die durch Migration verursachten Probleme. Die Gewalt, die in der Vergangenheit in diese Gemeinschaften gebracht wurde, oder auch der gewaltsame Eingriff in ihre Ressourcen, was Land und Lebensgrundlagen angeht, wurden geleugnet. Aufgrund dieser Verleugnung haben sich die Auswirkungen bis in die heutige Generation fortgesetzt. Man findet junge Generationen, die kein Land besitzen, um sich niederzulassen oder Landwirtschaft zu betreiben, da Kolonialist*innen mit einigen afrikanischen Agent*innen und Häuptlingen zusammenarbeiteten, die an Angriffen auf andere Gemeinschaften beteiligt waren. Das sind nur einige der Ungerechtigkeiten, über die wir meiner Meinung nach sprechen müssen. Also geben Sie die Beweise, die Objekte zurück! Denn wenn die jüngere Generation ihr Land zurückfordern möchte, braucht sie diese Beweise, um zu zeigen, dass sie einst auf diesem Land gelebt hat. Aber wenn Sie einige der Objekte zurückgeben, sind sie ein Beweis für die Wiedergutmachung, für Gerechtigkeit und für die Lösung einiger anhaltender Konflikte, die in Afrika stattfinden. Ich glaube, dass dies die zentrale Frage der Restitution ist: Museen können sich öffnen und helfen, einige der Probleme in Afrika zu lösen.

 

F: Um so also die Herkunft von Gegenständen zu bestimmen und zu identifizieren, wem die Grundstücke einst gehörten.

A: Ja, ich denke, dies ist besonders relevant in Bezug auf Landrechte. Diese Gegenstände sind nicht aus dem Nichts entstanden, sie wurden Zusammenhängen, bestimmten Orten entnommen. Durch den Prozess des Sammelns dieser Objekte wurden Beweise zerstört. Wenn nun also diese Objekte zurückgegeben würden, eröffnet sich gegebenenfalls neues Wissen. In meinem Land haben wir etwas, das wir als transitional traditional justice mechanisms bezeichnen, die von der Justiz akzeptiert werden. Konflikte können durch diese Mechanismen gelöst werden. Wer sich weigert, diese Kulturgüter zurückzugeben, der verweigert auch die Inkraftsetzung dieser Mechanismen, die für uns sehr wichtig sind. Wir brauchen diese Objekte, und zwar die Originale. Wir können Kopien dieser Objekte aus pädagogischen Gründen, für eine Art Multikulturalismus und für neue Wege des Wissensaustauschs anfertigen, und Ihnen diese überlassen. Aber seien Sie human und geben Sie uns die Originale zurück, halten Sie nicht an ihnen fest.

 

F.: Felwine Sarr forderte, dass alle Gegenstände, die gewaltvoll entwendet worden sind, ausnahmslos zurückgegeben werden sollten. Achille Mbembe hingegen sagt, dass diese Objekte vielleicht hier in Europa in den Museen bleiben sollten, um daran zu erinnern, was für Gräueltaten passiert sind. Er schlägt aber auch einen permanente Zirkulation von Objekten vor. Was denken Sie über die beiden Positionen?

A.: Ich unterstütze Achille Mbembes Position nicht, weil es meiner Meinung nach zwei Arten von Sphären gab. In der einen Sphäre, der kolonialen Periode, wurden Objekte gewaltsam gesammelt, aber es gibt auch eine Sphäre, in der Güter als Freundschaftsakt ausgetauscht wurden. Natürlich kann Letzteres hierbleiben. Aber alles, was gewaltsam entwendet wurde, muss zurückgegeben werden. Diese Sphäre ist von großer Bedeutung. Wie ich bereits sagte, ist dies auch ein wichtiger Beweis für unsere Gesellschaft, für das, was geschehen ist. Und schließlich haben wir nicht alle die Möglichkeit, nach Europa zu reisen, und bisher befindet sich ein großer Teil – die Mehrheit der Artefakte – in Europa. Wann erlauben Sie endlich die Rückführung? Wir haben häufig darum gebeten, aber es ist nichts passiert. Deshalb haben wir kein Vertrauen mehr. Die Diskussionen darüber haben vor über hundert Jahren begonnen, nicht erst gerade eben. Die Forderungen nach Restitution begannen bereits 1911. Natürlich glaube ich, dass Gespräche darüber sinnvoll sind, aber es müssen auch Taten folgen. Das ist mein Standpunkt.

Mir ist bekannt, dass manche der Meinung sind, die Artefakte sollten in Europa bleiben, damit neue Generationen davon erfahren, was geschehen ist. Aber Generationen sind vorübergegangen, sie haben die Geschichte kennengelernt und was ist passiert? Was haben Sie getan, um einige der Probleme zu lösen, die in meinem Land existieren? Um ein Beispiel zu nennen: Im Kongo wird weiterhin, sogar in Anbetracht der heutigen Debatten zur Restitution, mit solchen Gütern gehandelt. Es herrscht Krieg im Kongo, und er wird immer noch geplündert. Menschen sind in Schießereien, Morde und den Warenhandel verwickelt. Und diese Objekte, mit denen gehandelt wird, bleiben nicht in Afrika, sie werden nach Europa gebracht und Menschen werden dafür getötet. Das ist, glaube ich, ein sehr ernstzunehmendes Problem.

 

F.: Was glauben Sie, wie sieht die Zukunft für Ethnografische Museen in dieser Hinsicht aus?

A.: Das ist eine Praxis, die gewalttätig ist. Wenn wir zeigen wollten, dass wir Gewalt immer noch dulden, dann können wir an der Ethnografie festhalten. Aber warum benennen wir sie nicht einfach um? Warum wollen wir Krieg? Ethnografie ist eine Praxis der Gewalt, der kolonialen Verwaltung. Wir sollten nach vorne schauen, in Richtung Veränderung. Ethnografie – nennen wir sie doch lieber kulturelles Erbe, interpretieren wir sie neu.

Für mich ist Ethnographie eine Praxis, die das persönliche Leben der Menschen in Frage stellt und jemanden durch die gestohlenen Gegenstände in den Wahnsinn treibt. Warum nehmen wir das Erbe nicht stattdessen an und schätzen es? Als etwas, das dem Menschsein innewohnt, das man bewundert, das man genießt und das man weitergeben möchte. Wollen wir es an eine unbekannte Person oder an die Generation weitergeben, an die es rechtmäßig weitergegeben werden sollte? Natürlich weiß ich, dass wir auch Gegenstände zum Verkauf herstellen, für Tourist*innen, für den Handel, natürlich gibt es das. Aber die Objekte, die in einem Prozess hergestellt wurden, der dem Aufbau einer Gesellschaft gedient hat, sind meiner Meinung nach nicht dazu da, um verkauft zu werden. Sie wurden für die Gemeinschaft hergestellt. Warum wollen Sie sich also in unsere Angelegenheiten einmischen? Warum wird die ethnografische Praxis in Ver-Anderung, in Abgrenzung umgewandelt? Warum gibt es keine ethnographische Forschung über Ihre eigene Kultur, so dass ich, wenn ich in Europa bin, sie anschauen und von ihr lernen kann? Und warum wird sie nicht einfach umbenannt?

 

F.: Die Konferenz, auf der wir uns befinden, findet in einem ethnografischen Museum statt. Was wäre Ihr Vorschlag für so eine Institution wie diese hier?

A.: Mein Vorschlag wäre, ein Zentrum für kulturelles Erbe zu eröffnen. Ich glaube das wäre eine angemessene, universelle, freundliche und humanistische Institution, die einen mit einem reinen Herzen empfängt. Wenn man sich die Geschichte der ethnografischen Praxis anschaut, ist es nicht in Ordnung, ein Museum in der heutigen modernen Zeit nach so einer Praxis zu benennen.

 

F.: Sie arbeiten selber in einem Museum in Uganda.

A.: Ja, es ist ein Nationalmuseum, aber es hat noch eine Abteilung mit einer ethnografischen Sammlung. Wir arbeiten daran, dies zu ändern. So wie Kenia es getan hat. In Kenia gibt es keine ethnografische Sammlung mehr, sie haben nun einzig kulturelles Erbe.

 

F.: Gibt es in afrikanischen Museen immer noch koloniale Strukturen und falls ja, wie äußern sich diese?

A.: Natürlich ist die Dekolonisierung eine der Schlüsseldebatten in Uganda. Ich würde sagen, dass dies in der öffentlichen Debatte einer der Prozesse ist, über die alle sprechen. Alles, was mit Kolonialismus in Verbindung gebracht wird, möchten die Leute aus ihrem Gedächtnis streichen. Aber es gibt Strukturen, koloniale Strukturen, die immer noch vorhanden sind. Museen sind nach wie vor Teil dieser Strukturen. Die koloniale Rahmung der Menschen wurde meiner Meinung nach teilweise dekolonialisiert, aber die Museen halten diese Strukturen noch immer aufrecht. Was die Kolonisatoren für wild und exotisch hielten, was in ihren Augen sterben musste, wurde wieder reaktiviert und ist heute in Uganda stärker präsent als früher. Es wirkt den kolonialen Strukturen entgegen. Aber schauen wir uns das Museum oder das Bildungssystem an: Wir sprechen zum Beispiel Englisch, das ist eines der komplexen Dinge, gegen die die Menschen kämpfen, aber wir können auch nicht darauf verzichten.

Wir müssen uns zurückbesinnen, wir sind nicht rückständig und satanisch, wir sind Menschen, für die die Wurzeln wichtig sind, um unsere Zukunft aufzubauen. Unsere Wurzeln wurden teilweise zerstört, aber wir müssen sie wieder aufbauen. Das Museum steht nun also unter Druck, denn zunächst einmal müssen alle Objekte, die wichtig für die einzelnen Gesellschaften sind, aber auch Grundstücke, an ihre rechtmäßigen Besitzer*innen zurückgegeben werden. Und unser Museum ist gerade dabei, dies zu tun. Das Museum kann zwar nicht alleine gegen die Strukturen des Kolonialismus kämpfen, aber es sollte sich für den Wiederaufbau der Gesellschaft einsetzen. Wir können die Geschichten der Vergangenheit erzählen, nicht um zu verletzen, sondern um Gespräche anzustoßen. Für mich ist das der Schlüssel, Gespräche anzustoßen, und das Museum sollte da mit gutem Beispiel vorangehen. Schafft ein Moment, in dem die Menschen über das Vergangene sprechen. Das geschieht, aber es sollte nicht in Jammern und Klagen über die Vergangenheit umschlagen.

Wenn wir als Museum zuhören, dann werden auch Menschen kommen, um den Dialog zu gestalten. Und wenn der Kolonialismus auch gute Sachen hervorgebracht hat, dann wollen wir diese natürlich nicht verbannen, aber wir müssen über sie sprechen. Denn natürlich hat der Kolonialismus sowohl Schlechtes als auch Gutes hervorgebracht. Wie können wir das Unrecht korrigieren? Wir müssen die alten Wunden heilen, damit sie nicht an neue Generationen weitergegeben werden. Denn diese Wunden reichen durch den Kolonialismus bis in die heutigen Generationen hinein. Wir müssen uns also öffnen, und das Museum muss in die Öffentlichkeit treten. Manchmal, glaube ich, verschließt sich das Museum vor der Gesellschaft. Deshalb schlage ich vor, dass sich das Museum öffnet und sich in eine Art healing place verwandelt. Ich weiß nicht, wie es hier in Deutschland aussieht, wie weit Sie die Öffentlichkeit einbeziehen, um über Probleme zu sprechen. Was tun Sie, außer uns Expert*innen einzuladen? Wie binden Sie insbesondere die Afrikaner*innen ein, die hier leben? Vielleicht leben sie hier schon seit ein, zwei Monaten oder noch länger, und bekommen ein paar Debatten mit. Was sind ihre Reaktionen zu diesem Thema?

 

Naomi Salbert ist Studierende des Masterstudiengangs Interkulturelle Kommunikation und Bildung am Department für Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität zu Köln. Das Interview mit Abiti Adebo Nelson entstand im Rahmen der Konferenz Museum Collections in Motion: Colonial and Postcolonial Encounters, die von den Universitäten zu Köln und Bremen, sowie dem Rautenstrauch-Joest-Museum vom 15. – 17. Juli 2019 in Köln organisiert wurde.

 

Nelson Adebo Abiti ist Kurator für Ethnographie am Uganda-Nationalmuseum. Er hat einen Master von der University of East Anglia (2015), erhielt seinen Bachelor-Abschluss von der Makerere University (2003) und diplomierte in Museums und Heritage Studies an der University of Western Cape, Südafrika. Von 2010 bis 2013 leitete Abiti ein Team aus Mitarbeiter*innen des Uganda-Nationalmuseums und norwegischen Partner*innen, das mit mehreren Gemeinschaften in Norduganda zusammenarbeitete. Ziel des Projektes war es, das regionale Gedächtnis zu bewahren und auszustellen, und damit Frieden und Versöhnung nach einem langen Bürgerkrieg zu fördern. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit war eine Ausstellung mit dem Titel Road to Reconciliation. Zurzeit arbeitet Abiti mit dem Komitee zusammen, das Ugandas Politik und Gesetzgebung im Bereich Museen und Denkmäler reformiert. Er ist außerdem ein Kernteammitglied des Kooperationsprojekts zwischen dem Uganda-Nationalmuseum, dem Igongo-Kulturzentrum und dem Ethnographischen Museum der Universität Zürich, das seit 2015 gemeinsam Ausstellungen in Uganda und der Schweiz kuratiert.

 


Fußnoten

[1] Das nachfolgende Interview fand auf Englisch statt, die hier vorliegende Übersetzung stammt von der Interviewerin Naomi Salbert und wurde von der Redaktion überarbeitet (Anm. d .Red.).


Literatur

Heidtmann, Jan; Röhrig, Clara; Schäfer, Jana; auf diesem Blog:  Beziehungen kollaborativ kuratieren – Von verfochtenen Objekten zu verfochtenen Subjekten.