Wenn jemand seine Meinung ändert – eine aktivistische Perspektive auf das Kurzzeitgedächtnis des Humboldt-Forums

Es ist unübersehbar, dass sich in der Diskussion um das Humboldt-Forum über die letzten Jahre einiges, wenn nicht gar Grundsätzliches verschoben hat. Am augenfälligsten wird dies in der Gegenüberstellung zweier Zitate von Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die klingen, als kämen sie aus unterschiedlichen Zeitaltern. Noch vor der Grundsteinlegung des Humboldt-Forums im rekonstruierten Berliner Stadtschloss, als die Außendarstellung dieses kulturpolitischen Projekts noch auf leeren Blättern konzipiert wurde, fand sich im hinteren Drittel der Selbstdarstellungsbroschüre, nach der ausführlichen Belobung des kosmopolitischen Charakters des Projekts, ein kurzes Kapitel zur Verbindung von Ethnologie und Kolonialgeschichte und darin folgende Aussage: „Damals entstand das wissenschaftliche Fundament des Ethnologischen Museums in Berlin, und es entstand auf legale Weise. Die Berliner Museen sind deshalb rechtmäßige Besitzer ihrer Bestände.“[1] Im Tonfall scheint eine Spur von Rechtfertigung durch, aber mögliche Zweifel werden mit einem kategorischen Statement vom Tisch gewischt: Wir sind nicht betroffen! 

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Sieben Jahre später prangt die Frage nach der Legalität der Besitzstände schon im Titel eines Interviews mit der ZEIT: „Geraubte und gestohlene Dinge werden wir zurückgeben.“[2] Was ist passiert? Hier lohnt es sich, den diskursiven Kontext zu betrachten, denn eines ist in diesen Aussagen besonders auffällig: Nun wird der Anschein erweckt, als hätten die am Humboldt-Forum beteiligten Akteure das Prestigeprojekt explizit dafür entworfen, um eine kritische Debatte über koloniale Raubkunst und den Kolonialismus insgesamt anzuregen. Frühere Positionen werden nicht selbstkritisch reflektiert, die alten Broschüren sind nur noch über ausrangierte Links abrufbar. Nun werden andere Geschichten auf Glanzpapier gedruckt. Der Blick ist in die als kollaborativ imaginierte Zukunft gerichtet, das Kurzzeitgedächtnis der Institution versagt seinen Dienst. 

Dies produziert eine besondere Art des institutionellen Konservatismus und Revisionismus: die Kritik hat man angeblich selbst eingebracht und die Lösung ist natürlich auch schon gefunden. Statt einer radikalen Neukonzeption des ethnologischen Museums wird dann – aus Sorge über ausbleibende Besuchermassen – der freie Eintritt für alle als Paradigmenwechsel verkündet.[3] Zivilgesellschaftliche Initiativen wie unser Kampagnenbündnis „No Humboldt 21!“,[4] das die Debatte um den recht- oder unrechtmäßigen Erwerb der Museumsobjekte im Kolonialismus schon seit Baubeginn 2013 in die Öffentlichkeit brachte, werden als „Afrika-Initiativen und Aktivisten unterschiedlichster Couleur“[5] diskreditiert. Vor allem wird die Grundsatzfrage nach dem Rechts- oder Unrechtscharakter des Kolonialregimes tunlichst umgangen. Vollkommen intransparent bleibt, wie weitgehend all das ein andauernder politischer Prozess ist, der in diesem Moment in unterschiedlichen kultur- und außenpolitischen Bereichen ausgehandelt wird.[6] 

Statt die Einbettung in diese gesellschaftlichen Debatten transparent zu gestalten, werden selektiv Aspekte in neue Ausstellungskonzepte einbezogen, die von den Institutionen verdaut werden können, was letztendlich als immunisierende „Abwehr durch Umarmung“[7] wirkt. Die Kuratierung eines einzelnen Raums durch  einen Künstler aus der Herkunftsgesellschaft als Abgabe der Deutungshoheit zu titulieren, fällt in diese Kategorie.[8] Außerdem wird sich zu kolonialen Altlasten erst dann bekannt, wenn die Lösung schon gefunden scheint: Der Initiierung eines Forschungsprojekts zu menschlichen Gebeinen aus Tansania in den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gingen Jahre der Leugnung voraus, in denen man sich auf Unkenntnis, fehlende Mittel und Unzuständigkeit zurückzog.[9] Die offenen Wunden des Kolonialismus in den Sammlungen der Museen werden so verschleiert. Inwiefern Digitalisierung der Bestände hier etwas Umstürzendes ermöglichen kann, muss sich noch zeigen.  

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In dieser Konstellation erschafft sich zivilgesellschaftlicher Aktivismus kontinuierlich eigene Foren, in denen er in seiner eigenen Geschichte und Ausdifferenzierung wahrgenommen wird. Der Diskrepanz zwischen dem langjährigen politischen Engagement Schwarzer Aktivist*innen und Aktivist*innen of Color und ihrer (Un)Sichtbarkeit im öffentlichen Diskurs wird mit dem Fokus auf die Perspektive der von Kolonialismus und Rassismus betroffenen Personen geantwortet. Längerfristig schafft die Dokumentation der Interventionen in den öffentlichen Diskurs durch Poster, Bücher, Konferenzmitschnitte und Filmmaterialien ein kulturelles Gedächtnis des dekolonialen Engagements. Diese Arbeit fußt auf der Kooperation von Vertreter*innen migrantisch-diasporischer Perspektiven, antirassistischer und dekolonialer Aktivist*innen und Akteur*innen, die sich kritisch mit Kultur- und Entwicklungspolitik befassen. Gemeinsam sind sie nicht nur Impulsgeber, sondern ihre Interventionen entstehen aus einer solidarischen, meist un- oder unterbezahlten und prekären Zusammenarbeit von Menschen mit ganz unterschiedlichen Positionierungen und Motivationen. Während also die Kulturinstitution Konzepte des „shared heritage“ am Reißbrett entwirft, sind dies die Orte, an denen schon lange an einer solidarischen Praxis mit all ihren Herausforderungen gearbeitet wird.  

Tahir Della ist Promotor für Dekolonisierung für den Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlag (BER), Mitglied bei glokal e.V. und Vorstandsmitglied der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland.

Mareike Heller ist Sozialwissenschaftlerin und koordinierte für AfricAvenir das Projekt und die Publikation „Dekoloniale Einwände gegen das Humboldt-Forum“.

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[1] Parzinger, Hermann, Das Humboldt-Forum: Soviel Welt mit sich verbinden als möglich. Berlin: Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 2011, S. 31. 

[2] Parzinger, Hermann, Geraubte Dinge werden wir zurückgeben, Interview mit Hermann Parzinger und Monika Grütters, DIE ZEIT, No. 18, 26.04.2018.

[3] Grütters, Monika, Geraubte Dinge werden wir zurückgeben, Interview mit Hermann Parzinger und Monika Grütters, DIE ZEIT, No. 18, 26.04.2018.

[4] Das Kampagnenbündnis „No Humboldt 21!“ wurde getragen von Berlin Postkolonial, artefakte/anti-humboldt, Initiative Schwarze Menschen in Deutschland, AFROTAK TV cybernomads, Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag, glokal und AfricAvenir. Das Moratorium zum Baustopp im Juni 2013 wurde von mehr als 80 internationalen NGOs unterzeichnet. 

[5] Parzinger, Hermann, Bauen wir Museen in Afrika!, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2018, S.9.

[6] Nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz, die Anerkennung des Kolonialismus als Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht in ihren Eckpunkten zum Umgang mit kolonialen Sammlungsgut zu verankern, ist offensichtlich, wie diese Frage die zukünftige Ausrichtung der Kulturpolitik bestimmt.  

[7] In Anlehnung an Larissa Förster und Margaretha von Oswalds „rejecting by overembracing“, vgl. Von Oswald, Margaretha, The ‚Restitution Report‘,https://boasblogs.org/humboldt/the-restitution-report/

[8] König, Viola, in: Abgeordnetenhaus Berlin: Wortprotokoll der 31. Sitzung, 2. Dezember 2013. Aktueller Stand der Konzeption und Entwicklung des „Humboldt-Forums“.

[9] Parzinger, Hermann, „Sammlungsbestände aus Tanzania, Ihre Anfrage vom 12.02.2014 / Antwort der SPK vom 16.01.2014“, 05.03.2014, online einsehbar unter http://www.no-humboldt21.de/wp-content/uploads/2014/03/Brief-SPK.pdf