Was für ein Wirbel

Zweiter Teil: Ein Besuch im Souvenirladen

Marx hatte recht, aber man kann sein berühmtes Diktum aus dem „Achtzehnten Brumaire des Louis Napoleon“ vertiefen. Geschichte ereignet sich nicht abwechselnd als Tragödie und Farce. Die Farce ist die Hülle der Tragödie. Also ihr Wesen und ihre Maske. Die Enthauptung eines vormaligen ethnologischen Museums ist eine Tragödie, die nicht erst jetzt die Form einer Farce angenommen hat, sondern von vielen kleinen tragikomischen Travestien vorbereitet wurde. Und nach 15 Jahren Diskussion werden alle Wiederholungen dieses Geschehens zwangsläufig zu Parodien, da nehme ich mich nicht aus. Ich widme mich der Farce, damit die Tragödie klarer erkennbar wird.


Die Debatte um die Ansiedlung der außereuropäischen Sammlungen im Humboldtforum hat vor allem zwei Parteien hervorgebracht, die altehrwürdige Motive der deutschen Geistesgeschichte und der ethnologischen Selbstkritik ins Feld führen. Für beide Seiten geht es in den ethnologischen Sammlungen nicht mehr um die Urheber der Objekte, die gesammelt wurden, sondern um die Repräsentation der Sammlung selbst. Nichts daran ist neu, auch nicht die wechselseitige Reduktion. Für die einen geht es um Kolonialgeschichte. Die Kritik der kolonialen Repräsentation verselbständigt sich als Repräsentation der Kritik, und als Repräsentation der kritischen Diskussion der Repräsentation. Die Kolonisierten bleiben mit ihren Repräsentationsansprüchen trotz mantrahaft wiederholten Lippenbekenntnissen auf der Strecke, denn die Nachkommen der Kolonisatoren interessieren sich wie die weitaus meisten Völker dieser Erde vor allem für ihre eigenen Vorfahren und deren Machenschaften. Sobald eine Ausstellung oder die Präsentation eines Exponats sich auf die „Repräsentation der Repräsentation“ konzentriert, kann man ganz räumlich in Zentimetern und Kubikzentimetern abmessen, wieviel Platz die kritische Repräsentation der Kolonisatoren und ihrer Rezeptionsprozesse einnimmt, und wieviel Platz dem „native’s point of view“ gegeben wird. Je kritischer die Darstellung, desto exponentieller wird das Verhältnis sein. Am Ende steht ein Reliquar voller Erläuterungen, und meist ohne jede Originalsprache derer, die das gesammelte Objekt geschaffen haben.

Gaabi cirey! Jeder klassifikatorische Akt des Sammelns und Ordnens wird sorgfältig als Gewaltakt verzeichnet. Er wird sorgfältig klassifiziert und eingeordnet. Es werden Exemplare von Gewaltakten in Vitrinen gelegt und es wird rubriziert. Am Ende steht eine Welt, die nur aus Macht besteht und alle Wege und Wegkreuzungen der Objekte auf Macht zurückführt. Die kognitiven Machtmittel, mit denen diese Darstellung den kognitiven Machtmitteln der Kolonisatoren begegnet, sind dabei prinzipiell von gleicher Machart. Das macht die Machart der Erkenntnisse vermutlich so unwiderstehlich. Endlich stimmt die methodische Vorgehensweise mit dem Sachgebiet überein. Da kann eine längere Beschäftigung mit den ethnographischen Interaktionen nur stören.

Die anderen träumen den Traum, durch die ethnologischen Sammlungen eine durchgängige deutsche kosmopolitische Tradition zu restituieren, von Leibniz über Herder und Humboldt bis zu Boas und Warburg. Dieser Traum ist kein blosser Traum, weil ihn schon viele andere geträumt und in bleibende Werke umgesetzt haben, vor allem deutsche und österreichische Emigranten wie Franz Boas und Walter Benjamin, Fritz Saxl und Leo Spitzer. Diesem Traum den Namen „Humboldt“ zu geben, mit der bewußten Zweideutigkeit der Dioskuren-Namen, ist legitim, aber für die ethnologischen Sammlungen keine Lösung. In der Tat gab es eine humboldt’sche Sammlungstradition der deutschen Völkerkundemuseen um 1900, und in der Tat wären die Berliner Sammlungen ohne diese Tradition nicht möglich gewesen. Aber die Berufung auf eine bessere deutsche Tradition ist kein Ersatz für die Auseinandersetzung mit dem deutschen und dem europäischen Kolonialismus. Vor allem ist sie keine Lösung für die Schieflage von Hülle und Inhalt, weil sie gut dualistisch darauf hinausläuft, neue Hüllen und neue Inhalte zu sortieren.

Der Wirbel entsteht von neuem: schuldige Hülle, unschuldiger Kern… unschuldige Hülle, und ein Kern von Schuld. Beide Optionen führen in die Irre. Die ethnologischen Sammlungen lassen sich weder auf die Schuld und die Schulden der Kolonialgeschichte reduzieren, noch auf die Unschuld eines vorkolonialen oder außerkolonialen Weltverständnisses. Leibniz und die deutsch-russische Sibirienforschung, Boas und das Potlatschverbot an der Nordwestküste Nordamerikas, Warburg und die Spaltung von Oraibi, Bastians Weltreisen – die Protagonisten dieser Tradition lebten von den Kolonisierten und mit den Kolonisationsprojekten und Widerstandsbewegungen dieser Erde. Aber sie hatten eigene Ziele, die von beiden Seiten als Verrat empfunden werden konnten.

Offensichtlich haben beide Diskussionsparteien gemeinsam, daß sie sich von der Schuld der Vergangenheit befreien wollen: Die einen wollen sich von der Ethnologie der Vergangenheit moralisch distanzieren, und die anderen eine gereinigte Tradition gegen die deutsche Schuld der Vergangenheit ausspielen. Das Resultat ist bedenklich ähnlich: das Allermeiste, was die Ethnologie ausgemacht hat, war moralisch zweideutig und läßt sich nicht als die Geschichte moralischer Eindeutigkeiten erzählen. Ja, es gab Missionare, die durch ausführlichste Ritualpublikationen mit vielen Abbildungen eine heidnische Religion zerstören wollten und den Nachgeborenen die rituelle Stabilität der heiligen Handlungen ermöglichten; es gab Linguisten, die alles aufschrieben, was ihnen ein letzter Sprachzeuge diktierte, bis dabei der Wappenspruch einer postkolonialen Nation herauskam; und es gab Ethnologen, die ihr Wissen über Aufstandsbewegungen geheim hielten, um keine Strafaktionen auf den Plan zu rufen. Allesamt Verräter, auch an der eigenen Sache: Der Linguist schrieb sein grammatischess Hauptwerk nicht zu Ende, der Missionar schützte seine potentiellen Zöglinge vor den Interventionen des Staates, und der Ethnologe war in anderen Fällen gerne bereit, das militärische Kommando zu übernehmen.

Ist die Ethnologie zum Sündenbock aller anderen Sozial- und Kulturwissenschaften geworden, weil sie als einzige über viele Jahrzehnte ihre gemischten Loyalitäten und moralischen Zweideutigkeiten offen diskutiert und gebeichtet hat? Das wäre ausgesprochen menschlich. Und ein Symptom mangelnder Reflexivität. Unfähig, in den Spiegel ihrer eigenen moralischen Zweideutigkeiten zu schauen, unfähig, die eigene Fachgeschichte auf sehr viel eindeutigere Verstrickungen in Geschichten der Macht, des Nationalismus, der Kriegsbereitschaft, der Plünderungen, der einseitigen Betrachtung, der Kolonialisierung zu beziehen, dient die Ethnologie allen anderen Sozial- und Kulturwissenschaften als Prügelknabe.

Eigentlich ist das ein Witz, wenn man die vielen krummen und die wenigen geraden Wege der ethnologischen Lebensläufe, Texte und Objekte, und vor allem die Wege der ethnographischen Freundschaften kennt. Aber dieser Witz hat Schule gemacht. Der Angriff auf die Ethnologie nimmt kein Ende und bestreitet ihr am Ende jegliche Kompetenz für die eigenen Sammlungen, die vormals ethnologischen und jetzt so genannten „außereuropäischen Sammlungen“. Der Ausspruch der Provenienzforscherin könnte noch ungeahnte Folgen haben: Wenn die ethnologischen Sammlungen auf Verbrechen beruhen, von denen wir Normalsterblichen nicht einmal ahnen können, in welchem Ausmaß sie möglich waren, sollten die Objekte zum Zweck der Beweisaufnahme erst einmal konfisziert werden. Die Ethnologen sind zur Beweisaufnahme dieser Verbrechen nicht geeignet, denn sie sind die Nachfahren der Verdächtigen. Wer weiß, was sie vertuschen wollen. Sie nennen sich jetzt nicht mehr Ethnologen? Sieh an. Überlassen wir die forensische Beweisaufnahme lieber den Historikern und der Kunstgeschichte.

Was tun? Wenn man beim Schwimmen zwischen zwei Strömungen in einen Strudel gerät, sollte man keine Kraft damit verschwenden, sich gegen den Strudel zu stemmen, der einen in die Tiefe zieht. Im Gegenteil, man muß tief Luft holen und versuchen, den Strudel zu überwinden, indem man zuerst mit ihm und dann von seinen Rändern weg in die Tiefe schwimmt und unter dem Strudel hinwegtaucht. Es gibt keine andere Chance. Der Maelstrom des Humboldtforums, der die Ethnologie verschlingt und den Patriotismus ausspuckt, nimmt erst dann ein Ende, wenn die Trennungen von Hülle und Inhalt aufgehoben werden. Wenn die Ethnologie die Hülle und die Maske des Humboldtforums übernimmt, denn die Hülle ist das Wesen und die Maske bewirkt die Verwandlung. Wenn die Ethnologie sich Preußen, Berlin, das Kreuz und die Legitimation und Delegitimation von Deutschland und Europa in der Welt aneignet, im Humboldtforum oder eben auch woanders.

Die preußische Geschichte ist kein Souvenirladen, in dem jedes Nippesteil so wertvoll ist, daß man es nur noch streicheln und sorgfältig verpackt bezahlen darf. Nicht die Ethnologie, sondern die Hätschelei des Preußentums hat das Humboldtforum ruiniert. Denken wir das Undenkbare, also das Naheliegendste. Eine ethnologische Ausstellung über Preußen, ethnohistorische Ausstellungen über Berlin, ethnologische Ausstellungen über „die Legitimation von Deutschland und Europa in der Welt“. Für Staatsministerin Grütters eine Ausstellung über die christliche IS-Mordlust der Religionskriege und die mühsame skeptische Abstandnahme vom Christentum, aus der unsere religiöse Toleranz erst hervorgegangen ist. Im Humboldtforum. Mit vielen blasphemischen Exponaten, denn wir sind eine säkulare Gesellschaft, auch und gerade unter einem von Gottes Gnaden rekonstruierten Toleranzsymbol. Sonst wäre das Kreuz ja ein Schadenfetisch. Toleranz muß bewiesen werden, also schreiten wir zum Beweis.

Eine Ausstellung über den Generalplan Ost und die Ethnologie von Siedlerkolonien, über die radikalste und brutalste Kolonisierungskampagne der Weltgeschichte, aus deren Höhepunkt und Zusammenbruch alles weitere folgte: die Shoah, die Gründung des Staates Israel, die Verschiebung und Aufteilung Deutschlands, aber auch das Ende des britischen Empire, das Scheitern des japanischen Kolonialunternehmens, die Teilung Indiens. Die deutsche Kolonialgeschichte mit ihren ethnologischen Träumen und Alpträumen endete nicht 1914, sie endete 1945. Beenden wir die Selbsttäuschungen der angeblich so kurzen deutschen Kolonialzeit. Das deutsche postkoloniale Trauma von 1945 war zugleich der Höhepunkt und der Wendepunkt des europäischen und des weltweiten Imperialismus. In Berlin. Die Legitimation und die Delegitimation von Deutschland und Europa (und Berlin) in Europa und der Welt und in Berlin (und Potsdam), in der Tat. Der „Ort in der Welt“.

Unrepräsentierbar? Dann brauchen wir eine Diskussion, warum ausgerechnet der internationale historische Forschungsstand zum deutschen Kolonialismus und seiner ethnologischen und anthropologischen Begleitforschung unrepräsentierbar sein soll. Bringen wir eine detaillierte, wissenschaftlich fundierte, ethnographische Wehrmachtsausstellung ins Humboldtforum, denn dort geht es um Berlin und um die außereuropäische Welt. Berlin im Zentrum Deutschlands und Europas und der ganzen Welt – war das nicht der Generalplan Ost? Grund genug für eine vergleichende Ausstellung über die millenaristischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts, von Seiten der Kolonisatoren und der Kolonisierten gleichermaßen, die Xhosa, die Deutschen und den Maji-Maji-Aufstand inklusive. Oder besser ein permanenter Saal.

Und im Anschluß eine ethnographische Darstellung der preußischen und wilhelminischen Männerbünde, im Vergleich von Burschenschaft und Maskenbund, Homosexuellenzirkeln und Kadettenanstalt, und zwar im Schloß. Das hat die deutsche Ethnologie schon einmal gemacht, es ist wenig Aufwand, denn es muß nur wiederholt werden („Männerbünde – Männerbande“). Und ein permanenter Ausstellungsteil über heilige Könige, das Gottesgnadentum des Kreuzes auf der Kuppel, die Freundschaft von Wilhelm II. und Frobenius, die Shilluk und Frazer, alles einträchtig und königsmörderisch beisammen. Die deutsch-preußische Geschichte braucht keine Surrealisten, denn sie war surrealistisch genug. Man muß sie nur ethnographisch präsentieren. Wie wäre es etwa, wenn wir Spoerris „Musée Sentimental de Prusse“ mit Maupassants haßerfüllten Beschreibungen preußischer Soldaten kombinierten, in Graffiti an die Wand eines preußischen Kronleuchtersaals geschmiert? Das wäre doch aufschlußreich und am richtigen Ort. Unmöglich?

Wenn gar nichts dergleichen passiert, wenn die Ethnologie an ihrem zugewiesenen Platz bleibt, wird sie zwischen Selbstgeißelung und Sündenbockdasein zerrieben. Dann gibt es nur noch „außereuropäische Sammlungen“, die Repräsentation der Repräsentation, und Kunst am Bau. In Berlin gibt es ein Historisches Museum, das vor kurzem eine Ausstellung über den deutschen Kolonialismus zeigte; es gibt ein Jüdisches Museum; wir sollen ein Museum der Vertreibungen bekommen; und dann noch das Humboldtforum mit seinen ethnologischen Sammlungen; und die Museumsinsel und die Nationalgalerie und. Jetzt fehlt nur noch eine Geschichte Preußens und seiner Hauptstadt in 100 Objekten von Neil McGregor. Alles ist schön aufgeteilt, damit sich die Sparten der Erinnerungspolitik nicht in die Quere kommen. Daher wird das Humboldtforum nicht funktionieren, denn um Deutschland in seiner Verflechtung mit der Welt zu zeigen, um Europa in der Welt zu zeigen, um Berlin „mit seiner Verflechtung in der Welt“ zu zeigen, müssen alle Trennungen fallen, die deutsche Erinnerungspolitik ausmachen. Die ethnologische Überlieferung kann mit ihren Klassikern immer noch dazu anleiten, alle diese Zuständigkeiten zu durchkreuzen, denn für solche Kreuzfahrten ist sie zuständig gewesen.

Also durchkreuzen wir sie. Eine Ausstellung über den Dibbuk und die Bakchen im Pergamonmuseum; eine Ausstellung über die Grausamkeiten von Inselstaaten mit Polynesien und Thukydides im Humboldtforum; eine Asylausstellung über die aktuellen Vertreibungen und ihre religiös-ekstatischen Bewältigungen im Museum für Vertreibungen; eine Ausstellung über die Marranen, die Präadamiten, die Anfänge der Eskimoforschung, den Türkischen Spion und die Entstehung des modernen Rassismus im Jüdischen Museum. Kosmopolitismus besteht nicht aus beliebig zusammengestellten Ausstellungen über die ewigen Themen von Geburt, Tod, Kleidung, Schminke und Geschlechtsreife, sondern aus der Frage, wie Dinge, Personen und ihre Handlungsweisen überall dort zurechtkommen, wohin sie das Schicksal verschlagen hat. Kosmopolitismus ist keine „Family of Man“, sondern Familie unterwegs und verzweifelte Einsamkeit. Von den Polen, die als Arbeiter ins Ruhrgebiet auswanderten, zog ein Drittel zurück, ein Drittel wanderte weiter nach Frankreich, und ein Drittel blieb. Alle drei sind deutsche Geschichte. Seit Jahren stelle ich mir eine Migrationsausstellung vor, die jede erdenkliche Migration aus und nach Deutschland gleichberechtigt präsentiert, die Auswanderungen nach Nord- und Südamerika, die Gastarbeiter, die 1848er, die Vertriebenen, die Ostjuden, die Zwangsarbeiter, die Kollaborateure, die Suahelilehrer, die Schausteller, die Sinti und Roma, die DDR-Flüchtlinge und die BRD-Flüchtenden, die Rußlanddeutschen und Siebenbürger Sachsen und die syrischen Flüchtlinge, Krieg und Frieden, Armut und Wohlstand, Unterdrückung und Freiheit in Deutschland und anderswo. Bei der Ausstellung würden sich alle über den Weg laufen, denn von jeder Gruppe würde etwas Allerheiligstes gezeigt, was es nirgendwo sonst zu sehen gibt; und jede Familie könnte noch neue Exponate mit einer eigenen Geschichte mitbringen. Man müsste genügend leere Räume übriglassen, die nach und nach gefüllt würden, mit Bildern von Tränen und leuchtenden Augen. Auch das Plakat und die Einladungskarte würden etwas Allerheiligstes zeigen, nämlich Merkels Selfie mit Anas Modamani.

Die Ausstellung würde auf Anhieb wirken wie ein Völkerkundemuseum aller Deutschen, auch dadurch, daß im Laufe der Ausstellung alle Repräsentationen durch Gegendarstellungen durcheinander geraten könnten. Die Risiken einer solchen Ausstellung würde kein Ausstellungsmacher und keine Institution eingehen. Und hier kommen wir an den Kern des Wesens der Hülle. Fassaden sind Klassifizierungen und umgekehrt. Fassade heißt Gesicht. Das Deprimierende an der aktuellen Museumskultur ist, daß sie so sehr in Sparten und Genres gegliedert ist, daß sie keinen Gesichtsverlust mehr zuläßt. Wenn man sich heute etwas quer zu den existierenden Ausstellungsgattungen und -arten ausdenkt, wirkt es unweigerlich wie Satire oder wie Kunst. Deshalb ist die Kategorie „Kunst“ kein Teil der Lösung, sondern ein Teil des Problems. Weil nur noch die Künstler das dürfen, was frühere Generationen von den Ausstellungen der Völkerkundemuseen erwarten durften, als sie nur ein Völkerkundemuseum waren, und weil nur noch Satiriker das aussprechen dürfen, was man nicht mehr in Objekt-Kombinationen ausstellen darf.

Drei praktische Vorschläge.

Erstens. Kunst am Bau. Nagelt einen Frosch ans Kreuz auf dem Humboldtforum. Fünf Meter Kreuz, drei mal zwei Meter Frosch. Nehmt das Plagiat in Kauf, denn das Kreuz ist auch nicht echt.

Zweitens. Baut neben das Preußenschloss eine Mayapyramide in gleicher Grösse, und zeigt im Inneren der Mayapyramide eine ausführliche ethnographische Ausstellung über preußische Soldaten und Bauern, Gelehrte und Junker, mit einzelnen Abteilungen zu unterworfenen Landesteilen und ihren Reaktionsformen, etwa über katholische Marienkulte und Ritualmordprozesse in den preußischen Provinzen, Karneval und Rote Funken als Fremdgeisterkulte im Rheinland. Die Mayapyramide sollte Bauelemente aus dem Palast der Republik aufgreifen, Beton, Glas, Spiegelfassaden. Feiert am 11.11. Karneval auf der Pyramide und bekleidet Euch mit der Gummihaut eines toten Preußen.

Drittens. Heftet an die Fassade des Preußenschlosses eine Bronzetafel, und zwar auf jeder Seite des Gebäudes oder zumindest über dem Eingang, in gut lesbaren Lettern:

Kontrollratsgesetz Nr. 46
Auflösung des Staates Preußen

vom 25. Februar 1947

Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört. Geleitet von dem Interesse an der Aufrechterhaltung des Friedens und der Sicherheit der Völker und erfüllt von dem Wunsche, die weitere Wiederherstellung des politischen Lebens in Deutschland auf demokratischer Grundlage zu sichern, erläßt der Kontrollrat das folgende Gesetz:

Artikel I. Der Staat Preußen, seine Zentralregierung und alle nachgeordneten Behörden werden hiermit aufgelöst.

Artikel II. Die Gebiete, die ein Teil des Staates Preußen waren und die gegenwärtig der Oberhoheit des Kontrollrats unterstehen, sollen die Rechtsstellung von Ländern erhalten oder Ländern einverleibt werden.

Die Bestimmungen dieses Artikels unterliegen jeder Abänderung und anderen Anordnung, welche die Alliierte Kontrollbehörde verfügen oder die zukünftige Verfassung festsetzen sollte.

Artikel III. Staats- und Verwaltungsfunktionen sowie Vermögen und Verbindlichkeiten des früheren Staates Preußen sollen auf die beteiligten Länder übertragen werden, vorbehaltlich etwaiger Abkommen, die sich als notwendig herausstellen sollten und von der Alliierten Kontrollbehörde getroffen werden.

Artikel IV. Dieses Gesetz tritt mit dem Tag seiner Unterzeichnung in Kraft.

Ausgefertigt in Berlin am 25. Februar 1947

(P. Koenig, V. Sokolowsky, Lucius D. Clay, B. H. Robertson)

Erhard Schüttpelz ist Professor für Medientheorie an der Universität Siegen und Sprecher des Sonderforschungsbereichs „Medien der Kooperation“. Er habilitierte 2003 an der Universität Konstanz über „Die Moderne im Spiegel des Primitiven. Ethnologie und Weltliteratur (1870-1960)“ und promovierte 1994 mit einer sprachtheoretischen Dissertation über „Figuren der Rede. Zur Theorie der rhetorischen Figur“. Wie für einige andere seiner Generation erwies sich die deutsche Medienwissenschaft als der beste Ort, um die Grenzen von Sozialwissenschaften, Kulturwissenschaften und Ingenieurswissenschaften weiter auszuloten und einige dieser Grenzen durch Forschungsprojekte in gemeinsame Schwellenräume zu verwandeln. Dies geschah u.a. durch Forschungen über „Trancemedien und Neue Medien“ und das DFG-Graduiertenkolleg „Locating Media“ in Siegen, sowie durch langanhaltende Diskussionszusammenhänge zwischen Medienwissenschaft, Ethnologie, Literaturwissenschaft, Wissenschaftsgeschichte und Philosophie.