12/19/17

Kollateralschäden. Eine Polemik

„Europa ist eine Meisterin der Kritik. Wenn sie nicht kritisiert, so verschwindet sie. Vor der Nicht-Existenz fürchtet sie sich am meisten. Ich versuchte auch, sie zu kritisieren, weil sie es von mir verlangte, aber es gelang mir nicht. Ich konnte höchstens ihre Selbstkritik wiederholen.“[1] Diese Sätze der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada fielen mir ein, als ich einige der Blog-Beiträge las.  Yoko Tawada bezieht sie zwar auf Europa. Doch meint sie eigentlich Deutschland, das Land, in dem sie schon seit so vielen Jahren lebt.

Wie sehr ihre Bemerkungen auch auf die Diskussion um das Humboldtforum zutreffen, zeigt das Echo auf die vielleicht etwas unbedachte Äußerung der französischen Kunsthistorikern Bénédicte Savoys. Sie wolle vor allem wissen – so hatte sie in einem Interview gesagt – „wie viel Blut von einem Kunstwerk tropft“. Als Provokation gedacht, hat sie damit einen wahren Sturm der Zustimmung ausgelöst. Die Berliner „No-Humboldt21“-Plattform, die 2013 als Zusammenschluss verschiedener politischer Aktivistengruppen zustande gekommen und schon lange nicht mehr an die Öffentlichkeit getreten war, machte sich die Kritik sofort zu eigen. Da hörte man nun aus berufenem Munde, was man selbst schon vorgebracht hatte, die Sammlungen des ethnologischen Museums, der künftige Grundstock des Humboldtforums: nichts anderes als koloniale Raubkunst. Mit Zustimmung ist Bénédicte Savoys moralisches Verdikt auch von vielen Ethnologen aufgenommen worden. Dabei ist das, was sie vorzubringen hatte, für das Fach ja alles andere als neu. Die Auseinandersetzung der Ethnologie mit ihrer eigenen kolonialen Vergangenheit hatte bereits begonnen, als diese Vergangenheit noch gar nicht ganz vergangen war.

Eine meiner eigenen ersten Veröffentlichungen war eine Rezension des 1973 ins Deutsche übersetzten Buchs Anthropologie und Kolonialismus des französischen Ethnologen Gérard Leclerc, in dem er anprangerte, wie die britische Social Anthropology sich in den Dienst der Kolonialverwaltung hatte nehmen lassen. Die Debatte über die Verflechtung der Ethnologie mit dem kolonialen System hat das Fach seit Beginn der Dekolonisierung kontinuierlich begleitet. Für politisch engagierte Ethnologen bildete sie einen Anlass dafür, sich vorbehaltlos gegen den US-amerikanischen Neokolonialismus und den Krieg in Vietnam einzusetzen.  Aktuellen Formen der Ausbeutung der „Dritten Welt“ wurden in ethnologischen Museen Ausstellungen gewidmet.  In Frankreich schlug die Debatte in den 1970er Jahren ebenfalls hohe Wogen. Hans-Jürgen Heinrichs hat sie 1980 durch seine Herausgabe der kolonialkritischen Schriften von Michel Leiris’ in Deutschland bekannt gemacht. Dessen damals auch in Frankreich neu veröffentlichtes Tagebuch über seine Teilnahme an Marcel Griaules Dakar-Djibouti-Expedition von 1931 gilt bis heute als Kronzeuge für die rücksichtslosen Praktiken, die bei der Beschaffung von Museumsobjekten üblich waren.[2] Unter dem Eindruck der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkrieges hatten seit Ende der 1960er Jahre auch US-amerikanische Ethnologen die Indienstnahme des Fachs durch den euro-amerikanischen Imperialismus heftig kritisiert. Doch trat diese Auseinandersetzungen in den Hintergrund, als in den folgenden Jahren von marxistischen Ansätzen inspirierte neoevolutionistische und kulturmaterialistische Theorien die Cultural Anthropology beherrschten. Unter dem Stichwort Writing Culture wurde die Debatte in den 1980er Jahren wieder aufgegriffen. Die Cultural Anthropology nahm dadurch eine signifikante Wende. Seither hat in ihr die postkoloniale Politik einen festen Platz.[3]

Wie Erhard Schüttpelz in seinem differenzierten Beitrag gezeigt hat, waren Ethnologen freilich auch früher schon keineswegs nur Kolonialkollaborateure. Spätestens seit Beginn der Dekolonisierung aber blieb ihre Parteinahme eindeutig. Doch ist es vielleicht tatsächlich so, dass jede Generation das Rad neu erfinden muss. Oder war es nur ein Mangel an historischem Wissen, der viele der jüngeren Vertreter des Faches aufschrecken ließ, als die Kritik am Humboldtforum mit einem Mal in eine Generalkritik an der Ethnologie mündete? Die Verantwortlichen des Berliner Projekts waren vermutlich sogar froh darüber.  Die Forderung nach einer strikt postkolonialen Ausrichtung der zukünftigen Ausstellungen lieferte ihnen endlich das Konzept, nach dem sie zehn Jahre lang vergeblich gesucht hatten.

Der Versuch, die unerwarteten Attacken abzuwehren, blieb freilich nicht ohne Kollateralschäden. Zufällig fand die Zweijahreskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde zu einem Zeitpunkt statt, als die von Bénédicte Savoy ausgelöste Diskussion gerade ihren Höhepunkt erreicht hatte. Schon seit vielen Jahren war gefordert worden, die noch aus der Gründungszeit der DGV stammende Fachbezeichnung „Völkerkunde“ durch „Ethnologie“ zu ersetzen. Der amtierende Berliner Vorstand hatte als weitere Alternative „Sozial- und Kulturanthropologie“ vorgeschlagen und die Umbenennung zur Abstimmung auf die Tagesordnung gesetzt. Noch wenige Wochen vor der Tagung war es in einem Internetforum der Institutsleiter zu einer ausführlichen Diskussion über diese Frage gekommen. Dabei war der Tenor eindeutig.  Die überwiegende Mehrzahl der Teilnehmer sprach sich für „Ethnologie“ aus. Das hätte auch der Tatsache entsprochen, dass 17 deutsche Institute die Bezeichnung „Ethnologie“ tragen, während sich bisher nur vier für „Sozial- und Kulturanthropologie“ entschieden haben. Dennoch sollen die Teilnehmer der Mitgliederversammlung nach Augenzeugenberichten jubelnd und ohne vorherige inhaltliche Aussprache für „Sozial- und Kulturanthropologie“ gestimmt haben. Damit hofften sie offensichtlich, das leidige Odium endlich los geworden zu sein. Zudem versprachen sie sich mit der neuen Fachbezeichnung nun endlich auch international größere Anerkennung zu finden. Kulturanthropologie nahm man als deutsches Äquivalent für die amerikanische Cultural Anthropology, während Sozialanthropologie als die adäquateste Übersetzung der britischen Fachbezeichnung Social Anthropology erschien.  Paradoxerweise störte man sich nun kaum mehr daran, dass der neue Namenspatron in den Kolonialismus historisch weit stärker verstrickt war als die deutsche Völkerkunde. In vielen afrikanischen Ländern ist man aus diesem Grund auf die Social Anthropology bis heute nicht besonders gut zu sprechen. „Sociology for you, anthropology for us“, so hatte man sich dort gegen den „akademischer Kolonialismus“ schon in den 1970er Jahren gewandt.[4]

Doch was schlimmer ist: Bei der Umbenennung hatten die Mitglieder der DGV die entschieden finsterere Vorgeschichte der Fachbezeichnung in Deutschland entweder nicht gekannt oder einfach ignoriert.  Geprägt worden war der Begriff „Sozialanthropologie“ gegen Ende des 19. Jahrhunderts von sozialdarwinistischen Rassentheoretikern.  Ein Vertreter dieser Richtung war der „Eugeniker“ und „Rassenhygieniker“ Eugen Fischer (1870-1964), der als einer der wichtigsten Wegbereiter der nationalsozialistischen Rassentheorien gilt und sich nach der Machtergreifung auch an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassegesetze beteiligte. Seine ersten wissenschaftlichen Meriten hatte Fischer sich 1908 durch seine „sozialanthropologischen“ Untersuchungen zu „Rassenkreuzungen“ im damaligen Deutsch-Südwestafrika erworben. 1937 setzte er sich für die Zwangssterilisierung der sogenannten Rheinlandbastarde ein, die während der französischen Rheinlandbesetzung als Kinder afrikanischer Soldaten und einheimischer Frauen zur Welt gekommen waren. Auf den Druck der NSDAP-Abgeordneten hin hatte die thüringische Landesregierung 1930 in Jena den ersten deutschen „Lehrstuhl für Sozialanthropologie“ eingerichtet. Besetzt wurde er mit einem anderen namhaften Vertreter der NS-Rassenideologie, nämlich Hans F.K. Günther (1891-1968), dem Autor einer 1922 erschienen Rassenkunde des deutschen Volkes, von der sich mehrere signierte Exemplare auch in Hitlers Bücherschrank fanden. Adolf Hitler und Hermann Göring waren persönlich anwesend, als er am 15. November 1930 mit seiner Antrittsvorlesung über „Die Ursachen des Rassenverfalls des deutschen Volkes seit der Völkerwanderungszeit“ das Fach in Deutschland begründete.[5] Der von seinen Anhängern als „Rassen-Papst“ gefeierte Günther sah die wichtigste Aufgabe der Sozialanthropologie darin, zur „Aufnordung“ des deutschen Volks durch eine systematische „Ausmerzung“ aller „minderwertigen Elemente“ beizutragen.

Wilhelm E. Mühlmann, der zu den einflussreichsten Ethnologen der Nachkriegszeit zählte und seine Kumpanei mit den Nazis lange zu vertuschen verstanden hatte, wollte die von ihm ab 1955 zuerst in Mainz und dann in Heidelberg vertretene Fachrichtung zunächst als Sozialanthropologie bezeichnen. Doch verzichtete er darauf, weil er als ein Schüler Eugen Fischers die rassistische Vorgeschichte dieser Fachbezeichnung nur allzu gut kannte. Stattdessen wählte er für seine Forschungsrichtung die von Richard Thurnwald geprägte Bezeichnung Ethnosoziologie. Seither ist sicher viel Wasser den Rhein, den Neckar und auch die Spree hinuntergeflossen. Hat es den Begriff, der mit dem Segen des „Führers“ selbst in die Lingua Tertii Imperii Eingang gefunden hatte, aber tatsächlich schon reinzuwaschen vermocht? Carola Lenz hat während der Berliner Tagung zu Recht vom „protestantischen Sündenstolz“ auch der Ethnologen gesprochen. In ihrem Bestreben, den moralischen Kritikern des Faches so weit wie möglich entgegenzukommen, haben sie den Teufel letztlich nur mit dem Beelzebub ausgetrieben. Einem alten, mehr als hundert Jahre vor dem Eintritt Deutschlands in den kolonialen Wettbewerb geprägten Begriff wurde eine Bezeichnung vorgezogen, die im Zeitalter des Sozialdarwinismus entstanden war und mit Rassismus, Ausmerzung und Völkermord konnotiert ist.

Gut, so mag man einwenden, die überwiegende Mehrzahl der Abstimmenden wusste das nicht, und wer dies dennoch tat, hätte sich schon im Vorfeld offensiver dazu äußern müssen.  Ist es nicht legitim, sich in der Vergangenheit belastete und missbrauchte Begriffe anzueignen, um sie mit neuen Inhalten zu füllen? Und hat man in der neuen Fachbezeichnung die Sozialanthropologie nicht auch mit der begriffshistorisch unbelasteten Kulturanthropologie kombiniert?

Allerdings kommt die in Berlin vorgenommene Umbenennung des Fachverbands genau zum falschen Zeitpunkt. Der Vorstand der DGV hatte gegenüber der Kulturstaatsministerin zu Recht dagegen protestiert, dass in der Ausschreibung der Direktorenstelle für das Humboldtforum die Ethnologie nirgends erwähnt wird, obgleich es doch deren Fachexpertise ist, die man bei der Neuaufstellung der ethnologischen Sammlungen dringend benötige. Und er konnte mit dieser Protestnote zunächst auch Gehör finden. Würde der Verband mit solchen Eingaben aber auch dann Erfolg haben, wenn er sie im Namen der Sozial- und Kulturanthropologie vorbrächte? Dass sich darunter auch die Ethnologie verbirgt, muss man Außenstehenden erst einmal erklären. Aber wo, so ließe sich weiter fragen, ist denn nun die Museumsethnologie geblieben? Der Kollateralschaden ist nun einmal entstanden.  Ob er den Nutzen einer stärkeren Anbindung an die angelsächsische Wissenschaftsterminologie aufwiegt, ist zu bezweifeln.

Einige Mitglieder der ehemaligen DGV haben nach der Umbenennung spontan ihren Austritt erklärt. Als ehemaliger Vorsitzender des Vereins habe ich mit diesem Schritt auch aus alter Solidarität noch gezögert.  Aber Mitglied in einer wissenschaftlichen Vereinigung zu sein, deren Bezeichnung sich auf Ahnherren wie den „Rassenhygieniker“ Eugen Fischer oder den „Rassen-Günther“ zurückführen lässt, das muss man sich nun wirklich überlegen.  Oder lässt sich das Rad vielleicht doch noch einmal zurückdrehen?

Karl-Heinz Kohl lehrte von 1988 bis 2014 Ethnologie an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, an der New School for Social Research in New York und an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, wo er von 1996 bis 2016 auch das Frobenius-Institut leitete. Er war von 2007 bis 2011 Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde. Seit 2005 ist er ordentliches Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

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[1] Tawada, Yoko, Talisman, Tübingen: Konkursbuch-Verlag, 1996, p. 48.

[2] Vgl. Leiris, Michel, Phantom Afrika. Tagebuch einer Expedition von Dakar nach Djibouti 1931-1933,  2 Bde., hrsg. und mit einer Einleitung von Hans-Jürgen Heinrichs, Frankfurt a.M.: Syndikat, 1980. Ein Jahr später veröffentlichte im selben Verlag der damalige Hamburger Universitäts-Ordinarius eine kritische Auseinandersetzung mit der kolonialen Vorgeschichte des dortigen, ebenfalls von ihm geleiteten Museums: Fischer, Hans, Die Hamburger Südsee-Expedition. Ethnographie und Kolonialismus, Frankfurt a.M.: Syndikat, 1981.

[3] Vgl. z.B. die große Resonanz auf den Artikel von Kathleen Gough, „Anthropology and Imperialism“,in: Monthly Review, 19/11 (1968), pp.12-27, der später auch unter dem Titel „Anthropology – Child of Imperialism“ zirkulierte. Eine andere wichtige Arbeit aus dieser Zeit: Talal Asad (ed.), Anthropology and the Colonial Encounter,  Ithaca Press: London, 1973. Beide waren in England ausgebildet worden, lehrten aber in den USA.

[4] Ramaswamy, M.Krischke, Ethnologie für Anfänger. Eine Einführung aus entwicklungspolitischer Sicht, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, 1985, p. 19.

[5] Vgl. Hossfeld, Uwe, „Die Jenaer Jahre des ‚Rasse-Günther’ von 1930 bis 1935: Zur Gründung des Lehrstuhls für Sozialanthropologie an der Universität Jena“, in: Medizinhistorisches Journal, Bd. 34, H. 1 (1999), pp. 47-103, hier p. 74.