Das Kulturerbe Benins auf dem Prüfstand der Zeit

Bericht der Doktorandenschule in Benin vom 14. bis 30. Juli 2018

unter Mitarbeit von Verena Rodatus

 width=(1) Otoiu (2018) Vorsitzender des Vodun, Dada Daagbo Hounon Hounan II. und die Doktorandengruppe

Gegenstand dieses Berichts ist die Doktorandenschule „Prozesse von Kulturerbekonstruktionen, Nutzungen und Musealisierung von Vergangenheit“, die von 14. bis 30. Juli 2018 in Porto Novo in Benin stattfand. In diesem Beitrag werden wir die räumlichen und zeitlichen Diskursivierungen in Kulturerbeprozessen in Benin herausarbeiten. Unter Kulturerbeprozessen verstehen wir hier sowohl die Diskurse um materielles und immaterielles Kulturerbe und deren lokalen Wahrnehmungen in Benin. Unser Erkenntnisinteresse besteht darin, in Hinblick auf die Sammlungsbestände von Beniner Objekten in Deutschland − insbesondere den Sammlungen der Museen Berlins − vergleichend zu betrachten, welche Diskursivierungen von Raum und Zeit durch die verschiedenen AkteurInnen vorgenommen werden. Zusammengefasst zielen wir mit dieser Untersuchung − aus einer ortspezifischen Perspektive von Benin heraus – darauf ab, einen Beitrag zu gegenwärtigen Debatten über die Restitution von Objekten aus den ethnologischen Sammlungen Europas zu leisten.

Die Aktivitäten der Doktorandenschule fanden an der ›École du Patrimoine Africain‹ (EPA) und dem Kulturzentrum Ouadada (Leitung: Gérard Bassalé) statt. Der Sommerworkshop diente zu einem transdisziplinären und transnationalen Austausch zwischen TeilnehmerInnen bestehend aus DoktorandInnen und ProfessorInnen der Kunst- und Sozialgeschichte, Ethnologie, Soziologie, Architektur, des Städtebaus und der Archäologie, aber auch zeitgenössischen KünstlerInnen aus Brüssel und Lüttich, die mit verschiedenen medialen Formen, wie Performance, Musik, Malerei, Fotografie arbeiten sowie anderen AkteurInnen, wie etwa Verantwortlichen der lokalen Tourismusindustrie.[1] Die Zielsetzung der Schule war es die verschiedenen Eindrücke aber auch Zwänge der gegenwärtigen nationalen Kulturerbeprozesse in Benin zu untersuchen und auch zu fragen, welches Kulturerbe in Benin weithin beachtet aber auch unbeachtet, zurückgewiesen oder vernachlässigt wird. Das Organisationsteam bestehend aus Prof. Didier Houénoudé (Universität Abomey-Calavi, Cotonou), Prof. Anna Seiderer (Universität Paris 8 – Vincennes Saint-Denis), Dr. Felicity Bodenstein (Technische Universität Berlin, Translocations) und Dr. Damiana Otoiu (Universität Bukarest) ermöglichte es den DoktorandInnen über philosophische, historische, politische und museologische Themenfelder nachzudenken. In diesem Bericht möchten wir im Folgenden zwei Fragen hervorheben: „Welches Kulturerbe wird in Benin unter Schutz gestellt?“ und „Wie können wir Kulturerbeprozesse auf dem Prüfstand der Zeit besser verstehen?“

 width=(2) Benin in Westafrika und Detail Porto Novo, Ouidah und Abomey

„Patrimonialisation“ oder „Kulturerbe machen“?

Dank des internationalen Austauschs konnten wir sogleich soziolinguistische Differenzierungen feststellen – das Wort „Patrimonialisation“ entzieht sich beispielweise einer wortwörtlichen Übersetzung ins Deutsche. Kulturerbe kann dabei nur einen ersten Versuch einer deutschen Begriffsfindung darstellen, der jedoch die aktive, prozessuale Form des „Kulturerbe machens“ ausschließt. Um sich ein Verständnis von diesen Kulturerbeprozessen in Benin anzueignen, arbeiteten die DoktorandInnen in Recherchegruppen vor Ort und an einer Präsentation mit KünstlerInnen zusammen. Bereits zu Beginn stellte sich heraus, dass alle Gruppen an der Beobachtung alltäglicher Kulturerbekonstruktionen interessiert waren. Anstelle der Untersuchung der uns vorgestellten nationalen Museen, zogen es die DoktorandInnen vor, sich durch Befragungen vor Ort mit der Wahrnehmung der BewohnerInnen über das gegenwärtige Kulturerbe auseinanderzusetzen. Um unser gewonnenes Wissen zu vermitteln, wollen wir erwähnen, dass wir hauptsächlich vom Aufenthalt in Porto Novo, der offiziellen und auch kulturellen Hauptstadt Benins, ebenso wie von Aufenthalten in Abomey, der ehemaligen Hauptstadt des Königreichs Dahomey (1600−1904) und der Küstenstadt Ouidah, des ehemals größten Sklavenausfuhrhafens Benins, profitierten (Abb. 2).[2]

 width=(3) Jürgens (2018) Königspaläste von Dahomey, Thronsaal

Inwertsetzungsprozesse von Original und Kopie in Abomey

In Abomey befinden sich im Palast der zwölf Königreiche von Dahomey, der 1958 von der französischen Verwaltung als „Historisches Museum von Dahomey (Abomey)“ umbenannt wurde, mehr Kopien als Originale königlicher Objekte, wie etwa im Thronsaal oder die Skulptur der Gottheit des Eisens Gu.[3] Im Musée du Quai Branly befinden sich geraubte Original-Stücke, aber auch die Sammlungen des Ethnologischen Museums Berlins beherbergen einen Thron (eine Gabe an den Kaiser Wilhelm II.), ebenso wie Thronhocker und königliche Insignien aus Dahomey. Unsere These ist, dass die sich in Abomey befindenden Kopien der in Europa verwahrten Throne des ehemaligen Königreichs Dahomey als weniger ›wertvoll‹ rezipiert werden. Mit einiger Traurigkeit erzählte unser Guide Théodore Atrokpo, dass die Mehrheit der hier gezeigten Throne die Arbeit von Kopisten sei (Abb. 3). Die eigenen Originalobjekte, die nach Europa oder Brasilien mitgenommen, verschenkt oder verkauft wurden, sind – so unser Eindruck vor Ort – hingegen von großer identifikatorischer Bedeutung für die Beniner, zelebrieren sie doch die Königshäuser Abomeys.[4]

Räumliche Verflechtungen um Provenienz- und Restitutionsfragen zeigen sich auch in der gegenwärtigen Kunstszene. So war 2016 in Rahmen der Biennale in der Akademie der Bildenden Künste Berlin die Arbeit des Beniner Künstlers Thierry Oussou zu sehen, der mit Studierenden der Universität Abomey-Calavi in Allada eine archäologische Ausgrabung mit einem von ihm vergrabenen, unechten Thron durchgeführt hatte.[5] Mit der Dokumentation dieser Aktion wollte er auf die „Funde“ durch Ausgrabungen in europäischen und nordamerikanischen Sammlungen aufmerksam machen, aber insbesondere an die Diskussionen rund um den Thron des letzten Königs von Dahomey, König Béhanzin (1845–1906), der sich im Musée du Quai Branly befindet, erinnern. Die Abwesenheit der Originalobjekte fördern auch in der zeitgenössischen Kunst eine intensive Auseinandersetzung mit Restitutionsfragen. Die verschlungenen Wege jedoch bleiben einzeln zu prüfen, ob nun ‚gefunden‘, gesammelt, verkauft oder verschenkt. Durch die Führung von Théodore Atrokpo wurde deutlich, dass ein räumlicher Bezug zu den Originalen hergestellt und darauf verwiesen werden muss, wo sich die Objekte gegenwärtig befinden. So verweist für ihn der Thronsaal – als Kopie – auf einen internationalen Zusammenhang, konkret auf die Originale in den Sammlungen in Europa, Nordamerika und auch in Brasilien[6].

Hingegen erfahren die europäischen Originalobjekte aus dem kolonialen Kontext eine Abwertung. Beispielsweise zeigen sich die Geschenke an die Könige von Dahomey zur Zeit des transatlantischen Sklavenhandels (1721−1865) und der Kolonialzeit (1892−1960) wie Kristallvasen oder Brokatmäntel in einem schlechten Zustand. Sie sind heute staubig und so zeigte sich uns, dass die Originalobjekte aus der Zeit des transatlantischen Sklavenhandels und der Kolonialzeit nicht aufgrund ihrer Geschichtlichkeit per se eine Aufwertung in der gegenwärtigen museologischen Praxis Benins erfahren. So erinnern die europäischen Geschenke auch an die Zeit des Sklavenhandels und die aktive Beteiligung der Könige Dahomeys an diesem – eine Tatsache, die lange tabuisiert und geächtet war.

 width=(4) Jürgens (2018) „Porte du Non Retour“, Ouidah, Benin

Ouidah – Erinnerungskultur ohne Europäer

In Benin spielt die Staatsreligion Vodun eine zentrale Rolle bei der Diskursivierung um Raum und Zeit bei Kulturerbekonstruktionen. Benin gilt als die „Wiege des Vodun“ – eine der wenigen in Afrika entstandenen Religionen, die in der afro-karibischen und afro-amerikanischen Diaspora als wichtiges Kulturerbe und damit als diskursive Ressource fungiert. Die Kulturpolitik Benins hat diesen Verflechtungen Rechnung getragen, indem sie Vodun nach der marxistisch-leninistischen Diktatur der Jahre 1975 bis 1990 als Staatsreligion anerkannte und erstmals in der Stadt Ouidah eine Gedenkstätte zum transatlantischen Sklavenhandel sowie ein jährliches Vodun-Festival eingerichtet hat.[7] Die vom Staat Benin und unter der Initiative der UNESCO Anfang der 1990er Jahre in Auftrag gegebenen Erinnerungsorte – wie das Monument „Porte du Non Retour“ mit Vodun-Skulpturen der Künstler Dominique Kouas und Yves Appolinaire Pède von 1995 und die „Route de l’Esclave“ von 1994, die aus Skulpturen von Cyprien Tokoudagba besteht, zeugen davon.[8] „Based on the premise of a reunion of Africa and the African Diaspora through the commonalities of Vodun and Vodun-derived religious systems, this international collaboration was successful not merely in authenticating Benin’s new political and religious freedom but in demonstrating it at a global level.“[9] Diese Erinnerungsorte zeichnen sich dadurch aus, dass über die Schrecken des Sklavenhandels und die Opfer gesprochen werden kann, ohne die Europäer als Handelspartner, die ein globales Unrechtsregime aufgebaut hatten, überhaupt zu erwähnen.[10]

 width=(5) Jürgens (2018) „Route d’Esclave“, Ouidah Benin. v.l.n.r. Baum des Vergessens, Zomai Gefängnis, Zoungbodji Gedenkstätte

Denn statt den Blick auf die oder das Andere (die Europäer) zu richten, wurden im Zuge der Demokratisierung und Retraditionalisierung des Landes seit den 1990er Jahren – durch das Festival des Arts et de la Culture Vodun Ouidah 92[11] − die Aufwertung des eigenen Kulturerbes, (allen voran des Vodun) und die Aneignung der eigenen Geschichtsschreibung vorangetrieben: Letztlich wurde so auch eine „Heritage-Industrie“ entwickelt, die vor allem an afro-amerikanische und afro-karibische Touristen gerichtet ist.[12]

Bei einem Besuch in Ouidah sahen wir die „Route de l’Esclave“ von Cyprien Tokoudagba. Dieser wurde im Rahmen des Vodun-Festivals „Ouidah 92“ vom Staat beauftragt, den brutalen Willen den afrikanischen Körper zu versklaven und den Missbrauch von Millionen in Skulpturen zu versinnbildlichen.[13] Hier wird deutlich, dass die räumliche Diskursivierung dieses Erinnerungsorts über die Verbindungen zur Diaspora in den Amerikas hergestellt wird. So verweben die Skulpturen von Tokoudagba unter Bezug auf präkoloniale Kunsttraditionen Dahomeys die Sklavenküste mit den Narrativen des Vodun.[14]

Die Betonskulpturen des Künstlers werden jedoch nach Didier Houénoudé durch die Bevölkerung – ganz im Gegensatz zu der vom Staat intendierten Aufwertung der eigenen Geschichte und Kultur – wie eine „Re-Kolonialisierung und Wieder-Beschwörung der Sklavenrouten“[15] wahrgenommen. Dadurch gibt es bis in die Gegenwart benachteiligte Viertel, deren Einwohner als Kollaborateure der Sklavenhändler gelten. Die Entscheidung Europäer und das koloniale System nicht darzustellen, scheint gleichsam lokale Ungerechtigkeiten zu schüren oder Missverständnisse zu erzeugen.

Beim Besuch des obersten Vorsitzenden des Vodun, Dada Daagbo Hounon Hounan II. in Ouidah, kamen ähnliche räumliche und zeitliche Diskursivierungen der Sklaverei und Kolonialzeit auf (Abb. 1). Zum einen präsentiert er den Vodun als ein Kulturerbe der longue durée, das bereits vor dem transatlantischen Sklavenhandel entstanden und – ohne zeitlichen Bruch – bis in die Gegenwart Benins übertragen worden sei. In den Erzählungen von Daagbo Hounan II. wurde deutlich, dass die globale Translokation des Vodun viele Änderungen und Diversifizierungen der Riten hervorgebracht hatte, die in ihrer symbolischen Vielstimmigkeit jedoch Halt für Identitätskonstruktionen gäben. Diese Translokationen und Vielstimmigkeit des Vodun fordern auch das häufige Reisen von Daagbo Hounan II., der weltweit an Konferenzen beispielsweise in Haiti und Amerika teilnimmt oder als Botschafter für die UNESCO fungiert.[16] Auch sieht er sich als die körperliche Repräsentation aller Formen des Vodun und sein Haus in Ouidah, das von allen Versklavten vor den Sklavenauktionen ein letztes Mal aufgesucht wurde, zeuge ebenfalls als ein Beweis für das Überdauern des Vodun.[17]

 width=(6) Jürgens (2018) Kiffouly wird in der Performance bemalt

Porto Novo und die Frage der Abwesenheit

Abschließend konnten wir uns in Porto Novo noch Fragen nach dem Umgang mit Lücken, oder besser nach Abwesenheiten, widmen. Nach unserem Aufenthalt in Ouidah und Abomey, stellten uns die Beniner Doktoranden Charlemagne Segbedji[18], Jéronime Zanmassou[19] und Mardjoua Barpougouni[20] ihre Recherchearbeiten vor, die unseren Blick für Benin weiteten. Die Abschlussdiskussionen der DoktorandInnen wurden durch die große Teilnahme Beniner KünstlerInnen begleitet.[21] Insbesondere während der Performance der ForscherIn Amel Djenidi, Théogène Niwenshuti und des Künstlers Youchaou Kiffouly, bei der der Körper von Youchaou Kiffouly bemalt wurde, konnten wir nochmals über die Bedeutung von Kulturerbeprozessen nachdenken. Die TeilnehmerInnen waren eingeladen worden, Bänder zu verknüpfen und hintereinander in den Hof der Schule (EPA) zu gehen, so dass jeder an der Performance teilnehmen konnte. Die Idee der Performance war zu zeigen, dass jedes Kulturerbe von einer Generation an die andere gereicht wird, sowie dessen soziokulturellen Werte, religiöse und kultische Praktiken. Auch verwies die Performance auf all die abwesenden Kulturerbeobjekte. Die Darstellung wird von uns auch dahingehend interpretiert, dass KünstlerInnen gegenwärtig auf die Performance als Mittel der Vermittlung zurückgreifen, da die räumlich-zeitliche Absenz der Originalobjekte immaterielle Aneignungsprozesse fordert (Erzählungen, Musik, Tanz und Performance). Große Teile der als wertvoll erachteten Originalobjekte befinden sich währenddessen in den europäischen und nordamerikanischen Sammlungen.

Als erster afrikanischer Präsident hat Patrice Talon, das Staatsoberhaupt Benins, am Nationalfeiertag (1. August 2016) die Restitution von Statuen und königlichen Insignien von Frankreich gefordert.[22] In Benin haben wir zwar gesehen, dass die Kopien der Throne und die europäischen Geschenke an die Könige Dahomeys gegenwärtig vor Ort nicht gut erhalten werden. In Bezug auf die eigenen Originalobjekte aus Dahomey, die sich in europäischen Sammlungen befinden, zeigt die Restitutionsforderung Benins jedoch die Bemühung das eigene Kulturerbe wiederzuerlangen – nicht zuletzt weil es im Kontext von Sklaverei, Kolonialismus und Vodun eine wichtige identifikatorische Rolle für das Land spielt.

Auch die Sammlungen der Museen Berlin zeigen online ihre Bestände aus dem Königreich Dahomey; neben dem Thron bestehen sie aus Halbreliefs, Skulpturen[23], Amuletten, Guélédé-Masken[24], Audioaufzeichnungen[25], Zeremonienstäben[26] und anthropologischen Fotografien[27]. Nach der Besichtigung der vielen leeren Beniner Museen, richtet sich unser Blick auf die Konstruktion des Humboldt Forums und die gegenwärtige Ausstellung „Unvergleichlich: Kunst aus Afrika im Bode-Museum“, in der die europäischen Sammlungen vom 3. bis 15. Jahrhundert zusammen mit ›afrikanischen‹ Objekten, die hauptsächlich auf das 18. und 19. Jahrhundert zu datieren sind, gezeigt werden. Bald werden Teile der ethnologischen Sammlungen von Berlin-Dahlem im Humboldt Forum beherbergt sein. Unweigerlich fragen wir uns: „Wem gehört dieses Kulturerbe?“ Und nachdem wir den Kulturerbeprozessen vor Ort in Benin folgen konnten, fragen wir uns gleichermaßen: „Welche Auffassung von Zeitlichkeit hilft den Status Quo der Ungleichheit aufrecht zu erhalten?“ Wir schlagen zwei Antworten vor.

Die afrikanischen oder Beniner Objekte, die sich gegenwärtig in den Sammlungen Museen Berlins befinden, verlangen eine erneute dialogische Aufarbeitung. Weder das Argument der angemessenen Erhaltung der Originalobjekte noch das des legalen Erwerbs durch Kollaborateure können den Prozess der Rückführung aufhalten. In diesem Zusammenhang ist das Urteil europäischer ExpertInnen über die unzureichende Erhaltung nichts weiter als die Verlängerung kolonialen Unrechts. Und selbst wenn es begrüßenswert ist, dass für die Ausstellung „Béhanzin, König von Abomey“ Objekte aus dem Museum Quai Branly an die Fondation Zinsou in Benin entliehen wurden, ist der Wunsch der KuratorInnen, dass „die Ausstellung ›Béhanzin, König von Abomey‹ eine Premiere darstellte [und sie sich wünschten], dass diese Erfahrung ein erster Schritt sei“[28] ein Armutszeugnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Darüber hinaus ist es nicht mehr an europäischen ExpertInnen und PolitikerInnen gelegen die Kapazitäten und den Willen afrikanischer Staaten gegenüber den Originalobjekten zu bewerten ohne eine Restitution durchzuführen. Denn die Abwesenheit der Originalobjekte wird den politischen Willen die notwenigen Institutionen einzurichten, nicht wecken. Es ist auch nicht mehr an diesen ExpertInnen gelegen, über die (Wieder-) Aneignung dieser Objekte in afrikanischen Kontexten zu spekulieren. Zweitens muss Abstand vom Argument des legal erworbenen Objekts genommen werden. Im gegenwärtigen Kontext sind diese Objekte zunächst ein kollektives Erbe, das nicht Europa entstammte. Auch wenn zum Zeitpunkt des Erwerbs mit Kollaborateuren des transatlantischen Sklavenhandels oder Kolonialismus zusammengearbeitet wurde, ist deren Recht über den Verbleib der Objekte zu urteilen, längst verstrichen. Man kann sich nicht länger vorbehalten mit einer Zeitlichkeit zu argumentieren, die einem am besten zusagt – sei es nun über eine unbekannte Zukunft der Objekte oder das Erwerbsargument auf die Konstruktion einer Vergangenheit zu stützen. Und wer könnte überhaupt die Diskurse, die die Anwesenheit dieser Objekte in ihrem originären räumlichen Zusammenhang auslösten, erraten? Achille Mbembe formulierte, dass Europa seine Wahrheitsschuld anerkennen muss, damit WIR alle die Basis einer Beziehung im Heute und Morgen erwirken.[29] Doktorandenschulen, wie die in Benin, können dabei ein Anstoß in die richtige Richtung sein.

Claudia Jürgens ist Doktorandin der Soziologie im DFG-Graduiertenkolleg „Identität und Erbe“ an der Technischen Universität Berlin. Sie forscht zu Visualisierungen des Immateriellen Kulturerbes am Beispiel des Kankurang Initiationsritus in Senegal und Gambia, der 2008 in die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen wurde. Sie erforscht die Techniken des Erbens mittels Visualisierungen, knüpft daran methodologische Überlegungen und moralisch-ethische Fragestellungen zu Darstellbarkeit, (In-) Visibilität und Kanonisierung visuellen Wissens. E-Mail: juergens.claudia@tu-berlin.de 

Mardjoua Barpougoni ist Doktorand der Archäologie im binationalen Promotionsverfahren (Co-Tutelle) zwischen der Universität Abomey-Calavi (Cotonou, Benin) und dem Recherchezentrum HABITER der Freien Universität Brüssel (Belgien). Der studierte Geschichtswissenschaftler und Archäologe forscht über das Kulturelle Erbe, die Stadtentwicklung und die archäologisch-historischen Zusammenhänge in der Stadt Banikoara in Nord-Benin. Seine Doktorarbeit wird im Weiteren als Studie zur Errichtung eines Kompetenzzentrums mit Schwerpunkt urbaner Fragen und Kulturerbestädten Benins führen. E-Mail: tankoanon21@gmail.com; bmardjou@ulb.ac.be. 

Abbildungen

(1) Otoiu, Damiana (2018) Vorsitzender des Vodun, Dada Daagbo Hounon Hounan II. und die Doktorandengruppe

(2) Karte von Benin und Detail von Potro-Novo, Ouidah und Abomey

(3) Jürgens, Claudia (2018) Königspaläste von Dahomey, Thronsaal

(4) Jürgens, Claudia (2018) Porte du Non Retour, Ouidah, Benin

(5) Jürgens (2018) „Route d’Esclave“, Ouidah Benin. v.l.n.r. Baum des Vergessens, Zomai Gefängnis, Zoungbodji Gedenkstätte, Ouidah, Benin

(6) Jürgens, Claudia (2018) Youchaou Kiffouly wird in der Performance von Benoît de l’Éstoile und Didier Houénoudé bemalt

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[1] Vortragende der Doktorandenschule in Porto-Novo in alphabetischer Ordnung: Alexis Adande (Université Abomey Calavi, Cotonou Benin); Victoire Adegbidi (Agence Nationale de promotion des Patrimoines et de développement du Tourisme); Théodore Atrokpo (village souterrain d’Agongointo); Bachalou Nondichao (Abomey); Rokia Bamba (Brüssel); Gérard Bassale (Centre culturel Ouadada); Gaëlle Beaujean (Musée du quai Branly, Jacques Chirac, Paris); Felicity Bodenstein (Technische Universität, Berlin); Alessandra Brivio (Université de Milan); Théodore Dakpogan, (Porto-Novo); Benoît De L’Éstoile (ENS/CNRS); Gabin Djimasse (Abomey); Stephan Goldrajch (Brüssel); Didier Houénoudé (Université Abomey-Calavi, Cotonou); Estelle Lecaille (mòsso, Brüssel); Placide Mumbembele (Université de Kinshasa); Marian Nur Goni (Ecole supérieure des Beaux-arts de Nantes Métropole); Franck Ogou (Ecole du Patrimoine Africain, Porto-Novo); Damiana Otoiu (Université de Bucarest); Myriam Rispens (Brüssel); Anna Seiderer (Université Paris 8 – Vincennes Saint-Denis); Romuald Tchibozo (Université Abomey-Calavi, Cotonou); Antje van Wichelen (Brüssel); Marie ZOLAMIAN (Lüttich).

[2] Weniger Gegenstand unserer Betrachtungen waren das Kulturerbe des Norden Benins, als auch archäologisch-metallurgische (Be-) Funde und transnationale Formen des Kulturerbes der Anrainerstaaten.

[3] Houénoudé, Didier ; Murphy, Maureen : Création contemporaine et patrimoine royal au Bénin : Autour de la figure du Dieu Gou. Porto-Novo 2016, S. 2-11. Hier: S. 3.

[4] Sammler wie J.F.G. Umlauff in Hamburg, der mit der Schwester von Carl Hagenbeck verheiratet war und später auch Völkerschauen organisierte, trug seinem Namen alle Ehre, so dass sich heute Yoruba-Guélédé Masken und Insignien aus Dahomey in vielen westlichen Museen befinden. https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/647-beziehungen-des-handelshauses-umlauff-zu-den-rem

[5] Oussou, Thierry: Nothing is impossible (Kunstinstallation auf der Berlin Biennale, 2016) http://www.berlinbiennale.de/artists/T/thierry-oussou; Siehe auch: https://www.theguardian.com/artanddesign/2018/jul/09/thierry-oussou-faked-archaeological-dig-african-art-colonial-looting

[6] Einen weiteren transnationalen und transatlantischen Inwertsetzungsprozess hatte der französische Ethnologe Benoît de l’Éstoile in seinem Vortrag in der EPA über die Musealisierung des afrikanischen Erbes in Brasilien herausgearbeitet. Die dort ausgestellten Originale, unter anderem der Thron von Dahomey, der 1818 in die Sammlung des Nationalmuseums in Rio de Janeiro (nun leider verloren) aufgenommen worden war, dienten dort in jüngerer Zeit als Hinwendung Brasiliens zu seiner afro-brasilianischen Geschichte, der Aufwertung der „Wurzeln“, insbesondere nach Benin und die Aufarbeitung der Geschichte des Sklavenhandels und der afrikanischen Präsenz in Brasilien. De l’Éstoile, Benoît (Vortrag) : Notes sur la muséalisation du patrimoine africain au Brésil, Salvador, Rio de Janeiro. École du Patrimoine Africain, am 23.07.2018. Porto-Novo 2018.

[7] Länderinformation zu Benin unter: https://www.liportal.de/benin/geschichte-staat

[8] Für eine nähere Beschreibung der Künstlerbiografien, Skulpturen und Veranstaltungsorte des Festivals Ouidah 92, siehe auch: Rush, Dana: Contemporary Vodun Arts of Ouidah, Benin. In: African Arts, Vol. 34, No. 4 (Winter, 2001), S. 32-47+94-96.

[9] Rush, Dana: Contemporary Vodun Arts of Ouidah, Benin. In: African Arts, Vol. 34, No. 4 (Winter, 2001), S. 32-47+94-96. Hier: S. 32.

[10] Die einzige Repräsentation von Europäern auf der „Route de l‘Esclave“ in Ouidah stellen laut Dana Rush zwei Figuren am Rande des Zoungbodji Memorials dar, welche mit Tropenhelmen und Peitschen die Sklaven vor sich hertreiben. Nach unseren Beobachtungen ist eine weitere Repräsentation von Europäern die der Kogge auf der „Porte du Non Retour.“ Vgl.: Rush, Dana: Contemporary Vodun Arts of Ouidah, Benin. In: African Arts, Vol. 34, No. 4 (Winter, 2001), S. 32-47+94-96. Hier: S. 43.

[11] Ciarcia, Gaetano: Dans la «Forêt sacrée» de Savi au Bénin. Publié sur le site de l’Atelier international des usages publics du passé le 3 mars 2015. http://usagespublicsdupasse.ehess.fr/dans-la-foret-sacree-de-savin-au-benin/

[12] Araujo, Ana Lucia: „Welcome to the Diaspora: Slave Trade Heritage Tourism and the Public Memory of Slavery. In: Ethnologies, vol. 32, no.2, 2010, S. 145-178. Hier: S. 145.

[13] „En 1993, sur la proposition des représentants d’Haïti et de plusieurs pays africains, la Conférence générale de l’UNESCO a approuvé la réalisation du programme de la Route de l’esclave centré sur l’idée d’un ‘patrimoine commun immatériel’ [UNESCO, 1993] de la traite, partagé par les peuples africains, amériques et européens.“ Ciarcia, Gaetano: Du stigmate comme emblème. Le cumul des mémoires à Ouidah, ancien comptoir négrier. Ethnologie française 2016/4 (No. 164), S.691-700, Hier S. 691.

[14] Vgl.: Bay, Edna G.: Cyprien Tokudagba of Abomey. In: African Arts, Vol. 8, No. 4, 1975, S. 24-29+84. Hier: S. 28.

[15] Houénoudé, Didier: (Vortrag) La route d’esclavage à Ouidah: Cyprien Tokoundagba ou le paradoxe d’un discours. École du Patrimoine Africain, am 18.07.2018. Porto-Novo 2018.

[16] https://kapoislamort.com/2017/04/28/le-chef-supreme-du-vaudou-international-etait-en-haiti/ >

[17] Vgl.: Rush, Dana: Contemporary Vodun Arts of Ouidah, Benin. In: African Arts, Vol. 34, No. 4 (Winter, 2001), S. 32-47+94-96. Hier: S. 44-45.

[18] Segbedji, Charlemagne: (Vortrag) Les bâtiments afro-brésiliens. École du Patrimoine Africain, am 20.07.2018. Porto-Novo 2018.

[19] Zanmassou, Jéronime: (Vortrag) Le paysage urbain historique à Porto-Novo. École du Patrimoine Africain, am 20.07.2018. Porto-Novo 2018.

[20] Mardjoua, Barpougouni: (Vortrag) La ville de Banikora (Nord-Bénin) d’après les sources orales, archéologiques et historiques. École du Patrimoine Africain, am 20.07.2018. Porto-Novo 2018.

[21] Projektgruppen und Themenwahl der Doktorandenschule in Porto-Novo 2018: «Das Projekt eines Vodun-Museums» von Gleyce Kelly Heitor, Simon Frey und Charlemagne Segbedji; «Die Erbeprozesse der Vodun-Plätze in Porto-Novo» von Flora Losch und Barpougouni Mardjoua; «Die Inwertsetzung der großen Moschee» von Alexandre Girard-Muscagorry, Pauline Monginot und Jéronime Zanmassou; «Die Spuren des ehemaligen heiligen Waldes» von Magali Dufaut, Sylvestre Edjekpoto, Claudia Jürgens und Marie Zolamian und eine Performance der ForscherIn Amel Djenidi, Théogène Niwenshuti und des Künstlers Youchaou Kiffouly.

[22] https://www.franceculture.fr/societe/lepineuse-question-de-la-restitution-des-oeuvres-dart-au-benin-par-la-france

[23] Männliche Skulptur, Heinrich Bey, Sammler, 19. Jahrhundert, historische Bezeichnung: Dahomey (Königreich), heutige Bezeichnung: Benin (Republik), Ident.Nr. III C 1520, Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika. <http://www.smbdigital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=223618&viewType=detailView>

[24] Maske, 19. Jh., historische Bezeichnung: Dahomey (Königreich), heutige Bezeichnung: Benin (Republik), Yoruba (Ethnie), Holz (bemalt), Ident.Nr. III C 5441, Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika.  <http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=222233&viewType=detailView>

[25] Bariba 4 + 5, Dahomey du Nord, Tonband, Simha Arom (*1930), Tonaufnahme, Aufnahme: Februar 1973, Dahomey (Land), heutige Bezeichnung: Benin (Land), Kouandé (Ort), Bariba (Ethnie), Eigentümer Senat von Berlin, im Besitz SMB-PK, Ethnologisches Museum, Sammlung: Ethnologisches Museum | Medienarchiv. < http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=2306155&viewType=detailView>

[26] Zeremonialstab (Zepter), 1900 (um), historische Bezeichnung: Dahomey (Königreich), heutige Bezeichnung: Benin (Republik), Ident.Nr. III C 30703, Sammlung: Ethnologisches Museum | Afrika. < http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=218889&viewType=detailView>

[27] Fotografie / Personendarstellung, BGAEU Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Auftraggeber, vor 1943, Ident.Nr. N (74 P) 62/2007,7c, Sammlung: Museum Europäischer Kulturen, < http://www.smb-digital.de/eMuseumPlus?service=ExternalInterface&module=collection&objectId=2018261&viewType=detailView>

[28] Vullierme, Jean-Louis: Béhanzin – Roi d’Abomey du 16/02/2006 au 16/03/2007, Fondation Zinsou. http://fondationzinsou.org/portfolio_page/behanzin-roi-dabomey/

[29] Mbembe, Achille: Restitution ist nicht genug. Gibt es auch nur ein einziges westliches Museum, dessen Grund nicht auf afrikanischen Knochen ruht? Europa muss sich zu seiner Wahrheitsschuld bekennen. Und die ist unauslöschlich. FAZ, Nr.