Inwendig Auswendig

Von Albert für Erhard

 

Lieber Erhard,

nachdem ich das Video mit dem Märchen von Sebastian Inwendig abgedreht hatte, überkam mich eine gewisse Unsicherheit. Fehlte da nicht was? Hatte ich nichts vergessen? Das wäre blöd, denn ich hatte ja nur diesen einen Schuss – danach wäre der Kameramann wieder in Berlin. Kein Nachdreh möglich. Also bin ich früh aufgestanden, um mir das Märchen noch einmal auf Youtube von Michael Köhlmeier erzählen zu lassen. Und ich hörte genau hin und stellte fest – nicht ich, sondern das Märchen hat etwas vergessen oder aber: ausgelassen. Sebastian verliert alle Sinne. Er verliert den Tastsinn, den Geschmackssinn, seine Nase kann nichts mehr riechen, seine Ohren nichts mehr hören und seine Augen sehen nichts mehr. Er ist zum ‚Inwendig‘ geworden. Und doch kann er durch das ganze Märchen hindurch sprechen. Er spricht seinen Zauberspruch: „Wer immer mich auch hört, wer immer mich auch hört, mach, dass es nicht ist.“ Den kann er sagen. Das ganze Märchen hindurch. Und das Märchen schweigt sich aus über das Warum und Wieso dieses Nicht-Verlusts.

Während des Drehs bereits schoss mir das Fehlen dieses Fehlens so massiv durch den Kopf, dass ich gegen Ende des Films ganz intuitiv – und falsch! – die Fähigkeit zu sprechen als Verlust Sebastians mit aufnahm. Aber Sebastian verliert seine Sprache nicht. Er verliert auch seine Motorik, seine Mimik, seine Gestik nicht. Er könnte durchaus nonverbal kommunizieren. Er könnte schreiben. Er könnte also sich verständlich machen und wäre dann – kein Inwendig mehr.

Was also macht ihn zum Inwendig? Der Verlust aller Sinne ist es, den das Märchen beschreibt. In der Reihenfolge: Tasten, Schmecken, Riechen, Hören, Sehen. Und jeder Verlust ist ja gleichzeitig ein Gewinn. Sebastian tauscht. Die Fähigkeit zu tasten gegen den Schutz der Mutter, die zu schmecken zum Schutz der Geliebten, die zu Riechen ermöglicht das Überleben der Familie. Soweit, so konsistent. Danach ändern sich die Tauschhändel: Hör- und Sehsinn sind übersensibilisiert. Er tauscht sie nicht ein, er sucht jemanden, der sie haben will, diese Sinne, die ihm mehr ermöglichen, als er ertragen kann. Das, was er bekommt, IST nunmehr der Verlust dessen, was er gibt. Nicht mehr hören zu müssen – ein Ende des Lärms im Kopf. Nicht mehr sehen zu müssen – ein Ende der Hellsicht.

Diese Einsicht führt zum nächsten Problem: wenn er nun gerade den Innenraum loswerden will. Wenn jeder der ersten drei Schritte zu einer Intensivierung des Innenlebens führt und diese Verstärkung unerträglich ist, dann fragt sich, wie jener Innenraum denn ausgestaltet sein kann. Ob er überhaupt ausgestaltet ist oder eher den leeren Zylinder eines Beckett’schen Verwaisers darstellt. Wie die Leut‘ zu Ende des Märchens fragen: Passiert in dem noch was oder ist das bloß noch Hülle? Und hier lohnt sich eine Spekulation auf jene Auslassung des Märchens, die ich eingangs genannt habe: die Sprache. „Alles“ sagen ja machen, „alles“ finde in dem Sebastian statt, der nichts mehr fühlen, schmecken, riechen, hören, sehen kann. Und alles: das kann ja dann nur noch der Innenraum der Sprache sein. Also vielleicht nicht einmal deren äußere Artikulation – das Sprechen, das Schreiben. An dieser Welt, so suggeriert das Märchen, nimmt der Sebastian nicht mehr teil. Aber jene Selbstgespräche im Kopf, die wir dauernd führen. Oder jenes Sprechen, das man im Kopf gar nicht beenden kann. Und wenn der Weltbezug über die Sinne gekappt ist, dann schwätzt es im Gehirn vielleicht umso lauter. „Ruhe da oben“ heisst ein Buch des von mir sehr geschätzten Psychotherapeuten Andreas Knuf. Und, ja, es fragt sich, ob das nicht die Hölle für den armen Sebastian ist – das Fühlen buchstäblich und, in final analysis, gegen das Denken, das endlose, nicht mehr beendbare Denken ersetzt zu haben.

Aber, that said, gibt es natürlich auch noch eine positive Interpretationsmöglichkeit. Diese zielte nicht auf das Denken, sondern das Bewusstsein. Auch das Bewusstsein hat Sebastian nicht verloren. Er ist, auch wenn er absent zu sein scheint, völlig präsent. „Da“, wie man so sagt. So „da“ wie viele, die wir nicht mehr als „da“ empfinden: Komapatienten, manche Formen der Demenz, Menschen, die am locked-in-Syndrom leiden und viele andere mehr. Menschen, die wir für nicht kommunikationsfähig halten, nur, weil sie nichts mehr zurückgeben.

Dem Tod der Mutter von Christiane ging eine lange Zeit der Bettlägrigkeit voraus, während derer sie nichts mehr sprach, keine erkennbaren Reaktionen mehr zeigte. Nach ihrem Tod sprach ich mit einem ihrer Freunde. Dieser hatte sie jeden Tag besucht. Die ganze Zeit. Und ich meinte zu ihm, das sei doch wohl schwierig gewesen. I wo, antwortete dieser, ganz und gar nicht, er sei nicht als Besucher einer Kranken gekommen, er habe einfach eine alte Freundin besucht. Und für ihn sei es ganz und gar nicht schwierig gewesen mit dieser Frau, die niemanden mehr erkannte, kaum noch die Augen öffnete, kein Glied mehr regte, in Kontakt zu bleiben, ja, mit ihr zu kommunizieren. Man habe sich halt auf einer anderen Ebene getroffen. Sie sei ihm da bloß etwas voraus gewesen.

Sebastian, der seine Aufmerksamkeit nicht mehr nach außen richten kann, muss sie nach innen richten. Und jede und jeder, die oder der schon einmal über längere Zeit meditiert hat, weiß, dass es da drinnen eine Tiefe gibt, einen Raum, der immer da ist, der offen ist und weit. Und dass es eine Instanz in uns gibt, die unverändert ist, die alles beobachtet, ohne sich involvieren zu lassen. Das ist, versteht sich, eine figurative Redeweise. Es gibt, insbesondere in den asiatischen Religionen Namen für diese namenlose Instanz. Die Mystiker:innen aller Religionen kennen sie. Auch in der Trance kann man ihr begegnen, im anderen Zustand. Über diese Instanz zu sprechen, ist sinnlos. Und, worüber man nicht sprechen kann, davon soll man schweigen.

Dein Albert

 

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Addendum zum 61. Geburtstag 2022:
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Inwendig

(l’année prochaine)

„Der Rheinländer möchte sich ständig jedermann mitteilen. Ich mein‘, so’n Leben is kurz!“

(Konrad Beikircher)

Als ich mich zur Disputation meiner Doktorarbeit anmeldete, kam es zu einem Machtspielchen zwischen meinem Zweitprüfer und mir. Hartmut Steinecke kannte mich kaum und ich ihn auch nicht. Sicher war jedoch: Steinecke war kein Mann der Theorie. Ich habe ihn in Erinnerung, wie er wie ein Feldherr vor dem Seminar stand, einen Fuß auf einen Stuhl gestellt. „Heinrich Heines späte Lyrik“ hieß das Seminar. Ich habe es nur besucht, um ihn kennenzulernen – immerhin sollte er mich ja prüfen. Der Seminarinhalt war mir egal. Und das Seminar brachte ihn mir auch nicht näher. Ich war jung. Ich war arrogant. Ich war unsicher. Ich war überheblich. Und ich konnte – seit ich 13 Jahre alt war – Goethes Faust, den ersten Teil, auswendig. Hatte ich gelernt, weil ich diesen Text unbedingt by heart können wollte. Einige Teile kann ich immer noch. Jedenfalls kam mir das bei meiner eigenen Teufelswette – nein, nicht dem Pakt, der Wette, die im Himmel geschlossen wird – zu gute. Mein Gegenüber, Hartmut Steinecke, ahnte nichts und konnte deshalb nur verlieren.

Drei Themen waren an der Universität-Gesamthochschule, wie sie damals noch hieß, Paderborn notwendig für die mündliche Promotionsprüfung: erstens musste man seine eigene Arbeit verteidigen. Zweitens ein Thema, das diese Arbeit im weitesten noch berührte und drittens, ja, drittens irgendetwas ganz anderes. And now – something completely different (Konrad Beikircher erklärt auf diese Weise eine Eigenart des Rheinischen: „Apropros – wo Sie jrad sagen Winterreifen“, Erhard Schüttpelz nennt die nämliche rhetorische Volte „New York Way of Listening“) – also, wo Sie jrad sagen Winterreifen, da fiel es mir schwer ein drittes Thema zu finden. Mit Gottes und Raimar Zonsens Hilfe ward dann doch eines gefunden: „Hat Luhmann recht, wenn er Dekonstruktion second-order observation nennt?“ Ja, das war eine Frage nach meinem Geschmack. Und so ging ich zu Herrn Steinecke, um diese Frage als Prüfungsthema absegnen zu lassen (wohl wissend oder doch ahnend, dass das nicht so _seine_ Fragestellung sein würde…) Wie dem auch sei: „Nein“, lautete die klare Antwort, „Hier geht es schließlich um eine germanistische Prüfung. Da sollte es doch etwas Germanistisches sein.“ Ok. Fehdehandschuh hinjeschmissen. Ich nahm ihn auf. „Gut“, sagte ich, „dann eben DAS germanistischste aller germanistischen Themen: Goethes Faust.“ „In Ordnung“, lautete die Antwort, doch noch, bevor ich triumphieren konnte, ging es weiter, „In Ordnung, ABER die Editionsgeschichte der letzten zehn Jahre.“ Tja, da hatte ich es nun. Sollte ich „Nein“ sagen? Das verbot mir mein Stolz. Also „Ja“. Also „Ja, gut“. Also „Ja, gut, machen wir.“ Und dann verließ ich das Büro. Aber immerhin war da dieses Ass in meinem Ärmel, den Text selbst, den konnte ich immerhin auswendig. Für die Prüfung später war das dann doch ganz egal, aber das ist, wie Michael Ende schreiben würde, eine andere Geschichte (und soll ein andermal erzählt werden).

Im Grunde war es auch eine läppische Geste. Da. Kann ich. Wenn’s weiter nichts ist. „Auswendig“ – pah! Auswendiglernen war der Inbegriff seelenlosen Unterrichts. Etwas nur auswendig gelernt zu haben, bedeutet, es nicht verstanden zu haben, nur die Worte zu sprechen, dem Sinn aber fern zu bleiben. Auswendig – das war ja bloß – Handwerk. Bloße Re-Produktion. Und mir, der ich mich ja nicht als Sesselpupser, sondern als Künstler begriff (auch Intellektueller wäre zuwenig gewesen), wäre Reproduktion, bloßes Wiederkäuen, als Ehrverletzung erschienen. Hah!

Doch andererseits ist Auswendiglernen natürlich die Basis für das literaturbasierte Theaterspiel. Erst, wenn Du den Text kannst, kannst Du Dich auf der Bühne frei bewegen. Und ein gewisser Stolz schwang bei mir als Schüler auch mit, dass ich so leicht lange Texte lernen konnte. Dass es so leicht ‚rein‘ ging. Und dort auch blieb. So spielte ich im Schülertheater Macbeth in Shakespears gleichnamiger Tragödie, weshalb ausnahmsweise der längere Hamlet zur Lektüre im Englisch-Leistungskurs wurde, damit ich den anderen gegenüber keinen Vorteil hätte. Und verschmähte im schriftlichen Abitur den Shakespeare-Monolog, der doch, so mein Englischlehrer später, einzig und allein um meinetwillen überhaupt zum Prüfungsthema gemacht worden war. Stattdessen erörterte ich irgendeinen langweiligen Sachtext zu Computern (oder dem, was man 1988 unter ‚Computer‘ verstand). Und heulte mir die Augen aus, als all der Druck endlich nachließ.

Ich bin mit auswendig gelernten Texten aufgewachsen. Auswendiglernen war keine Kulturtechnik, die ich mir mühsam in der Schule aneignen musste. Auswendiglernen war eher ein ganz gewöhnlicher Teil meines Großwerdens in einem katholischen Dorf. Viele kirchliche Rituale basierten darauf, dass man ‚die Texte konnte‘. Noch heute entsetzt mich jede Beerdigung und jede Hochzeit, die unbedingt kirchlich begleitet werden muss, ohne dass nur einer der Gäste ‚die Texte kann‘. Dabei waren sie doch Teil des Vergnügens einer gemeinsam gefeierten Liturgie: „Großer Gott, wir loben Dich“, „Stille Nacht“ oder, nur selten, am Feste des Heiligen Vitus in Corvey gesungen, „Hier liegt vor Deiner Majestät im Staub die Christenschar“ mit seinen herrlichen barocken Schwüngen (für Ostwestfalen „Hey licht vor Dich im Mülme“).

Wichtig war, alle von der Gemeinde zu sprechenden Textelemente der Messe zu kennen: das Vaterunser, das Glaubensbekenntnis, das Gloria, die Wandlungsworte und auch jene kleinen Satzbruchstücke, die zum liturgischen Dialogtheater unbedingt dazugehören: „Erhebet die Herzen – Wir haben sie beim Herrn.“ Den Rosenkranz zu können, war keine Kür, sondern zentraler Bestandteil des Dazugehörens. Damals, in meiner Kinderzeit, gab es keine stumm Murmelnden in der Kirche, nein, alle sprachen, laut und deutlich, mit einem gerüttelt Maß temporaler Verschiebung, so dass der Klang nicht allzu homogen wurde, sondern selbst die Wiederholung des durchaus Gleichen und Unpersönlichen wie ein persönliches Bekenntnis erschien.

„Was Du ererbt von Deinen Vätern hast/Erwirb es, um es zu besitzen“ – als Jugendlicher habe ich oft über diese Verse aus Fausts Eingangsmonolog nachgedacht, ohne zu irgendeinem sinnvollen Ende zu kommen. Wieso muss man etwas, das man erbt, zusätzlich erwerben, nur um es dann zu besitzen? Heute scheint mir der Sinn selbstverständlich. Es meint den Prozess des Aneignens einer Überlieferung, die nur durch diese und in dieser Aneignung überhaupt zu einem geteilten Besitz werden kann (die Kulturwissenschaft benutzt für diesen geteilten Besitz gern den Begriff des kollektiven Gedächtnisses, den ich schwierig finde, weil das Kollektiv nun einmal, man drehe es, wie man wolle, kein Erinnerungssubjekt sein kann – das kollektive Gedächtnis ist eine Metapher, es entsteht nur dann, wenn viele es individuell immer und immer und immer wieder auf’s Neue erzeugen, weshalb es – q.e.d. – eben nie IST). Im „Großer Gott, wir loben Dich“ habe ich mich aufgehoben gefühlt. Das Vaterunser war mein Gebet, aber gleichzeitig doch ganz und gar unpersönlich. Und nur dadurch, dass diese Texte wie von selbst aus meinem Mund flossen, wann immer sie abgerufen wurden, konnte ich sie zu meinen eigenen machen, konnte ich die Worte (die Gesten, die Körperhaltungen, das Essen) mit meinem persönlichen Sinn füllen. Gerade WEIL ich keine eigenen Worte erfinden musste. Das Gefäß war schon da und brauchte nur gefüllt zu werden („Andi war hohl und sehnte sich nach Füllung. Da fiel irgendwo ein Vakuum und Andi erkannte das All is pretty.“ So stand’s auf einem signierten Horst-Janssen-Druck, der noch immer bei meinen Eltern an der Wand hängt).

Und das Schöne daran ist, dass der Sinn unendlich ist – die Schale leert sich nie. Erst, wenn ich sie nicht mehr an den Mund führe, ist sie schlagartig leer. Nein, ich meine nicht, dass es einem in dem Moment – etwa dem ‚Abfall‘ vom Glauben – auffällt, dass da ja nie etwas drin war. Die Fülle des Sinns eine Lüge – nein. Sie war keine Lüge. Aber sie bot sich eben nur dem an, der trank. „Können Hexen fliegen?“ darf Hans Peter Duerr endlos Don Juan und Carlos Castaneda streiten lassen (auch und gerade wenn und weil Castaneda den Brujo ja nur erfunden hat). Das ist wie mit Kippbildern – einmal erlernt, wie man zweiäugig sieht, kann man’s selbst dann nicht mehr abstellen, wenn man erkennt, dass da weder eine Vase noch miteinander redende Gesichter sind. (Vielleicht sollte ich morgen zur Sicherheit nochmal im Grossmünster in Zürich Polkes Glasfenster ansehen – lacht dieser Kelch wirklich?).

Und eben dieses Kippen macht aus Auswendig ein Inwendig. Einverleibt. Und je älter (demütiger, beschädigter, weniger arrogant, weniger ignorant …) man wird, desto klarer ist: Ist ja eh alles gelogen, äh, geliehen, gelernt, gehört, gelesen. Und kreuzt sich irgendwo und irgendwie im Kopf, bevor es wieder eigene Wege geht, die doch nie eigene sind. „These few general remarks to begin with. What am I to do, what should I do, in my situation, how proceed? By aporia pure and simple?“ fragt der namenlose Held von Beckett des nach eben diesem genannten Romans.

Bei Sebastian, dem bekanntermaßen ja die Pfeile, die auf seinen unbekleideten Körper abgeschossen werden, nichts ausmachen, auch wenn sie darin stecken bleiben, ist das anders. Der Weg nach Innen ist eine Veräußerung von Gabe zu Gabe. In der Not, in der Krise gibt er alles hin: seinen Geruch, sein Gehör, sein Fühlen, sein Spüren, seine Sprache – alles. Er gibt es hin für das Leben derer, die er liebt. Um sie zu schützen, muss er sich aufgeben. Schon der Akt des Tauschens selbst ist einsam. Er beginnt mit einer Beschwörungsformel: „Wer immer mich auch hört, wer immer mich auch hört …“ Eine Frage aus der Not geboren. Eine Frage oder Bitte, die jede und jeder artikuliert, die und der verzweifelt. „Aus der Tiefe, oh Herr, rufe ich nach Dir. Hör, Gott, mein Flehen!“ Doch dieser Sebastian wendet sich nicht an Gott – sein Flehen hat keinen bestimmten Adressaten. Und doch antwortet jemand (oder etwas). Jedes einzelne Mal. „Was gibst Du mir, wenn ich mache, dass es nicht ist?“ Ein Gürtel schlägt nicht in ein Gesicht. Eine Frau wird nicht ermordet. Ein Flugzeug stürzt nicht ab. Und Sebastian erhält keinen Lohn für seine guten Taten. Es ist geradezu die Umkehrung der Gute-Taten-Theologie. Je mehr er gibt, desto mehr muss er geben. Und erhält, ja, nicht nichts – ihm wird ein Wunsch erfüllt. Doch die Umgebung weiß nichts davon. Im Gegenteil. Sie hält ihn ja für zunehmend eingeschränkt, zu guter oder schlechter Letzt gar für eine leere Hülle. Und doch bittet Sebastian nicht nur für andere. Etwa auf Hälfte der Geschichte bittet er, von seiner fürchterlichen Angst befreit zu werden, von diesem entsetzlichen Lärm in seinen Ohren. Und die Bitte wird ihm gewährt. Sebastian findet Ruhe und viele, die ihn sehen, halten ihn für blöde. Was seine Frau, was seine Kinder sagen, erzählt die Geschichte nicht. Es scheint gar so, am Anfang wird es angedeutet, dass auch die Liebesfähigkeit selbst Kollateralschaden dieser liebend geäußerten Bitten ist. Das wäre dann jenes Ideal, von dem Rilkes Malte Laurids Brigge träumt: das Ideal der intransitiven Liebe, einer Liebe, die kein Objekt kennt, weil sie sich selbst im Vollzug abhanden kommt. Sebastian überlegt nicht lange. Es ist nicht einmal klar, ob er um seine Gabe (oder seinen Fluch) weiß. Die Worte scheinen ihm in den entsprechenden Situationen einfach aus dem Mund zu purzeln. Und diese Worte sind immer dieselben und sie erweisen sich jedes Mal gleich mächtig. Es sind wohl kaum Sebastians eigene Worte. Es spricht aus ihm, mit ihm, durch ihn. Er selbst ist Medium sans phrase. Und wird doch beschädigt. Immer weniger hat er zu geben. So scheint es. Auswendig. Inwendig jedoch – nun, das kann man nicht prüfen, doch inwendig, so scheint es manchem, der ihn sieht, inwendig ist er die reine Fülle. Denn er weiß, was sonst niemand weiß.

Als die Mutter meiner Frau starb, traf ich einen ihrer Freunde. Er hatte sie Tag für Tag im Heim besucht. Schon lange war sie nicht mehr ansprechbar – zumindest in dem Sinne, dass man nicht wusste, ob die Ansprache denn noch eine Adressatin hatte. Es kam nichts zurück. Schien mir so. Dem Freunde meiner Frau schien das ganz anders. Er sagte, ganz selbstverständlich und schlicht, ohne irgendwelchen bedeutsamen Aufwand, das gehöre sich doch so für jemanden, der ein Freund sein wolle. „Aber“, meinte ich zu wissen, „sie konnte doch nicht mehr antworten.“ „Doch. Sie hat geantwortet. Nur anders.“