23/02/21

Die Magie der Situation

 

Erhard Schüttpelz ist gewiss einer der letzten großen Universaltheoretiker unserer Zeit. Ich habe es bildlich noch sehr genau vor Augen, als ich Erhard in der Weidenauer Fußgängerzone das erste Mal traf. Es muss im Herbst 2005 gewesen sein. Ich wusste zunächst gar nicht, was er in Siegen so treibt. Er lud mich zu seiner Antrittsvorlesung ein, was im Nachhinein betrachtet ein großer Moment für mich war. Ich hatte damals fast nichts verstanden. Aber es war die Vorlesung zu seinem wohl einflussreichsten Text: „Die medienanthropologische Kehre der Kulturtechniken“.

Alles klang für mich sehr plausibel, ohne dass mir damals klar war, wieso. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es Erhard nicht darum geht, Territorien zu beherrschen, wie er einmal anlässlich der zahlreichen Konflikte, die er bereitwillig auf sich nimmt, zugestand – ihm geht es darum, die Situation zu dominieren. In unzähligen Diskussionen ist ihm das fast immer gelungen, egal mit wem er es auch aufnahm.

Viele nennen ihn ja den „deutschen Latour“, aber eigentlich hat Erhard Schüttpelz mehr mit Harold Garfinkel gemein. Auch viele seiner Ideen sind leider verloren gegangen, weil er seine Gedanken sehr spontan in seinen Seminaren entwickelte und man immer sehr schnell mitschreiben musste, um keine wesentlichen Gedanken zu verpassen – und es waren eigentlich immer wesentliche Gedanken. Gerne erinnere ich mich an sein Garfinkel-Seminar, in dem es nur einen Studenten gab: Hendrik Bender und dann noch andere Kollegen. Nicht selten gab es mehr Lehrende als Studierende in seinen Seminaren – noch so eine Gemeinsamkeit, die er mit Garfinkel teilt.

Seine Tafelbilder hätte man eigentlich abfotografieren müssen, aber sie verschwanden jedes Mal. Alle Ideen und Gedankengänge wurden sorgfältig mit einem Schwamm ausgewischt. So blieb alles in der Situation verhaftet und man wusste, dass sich der Moment auch nicht wiederholen lässt. Aber glücklicherweise hat Erhard immer sehr viel für andere getan und sehr freimütig seine Ideen geteilt, sodass sehr viele seiner Gedanken weitergetragen wurden durch die vielen Kolleginnen und Kollegen, die seine Inspiration aufgesaugt haben. Das ist ein großer Verdienst für das, was Universität ist.

Liebe Grüße und alles erdenklich Gute zu Deinem Geburtstag,

Tristan