10/12/21

“Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor.”

Regensburg, Germany, 23 March - 30 June 2020

Ich bin 29 Jahre alt und wohne seit 2014 in Regensburg. Im Januar 2020 habe ich meine letzte Prüfung abgeschlossen, seitdem schreibe ich meine Masterarbeit in der Sozialen Arbeit von zuhause aus. Bis Februar habe ich dazu auch die Regensburger Unibibliothek, Hochschulbibliotheken und Staatliche Bibliothek genutzt, um dort zu arbeiten, Bücher auszuleihen und einzuscannen. Gerade sind die Bibliotheken geschlossen. Ich habe zum Glück bereits genug Literatur gesammelt und eingescannt, sodass ich weiter schreiben kann. Ich lebe in einer Wohngemeinschaft mit einer Freundin. Unsere dritte Mitbewohnerin ist gerade planmäßig ausgezogen, jetzt suchen wir eine neue Mitbewohnerin. Vom 13. bis 23. März war ich zu Besuch bei meinem Partner und bei meinen Eltern. Die Phase des Realisierens der Krise und des Ausnahmezustands habe ich mit ihnen gemeinsam erlebt, wobei ich meine Eltern als eher unbesorgt erlebt habe. Sie sind beide 57 Jahre alt, bezeichnen sich aber im Zusammenhang mit der Corona-Gefährdung als “jung”. Ich war lange unsicher, ob ich wie geplant am 23.3. nach Regensburg zurückkehren sollte. Ich war unvorbereitet aufgebrochen und hatte viele Dinge nicht dabei, die mir wichtig sind. Aber spätestens mit dem Alleingang Söders am 20. März hatte ich große Angst, dass ich Bayern nach einer Rückkehr dorthin vielleicht nicht wieder verlassen könnte und meine Familie und meinen Partner eine lange Zeit nicht sehen würde. Ich entschied mich letztlich, zu fahren, was ich im Nachhinein richtig finde. Es ist aber auch manchmal einsam. Meine Mitbewohnerin hat einen Partner, der ab und zu zu Besuch kommt, manchmal ist sie bei ihm, dann bin ich alleine in der Wohnung. Mit uns wohnen zwei Katzen. Sie leisten mir viel Gesellschaft, was mir sehr hilft. Manchmal habe ich Sorge, dass ich sie anstecken könnte. Ich lebe polyamor, habe zwei Fernbeziehungen. Im September will ich mit einem Partner in eine gemeinsame Wohnung ziehen. Jetzt bin ich unsicher, ob das klappen wird und auch, ob ich dann eine Anstellung im sozialen Bereich finden kann, vor allem eine, die mir wirklich gefällt und bei der ich genug verdiene. In Regensburg habe ich mehrere Liebschaften/Freundschaften, die ich momentan alle nicht persönlich treffe. Ich gehe momentan zweimal pro Woche zur Psychotherapie/Psychoanalyse. Seit 2017 bin ich bei meiner Therapeutin in Behandlung, schon länger befinden wir uns in der Abschlussphase. Vom 16.-23.3. war meine Therapeutin im Urlaub. Ich habe oft überlegt, sie anzurufen und zu fragen, ob es trotz Corona weitergeht. Letztlich bin ich am 23.3. einfach hingegangen. Psychotherapie darf man in Bayern nur noch machen, wenn sie medizinisch “zwingend notwendig” ist. Bisher sind wir beide der Meinung, es sei so. Ich kann möglicherweise auch auf Telefon oder Videochat umsteigen. Ich habe große Angst davor, dass mir verboten wird, dort hin zu gehen. Politisch stehe ich dem Anarchismus und Kommunismus nahe.

 

Montag, 23. März 2020

Als ich vor 10 Tagen losgefahren bin, war es unvorstellbar für mich, dass es schwierig sein könnte, wieder zurückzukommen. Ich konnte mir vieles von dem, was seitdem passiert ist und wie es jetzt ist, überhaupt kein bisschen vorstellen. Jetzt sitze ich im ICE-Abteil mit drei anderen Menschen, die ich alle nicht sehen kann. Eben in Frankfurt bin ich durch das fast leere Bahnhofsviertel gelaufen, ans leere Mainufer, wo nur ganz wenige Leute auf den Bänken in der Sonne saßen. Dort im Bahnhof wurde ich von zwei wohnungslosen Personen angesprochen. Der erste hält 2 Meter Abstand und wirkt verzweifelt. Er bittet mich um 5 Euro. Er sagt, dass ich es auch auf den Boden legen kann und er dann sofort wieder weg gehen wird. Ich wechsle einen 20€-Schein beim Bäcker und gebe ihm zehn. Eine Frau eilt vorbei, sieht uns, ruft ihm zu, dass sie was zu Essen für ihn hat und legt es ihm hin, weit entfernt von uns. Es ist in Alufolie gepackt, bestimmt war das ihr Lunchpaket. Vielleicht hat sie es extra für ihn mitgebracht, oder für Leute wie ihn. Die zweite hält auch Abstand. Sie ist sehr erstaunt, als ich ihr 5 € gebe. “Für mich?” sagt sie, und: “Was man im Leben gibt, kommt auch zu einem zurück.” Ich sage nichts. Sie erzählt noch, dass das Arbeitsamt jetzt zu ist und nur schriftlich oder telefonisch kommuniziert. Diese Möglichkeit hat sie aber nicht. Deshalb war sie schon die ganze Nacht im Bahnhof. Jetzt ist es fast Mittag. Sie wünscht mir alles Gute, ich ihr auch.

Im Nürnberger Bahnhof treiben zwei Polizisten einen Mann vor sich her aus dem Bahnhof, ohne in zu berühren. Sie gehen nah beieinander und nah bei ihm. Einer hat Handschuhe an. Der Mann spricht Deutsch mit Akzent. Er wirkt wütend und spricht laut, ich verstehe nur: “Sie wollen mich anzeigen.” Die Bahnsteige sind leer bis auf wenige Menschen. Im kleinen Raucherbereich drängen sich aber drei Mitarbeitende und ein Fahrgast und rauchen. Eine Frau mit Mundschutz geht dorthin, nimmt den Mundschutz ab und zündet sich eine Zigarette an. Heute habe ich viele Menschen mit Mundschutz oder Atemmaske gesehen. Aber auch viele ohne. Weil so wenige Menschen unterwegs sind, geht man nicht in der Menge unter, man fällt viel mehr auf. Viele gucken weg, ich auch. Ich frage mich die ganze Zeit, ob es schlimm ist, wenn ich ausatme, wenn jemand ganz nahe an mir vorbei geht. Zum Glück muss ich den ganzen Tag fast nicht husten oder niesen.

 

Dienstag, 24. März 2020

Meine Freundin und ich überlegen, ob sie mich am Donnerstag besuchen kommen soll. Wir haben uns länger nicht gesehen und würden uns gerne treffen, aber wir sind uns nicht sicher, ob sie überhaupt nach Bayern einreisen darf. Sie müsste sich nach ihrer Rückkehr aus Bayern beim Gesundheitsamt melden und für zwei Wochen in Quarantäne begeben.

Am Nachmittag versuchen wir mit der Polit-Gruppe das erste Video-Plenum. Es dauert drei Stunden, weil wir eineinhalb Stunden erstmal die technischen Probleme beseitigen müssen. Eine von uns kann letztendlich nur über Telefon bzw. schriftlich mitmachen, aber wir wissen nicht wieso. Es ist auch nicht so leicht, sich nicht ständig aus Versehen ins Wort zu fallen, wenn man in der Gruppe videochattet. Es stört eigentlich niemanden, dass es so lange dauert, wir sitzen alle zuhause, manche müssen Homeoffice machen, andere haben nichts zu tun. Zwei von uns haben gerade keine Arbeit und kein Einkommen mehr, soweit ich weiß. Bisher haben sie noch genug Geld zum Überleben. Wir sind unsicher, ob wir uns vermummen sollen. Wir machen Witze über Söder. Wir reden darüber, ob es momentan noch Sinn macht, Aktionen im öffentlichen Raum zu machen, ob da überhaupt noch Leute sind. Wir sind uns uneinig.

Eine Freundin schreibt, ihr Laptop sei heute kaputt gegangen. Kurz vor Ende der Bachelorarbeit. Ich schreibe, dass ich ihr einen ausleihen kann. Sie kommt kurz vorbei, hält aber viel Abstand zu mir und geht ziemlich schnell wieder. Sie freut sich über die Leihgabe, weil sie keine Chance hat, ihren Laptop jetzt reparieren zu lassen oder einen in der Uni auszuleihen.

Heute war ich nicht draußen. Ich hatte keine Lust, der Polizei zu begegnen. Es war ganz okay, drinnen zu sein. Meine Erkältungssymptome werden langsam weniger. Ich denke trotzdem mehrmals am Tag daran, ob es Corona ist.

 

Mittwoch, 25. März 2020
Ich telefoniere mit meinem Partner. Es stellt sich heraus, dass er es nicht gut fände, wenn meine Freundin mich jetzt besuchen kommt. Er fände es besser, wenn wir für die Zeit der Corona-Krise nur miteinander eine “körperliche Beziehung” haben. Ich spüre, dass mir das lieber wäre, als ihm garnicht mehr nahe sein zu können. Es ärgert mich aber auch, ich fühle mich von ihm vor eine Wahl gestellt, die ich nicht treffen will. Wir legen frustriert auf und vertagen das Gespräch. Ich merke, dass ich noch nicht weiß, wie ich meine Beziehungen in Corona-Zeiten leben will, vor allem dann nicht, wenn es länger dauert, wovon ich weiterhin ausgehe. Wo verlaufen sinnvolle Grenzen? Ist mit jemandem ab und zu mal kuscheln schlimmer als mit meiner Mitbewohnerin weiterhin gemeinsam in der kleinen Küche kochen und essen? Muss ich jetzt alle fragen, mit wem sie Kontakt hatten und wie vorsichtig sie dabei waren?

Bericht im Deutschlandfunk angehört: Inzwischen sei klar, dass Menschen, die sich infizieren, danach für mehrere Jahre immun sind. Es reicht daher, wenn 2/3 der Bevölkerung das Virus hatten. Diesen Punkt werden wir wahrscheinlich in 1,5 bis 2 Jahren erreichen. [Deutschlandfunk Zeitfragen: Bevölkerungsstudie. Die Folgen des gesellschaftlichen Rückzugs. Gehört in der DLF Mediathek.]

Telefonat mit einem Freund. Als er erzählt, realisiere ich, dass die Lage im Osten von Deutschland eine ganz andere ist und dass ich das bisher noch nie gehört habe. Es gibt dort viel weniger offizielle Fälle, es wird viel weniger getestet. Einerseits wegen Infrastruktur, andererseits wegen einer Mentalität, die findet, was einen nicht umbringt, macht einen härter. Fast niemand macht Homeoffice dort, wer das will, muss darum kämpfen. Viele nehmen jetzt ihre Kinder mit in die Arbeit, weil die Schulen zu sind. Wir finden es beide scheiße, dass wir uns jetzt dreimal überlegen, wen wir zu uns nach Hause einladen (wegen Ansteckung) und mit wem wir spazieren gehen (wegen Repression durch den Staat), während die Arbeitswelt mancherorts einfach weiter läuft wie bisher.

Ich erzähle von der Pressekonferenz mit Söder am 20.3. Er findet es wie ich krass, dass er “in Bayern, aber auch in Deutschland” gesagt hat und dass er sich an Österreich orientieren will. Heute im WG-Plenum haben wir besprochen, ob wir uns gegenseitig darüber Rechenschaft ablegen sollen, wie und mit wem wir Kontakt haben und wer uns besuchen kommen darf. Momentan wollen wir das beide noch nicht. Aber mir ist wichtig, dass wir uns beide immer die Hände waschen, wenn wir von draußen nach Hause kommen. Wir werden uns außerdem Bescheid sagen, wenn in unserem Umfeld jemand infiziert ist. Wir wohnen innerhalb der Wohnung auf zwei verschiedenen Stockwerken, deshalb machen wir uns keine großen Sorgen. Ich will aber die Türklinken mal putzen und auch das Waschbecken öfter putzen.

Heute war ich spazieren, an der Donau. Ziemlich viele Leute waren unterwegs. Weniger als sonst? Mehr als sonst? Fast alle zu zweit. Ein Dreiergrüppchen wurde gerade von der Polizei kontrolliert. In der Stadt hab ich zweimal Polizei rumfahren sehen.

Heute habe ich im Deutschlandfunk immer wieder gehört, dass die Wirksamkeit von Ausgangssperren selbst unter Virologen ziemlich umstritten ist. Söder hat am Freitag noch behauptet, die seien sich “alle einig”, dass das jetzt das einzig richtige Mittel ist. Es macht mich unglaublich wütend!

Heute im WG-Plenum haben wir besprochen, ob wir uns gegenseitig darüber Rechenschaft ablegen sollen, wie und mit wem wir Kontakt haben und wer uns besuchen kommen darf.

 

Donnerstag 26. März 2020

Heute im Deutschlandfunk gehört, dass Studien mit Remdesivir durchgeführt werden und man zuversichtlich ist, dass das Medikament gegen Covid19 wirken wird. Außerdem wurde berichtet, dass medizinische Fachgesellschaften Empfehlungen geschrieben haben, wer behandelt werden soll und wer nicht, wenn die Krankenhäuser überlastet sein werden. Habe mich gefragt, wieso es solche Empfehlungen nicht schon längst gibt. Solche Fälle muss es doch auch bisher gegeben haben, wenn auch nicht massenhaft. Ethisch sollte das doch längst beantwortet und klar sein?? Komisch.

Ich habe weniger Angst als letzte Woche. Frage mich, ob das gerade ein allgemeines Abwarten ist, ob es bald wieder losgeht, dramatisch wird, wenn die Zahlen steigen. Irgendwie ist Alltag eingekehrt und im Radio reden sie ständig darüber, wie man sich im Homeoffice am besten konzentriert – Spoiler: Man zieht sich eine Hose an. Komisch.

Meine Psychotherapie findet ab nächster Woche nur noch über Videotelefonie statt. Jetzt also doch. Ich bin enttäuscht. War heute spazieren mit einem Freund, ist ja in Bayern verboten. Als ich bei ihm ankam, bat er mich noch kurz herein und bot mir Essen an. Ich war unsicher, ob ich das annehmen sollte. Habe dann Abstand gehalten, nach 10 Minuten sind wir raus. 1,5 Meter waren bestimmt nicht jederzeit zwischen uns. Muss nochmal nachlesen, wie die Gefahr beim gemeinsamen Spaziergang ist. Das Restaurant nebenan hat jetzt einen Lieferservice und verkauft Essen aus dem Fenster. Als ich vorbeikam, hat gerade jemand Schilder aufgehängt. Wirkte sehr improvisiert. Sympathisch. Heute wurde ich zweimal draußen angelächelt.

 

Sonntag 29. März 2020

Schwer, irgendwas über die letzten Tage zu schreiben. Ich habe zunehmend den Eindruck, mich auf keine Nachrichtenquelle mehr verlassen zu können. Habe am Freitag einen Artikel gefunden, der von einem “erstaunlichen Durchbruch” bei der Impfstoff-Forschung sprach. Aber im Artikel selbst steht das gleiche wie überall sonst, dass eben noch lange dran geforscht werden muss. Also nur Klickbait. Das Robert-Koch-Institut hat sich wohl zurückgezogen und außerdem viel Kritik geerntet. Also ist das vielleicht auch nicht mehr die beste Quelle. Andererseits ist das vielleicht deshalb, weil die Leute von ihnen mehr erwarten, als wissenschaftlich überhaupt möglich ist. Wie oft liegen wissenschaftliche Prognosen denn sonst falsch?!

Schwer, irgendwas über die letzten Tage zu schreiben. Ich habe zunehmend den Eindruck, mich auf keine Nachrichtenquelle mehr verlassen zu können.

 

Die letzten Tage wurde es mir draußen beim Spazierengehen zu voll und zu schwierig, anderen Menschen auszuweichen. Es macht auch niemand wirklich Anstalten, anderen aus dem Weg zu gehen. Deshalb bin ich gestern mit dem Fahrrad ein bisschen rumgefahren. Das war etwas besser, aber auch da war viel los. Im Wohngebiet ging es dann einigermaßen. Heute war ich nochmal mit einem Freund draußen, aber erst am Abend. Deshalb und weil Sonntag ist war plötzlich alles richtig richtig leer. Nur ganz vereinzelt Autos, man kann super auf der Straße laufen. Auch nur vereinzelt Menschen. Beim Restaurant nebenan standen schon einige, um Essen abzuholen. Wieder jemand mit Mundschutz, aber nachdem ich nochmal einen  Beitrag im Deutschlandfunk dazu gehört habe, bin ich für mich zu dem Schluss gekommen, dass das nicht viel bringt und ich es auch nicht systematisch machen werde. Ich habe von meiner Schwester eine Einweg-FFP3-Maske geschenkt bekommen. Die könnte ich nutzen, wenn ich angesteckt bin oder es hier zum Risikogebiet wird und ich unbedingt raus muss. Aber nur einmal für acht Stunden. Mundschutz vielleicht wenn ich mal kurz ins Gedränge muss…. Aber selbst da weiß ich nicht genau wie viel das bringt. Insgesamt bin ich sehr überfordert mit allen Informationen. Zu vieles ist unklar. In meiner Politgruppe wurde ein Video geteilt, was mich zum nächsten Video geführt hat und dann zu einer Studie. In den letzten Tagen hab ich wieder oft gedacht, dass es vielleicht ja doch nicht so schlimm ist. Nachdem ich den Abstract der Studie gelesen habe und gestern mal Zahlen zu den jährlichen Grippetoten angeschaut habe, sehe ich das aber nicht mehr so. Von einem Freund hier aus dem Ankerzentrum habe ich erfahren, dass viele verlegt wurden und keine Asylsozialberatung oder Helfer*innen mehr im Camp sind. Fast alle Bewohner*innen bekommen jetzt wieder den alten Satz von 100€ ausgezahlt statt wie bisher fast alle nur noch 7€. Irgendwo in der Presse habe ich gelesen, dass grundsätzlich keine Dublin-Abschiebungen mehr stattfinden. Wäre ja auch schwierig. Frage mich wie es mit anderen Abschiebungen ist. Ich mache mir nach wie vor viele Gedanken über die Menschen in Moria, aber lese fast nichts darüber, weil es unerträglich ist, nichts machen zu können.

Heute habe ich mit einer Freundin telefoniert, der es mit der Isolation sehr schlecht geht. Wir haben vereinbart, dass wir trotz der Regelung gemeinsam spazieren gehen werden, mit Abstand. Habe mich nicht getraut ihr zu verraten, dass ich das bereits mit jemandem gemacht habe. Das fühlt sich jetzt verboten an, ist es ja auch, aber gleichzeitig fühlt sich dieses Verbot noch immer wahnsinnig absurd an. Heute hat mich ein Freund zum Abschied umarmt. Ich wollte eigentlich nicht, aber habs nicht geschafft, es rechtzeitig abzuwehren, weil es so ungewohnt ist, diese Konvention zu brechen. Jetzt fühle ich mich schlecht. Er gehört auch zu denen, die hoffen, dass jetzt bald mal wieder alles vorbei ist. Ich sage da meistens nichts dazu und denke mir aber, dass das wohl nur ein schöner Traum ist.

Wir haben vereinbart, dass wir trotz der Regelung gemeinsam spazieren gehen werden, mit Abstand. Habe mich nicht getraut ihr zu verraten, dass ich das bereits mit jemandem gemacht habe. Das fühlt sich jetzt verboten an, ist es ja auch, aber gleichzeitig fühlt sich dieses Verbot noch immer wahnsinnig absurd an.

 

Dienstag, 31. März 2020

Gestern am späten Abend war ich mit einer Freundin spazieren, der es auch wichtig war, genug Abstand zueinander zu halten. Es hat sich gut angefühlt, diesen Abstand zu halten, weil klar war, dass wir das tun, um auf einander und auf andere aufzupassen. Es war aber sehr seltsam für uns, dass das was wir da taten eigentlich verboten sein sollte.

Heute hab ich mit alten Freundinnen länger videotelefoniert. Das tut sehr gut, auch zu hören, wie es allen mit der Krise geht und dass alle ihre Sorgen und Ängste haben.

Seit gestern lese ich wieder mehr Nachrichten, dadurch kommt es mir auch wieder näher, dass die Welt nicht mehr die gleiche ist. Konnte heute die ganze Nacht nicht schlafen. Inzwischen gibt es an immer mehr Orten Maskenpflicht und auch ganz andere Argumentationen und Berichte dazu, die mich schließen lassen, dass ich auch gerne eine tragen möchte beim Einkaufen bzw. wenn ich unter viele Menschen muss.

Habe immer mehr das Bedürfnis solidarische Strukturen mit anderen aufzubauen, sehe aber weit und breit nichts, nur Einzelne, die Einzelnen helfen. Habe überlegt, ob ich was organisieren könnte, sodass sich meine Straße miteinander organisieren kann, man füreinander einkaufen geht usw. Aber fühlt sich schon jetzt wie ein Kampf gegen Windmühlen an.

 

Samstag, 4. April 2020

Heute zum ersten Mal mit Mundschutz einkaufen gewesen. Es ist unmöglich, im Laden den Abstand einzuhalten. Gehe jetzt im teureren Edeka einkaufen statt im Netto, muss dafür 5 Minuten mit dem Rad fahren statt 2 Minuten laufen. Der Edeka ist viel geräumiger und hat deutlich mehr Sachen. Mehl, Klopapier, Linsen usw. waren in beiden Läden ausverkauft. Im Netto fast keine Abstandslinien. Die Politik und viele offizielle Stellen empfehlen jetzt – endlich – doch das Tragen von Mund-Nasen-Schutz oder Maske. Mir scheint die bisherige Argumentation dagegen absurd, sowas wie “Menschen werden dann unvorsichtig und halten keinen Abstand mehr” bzw. “Dann hamstern alle Masken und medizinisches Personal bekommt keine” – wobei letzteres vielleicht realistisch ist. Trotzdem, deshalb zu behaupten es bringt nichts… Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor. Vielleicht ist die Zukunft einfach nicht mehr hier. Auch wenn die Zukunft scheinbar mit weniger Rechten an den eigenen Daten einhergeht… Dachte alle schauen mich mit dem Mundschutz komisch an, die wenigsten tragen ihn bisher. War aber nicht so. Ist schwierig, den länger zu tragen, weil beim Atmen oft die Brille beschlägt, ich muss ihn sehr hoch ziehen. Vielleicht sollte ich Kontaktlinsen tragen? Bald ist mein Geburtstag, überlege, ihn irgendwie online zu feiern. Immer noch gehen mir draußen viele Leute nicht aus dem Weg. Aber auch ich vergesse es immer wieder, könnte ja vor dem Supermarktregal auch mit Abstand warten, wenn jemand anderes gerade was rausnimmt. Bin dann aber immer zu ungeduldig. Es ist einfach sehr ungewohnt. Auf dem Platz draußen war heute Markt, eine Schlange vor der Eisdiele und viele Menschen saßen in der Sonne. Es war alles etwas entzerrter als sonst, aber sicher nicht 1,5 Meter zwischen allen. Gleichzeitig habe ich gelesen, dass die Polizei in Bayern irgendwo einen Mann bis zum Ende der Ausgangsbeschränkungen in Haft genommen hat, weil er zuhause mehrmals ein paar (zuletzt vier) Menschen zu sich eingeladen hatte – und gefeiert. Scheint mir willkürlich. Aber so willkürlich auch nicht: Spaß haben ist definitiv nicht mehr drin. Nur Arbeiten, und Konsumieren.

Mir kommt Europa im Vergleich zu Asien momentan wirklich primitiv vor. Vielleicht ist die Zukunft einfach nicht mehr hier. Auch wenn die Zukunft scheinbar mit weniger Rechten an den eigenen Daten einhergeht…

 

Mittwoch, 8. April 2020

Fühle mich resigniert, lese nicht mehr viele Nachrichten, habe nicht mehr die Hoffnung, dort viel brauchbares zu erfahren. Heute hat mir eine Frau auf der Straße gedankt, weil ich die Straßenseite gewechselt hatte, um ihr Platz zu machen und ihr nicht zu nahe zu kommen. Das hat mich sehr berührt. Immernoch höre ich oft Menschen davon sprechen, dass sie Handschuhe tragen, aber das macht ja überhaupt keinen Sinn.

 

Donnerstag, 16. April 2020

In der letzten Woche konnte ich nicht schreiben. Einerseits fühlt sich jeder Tag gleich an, nichts Neues passiert. Andererseits fühlt sich immer noch alles sehr deprimierend an, möchte ich meistens nicht daran denken. Seit heute besitze ich zwei selbstgenähte Mund-Nasen-Masken. Habe Besuch von meiner Freundin aus Thüringen, habe sie mit in den Supermarkt genommen, sie sagt: “Jetzt weiß ich, wieso die Zahlen in Bayern so hoch sind!” Immer noch tragen hier höchsten 15% der Einkaufenden einen Mundschutz. Seit heute wird das ja von der Regierung “dringend empfohlen”, aber nicht erzwungen. In den letzten Tagen wurde medial fast nur noch über Lockerungen diskutiert, seit gestern ist klar, dass es erstmal nicht wirklich welche gibt. Ich war mir fast sicher, dass das kommen wird. Die Gefahr scheint aus dem öffentlichen Bewußtsein schon wieder verschwunden zu sein. Wenn ich mit Menschen in meinem Alter spreche, dann stellen die sich Covid19 meistens wie eine (vielleicht etwas stärkere) Erkältung vor. Dass “milde Symptome” bis zur Lungenentzündung gehen, musste mir auch erst wieder in Erinnerung gerufen werden.

 

Mittwoch, 22. April 2020

Seit ein paar Tagen ist wieder deutlich mehr los auf der Straße. Hier sind jetzt die Geschäfte immer noch geschlossen, erst ab Montag dürfen kleine Läden wieder öffnen. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie es dann wird. Außerdem wird es immer wärmer. Die Menschen sitzen wie jedes Jahr auf den beliebten Plätzen in der Sonne. Man sieht schon, dass alle alleine oder maximal zu zweit sind und zwischen sich und anderen dann ein bisschen mehr Platz lassen als sonst. Menschen die mit Abstand miteinander spazieren gehen sehe ich ganz selten, obwohl man das ja in Bayern auch wieder darf. Ich vermute, sie halten gar keinen Abstand. An vielen Stellen geht das auch nicht wirklich. Beim Fahrradfahren habe ich jetzt viel öfter Fußgänger auf der Fahrradspur, denen ich ausweichen muss, weil sie anderen ausweichen. Im Supermarkt kommt nächste Woche auch der Mundschutz, ich habe den Eindruck, es werden nach und nach ein paar mehr Menschen, die jetzt schon einen tragen. Sehr viele tragen OP-Mundschutz. Insgesamt fühlt es sich an, als würden alle ein bisschen aufatmen und ein bisschen unvorsichtiger werden. In der Debatte scheint mir die Idee vorzuherrschen, dass wir doch jetzt lange genug durchgehalten haben und es uns verdient haben, endlich wieder raus zu gehen, Eis zu essen, Freunde zu treffen. Apropos “Wir”, ich höre immer noch jeden Tag von sozialen Diensten, die eingestellt wurden oder werden, zum Beispiel in manchen Fällen das “Essen auf Rädern”. Wieso ist das kein viel diskutiertes öffentliches Problem?? Die sozialen Einrichtungen, bei denen ich mich dieses Jahr noch auf Stellen bewerben wollte, sind größtenteils auch gerade geschlossen. Gestern habe ich einen Deutschlandfunk-Beitrag gehört, wo nochmal beschrieben wurde, wie wichtig es ist, den Mundschutz beim Tragen auf keinen Fall anzufassen. Das fühlt sich intuitiv irgendwie gar nicht so an bzw. denke ich oft, dass es selbst dann ein bisschen hilft, wenn ich ihn nicht ganz korrekt trage. Vielleicht stimmt das garnicht. Aber das kommt bei den offiziellen Empfehlungen nicht wirklich raus. Vielleicht traut man den Menschen nicht zu, dass sie komplex denken können.

 

Samstag, 2. Mai 2020

Gestern habe ich seit langem wieder Nachrichten gehört und mich wieder an das Thema herangetraut. Scheinbar weiß man inzwischen doch einiges mehr über das Virus, der Deutschlandfunk sprach davon, dass es unterschiedliche Sorten gibt, die darüber entscheiden, wie schwer man erkrankt, aber dass es auch mit der eigenen Genetik, der Menge und dem Alter zu tun hat. Und inzwischen ist man wohl mit Remdesivir noch ein Stück weiter gekommen. Hier sind seit Montag die Läden wieder offen, aber meistens dürfen nur wenige Menschen gleichzeitig rein, es gibt Schlangen davor und manche verkaufen nur an der Tür, manchmal auch mit Plexiglas. Die Innenstadt ist wieder deutlich voller, aber jetzt hat es – endlich! – viel geregnet und es war deshalb nicht sehr viel los. Diese Woche war mein 30. Geburtstag. Deshalb hab ich diese Woche doch einen Freund und eine Freundin jeweils abends zu mir auf den Balkon eingeladen, um ein bisschen zu feiern. Wir saßen da mit Sicherheitsabstand, aber es war trotzdem schön. Außerdem hat er momentan gar niemanden für körperlichen Kontakt… Ich umarme zumindest manchmal meine Mitbewohnerin. Da war es mir wichtig, ihm das zu geben. Ich habe daran gedacht, wie ich selbst immer wieder wütend werde, wenn ich höre, dass andere das machen. Aber ich merke, dass ich jetzt an meine Grenzen komme und dass auch bei mir mit der sinkenden Ansteckungsrate das Risikogefühl deutlich kleiner wird.

Den Freund habe ich zum Abschied dann doch umarmt, eigentlich sind wir uns körperlich sehr nahe und es war einfach zu seltsam, zu unaushaltbar, das nicht zu tun.

 

Donnerstag 28. Mai 2020

Die letzten Wochen habe ich mich von Corona abgeschottet. Meine Masterarbeit braucht meine ganze Aufmerksamkeit. Draußen Spazierengehen zum Ausgleicht und auch Einkaufen ist stressiger und schwieriger geworden, seit draußen die Straßen wieder voll sind und sich alle so verhalten als wäre nichts mehr. Die Geschäfte sind offen, zwar mit Einschränkung. Aber am vorletzten Samstag war schon wieder eine lange Schlange vor einem Schuhladen, alle im Abstand entlang der Markierungen am Boden, aber ohne Maske. Auf der Straße tragen die nur ganz wenige. Heute hat eine Radfahrerin ihre Maske verloren und ich wollte sie ihr aufheben, so wie ich das mit anderen Sachen machen würde. Dann fiel mir ein: Nicht anfassen. Seit kurzem heißt es, Corona sei doch über die Luft übertragbar. Lüften sei wichtig. Das hat mich wieder neu verunsichert. Letztes Wochenende hab ich mich zum ersten Mal wieder mit einem Freund zum Kuscheln bei mir zuhause, in meinem Zimmer getroffen. Ich merke wie sehr mir sowas fehlt, aber es fühlt sich trotzdem nicht richtig an.

Seit einer Woche lese ich jeden Tag Nachrichten aus dem ANKER-Zentrum hier in Regensburg. Dort haben sich mindestens 100 Menschen nachweislich angesteckt, Regensburg ist jetzt der deutschlandweite Hotspot. Die Leute wurden zum Teil in Holzverschlägen isoliert. Natürlich mussten auch negativ getestete Menschen noch weiter mit positiv getesteten Menschen zusammen wohnen. Mein Bekannter aus dem ANKER-Zentrum schreibt mir manchmal SMS und wirkt als nähme er das alles eher scherzhaft, er schreibt darüber, als sei alles ein Witz. Ich kann mir gut vorstellen, dass ihm das hilft. Maßnahmen ergreift die Stadt aber nur im Lager, alles andere bleibt trotz weitem Überschreiten des Grenzwerts von 35 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner pro Woche in Bayern (bzw. 50 in Deutschland) – wir sind bei über 70 – wie gehabt. Man glaubt, das isolieren zu können. Das Zentrum ist kein Teil der Gesellschaft. Dass Leute von dort “draußen” arbeiten bzw. Menschen von draußen dort drinnen arbeiten wird nichtmal erwähnt. Oder ob diejenigen Bewohner*innen, die noch nicht getestet wurden, noch getestet werden.

Ansonsten auch hier seit mehreren Wochen jedes Wochenende Kundgebungen aus dem rechten Milieu. Und Gegenkundgebungen.

 

Dienstag, 30. Juni 2020

Der Stand der Dinge jetzt: Eine neue Normalität mit Plexiglas und Mundschutz. Immer noch Menschen, die ihn nicht über die Nase ziehen. Im Supermarkt müssen die Mitarbeiter*innen an der Kasse keinen Mundschutz mehr tragen, das Plexiglas reicht aus. Das leuchtet mir nicht ein. Aber für sie ist es bestimmt angenehmer. Vor allem bei der Hitze jetzt. Die Außenbereiche der Restaurants sind gewachsen, nehmen Plätze und manchmal Teile von Straßen ein. Die Stadt ist wieder sehr oft voll. Manchmal vergesse ich fast den Mundschutz, wenn ich in den Supermarkt laufe. Meine Brille beschlägt nicht mehr. Es ist Gewohnheit geworden. Ich treffe mehr Menschen, aber immer noch nicht so viele wie sonst. Ich mache mir immer noch Gedanken über Ansteckungsrisiken, aber weniger.

Der Stand der Dinge jetzt: Eine neue Normalität mit Plexiglas und Mundschutz. Immer noch Menschen, die ihn nicht über die Nase ziehen.

 

Ich lese kaum noch Nachrichten und habe ein schlechtes Gewissen, aber ich schaffe es gerade nicht. Ich frage mich, wieso es sich jetzt nicht mehr anfühlt, als sei die Welt eine andere und ich frage mich, ob ich mich an jeden Ausnahmezustand so gewöhnen würde. Auch an Krieg? Ein Stück weit ist alles irgendwann Normalität. Aber vor allem hatte ich Glück, dass es in Deutschland nicht schlimmer wurde. Denn an so vielen Orten der Welt ist es jetzt richtig richtig schlimm! Und ich denke auch, dass da noch was kommt, eine zweite Welle. Eigentlich ist die ja schon da, nur eben in isolierten, lokalen Ausbrüchen. Ich habe kein wirkliches Verständnis dafür, dass Menschen jetzt in die Kirche gehen. Aber bin ich wirklich so viel besser als sie? Ich glaube das ist die falsche Frage. Der Kapitalismus kennt einfach keine solidarische Lösung so einer Krise.

Der Kapitalismus kennt einfach keine solidarische Lösung so einer Krise.