{"id":4132,"date":"2020-04-20T11:00:42","date_gmt":"2020-04-20T09:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=witnessingcorona&#038;p=4132"},"modified":"2020-04-20T11:29:37","modified_gmt":"2020-04-20T09:29:37","slug":"monstros-oder-gespenstisch","status":"publish","type":"witnessingcorona","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/witnessingcorona\/monstros-oder-gespenstisch\/","title":{"rendered":"Monstr\u00f6s oder gespenstisch?"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/4132?pdf=4132\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/4132?pdf=4132\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><em>Dieser Text stellt eine theoretische Reflexion zur Corona-Pandemie dar, die ich aus einer Situation in meiner Feldforschung zur lokalen Aushandlung des globalen Klimawandels im Rheinland entwickelt habe.<\/em><\/p>\n<p>Da in Deutschland seit Ende M\u00e4rz 2020 aufgrund der globalen Corona-Pandemie alle B\u00fcrger*innen angehalten sind, sich weitestgehend abzuschotten und k\u00f6rperliche Distanz zu ihren Mitmenschen zu wahren, fand ich mich eines Freitagabends mit meinen Feldforschungspartner*innen statt im Stuhlkreis in einem Gemeindehaus in einem Zoom-Meeting wieder. Die Teilnehmer*innen des digitalen Treffens sind alle auf unterschiedliche Weise in Netzwerken von Kohlegegner*innen, Klimaaktivist*innen und Umweltsch\u00fctzer*innen aktiv und versuchen, als zivilgesellschaftliche Akteur*innen den in ihrer Braunkohleabbauregion angelaufenen Strukturwandel mitzugestalten. Zu ihren Hauptanliegen z\u00e4hlt dabei, dass die globale Bedrohung des Klimawandels einen zentralen Stellenwert in den regionalen Zukunftsplanungen erh\u00e4lt und auch die Belange der lokalen Bev\u00f6lkerung ernsthaft in politische Entscheidungen einbezogen werden. Dieses kritisch-gestalterische Engagement war bisher auf Formen von Versammlung und direktem Austausch angewiesen, die in Zeiten physischer Kontaktverbote mehr oder minder unm\u00f6glich geworden sind<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Die Videokonferenz fand somit im gleichen Kontext statt, der mittlerweile in zahlreichen Zeitungen und Onlinever\u00f6ffentlichungen Deutschlands debattiert wird: dem Verh\u00e4ltnis zwischen der akut sp\u00fcrbaren \u201eCorona-Krise\u201c, die uns gegenw\u00e4rtig an unseren Wohnraum fesselt (sofern dieser vorhanden ist) und der zurzeit weniger dringlich erscheinenden Klimakrise, die uns vor zuk\u00fcnftige Unsicherheit stellt.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang changiert der allgemeine Diskurs der Umweltbewegung momentan \u00fcberwiegend zwischen der Hoffnung auf eine einmalige Chance, das westliche (\u201eimperialistische\u201c) Lebensmodell<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu \u00fcberwinden, und der zynischen Entt\u00e4uschung \u00fcber die pl\u00f6tzliche Handlungsf\u00e4higkeit der Regierenden<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Nachdem gut eine Stunde \u00fcber M\u00f6glichkeiten zur Partizipation und technische Details des Strukturwandels im \u201eRheinischen Braunkohlerevier\u201c diskutiert wurde, r\u00e4sonierte einer der Teilnehmer*innen des digitalen Treffens, dass das Virus zu seiner Verbreitung die gleichen Kan\u00e4le nutze, die auch f\u00fcr die voranschreitende Zerst\u00f6rung der Umwelt in globalem Ma\u00dfstab verantwortlich seien.<\/p>\n<p>Dieser Kommentar zum Zusammenhang zwischen Pandemie und Umweltschutz soll mir als Ausgangspunkt zu einer Reflexion dienen, die \u00fcber eine Einordnung meines empirischen Materials hinausgeht und politisch-\u00f6kologische Diskurse zur Corona-Krise ber\u00fccksichtigt. In der Tat haben die staatlichen Reaktionen auf die Pandemie zu einer Entkoppelung und Entschleunigung des globalen Wirtschaftssystems gef\u00fchrt, w\u00e4hrend Nachrichten \u00fcber erste Anzeichen der Erholung von \u00d6kosystemen prominent verbreitet werden<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und auch bei meinen Forschungspartner*innen Anklang finden. Allerdings ist wohl zu erwarten, dass eine nachholende wirtschaftliche Aktivit\u00e4t zur \u201eAnkurbelung der Konjunktur\u201c diese tempor\u00e4ren Effekte bald vergessen macht<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>. Ohnehin gleicht die weltweite Politik zurzeit einer Kalkulation dar\u00fcber, welche Elemente sich noch frei bewegen d\u00fcrfen und welche nicht. Die Pandemie f\u00fchrt uns also eine der zentralen Fragen neoliberaler Biopolitik deutlich vor Augen, die auch in gew\u00f6hnlichen Zeiten den Verlauf globaler Str\u00f6me bestimmt: Welche Zirkulationen (von Waren, Menschen etc.) m\u00fcssen gew\u00e4hrleistet sein (und welche k\u00f6nnen gekappt werden), um die Produktivit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung zu steigern und das Wirtschaftswachstum zu erh\u00f6hen? Die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung ist dabei ein entscheidender Faktor f\u00fcr die Reproduktion der \u00d6konomie, doch offenbart die aktuelle Krise, wie sich biologische Gesundheit und volkswirtschaftliche Interessen gegen\u00fcberstehen k\u00f6nnen und ihr Verh\u00e4ltnis einer st\u00e4ndigen Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung unterworfen ist<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>. Im Kontext kapitalistischer Zirkulation fungieren die Infrastrukturen der globalen \u00d6konomie mit ihren kontrollierten \u00d6ffnungen und Schlie\u00dfungen \u00fcblicherweise wie Reinigungsapparate, die bestimmte Elemente nach einem \u00f6konomischen Kalk\u00fcl passieren lassen respektive aufhalten (der gesamte entmenschlichende Diskurs um die Illegitimit\u00e4t und Illegalit\u00e4t sogenannter Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge, materialisiert in einem t\u00f6dlichen Grenzregime, w\u00e4re ein Paradebeispiel f\u00fcr dieses Kalk\u00fcl). Doch diese Transport- und Migrationskan\u00e4le scheinen nun selbst infiziert, weshalb ihre Schnittstellen wo immer m\u00f6glich geschlossen werden (Grenzen, (Flug-)H\u00e4fen etc.), damit sie das System des globalen Kapitalismus nicht weiter \u201everunreinigen\u201c. Die Analogie von der Gesellschaft im \u201eabgesicherten Modus\u201c, die der Satiriker Jan B\u00f6hmermann in seinem Podcast vorgeschlagen hat, erscheint somit realistischer als hoffnungsvolle Szenarien einer achtsameren Welt nach der Pandemie<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a>. Denn der abgesicherte Modus eines Computerbetriebssystems dient unter anderem dazu, kritische Fehler zu isolieren und zu beheben (im Fall der Corona-Pandemie vermutlich nicht zuletzt \u00fcber die Installation einer weitreichenden digitalen \u00dcberwachungsinfrastruktur f\u00fcr (potenziell) Infizierte), um das System m\u00f6glichst unbeschadet und mit gleicher Leistung wie zuvor wiederherzustellen<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a>.<\/p>\n<div id=\"attachment_4133\" style=\"width: 843px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4133\" class=\"wp-image-4133\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-2-920x690.jpg\" alt=\"\" width=\"833\" height=\"625\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-2-920x690.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-2.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 833px) 100vw, 833px\" \/><p id=\"caption-attachment-4133\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Vorne das karge Tagebauvorfeld, hinten links der Braunkohletagebau und hinten rechts am Horizont die Kohlekraftwerke: Industrielle Landschaftszerst\u00f6rung zieht den gesamten Globus in den Sog des Klimawandels \u2013 wie h\u00e4ngt sie mit der aktuellen Pandemie zusammen?\u201c Copyright: Felix Lussem <\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Der in dieser Analogie ausgedr\u00fcckte Isolations-, Absonderungs- oder Trennungsprozess bestimmt dabei das Projekt des modernen Fortschritts schlechthin (Latour 2008) und wird nun in seiner biopolitischen Dimension f\u00fcr Teile der Menschheit sichtbar, denen die Infrastrukturen der globalen \u00d6konomie bisher allgemein eine \u201eglatte\u201c, \u201enahtlose\u201c Erfahrung der Welt erm\u00f6glicht haben. Denn unter den Bedingungen der Corona-Pandemie sind auch f\u00fcr Menschen des \u201eglobalen Nordens\u201c zahlreiche Grenzen geschlossen, Flugrouten dicht und Warenknappheit ist \u2013 zumindest in der kollektiven Imagination \u2013 zu einer realistischen M\u00f6glichkeit geworden. Insofern erscheint uns die momentane Pandemie wie eine Monstrosit\u00e4t, da die \u00fcblichen \u201eReinigungsmechanismen\u201c der globalen Infrastrukturen nicht mit der allzu engen Verflechtung von Mensch und Virus zurande kommen, wodurch das kapitalistische Wirtschaftssystem entscheidend ausgebremst wird.<\/p>\n<p>In <em>Arts of Living on a Damaged Planet: Ghosts and Monsters of the Anthropocene<\/em> f\u00fchren Tsing et al. die Figur des \u201eMonsters\u201c ein, um auf die lebensnotwendigen Verflechtungen zwischen Spezies aufmerksam zu machen, aber auch um zu verdeutlichen, dass die Spaltungs- und Reinigungslogik der Moderne allerlei neue (biologische) Gefahren hervorgebracht hat. So schreiben sie, dass \u201eour entanglements, blocked and concealed in these simplifications [wie Monokulturplantagen oder Massentierhaltung], return as virulent pathogens and spreading toxins\u201c (2017: M4). Die aktuelle Corona-Pandemie offenbart diese verdr\u00e4ngten Verflechtungen aufs schmerzlichste, die die Basis f\u00fcr das Leben auf unserem Planeten bilden, aber auch die Koordinaten biologischer Verletzlichkeit definieren. Mit Tsing et al. kann man SARS-CoV-2 folglich als Monster des Anthropoz\u00e4n verstehen, welches die modernen Fantasien des endlosen Wachstums \u2013 die auf der Trennung des Menschen von seiner Umwelt, auf der technischen Transzendierung der Natur basieren \u2013 durch seine allzu riskante N\u00e4he zum Menschen durchkreuzt und die materiellen Netzwerke kapitalistischer Zirkulation ausbremst. Monster sind in dieser Perspektive also Figuren, die irreduzibel ihre Anwesenheit demonstrieren und sicher geglaubte Grenzen \u00fcbertreten \u2013 so wie das Virus die Immunschranke der Menschen durchbricht und ihren zellul\u00e4ren Stoffwechsel zur eigenen monstr\u00f6sen Vervielf\u00e4ltigung kapert. Auch die nicht selten mit rassistischer Verachtung verbundene Ursprungsgeschichte des Virus zeugt von der Monstrosit\u00e4t der Grenz\u00fcberschreitung, die am angeblichen Beginn der Pandemie lag. Schlie\u00dflich wird die Schuld des Ausbruchs in dieser Geschichte den \u201eexotischen\u201c Konsumgewohnheiten der Bewohner*innen Wuhans gegeben, welche das vermeintlich rationale westliche Mensch-Tier Verh\u00e4ltnis nicht gen\u00fcgend respektiert haben<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Diese moralisierende Verortung der Pandemie verdeutlicht, dass die Verfestigung des Virus in der Figur des Monsters den Mechanismen der Externalisierung T\u00fcr und Tor \u00f6ffnet, die das Virus zum Monster der Anderen machen, sobald die entsprechenden Infrastrukturen zu seiner Kanalisierung \u2013 analog zu den kapitalistischen Reinigungsapparaten \u2013 geschaffen wurden. Die Figur des Monsters privilegiert somit eine Lesart, das Virus als Rache eines falschen Lebensstils zu verstehen und als Schuld, die gegen\u00fcber der Umwelt eingel\u00f6st werden muss. Die These, dass Umweltzerst\u00f6rung im Namen des modernen Fortschritts den monstr\u00f6sen Ursprung der Pandemie bildet \u2013 indem sie \u00d6kosysteme degradiert, Biodiversit\u00e4t verringert und somit die Ansteckungswahrscheinlichkeit \u00fcber Artengrenzen hinweg erh\u00f6ht<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> \u2013 l\u00e4uft damit ebenso Gefahr zu einer Variante dieser externalisierenden Erz\u00e4hlung zu werden, wenn Schuld und Verantwortung allzu voreilig und s\u00e4uberlich verteilt werden.<\/p>\n<div id=\"attachment_4135\" style=\"width: 843px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4135\" class=\"wp-image-4135\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-920x690.jpg\" alt=\"\" width=\"833\" height=\"625\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-920x690.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-1440x1080.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Lussem-Bild-1-920x690@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 833px) 100vw, 833px\" \/><p id=\"caption-attachment-4135\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Eine andere Art von \u201eGeisterorten\u201c: Noch immer verschwinden D\u00f6rfer im Rheinland f\u00fcr Kohleextraktion. Aktivisten verweisen auch hier auf das Problem von mangelndem Wohnraum, das sich in der Corona-Krise weiter zuspitzt. Copyright: Felix Lussem<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>W\u00e4hrend Monster durch einen \u00dcberschuss gekennzeichnet sind, durch ein zu viel an Leben, Pr\u00e4senz und Bedeutung, ist ein Virus durch seinen fehlenden Stoffwechsel gar kein Lebewesen im strengen Sinne und hat durch seine Position zwischen Leben und Tod eher gespenstische als monstr\u00f6se Qualit\u00e4ten. Das Virus wandelt also nicht nur die lebhaften Knotenpunkte des Kapitalismus vor\u00fcbergehend in Geisterst\u00e4dte<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>, es kann auch auf keinen spezifischen Ursprung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden, da es wie ein Wiederg\u00e4nger immer nur in Mutationen von Mutationen auftritt und jeder propagierte Ursprung, der das Virus als lokalisierbares Monster bestimmen w\u00fcrde, nichts als willk\u00fcrliche Setzung ist. Denn auch wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Degradierung der Biodiversit\u00e4t sozial-\u00f6kologischer Systeme im Zusammenspiel mit hoher globaler Mobilit\u00e4t die Wahrscheinlichkeit neuer Pandemien erh\u00f6ht, ist das \u00dcberspringen eines Virus ein radikal unbeherrschbares Zufallsereignis, aus dem keine allgemein \u00fcbertragbaren Lehren oder tiefere Bedeutungen gezogen werden k\u00f6nnen<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> \u2013 wohl aber aus der konkreten Verteilung der Auswirkungen der Pandemie. Die weitreichende Verbannung der Menschen aus der \u00d6ffentlichkeit liegt dabei in einem weiteren gespenstischen Charakteristikum von SARS-CoV-2 begr\u00fcndet: Die Infektion kann auch in Abwesenheit von Symptomen anwesend und virulent sein, weshalb die Eind\u00e4mmungsma\u00dfnahmen auf die komplette Bev\u00f6lkerung verallgemeinert werden.<\/p>\n<p>Diese Unentscheidbarkeit zwischen gesund und krank, die mittlerweile jede Begegnung mit unseren Mitmenschen bestimmt, ist vermutlich die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung im Umgang mit der Pandemie. Nicht zuletzt die \u00dcberforderung mit diesem gespenstischen Charakteristikum des Virus hat eine Solidarit\u00e4t begr\u00fcndet, die sich in brutaler Sichtbarkeit entlang nationalstaatlicher Grenzen orientiert, damit das Monster der Anderen vornehmlich an anderen Orten seine Geister produziert. Dass die Solidarit\u00e4t an Staatsgrenzen endet, wenn das Risiko nicht kalkulierbar ist, haben uns nicht zuletzt die Bilder aus Bergamo in aller Deutlichkeit vor Augen gef\u00fchrt. W\u00e4hrend Ethnographie als Zeitzeugnis schon lange offenbart, dass Zeitgenossenschaft auch r\u00e4umliche Verbindung bedeutet, allerdings zunehmend als Folge geteilter Risiken in globalem Ma\u00dfstab (Beck 2008), beginnt sich in der aktuellen Krise auch die Erkenntnis durchzusetzen, dass diese Risiken in ihrer Intensit\u00e4t h\u00f6chst ungleich verteilt sind.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a> Die Unentscheidbarkeit im Herzen der aktuellen Pandemie, das gespenstische Verharren des Virus zwischen an- und abwesend auf der Ebene von Individuum und Bev\u00f6lkerung, wirkt jedoch ebenso gewisserma\u00dfen als widerspenstige Kraft gegen die Tendenzen zur Externalisierung der Krise. Denn das Selbst (auf der Ebene von Individuum, Bev\u00f6lkerung, etc.) k\u00f6nnte immer schon unbemerkt infiziert sein, womit jegliche produktivit\u00e4tssteigernde Zirkulation vom Risiko der Ansteckung heimgesucht wird und die \u00d6konomie der Kanalisierung guter (\u201eeigener\u201c) und schlechter (\u201efremder\u201c) Elemente nachhaltig gest\u00f6rt wird. Momentan wird alles darangesetzt, dieses Problem \u00fcber Techniken digitaler Kontrolle zu l\u00f6sen. Vielleicht l\u00e4ge an dieser gespenstischen Widerspenstigkeit gegen die monstr\u00f6sen Mechanismen der Externalisierung jedoch auch ein Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer Solidarit\u00e4t, die sich \u00fcber Grenzen hinweg sowie jenseits von Kategorien des Selbst und Anderen erstreckt, eine Solidarit\u00e4t, die nicht nach den Ma\u00dfen von Schuld und Verdienst abgestuft ist, die nicht nach Gewinn und Verlust kalkuliert. Wie eine weitere Teilnehmerin des Zoom-Meetings an jenem Freitagabend jedoch sinngem\u00e4\u00df mahnte: \u201eWir k\u00f6nnen nicht auf eine Ver\u00e4nderung durch das Virus hoffen, wir m\u00fcssen weiter selbst aktiv sein.\u201c<\/p>\n<p>Submitted on 08. April 2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Felix Lussem<\/strong> ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut f\u00fcr Ethnologie der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln. Er promoviert zu lokalen Aushandlungsprozessen globaler Krisen und begleitet daf\u00fcr Klima- und Umweltaktivisten sowie Fl\u00fcchtlingshelfer im Rheinland. Seine Forschung ist von der Frage geleitet, wie die \u00dcberforderung nationalstaatlicher Institutionen durch multidimensionale Krisen neue Formen des Engagements hervorbringt und welche Verschiebungen r\u00e4umlicher und zeitlicher Ordnungen sich in diesem Zusammenhang abzeichnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"Ohne\"><b>#WitnessingCorona <\/b><\/span><\/p>\n<p><span class=\"Ohne\">This article was simultaneously published on boasblogs. <\/span><a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/aktuelles\/\"><span class=\"Hyperlink2\">Witnessing Corona<\/span><\/a><span class=\"Ohne\"> is a joint blog series by the <\/span><a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/\"><span class=\"Hyperlink2\">Blog Medical Anthropology \/ Medizinethnologie<\/span><\/a><span class=\"Ohne\">, <\/span><a href=\"http:\/\/agem.de\/curare\/\"><span class=\"Hyperlink2\">Curare: Journal of Medical Anthropology<\/span><\/a><span class=\"Ohne\">, the <\/span><a href=\"http:\/\/gssc.uni-koeln.de\/\"><span class=\"Hyperlink2\">Global South Studies Center Cologne<\/span><\/a><span class=\"Ohne\">, and <\/span><a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/witnessingcorona\/\"><span class=\"Hyperlink2\">boasblogs<\/span><\/a><span class=\"Ohne\">.<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliographie<\/strong><\/p>\n<p>Beck, Ulrich. 2008. <em>Weltrisikogesellschaft: Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit<\/em>. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p>Latour, Bruno. 2008. <em>Wir sind nie modern gewesen \u2013 Versuch einer symmetrischen Anthropologie<\/em>. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p>Tsing, Anna, Heather Swanson, Elaine Gan und Nils Bubandt. 2017). <em>Arts of Living on a Damaged Planet: Ghosts and Monsters of the Anthropocene<\/em>. Minneapolis: University of Minnesota Press.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<p>Alle angegebenen Links wurden zuletzt am 16. 04. 2020 aufgerufen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> https:\/\/taz.de\/Klimaproteste-in-Corona-Zeiten\/!5668682\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000115991988\/klimapolitik-nach-corona\">https:\/\/www.derstandard.at\/story\/2000115991988\/klimapolitik-nach-corona<\/a>, oder auch https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/den-zweiten-notstand-verhindern<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> https:\/\/taz.de\/Corona-und-Klima\/!5673321\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> https:\/\/www.zeit.de\/wissen\/gesundheit\/2020-03\/corona-auswirkungen-klima-umwelt-emissionen-muell<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2020-04\/wilhelm-heitmeyer-coronavirus-verschwoerungstheorien-finanzmarkt-rechtsradikalismus\/seite-3<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/corona-und-die-wirtschaft-was-darf-ein-leben-kosten-a-29353c88-18f7-4677-9b6a-210aed574386<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u201eFest und Flauschig\u201c, Ausgabe vom 15. M\u00e4rz 2020: \u201eOmas ohne Ende\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Laurie Penny hingegen schreibt (in Anlehnung an Gramsci), dass die \u201eZeit der Monster\u201c, in der die alte Welt im Sterben liegt und die neue noch nicht geboren ist, durch die Corona-Krise endet und sich eine neue Welt bahnbricht: https:\/\/www.wired.com\/story\/coronavirus-apocalypse-myths\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> https:\/\/eu.usatoday.com\/story\/opinion\/2020\/04\/08\/coronavirus-chinese-wet-markets-incubators-human-sickness-column\/2957755001\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2020\/apr\/06\/ban-live-animal-markets-pandemics-un-biodiversity-chief-age-of-extinction<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/coronavirus-senegal-gesellschaft-1.4869649<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kino\/article205828983\/Slavoj-Zizek-We-re-all-in-the-same-Boat-now-und-it-s-the-Diamond-Princess.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> https:\/\/taz.de\/Corona-und-der-Alltag\/!5669280\/ oder https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/coronavirus-usa-schwarze-sterberate-1.4872535<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[243],"class_list":["post-4132","witnessingcorona","type-witnessingcorona","status-publish","hentry","autor-felix-lussem"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/4132","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/witnessingcorona"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/4132\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4156,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/4132\/revisions\/4156"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4132"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=4132"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}