{"id":3874,"date":"2020-04-07T11:00:31","date_gmt":"2020-04-07T09:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=witnessingcorona&#038;p=3874"},"modified":"2020-05-20T12:46:08","modified_gmt":"2020-05-20T10:46:08","slug":"sich-der-pandemie-hingeben","status":"publish","type":"witnessingcorona","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/witnessingcorona\/sich-der-pandemie-hingeben\/","title":{"rendered":"Sich der Pandemie hingeben"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3874?pdf=3874\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3874?pdf=3874\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>\u201eIch glaube, es gibt bei vielen ein \u00e4hnliches Verlangen, nicht anfangen zu m\u00fcssen; ein \u00e4hnliches Begehren, sich von vornherein auf der anderen Seite des Diskurses zu befinden und nicht von au\u00dfen ansehen zu m\u00fcssen, was er Einzigartiges, Bedrohliches, ja vielleicht Unheilvolles an sich hat.\u201c<br \/>\nMichel Foucault <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Eigentlich m\u00f6chte ich nicht anfangen, \u00fcber Covid-19 zu schreiben. Besser von Anbeginn an auf der anderen Seite des Diskurses stehen, in dem stillen Verlangen, ihn gar nicht erst von au\u00dfen betrachten zu m\u00fcssen. Angesichts des Einzigartigen und vielleicht zu F\u00fcrchtenden, das er wom\u00f6glich in sich tr\u00e4gt, ist die Sehnsucht da, ihn nicht zu analysieren; ebenso der Wunsch, gerade <em>nicht<\/em> zu sprechen und <em>nicht<\/em> zu schreiben, angesichts des Wucherns von Covid-19 zur Pandemie.<\/p>\n<p>Dieser Wunsch war gro\u00df in mir, von dem Tag an, als ich zum ersten Mal von einem neuen Coronavirus in den Medien gelesen habe. Schon jetzt erinnere ich mich nicht mehr, wann das war. Im Januar noch war Covid-19 in China sehr weit weg f\u00fcr mich, ich gebe es zu. Januar scheint jetzt lange her. Als jemand, die seit Jahren zu der chronischen, globalen Infektionskrankheit Tuberkulose arbeitet, war mein erster Reflex zu denken: schon wieder diese Panik w\u00e4hrend des \u201eWartens auf die Pandemie\u201c (Caduff 2018); gut 3000 Todesf\u00e4lle in China f\u00fcr ein Land von 1,4 Milliarden Menschen, was sind diese schon im Vergleich zu den 1,3 Millionen Tuberkulosetoten der Welt in jedem Jahr? Es wird uns nur noch mehr globale Versicherheitlichung von Public Health bringen, mit ihren harten polizeilichen und sanit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen, wie damals nach 9\/11 und der Aufregung um Bioterrorismus. Auf der anderen Seite der Pandemie stehen bleiben, das wollte ich.<\/p>\n<p>Dann kommen die Berichte aus Italien, dann aus Spanien. In Spanien forsche ich seit 2017 zu Austerit\u00e4tspolitik im Gesundheitswesen, unter anderem in einem nun aus allen N\u00e4hten platzenden \u00f6ffentlichen Krankenhaus im Zentrum von Madrid. Und dann ist alles doch da, Anfang M\u00e4rz. Ganz schnell, und doch so sp\u00e4t. Cluster im S\u00fcdelsass. Das Krankenhaus in Mulhouse am Limit. Die Schulen im S\u00fcdelsass werden geschlossen. Die Region Grand-Est, wo ich wohne, wird vom Robert-Koch-Institut in Berlin zum Hochrisikogebiet ernannt, wie ich von einer Freundin aus M\u00fcnchen h\u00f6re. Seit dem 17.3.2020, 12h, ist in ganz Frankreich Ausgangssperre. Wir d\u00fcrfen uns nicht mehr als 500 Meter von unserem Domizil entfernen, und das auch nur, um einzukaufen, Sport zu treiben, oder zum Arzt zu gehen, immer mit einem unterschriebenen Formular zum Beweggrund des Ausgangs und dem Personalausweis in der Tasche. Wir befinden uns im \u201esanit\u00e4ren Ausnahmezustand\u201c (<em>\u00e9tat d\u2019urgence sanitaire<\/em>). Die ganze \u201eNervosit\u00e4t des Systems\u201c bricht \u00fcber mich herein, so wie sie der US-amerikanische Anthropologe Michael Taussig (1992) Anfang der 1990er Jahre in seinem Werk \u201eThe Nervous System\u201c beschrieben hat, anhand so unterschiedlicher Beispiele wie Staatsterror in Kolumbien und Arzt-Patienten Beziehungen in New York.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_3881\" style=\"width: 850px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3881\" class=\"wp-image-3881\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Ausgangsformular-Kehr-651x920.png\" alt=\"\" width=\"840\" height=\"1188\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Ausgangsformular-Kehr-651x920.png 651w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Ausgangsformular-Kehr.png 826w\" sizes=\"auto, (max-width: 840px) 100vw, 840px\" \/><p id=\"caption-attachment-3881\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Illusration 1: Mein \u201eAusgangsformular\u201c vom 30.3.2020. Copyright: Janina Kehr<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Da ist die Nervosit\u00e4t der politischen Entscheidungstr\u00e4ger*innen um Antworten mit ihren immer strikteren sanit\u00e4ren Ma\u00dfnahmen wie Grenzschlie\u00dfungen; die Nervosit\u00e4t der Experten ohne Daten und ihr erbitterter Kampf um Wahrheit (Ioannidis 2020); die Nervosit\u00e4t des \u201eHygienestaates\u201c (Rosanvallon 2020) ohne Evidenz und dennoch in der Pflicht, das Gesundheitswesen vor einem \u201eKollaps\u201c sch\u00fctzen zu m\u00fcssen; die Nervosit\u00e4t der epidemiologischen Modellierungen und das \u201eTheater der Echtzeit Surveillance\u201c (Engelmann 2020); die Nervosit\u00e4t der Zeitungsberichterstattungen, neben Covid-19 existiert nichts anderes mehr; die Nervosit\u00e4t der #Covid-19 Tweets; die Nervosit\u00e4t der nach Schuldigen Suchenden und Stigmatisierenden. Diese generalisierte Nervosit\u00e4t geht mir durch Mark und Bein, t\u00e4glich. Jeder Versuch, die Nervosit\u00e4t durch, wie Taussig es beschreibt, \u201eein kleines Ritual oder ein bisschen Wissenschaft\u201c (1992, S. 2) aufzul\u00f6sen, macht das nerv\u00f6se System nur noch nerv\u00f6ser und untermauert damit seine systematische Macht.<\/p>\n<p>Ich sehe es nach wie vor als meine sozialwissenschaftliche Pflicht, Medien kritisch zu lesen und tagesaktuell dar\u00fcber nachzudenken, was um mich herum und an anderen Orten der Welt geschieht \u2013 auch in Zeiten generalisierter Nervosit\u00e4t. Aber ob mir eine \u201eStimme der Besonnenheit\u201c (Beyer 2020) inmitten der Epidemie gelingt, so wie es Judith Beyer in ihrem inspirierenden Artikel vor ein paar Tagen beschrieben hat, bezweifle ich, und dies, obwohl ich als Medizinanthropologin seit vielen Jahren \u00fcber globale Epidemien nachdenke. Weniger denn je schaffe ich es, die f\u00fcr Kritik notwendige Distanz zu bewahren, um analytische Schnitte zu tun, zu Hause vor dem Schreibtisch sitzend, wo jede Perspektive quasi rein medial vermittelt ist. Im Moment ist mir als Medizinanthropologin, die in Krankenh\u00e4usern forscht, auch die destabilisierende und gleichzeitig beruhigende k\u00f6rperliche N\u00e4he des Mittendrinseins der Feldforschung genommen. Das Miteinandersein mit meinen Forschungspartner*innen \u2013 Gesundheitsmitarbeitenden, Patient*innen und deren Angeh\u00f6rigen, ob im Krankenhaus oder zu Hause. Aber sowohl N\u00e4he als auch kritische Distanz w\u00e4ren f\u00fcr die M\u00f6glichkeit eines anderen Blicks auf die derzeitige medial vermittelte Krise so zentral. Stattdessen ist nur Diskurs. Ich lebe im Diskurs, schreibe mit am Diskurs und f\u00fchle seine Nervosit\u00e4t in mir und meiner unmittelbaren Umgebung, hier in Frankreich, hier im Elsass, am Schreibtisch.<\/p>\n<p>Die Nervosit\u00e4t ist gro\u00df, vielleicht gr\u00f6\u00dfer als auf der anderen Seite des Rheins. Sie ist allt\u00e4glich, genauso wie die Schwere der leeren Stra\u00dfen. Sie zeigt sich in der flehenden SMS einer befreundeten Apothekerin aus Strasbourg, die uns noch vor Beginn der strikt implementierten Ausgangssperre aufruft, doch \u201ebitte bitte zu Hause zu bleiben\u201c und nicht pr\u00e4ventiv Apotheken zu st\u00fcrmen wie ihre Hunderte von Kund*innen in einer Stadt, \u201ein der die Krankenh\u00e4user gerade \u00fcberlaufen\u201c und die \u201ePrim\u00e4rversorgung zutiefst verunsichert ist\u201c. Sie zeigt sich in der Kriegsmetaphorik des Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron in seiner \u201e<a href=\"https:\/\/www.elysee.fr\/emmanuel-macron\/2020\/03\/16\/adresse-aux-francais-covid19\">Rede an die Franzosen<\/a>\u201c vom 16.3., die zwischen 25 und 35 Millionen B\u00fcrger*innen an ihren Bildschirmen zu Hause mitverfolgten, mehr als bei jedem Fu\u00dfballweltmeisterschaftsendspiel. Sie zeigt sich in den Heldenbildern der ersten beiden an Covid-19 verstorbenen \u00c4rzte, gezeichnet in der lokalen Zeitung <a href=\"https:\/\/www.dna.fr\/sante\/2020\/03\/22\/le-temps-des-heros\">Derni\u00e8res Nouvelles d\u2019Alsace<\/a>. Sie zeigt sich in den dunklen Bilder aus dem Repertoire der Katastrophen- und Kriegsmedizin, die mir \u00fcberall entgegen schlagen: im vom <a href=\"https:\/\/www.defense.gouv.fr\/sante\">Gesundheitsservice der Armee<\/a> errichteten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WBIWpxAgpJE&amp;list=PLtOyR1zqP2v7JoUWRH_ChAorkAs9jiAqI&amp;index=9&amp;t=0s\">Feldkrankenhaus in Mulhouse<\/a>, das am 26.3. seinen ersten Patienten aufnahm; in Menschen mit Ganzk\u00f6rper-Schutzanz\u00fcgen; in <a href=\"https:\/\/www.dna.fr\/sante\/2020\/03\/29\/photos-a-mulhouse-12-malades-en-cours-d-evacuation-par-tgv-medicalise-vers-l-ouest\">Videos<\/a> vom Beladen der TGV-Sanit\u00e4tsz\u00fcge in einem gespenstisch verlassenen Strasbourger Bahnhof; in den Bildern von Rettungsfahrzeugen mit Blaulicht auf dem Bahnsteig im Morgengrauen, hintereinander gereiht, mit ihrer Ladung Patient*innen; in dem dickb\u00e4uchigen Milit\u00e4rflugzeug am nahen Flughafen Strasbourg-Entzheim, das Patienten nach Deutschland abtransportiert \u2013 dieser symbolische Funken Solidarit\u00e4t scheint derzeit das einzige, was von Europa \u00fcbrigbleit. Neben der Kriegsrhetorik der Politik stehen die Kriegsbilder der Medizin.<\/p>\n<p>Diese Epidemie trifft mich anders als die anderen von der WHO zuvor deklarierten \u201ePandemien\u201c des 21. Jahrhunderts \u2013 SARS 2002, H1N1 2009, Ebola 2015 \u2013, auch wenn ihre Militarisierung und Versicherheitlichung gerade Ebola auf unheimliche Weise \u00e4hneln (Elliott 2015). Die derzeitige Epidemie trifft die Mitarbeiter*innen des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens hier in Frankreich anders als andere \u201eKrisen\u201c zuvor. Nicht un\u00e4hnlich wie in Spanien und Italien unterliegen auch hier in Frankreich die Krankenh\u00e4user seit einem Jahrzehnt strikten Sparma\u00dfnahmen, und seit 25 Jahren einer strikten \u00d6konomisierung (Belorgey 2010; Juven 2016). In Frankreich begaben sich deshalb im November 2019 Gesundheitsmitarbeitende massiv in den Streik, f\u00fcr den Erhalt der \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4user; im Januar 2020 traten \u00fcber 1000 Chef\u00e4rzt*innen aus Protest von ihren administrativen Aufgaben in der Krankenhausverwaltung zur\u00fcck; am 30.3.2020 rief ein Kollektiv aktivistischer Gesundheitsvereinigungen wie Act-Up und das <a href=\"https:\/\/www.collectif-inter-hopitaux.org\/\">Collective Inter H\u00f4pitaux<\/a> das oberste franz\u00f6sische Verwaltungsgericht an, um gegen die Rationierung von Schutzmaterial und Medikamenten zu agieren und sich f\u00fcr deren \u00f6ffentliche Bereitstellung starkzumachen, inmitten der Epidemie. Schon lange warnen im Gesundheitswesen Arbeitende, Global Health-Expert*innen und Sozialanthropolog*innen vor den t\u00f6dlichen Folgen der Austerit\u00e4tspolitik an vielen Orten weltweit (Juven &amp; Lemoine 2018; Kehr 2019; Schrecker &amp; Bambra 2015; Stuckler &amp; Basu 2013). Jetzt sind die Folgen da. <em>Dans la geule<\/em>, wie man in Frankreich sagen w\u00fcrde, <em>right in your face<\/em>! \u201eMacron kann auf das \u00f6ffentliche Krankenhaus z\u00e4hlen \u2013 das Gegenteil bleibt noch zu beweisen\u201c, ist der Slogan auf einem Foto, das auf sozialen Medien kursiert, um den Pr\u00e4sidenten in die Verantwortung zu nehmen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3879\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3879\" class=\"wp-image-3879 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Kehr-Hospital-920x689.jpg\" alt=\"\" width=\"550\" height=\"412\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Kehr-Hospital-920x689.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/Kehr-Hospital.jpg 1202w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><p id=\"caption-attachment-3879\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Illustration 2: #sauvonslhopitalpublic, Copyright collectifinterhop #sauvonslhopitalpublic. https:\/\/www.instagram.com\/p\/B9L1YQPIgNW\/#kairos<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Ich kann nicht mehr auf der anderen Seite der Epidemie stehen, oder auf der anderen Seite des Diskurses. Ob die Ma\u00dfnahmen um Covid-19 \u00fcbertrieben sind oder nicht, scheint keine produktive Frage mehr. Im Moment finde ich keinen Weg aus dem Diskurs, schreibe stattdessen aus der Mitte dieses nerv\u00f6sen Systems heraus, vorr\u00fcbergehend, hastend nach neuen Informationen, und doch immer hinterherhinkend. Ich versuche, allm\u00e4hlich mein Schreiben und Denken mehr oder weniger systematisch mit dem von allt\u00e4glicher Austerit\u00e4t gepr\u00e4gten Vorher der \u00f6ffentlichen Gesundheitsversorgung zu verkn\u00fcpfen, das mich in meiner Forschung umtreibt. Gefangen im Diskurs bleibt es mir aber unm\u00f6glich, ihm heute \u00e4u\u00dferlich zu sein, wie Foucault es sich kokett auf den ersten Seiten der \u201eOrdnung des Diskurses\u201c w\u00fcnschte, wie oben zitiert. Gleichzeitig war Foucault es, der uns wie kein anderer Mittel an die Hand gab, um die M\u00e4chtigkeit, die Regeln, die Hierarchien, die Verbote und Gebote von Diskursen zu analysieren, von au\u00dfen, und dennoch in ihrer vollen Materialit\u00e4t. Bisher gelingt\u00a0 es mir kaum.<\/p>\n<p>Die M\u00e4chtigkeit und Materialit\u00e4t des Covid-19-Diskurses geht jeden Tag aufs Neue durch mich hindurch. \u00dcber Twitter, \u00fcber die Websites von Zeitungen, \u00fcber die virtuellen Ap\u00e9ros mit Freund*innen und Kolleg*innen, \u00fcber den Strom von Corona Diaries- und #Witnessing-Aufrufen wie diesen, auf den ich antworte. Ich ern\u00e4hre mich vom Covid-19-Diskurs, ekele mich vor ihm, bin abgesto\u00dfen und angezogen, bulimisch. Nie ist mir deutlicher geworden als jetzt, was Foucault mit der \u201eschweren und bedrohlichen Materialit\u00e4t\u201c (Foucault 1994, S. 11) der Diskurse meinte. Ich kann ihr nicht entrinnen.<\/p>\n<p>Auch wenn diskurstheoretische Ans\u00e4tze inzwischen mehr zur Geschichte denn zur Avantgarde sozialanthropologischer Forschung geh\u00f6ren, lebe ich im Hier und Jetzt im Diskurs, schreibe in ihm, an ihm, sich seiner Materialit\u00e4t hingebend, ohne analysieren zu k\u00f6nnen oder zu wollen. Die Nervosit\u00e4t \u00fcbersteigt seine Regelhaftigkeit und den Wunsch nach Verstehen, ja verunm\u00f6glicht beides. Taussig fragte: \u201eHow to write the Nervous System that passes through us and makes us what we are?\u201d (1992, S. 10). Wie kann man die Nervosit\u00e4t des Pandemie-Diskurses schreiben, wenn er einen durchdringt? Taussig riet zu einer Form von Wissen, die sich dem Ph\u00e4nomen hingibt, anstatt von oben herab dar\u00fcber nachzudenken: \u201eknowing is giving oneself over to a phenomenon rather than thinking about it from above\u201c (1992, S. 10). Wie lange kann man sich der Nervosit\u00e4t hingeben? Wie lange durch sie denken? Die derzeitige Nervosit\u00e4t wird irgendwann vorbei sein, eine andere wird folgen. Ich kann meine Augen und Ohren nicht schlie\u00dfen. Und doch schlie\u00dfe ich meine Augen und Ohren. Es ist Luxus. Es ist Notwendigkeit. Und dann lasse ich mich wieder \u00fcberw\u00e4ltigen von der \u00fcberw\u00e4ltigenden Nervosit\u00e4t der Pandemie, gebe mich ihr hin, bis ich die Augen wieder vor ihr schlie\u00dfe. Bis zum n\u00e4chsten Mal.<\/p>\n<p>Per WhatsApp textete mir gestern Elena, eine befreundete \u00c4rztin aus Madrid. Ihr zu schreiben, traute ich mich schon gar nicht mehr, trotz meiner Sorge um sie und ihre Kolleg*innen der Infektionsstation, die mit ungen\u00fcgend Schutzkleidung t\u00e4glich zur Arbeit gehen: \u201eWenn das alles vorbei ist\u2026 sprechen wir dar\u00fcber\u2026 was man verbessern muss.\u201c Sie textete Aufschub. Wenn ich schon nicht dem Wunsch nachgehen kann, auf der anderen Seite des Diskurses zu stehen, dann w\u00fcnsche ich mir Aufschub wie Elena. Ist Aufschub eine Form von Widerstand gegen den Zwang der Krise? Wie kann Aufschub gelingen, ohne das Archivieren der nerv\u00f6sen digitalen und medialen Momente des Sich-Hingebens der Pandemie zu vergessen? Wie Aufschub erreichen, ohne t\u00e4glich die allt\u00e4gliche Improvisierung und Neuerfindung von Medizin im Kleinen zu dokumentieren, aus der medial vermittelten Distanz? Ich w\u00fcnsche mir, dass ein vorsichtig archivierender Aufschub von heute den Widerstand von morgen wiederaufleben l\u00e4sst. Nicht den Widerstand gegen die Pandemie, oder gegen die Krise; sondern den Widerstand gegen die schleichende Zerst\u00f6rung der M\u00f6glichkeit einer \u00f6ffentlichen und gerechten Gesundheitsversorgung f\u00fcr alle, die sie brauchen, auch jenseits von Covid-19 und nationalen Grenzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Geschrieben am 30.3.2020, \u00fcberarbeitet am 2.4.2020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Janina Kehr<\/b> ist Sozialanthropologin mit Forschungsschwerpunkt Medizinanthropologie am Institut f\u00fcr Sozialanthropologie der Universit\u00e4t Bern. Nach Covid-19 hofft sie, sich wieder der Arbeit an ihrem Buch zu Medizin in Zeiten der Austerit\u00e4t in Spanien widmen zu k\u00f6nnen, in dem sie \u00f6ffentliche Gesundheitsinfrastrukturen und Care-Praktiken an der Schnittstelle von Schulden\u00f6konomien, staatlicher B\u00fcrokratie und allt\u00e4glichen Erfahrungen untersucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>#Witnessing Corona<\/strong><\/p>\n<p>This article was simultaneously published on the <a href=\"http:\/\/medizinethnologie.net\">Blog Medical Anthropology<\/a> . <a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/aktuelles\/\">Witnessing Corona<\/a>\u00a0is a joint blog series by the\u00a0<a href=\"https:\/\/www.medizinethnologie.net\/\">Blog Medical Anthropology \/ Medizinethnologie<\/a>,\u00a0<a href=\"http:\/\/agem.de\/curare\/\">Curare: Journal of Medical Anthropology<\/a>, the\u00a0<a href=\"http:\/\/gssc.uni-koeln.de\/\">Global South Studies Center Cologne<\/a>, and\u00a0<a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/witnessingcorona\/\">boasblogs<\/a>.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Fu\u00dfnoten<\/b><br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Foucault 1994: 9. Im Original: \u201eIl y a chez beaucoup, je pense, un pareil d\u00e9sir de n\u2019avoir pas \u00e0 commencer, un pareil d\u00e9sir de se retrouver, d\u2019entr\u00e9e de jeu, de l\u2019autre c\u00f4t\u00e9 du discours, sans avoir eu \u00e0 consid\u00e9rer de l\u2019ext\u00e9rieur ce qu\u2019il pouvait avoir de singulier, de redoutable, de mal\u00e9fique peut-\u00eatre.\u201c Anmerkung der Verfasserin: das Wort \u201eunheilvoll\u201c ist meine \u00dcbersetzung f\u00fcr das franz\u00f6sische Original \u201emal\u00e9fique\u201c, in der \u00dcbersetzung von Walter Seitter im Fischer Verlag mit \u201everderblich\u201c \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografie<\/strong><\/p>\n<p>Belorgey, Nicolas. 2010. <em>L\u2019h\u00f4pital sous pression. Enqu\u00eate sur le \u00ab\u202fnouveau management public\u202f\u00bb<\/em>. textes \u00e0 l\u2019appuie. Paris: La D\u00e9couverte.<\/p>\n<p>Beyer, Judith. 2020. \u00ab\u00a0On Being Voices of Prudence in Times of a Pandemic &#8211; #Corona\u00a0\u00bb. <em>Allegra<\/em> (blog). 23 mars 2020. https:\/\/allegralaboratory.net\/on-being-voices-of-prudence-in-times-of-a-pandemic-corona\/.<\/p>\n<p>Caduff, Carlo. 2018. <em>Warten auf die Pandemie: Ethnographie einer Katastrophe, die nie stattfand.<\/em> G\u00f6ttingen: Konstanz University Press. https:\/\/public.ebookcentral.proquest.com\/choice\/publicfullrecord.aspx?p=5302288.<\/p>\n<p>Elliott, Denielle. 2015. \u00ab\u00a0Other images: Ebola and medical humanitarianism in Monrovia\u00a0\u00bb. <em>Medicine Anthropology Theory | An open-access journal in the anthropology of health, illness, and medicine<\/em> 2 (2): 102. https:\/\/doi.org\/10.17157\/mat.2.2.277.<\/p>\n<p>Engelmann, Lukas. 2020. \u00ab\u00a0#COVID19: The Spectacle of Real-Time Surveillance\u00a0\u00bb. <em>Somatosphere<\/em> (blog). 6 mars 2020. http:\/\/somatosphere.net\/forumpost\/covid19-spectacle-surveillance\/.<\/p>\n<p>Foucault, Michel. 1994. <em>Die Orgnung des Diskurses<\/em>. Frankfurt am Main: Fischer.<\/p>\n<p>Ioannidis. 2020. \u00ab\u00a0In the Coronavirus Pandemic, We\u2019re Making Decisions without Reliable Data\u00a0\u00bb. <em>STAT<\/em> (blog). 17 mars 2020. https:\/\/www.statnews.com\/2020\/03\/17\/a-fiasco-in-the-making-as-the-coronavirus-pandemic-takes-hold-we-are-making-decisions-without-reliable-data\/.<\/p>\n<p>Juven, Pierre-Andr\u00e9. 2016. <em>Une sant\u00e9 qui compte\u202f? Les co\u00fbts et les tarifs controvers\u00e9s de l\u2019h\u00f4pital public<\/em>. Paris: Presses Universitaires de France.<\/p>\n<p>Juven, Pierre-Andr\u00e9, et Benjamin Lemoine. 2018. \u00ab\u00a0Politiques de la faillite\u00a0\u00bb. <em>Actes de la recherche en sciences sociales<\/em>, n<sup>o<\/sup> 221\u2011222 (mai): 4\u201119. https:\/\/doi.org\/10.3917\/arss.221.0004.<\/p>\n<p>Kehr, Janina. 2019. \u00ab\u00a0Se plaindre des soins dans l\u2019Espagne de l\u2019aust\u00e9rit\u00e9\u00a0\u00bb. <em>Mouvements<\/em> n\u00b0 98 (2): 32\u201142.<\/p>\n<p>Rosanvallon, Pierre. \u00ab\u00a0Crise sanitaire\u202f: le retour de l\u2019Etat\u00a0\u00bb, 2020. <a href=\"https:\/\/le1hebdo.fr\/journal\/numero\/290\">https:\/\/le1hebdo.fr\/journal\/numero\/290<\/a>, accessed on 02.03.2020.<\/p>\n<p>Schrecker, Ted, et C Bambra. 2015. <em>How Politics Makes Us Sick: Neoliberal Epidemics<\/em>.<\/p>\n<p>Stuckler, David, et Sanjay Basu. 2013. <em>The Body Economic: Why Austerity Kills<\/em>. Basic Books.<\/p>\n<p>Taussig, Michael T. 1992. <em>The Nervous System<\/em>. New York\/London: Routledge<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[239],"class_list":["post-3874","witnessingcorona","type-witnessingcorona","status-publish","hentry","autor-janina-kehr"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3874","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/witnessingcorona"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3874\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4666,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3874\/revisions\/4666"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3874"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=3874"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}