{"id":3620,"date":"2020-03-30T11:00:50","date_gmt":"2020-03-30T09:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=witnessingcorona&#038;p=3620"},"modified":"2020-03-30T14:47:27","modified_gmt":"2020-03-30T12:47:27","slug":"momentaufnahme","status":"publish","type":"witnessingcorona","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/witnessingcorona\/momentaufnahme\/","title":{"rendered":"Momentaufnahme"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3620?pdf=3620\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3620?pdf=3620\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Zur Entlastung der Berliner Covid-19-Untersuchungsstellen hat die Charit\u00e9 eine App eingerichtet. CovApp bietet Menschen mit potenzieller Exposition zu Covid-19-F\u00e4llen die M\u00f6glichkeit, ihre individuelle Gef\u00e4hrdung fundiert einzusch\u00e4tzen. Gegebenenfalls wird durch die App nach Beantwortung einiger Fragen davon abgeraten, die Untersuchungsstellen aufzusuchen. Bisweilen sind die App-Empfehlungen, den eigenen Gesundheitszustand \u00e4rztlich abkl\u00e4ren zu lassen, jedoch nicht mit den begrenzt vorhandenen M\u00f6glichkeiten vereinbar gewesen. Wie der folgende autoethnographische Beitrag zeigt, w\u00fcrden von einer gro\u00dfz\u00fcgigen Mobilisierung zus\u00e4tzlichen Personals und einer besseren Abstimmung zwischen verschiedenen Einrichtungen des Berliner Gesundheitswesens alle profitieren.<\/p>\n<p><strong>Ein Tag in einer Berliner Untersuchungsstelle <\/strong><\/p>\n<p>Es ist Freitag, der 20.3.2020, 10:10 Uhr morgens. Ich stehe in einer gef\u00fchlt endlos langen Warteschlange einer Corona-Teststelle auf dem Gel\u00e4nde eines Berliner Krankenhauses. Die Teststelle hat vor zehn Minuten ge\u00f6ffnet, jedoch warten vor mir bereits zirka 70 Menschen, mit zumeist einem bis zwei Metern Sicherheitsabstand zueinander. Die Ersten in der Schlange haben vor dem Krankenhauseingang mit Klappst\u00fchlen ausgeharrt, um heute \u201esicher\u201c dran zu kommen. Szenen, wie man sie sonst im Zusammenhang mit Ticketverk\u00e4ufen f\u00fcr begehrte Konzerte von Weltstars kennt, wenn eine Tech-Neuheit oder ein neuer Sammler-Sneaker auf den Markt kommt. Die Szene hier ist jedoch wenig feierlich und die Stimmung viel eher dystopisch als euphorisch. Es ist kalt, neblig und nieselt. Wir warten drau\u00dfen auf einer Krankenhausstra\u00dfe, auf der ansonsten Krankenw\u00e4gen verkehren. Die H\u00e4lfte der Wartenden tr\u00e4gt Mundschutz, die andere H\u00e4lfte nicht. In weiter Ferne sehe ich Menschen in gelben Plastik\u00fcberw\u00fcrfen, die Gesichter von Atemschutzmasken verdeckt. Sie verteilen Informationsbl\u00e4tter und Mundschutz an diejenigen, die sich im vorderen Abschnitt der Schlange befinden. Die Szenerie erinnert mich an Bilder, die nach dem Reaktorunfall in Fukushima entstanden.<\/p>\n<div id=\"attachment_3622\" style=\"width: 547px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3622\" class=\"wp-image-3622 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-920x468.jpg\" alt=\"\" width=\"537\" height=\"273\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-920x468.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-1440x732.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-1536x781.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-2048x1042.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Teststellen-Schlange-Alternative-920x468@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 537px) 100vw, 537px\" \/><p id=\"caption-attachment-3622\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Warteschlange vor der Teststelle eines Berliner Krankenhauses. Copyright: Rebecca Blome<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Viele der Wartenden haben Reizhusten oder niesen. Man versucht, Abstand zueinander zu halten. Zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt wird ein Mitarbeiter zu mir sagen: \u201eIch pers\u00f6nlich w\u00fcrde allen dazu raten, zuhause zu bleiben, statt hierherzukommen\u201c. Am Ende des Tages verlie\u00dfen ohnehin alle die Teststelle ohne Testergebnis<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, aber mit der universell g\u00fcltigen Empfehlung, zuhause zu bleiben. Je l\u00e4nger die Menschen drau\u00dfen in der K\u00e4lte warten, desto heftiger werden bei manchen die Hustenattacken, und umso k\u00fcrzer werden auch die Abst\u00e4nde zwischen den Einzelnen \u2013 wahrscheinlich um das Gef\u00fchl zu haben, dass es endlich ein St\u00fcck voran geht.<\/p>\n<div id=\"attachment_3624\" style=\"width: 809px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3624\" class=\"wp-image-3624 size-full\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Rebecca-Blome-Abstrich.jpg\" alt=\"\" width=\"799\" height=\"534\" \/><p id=\"caption-attachment-3624\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Ob ein Test auf Sars-CoV-2 sinnvoll ist, entscheidet eine \u00c4rztin. Die Wartezeit bis zur Anmeldung betr\u00e4gt zirka f\u00fcnf Stunden. Copyright:<a href=\"https:\/\/www.flickr.com\/photos\/hospitalclinic\/49671861018\/\">Francisco \u00c0via Hospital Cl\u00ednic<\/a><\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Die Mitarbeiter*innen, die Infobl\u00e4tter und Mundschutz an die Wartenden ausgeben, vertr\u00f6sten darauf, dass sie sp\u00e4ter wiederkommen w\u00fcrden, als kurz vor mir die Packung mit den OP-Masken zu Neige geht. Realisieren wird sich dieses Versprechen nicht. Nach den anf\u00e4nglichen Bem\u00fchungen, Pr\u00e4senz zu zeigen, wird die n\u00e4chsten vier Stunden niemand mehr die Kranken umsorgen, die in der Schlange stehen. Niemand vom Personal wird darauf achten, dass der Abstand zum Vordermann eingehalten wird. Mundschutz wird an diejenigen, die nicht im ersten Drittel der \u201eTages-Schlange\u201c stehen, auch nicht mehr verteilt werden, und Informationen dazu, wer getestet wird und wer nicht, oder auf welche Abl\u00e4ufe man sich einstellen kann, wird es f\u00fcr diese Mehrheit der Wartenden auch nicht geben. Die Mobilisierung zus\u00e4tzlichen Fachpersonals sowie von Helfer*innen f\u00fcr die Teststellen ist nicht ausreichend. Durch den Personalmangel und die gro\u00dfe Nachfrage kommt es in den Teststellen zu einer l\u00fcckenhaften Koordination von Abl\u00e4ufen.<\/p>\n<p>Zunehmend kommen auch \u00e4ltere Menschen ohne Mundschutz an, um sich in die Schlange einzureihen. Sie haben Symptome oder sind durch die allgemeine Ungewissheit der Lage in Deutschland beunruhigt und m\u00f6chten sich testen lassen. Da kein Teststellenpersonal die Koordination dieser Testwilligen \u00fcbernimmt, werden Wartende aktiv. Verantwortungsbewusst schicken sie die besonders gef\u00e4hrdeten \u00e4lteren Menschen (mit Vorerkrankungen), die nicht auf \u00e4rztliche Empfehlung, sondern aus Besorgtheit gekommen sind, nach Hause. Damit sie sich vom ewigen Warten in dieser nassen K\u00e4lte keine Erk\u00e4ltung zuz\u00f6gen, oder sich wom\u00f6glich noch in der Schlange mit den Hoch-Risikof\u00e4llen infizierten. Denn die Mehrheit der Menschen hier drau\u00dfen ist krank und aus einem der ausgewiesenen Risikogebiete<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[2]<\/sup><\/a> zur\u00fcckgekehrt. Die Tests sind begrenzt und nur f\u00fcr diese \u201eVerdachtsf\u00e4lle der Klasse 3\u201c verf\u00fcgbar. Das sind Menschen mit \u201eakuten respiratorischen Symptomen jeder Schwere, mit und ohne Fieber, die sich \u201ein Regionen mit COVID-19-F\u00e4llen bis maximal 14 Tage vor Erkrankungsbeginn\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[3]<\/sup><\/a> aufgehalten haben.<\/p>\n<p>Ich bin k\u00fcrzlich \u00fcberhaupt nicht verreist. Macht es also Sinn hier zu warten, nur weil der Charit\u00e9-Corona-Selbsttest per App<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[4]<\/sup><\/a> mir das nach Auswertung eines digitalen Fragenkatalogs empfohlen hat (siehe Abbildung)?<i><small><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/small><\/i><i><small><\/small><\/i><\/p>\n<p>Genaugenommen hie\u00df die App-Empfehlung nach Auswertung meiner Angaben, ich solle die Info-Hotline der Senatsgesundheitsverwaltung oder den \u00e4rztlichen Bereitschaftsdienst anrufen, beziehungsweise alternativ dazu in einer Untersuchungsstelle vorstellig werden. Der \u00e4rztliche Dienst war die letzten Tage auch nach dutzenden Versuchen nicht erreichbar.<\/p>\n<div id=\"attachment_3626\" style=\"width: 324px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3626\" class=\"wp-image-3626\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-CovApp-Bitte-melden-Sie-sich-530x920.png\" alt=\"\" width=\"314\" height=\"545\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-CovApp-Bitte-melden-Sie-sich-530x920.png 530w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-CovApp-Bitte-melden-Sie-sich.png 630w\" sizes=\"auto, (max-width: 314px) 100vw, 314px\" \/><p id=\"caption-attachment-3626\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Screenshot der individuellen Empfehlung der CovApp vom 20.03.2020 auf Grundlage der Auswertung von zirka 20 Fragen. Copyright: Rebecca Blome<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Daher entschied ich mich, die in der App angezeigte n\u00e4chstgelegene Untersuchungsstelle aufzusuchen. Es muss wohl an meinen ebenso durch die App erfassten Symptomen liegen, wie Hals- und Kopfschmerzen, Schlappheit, gekoppelt mit dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Kurzatmigkeit, die mich seit einigen Tagen plagt. Ginge es nur um mich selbst, w\u00e4re ich entgegen der App-Empfehlung trotzdem schlicht zuhause geblieben, in meiner selbst verordneten Quarant\u00e4ne der letzten f\u00fcnf Tage. F\u00fcr mindestens eine weitere Woche. Jedoch hatte ich vor ein paar Tagen sehr engen Kontakt mit meinen Eltern. Aus Verantwortungsbewusstsein ihnen gegen\u00fcber beschlie\u00dfe ich weiterhin, frierend in der Schlange auszuharren. Es wird schon gehen, denke ich mir. Dieser \u201eIce Man\u201c Wim Hof<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[5]<\/sup><\/a> hat doch k\u00fcrzlich verschiedene Weltrekorde aufgestellt, die allesamt mit Extremtemperaturen verbunden sind. Er hat diverse Male mit wissenschaftlicher Begleitung unter Beweis gestellt, dass der Mensch zu viel mehr f\u00e4hig ist, als gemeinhin angenommen wird. Und dass der Mensch vor allem bestens ger\u00fcstet ist zum \u00dcberleben bei niedrigen Au\u00dfentemperaturen. Wie ging seine buddhistisch inspirierte Atemtechnik noch gleich, mit der man die K\u00f6rpertemperatur bewusst steuern und die Immunfunktion stimulieren kann? \u201eAnyways\u201c, ich werde es \u00fcberleben, denke ich mir und die anderen hier schaffen es ja auch \u2013 wobei viele von ihnen mir viel kr\u00e4nker als ich erscheinen.<\/p>\n<div id=\"attachment_3628\" style=\"width: 418px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3628\" class=\"wp-image-3628 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Wartenummer-920x667.png\" alt=\"\" width=\"408\" height=\"296\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Wartenummer-920x667.png 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Wartenummer-1440x1044.png 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Wartenummer-1536x1114.png 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Wartenummer.png 1782w\" sizes=\"auto, (max-width: 408px) 100vw, 408px\" \/><p id=\"caption-attachment-3628\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Wartenummer f\u00fcr das Triage-Gespr\u00e4ch. Copyright: Rebecca Blome<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Die Frau hinter mir in der Schlange erz\u00e4hlt, dass sie morgens mit der Krankenhaus-Information gesprochen habe und diese \u00fcberhaupt keine Auskunft zur Teststelle geben konnte. H\u00e4tte sie zuvor gewusst, dass sie erk\u00e4ltet mit Lungenschmerzen den halben Tag bei k\u00fchlen sieben Grad drau\u00dfen stehen muss, um diesen Test zu machen, w\u00e4re sie doch lieber im Schneeanzug gekommen. Zu diesem Zeitpunkt warteten wir bereits drei Stunden im Freien. Nach zwei weiteren Stunden k\u00f6nnen wir dann eine Nummer ziehen, um uns anzumelden f\u00fcr das Arztgespr\u00e4ch. Nach dieser Registrierung darf man in einem beheizten Zelt Platz nehmen. F\u00fcr manche eine Oase der W\u00e4rme und Zufluchtsort. In mir weckt dieses wei\u00dfe Zelt Erinnerungen an Kriegs- und Katastrophenszenarios, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kenne. Es ist eins dieser typischen wei\u00dfen Krisenhelfer-Zelte. In ihnen sitzen Menschen mit Mundschutz und ab und an Menschen ohne Mundschutz vor dem Gesicht. Vielen von ihnen sieht man an ihrer K\u00f6rperhaltung bereits an, wie elendig es ihnen geht \u2013 und wieder: Husten. Allseits Husten und R\u00e4uspern und Niesen und Schniefen. Ich beschlie\u00dfe, dass ich lieber drau\u00dfen warten m\u00f6chte, da mir dieses beheizte Zelt mit den Ersch\u00f6pften und Kranken wie ein ideales Gew\u00e4chshaus f\u00fcr Viren und Bakterienkulturen vorkommt. Nach einer weiteren Stunde Wartezeit werde ich, nach insgesamt sechs Stunden Ausharren im Freien, endlich zum Triage-Gespr\u00e4ch aufgerufen. Und werde letztlich, von der einzigen in der Teststelle praktizierenden \u00c4rztin, ohne Test wieder nach Hause geschickt.<\/p>\n<p><strong>Bisweilen sind die App-Empfehlungen nicht mit den begrenzt vorhandenen M\u00f6glichkeiten vereinbar<\/strong><\/p>\n<p>Die \u00c4rztin befindet sich hinter einer Glasfront von den Patient*innen abgeschirmt. Durch die Glasscheibe sagt sie mir voll Mitgef\u00fchl, es t\u00e4te ihr auch sehr leid, dass ich so lange in meinem kr\u00e4nklichen Zustand im Kalten warten musste. Ich sei kein Einzelfall. Sie verstehe nicht, warum die App Menschen wie mich \u2013 Menschen mit Symptomen, ohne Kontakt zu best\u00e4tigten F\u00e4llen \u2013 an die Untersuchungsstellen verweisen w\u00fcrde. Denn es bleibe bei der mittlerweile bekannten Regel, dass es Tests nur f\u00fcr Menschen aus Risikogebieten beziehungsweise mit best\u00e4tigtem engem Kontakt zu Corona-Patient*innen und mit Symptomatik g\u00e4be. F\u00fcr Menschen, die ohnehin keinen Test bekommen werden, m\u00fcsse die App-Empfehlung lauten: \u201eBleiben Sie zu Hause!\u201c Und nicht: \u201eBitte wenden Sie sich an eine der Untersuchungsstellen\u201c, wie es sinngem\u00e4\u00df bis dato der Fall ist, da die telefonische Erreichbarkeit der \u00fcbrigen Optionen nicht gegeben ist. Patient*innen mit Corona-\u00e4hnlichen Symptomen sollen auch den Arztpraxen fernbleiben. Eine Abkl\u00e4rung respiratorischer Symptome ist in Berlin zu diesem Zeitpunkt in der Regel nur in lebensbedrohlichem Zustand in der Notaufnahme m\u00f6glich.<\/p>\n<div id=\"attachment_3630\" style=\"width: 504px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-3630\" class=\"wp-image-3630 \" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Blome-Tagesspiegel.png\" alt=\"\" width=\"494\" height=\"391\" \/><p id=\"caption-attachment-3630\" class=\"wp-caption-text\"><i><small><small>Leserkommentar zu Trappe (2020): Berliner \u00c4rzt*innen bitten Patient*innen mit potenzieller Covid-19-Symtomatik zuhause zu bleiben, um das Infektionsrisiko zu verringern. \u201e116-117\u201c ist die Nummer des \u00e4rztlichen Bereitschaftsdienstes, an den die App verweist. Copyright: Rebecca Blome<\/small><\/small><\/i><\/p><\/div>\n<p>Meiner Meinung nach sollten vor allem Menschen aus Risikogruppen die Untersuchungsstelle meiden. Denn nirgendwo in Berlin stehen derzeit so viele Hoch-Risiko-F\u00e4lle so dicht beisammen wie hier. Die Strapazen, bis es zu einer \u00e4rztlichen Entscheidung kommt, ob ein Test gemacht wird, sind auch bei weitem nicht jedem zuzumuten. Insbesondere nicht in angeschlagenem Gesundheitszustand. Eine Untersuchung findet ohnehin nicht statt. Die Charit\u00e9 kommt wohl nur ihrer F\u00fcrsorgepflicht nach. Mutma\u00dflich wird Menschen deswegen auch mit klinischen Symptomen einer potenziellen (beginnenden) Lungenentz\u00fcndung wie etwa Kurzatmigkeit eine \u00e4rztliche Konsultation angeraten. \u00a0Vom Prinzip her w\u00e4re das alles vollkommen richtig. Nur reichen weder Material noch Personal aus.<\/p>\n<p>Die \u00c4rztin und die \u00fcbrigen wenigen Teststellenmitarbeiter*innen, die mir heute begegnet sind, waren allesamt freundlich, geduldig und empathisch. Sie sind nur leider, wie alle Berufsgruppen im Gesundheitssystem, unterbesetzt gewesen. Die schleppende Mobilisierung dringend ben\u00f6tigten Personals f\u00fcr die Krisenbew\u00e4ltigung ist auch Folge der langj\u00e4hrigen Sparpolitik im Gesundheitssystem sowie Konsequenz einer versp\u00e4teten Reaktion der Politik auf die Ausma\u00dfe der Pandemie. Die Reduktion auf das N\u00f6tigste bringt die Mobilisation der nun ben\u00f6tigten Kapazit\u00e4ten wohl an vielen Stellen schnell an die Grenzen. In den Untersuchungsstellen stehen Menschen mit und ohne Corona, Menschen aus Risikogruppen mit und ohne Mundschutz, und Menschen mit und ohne Informationen zu Verhaltensregeln der Wartephase teils dicht beisammen, frieren und husten. Und das bedeutet ebenso ein Risiko, durch schlecht koordinierte Gesundheitsma\u00dfnahmen zu einer weiteren Ausbreitung beizutragen. Das Berliner Gesundheitswesen scheint bereits vor dem prognostizierten hohen Aufkommen an Covid-19-Infektionen mit der Kommunikation zwischen den Anlaufstellen und der Koordination von Ma\u00dfnahmen \u00fcberlastet.<\/p>\n<p><strong>Ausblick: Sind die CovApp und Abl\u00e4ufe in den Teststellen sinnvoll? <\/strong><\/p>\n<p>Um das Ansteckungsrisiko gering zu halten, ist das Warten auf einen Covid-19-Test-Abstrich in gr\u00f6\u00dferen Kohorten nur im Freien m\u00f6glich. Vor diesem Hintergrund verfolgt die Charit\u00e9-App einen sehr guten Ansatz, da sie versucht, die Menge der Leute vor Ort zu begrenzen und damit weitere Ansteckungen zu reduzieren. Gleichzeitig jedoch mussten sich kranke Menschen darauf einstellen, \u00fcber Stunden im Kalten zu stehen.<\/p>\n<p>In einer solchen Situation m\u00fcssten Schwerkranke systematisch vorgezogen sowie Kontakt von Menschen aus Risikogruppen mit Hoch-Risikof\u00e4llen \u00fcber lange Wartezeitr\u00e4ume vermieden werden. Eine Vorselektion am Eingang der Untersuchungsstellen selbst w\u00e4re dringend n\u00f6tig<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><sup>[6]<\/sup><\/a> sowie fl\u00e4chendeckende Informationen zu Bedingungen f\u00fcr die Testdurchf\u00fchrung, zu Abl\u00e4ufen und Husten- und Niesetikette<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[7]<\/a> \u2014 auch f\u00fcr diejenigen, die erst ab 12:00 Uhr kommen und sich zum Warten einf\u00e4deln. Ebenso m\u00fcssten die Kapazit\u00e4ten zur telefonischen Beratung durch die Senatsgesundheitsverwaltung und den \u00e4rztlichen Bereitschaftsdienst noch weiter ausgebaut werden, um die durch die App ermittelten Verdachtsf\u00e4lle zu betreuen.<\/p>\n<p>Ich hoffe, dass die Corona-Krise nicht nur zu einer l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4lligen, emotionalen W\u00fcrdigung aller Menschen in Gesundheitsberufen f\u00fchrt. Neuerdings wird ihre Arbeit immerhin auch im \u00f6ffentlichen Narrativ als \u201esystemrelevant\u201c wertgesch\u00e4tzt. Insgesamt sollte es jedoch, auf lange Sicht und auch ohne drohende Pandemie vor der Haust\u00fcr, zu einem Aufstocken des Personals im Gesundheitswesen kommen. Ich pers\u00f6nlich beschlie\u00dfe die kommende Zeit in Heim-Quarant\u00e4ne sinnvoll zu nutzen und die Wim-Hof-Technik zu erlernen, da sie das Immunsystem stimulieren soll.<\/p>\n<hr>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> In Berlin dauerte es zu diesem Zeitpunkt f\u00fcnf Tage, bis das Ergebnis vorlag. Die Labore waren und sind auf Grund der hohen Nachfrage \u00fcberlastet.<\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[2]<\/a> Das Robert Koch Institut (RKI) bestimmt, welche Regionen zu den relevanten Risikogebieten gez\u00e4hlt werden. <\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[3]<\/a> Vivantes Flugblatt \u201eInformationen zur Abkl\u00e4rungsstelle\u201c, Stand: 17.03.2020, abgeleitet von RKI COVID-19 Verdachtsabkl\u00e4rung und Ma\u00dfnahmen (2020). Das RKI empfiehlt jedoch h\u00f6chstens Tests f\u00fcr Menschen, die zu den Klassen 1 und 2 gez\u00e4hlt werden. Das sind symptomatische Verdachtsf\u00e4lle, die aus \u201einternationalen Risikogebieten \/ besonders betroffenen Gebieten in Deutschland bis max. 14 Tage vor Erkrankungsbeginn\u201c zur\u00fcckgekehrt sind (nicht \u201eaus Gebieten mit Covid-19-F\u00e4llen\u201c, wie es bei Vivantes hei\u00dft). Charit\u00e9 App, Informationsblatt des Vivantes und RKI empfehlen am 20.03.2020 f\u00fcr gleiche Klassen der Exposition zu Covid-19-F\u00e4llen je unterschiedliche Ma\u00dfnahmen. In der Regel ist eine Abkl\u00e4rung respiratorischer Symptome, ohne vorherigen Aufenthalt in Risikogebieten, in Berlin zu diesem Zeitpunkt nicht m\u00f6glich. Nur im lebensbedrohlichen Zustand wird an die Notaufnahmen verwiesen.<\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[4]<\/a> CovApp, Charit\u00e9 2020<\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[5]<\/a> Wim Hof Method. The science behind the Wim Hof Method (o. J.)<\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[6]<\/a> Jeder, der die CovApp benutz, erh\u00e4lt einen anonymisierten QR-Code auf sein pers\u00f6nliches internetf\u00e4higes Endger\u00e4t, der eine Einstufung des individuellen Falls am Eingang der Untersuchungsstelle erm\u00f6glichen w\u00fcrde\u2014gesetzt den Fall, es g\u00e4be passende Leseger\u00e4te in den Untersuchungsstellen.<\/small><\/i><\/p>\n<p><i><small><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[7]<\/a> Die Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung (2020) hat unter Infektionsschutz.de Hygiene-Leitlinien f\u00fcr richtiges Husten und Niesen ver\u00f6ffentlicht.<\/small><\/i><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Bibliographie<\/strong>:<\/p>\n<p>Charit\u00e9 Universit\u00e4tsmedizin Berlin. \u201eCharit\u00e9 CovApp.\u201c 2020. <a href=\"https:\/\/covapp.charite.de\/\">https:\/\/covapp.charite.de\/<\/a>. Zugriff: 20. M\u00e4rz 2020.<\/p>\n<p>Bundeszentrale f\u00fcr gesundheitliche Aufkl\u00e4rung. Infektionsschutz.de. 2020. \u201eHygiene beim Husten &amp; Niesen. Einfache Hygieneregeln beim Husten und Niesen sch\u00fctzen andere vor Ansteckung.\u201c <a href=\"https:\/\/www.infektionsschutz.de\/hygienetipps\/hygiene-beim-husten-und-niesen.html\">https:\/\/www.infektionsschutz.de\/hygienetipps\/hygiene-beim-husten-und-niesen.html<\/a>. Zugriff: 25. M\u00e4rz 2020.<\/p>\n<p>Robert Koch Institut. \u201eCOVID-19: Internationale Risikogebiete und besonders betroffene Gebiete in Deutschland.\u201c 2020. <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Risikogebiete.html\">https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Risikogebiete.html<\/a><u>.<\/u> Zugriff: 24. M\u00e4rz 2020.<\/p>\n<p>Robert Koch Institut. \u201eCOVID-19 Verdachtsabkl\u00e4rung und Ma\u00dfnahmen. Orientierungshilfe f\u00fcr \u00c4rztinnen und \u00c4rzte \u201c 2020. <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Massnahmen_Verdachtsfall_Infografik_DINA3.pdf?__blob=publicationFile\">https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/InfAZ\/N\/Neuartiges_Coronavirus\/Massnahmen_Verdachtsfall_Infografik_DINA3.pdf?__blob=publicationFile<\/a><u>.<\/u> Zugriff: 21. M\u00e4rz 2020.<\/p>\n<hr>\n<p>Eingereicht am 21. M\u00e4rz 2020<\/p>\n<p><b>Rebecca Blome<\/b> ist Masterstudentin der Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universit\u00e4t Berlin. In Peru untersuchte sie die Bedeutung von Reziprozit\u00e4t hinsichtlich der kommerziellen Nutzung traditionellen medizinischen Wissens in Kontaktzonen heterogener Wissenstraditionen. Aktuell besch\u00e4ftigen sie Wandlungsprozesse innerhalb euro-amerikanischer biomedizinischer Forschung und Klinik in Bezug auf nosologische Verkn\u00fcpfungen von psychischem, physischem und sozialem Leiden und Wohlbefinden. In Zeiten von Corona teilt sie auch Tagebucheintr\u00e4ge von sozialer Relevanz. Kontakt: <a href=\"mailto:rebeccablome@zedat.fu-berlin.de\">rebeccablome@zedat.fu-berlin.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>#WitnessingCorona<\/strong><br \/>\nThis article was simultaneously published on the <a href=\"http:\/\/medizinethnologie.net\">Blog Medical Anthropology<\/a>. Witnessing Corona is a joint blog series by the <a href=\"http:\/\/www.medizinethnologie.net\">Blog Medical Anthropology \/ Medizinethnologie<\/a>, <a href=\"http:\/\/agem.de\/curare\/\">Curare: Journal of Medical Anthropology<\/a>, <a href=\"http:\/\/gssc.uni-koeln.de\/\">the Global South Studies Center Cologne<\/a>, and <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/witnessingcorona\/\">boasblogs<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":6,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[232],"class_list":["post-3620","witnessingcorona","type-witnessingcorona","status-publish","hentry","autor-rebecca-blome"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/witnessingcorona"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/6"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3664,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/witnessingcorona\/3620\/revisions\/3664"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=3620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}