{"id":1597,"date":"2018-07-10T00:00:00","date_gmt":"2018-07-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/name-und-benanntes-undisziplinierte-verschiebungen\/"},"modified":"2019-09-23T17:09:44","modified_gmt":"2019-09-23T15:09:44","slug":"name-und-benanntes-undisziplinierte-verschiebungen","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/name-und-benanntes-undisziplinierte-verschiebungen\/","title":{"rendered":"Name und Benanntes. (Un)disziplinierte Verschiebungen"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1597?pdf=1597\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1597?pdf=1597\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Warum wurde die Bezeichnung \u201aV\u00f6lkerkunde\u2019 eigentlich nicht 1969 bei der Tagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde in G\u00f6ttingen durch die Bezeichnung \u201aEthnologie\u2019 ausgetauscht, wonach die damaligen politischen und inhaltlichen Verschiebungen doch stark verlangten?<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[i]<\/a> Und warum wurde der Wechsel von \u201aEthnologie\u2019 zu \u201aAnthropologie\u2019 nicht in den 80er Jahren vollzogen, als massive politische und methodische Verschiebungen dahin dr\u00e4ngten? Warum erfolgt die Umbenennung der Disziplin erst heute, im Jahr 2018, wo sie vielen ihrer Mitglieder lange \u00fcberf\u00e4llig, und einigen bereits ein wenig veraltet, hinterherhinkend erscheint? F\u00fcr andere Mitglieder artikuliert sich in der Umbenennung indes eine bedauernswerte Mischung aus historischem Unwissen und einem fehlgeleitetem Verst\u00e4ndnis der politischen Relevanz des Faches und seines Namens.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Man kann sich diesen Fragen durch die Erz\u00e4hlung einer langen und verzweigten Geschichte n\u00e4hern, oder man springt zu einer knappen Antwort \u00fcber: Der beste Schutz gegen Namens\u00e4nderungen mit einer gezwungenerma\u00dfen begrenzten Plausibilit\u00e4tsdauer besteht darin, gleich beim alten Namen zu bleiben und ihn mit neuen Bedeutungen auszustatten. Tats\u00e4chlich ist eine solche Entwicklung seit den 1960er Jahren dort zu beobachten, wo sich Ethno als Pr\u00e4fix entweder mit -methodologie oder mit -graphie verbindet. Niemand k\u00e4me ohne Weiteres auf die Idee, die von Harold Garfinkel benannte Ethnomethodologie mit einer Kunde von V\u00f6lkern und St\u00e4mmen in Verbindung zu bringen. Wenn in der Soziologie von Ethnographie die Rede ist, ist damit eine vergleichsweise genau definierte Methode gemeint, f\u00fcr die verunsicherte Ethnologen und Ethnologinnen ein Patent reklamieren und in Form von Zitationen kassieren m\u00f6chten.\u00a0 Dies gelingt jedoch nicht so recht, weil die Ethnographie freilich so viele Urspr\u00fcnge hat wie ein Fluss Quellen.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[ii]<\/a> Und, wer wei\u00df, vielleicht setzen sich bald f\u00fcr das irref\u00fchrende Pr\u00e4fix Ethno auch hier treffendere Substitute durch, die schlie\u00dflich schon vorliegen, wie zum Beispiel Praxeographie<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[iii]<\/a> und spezieller Technographie.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[iv]<\/a> Ursache zur Skepsis liefert die Verwendung des Pr\u00e4fixes zum Beispiel in \u201aEthnomedizin\u2018 oder \u201aEthnobotanik\u2018 \u2013 deutlicher kann man kaum diskriminieren und unter der Hand der \u201aMedizin\u2018 oder \u201aBotanik\u2018 ohne dem Pr\u00e4fix universelle Geltung zuschreiben.<\/p>\n<p>Statt eine kurze Antwort zu geben oder eine lange, verwickelte Geschichte zu erz\u00e4hlen, kann man sich diesen Fragen auch wissenschaftshistorisch und wissenschaftsanthropologisch durch eine Beobachtung zweiter Ordnung n\u00e4hern und damit klare Antworten bis auf Weiteres vermeiden, allenfalls M\u00f6glichkeiten aufzeigen.<\/p>\n<p>Der Kanon der Disziplinen, wie wir ihn kennen, festigte sich erst Anfang des 19ten Jahrhunderts; Michel Serres spricht von der \u00c4ra der X-ologie: Geologie, Soziologie, Biologie, usw.. Zur selben Zeit wurden Datensammlungen zum Herzst\u00fcck sowohl der Natur- als auch der Geisteswissenschaften und es etablierte sich die Vorstellung, dass man einzelne Dinge besser analysieren kann, wenn man sie im Kontext einer von der Sache her bestimmten Sammlung vergleichbarer Dinge (Gesteinsproben, Schmetterlinge, Gr\u00e4ser oder Masken) oder vergleichbarer Daten (etwa Patientenakten) sieht. Die Entstehung der Statistik (von \u201eSta[a]t-is-tik\u201c, analog zu Hermeneu-tik oder Kyberne-tik), aber auch die der systematischen Sammlung im Bereich der Botanik, Zoologie, Geologie, Anthropologie usw. geh\u00f6ren in diesen Zusammenhang.<\/p>\n<p>Mit den Disziplinen bilden sich deren diverse Infrastrukturen und Forschungstechnologien heraus, die das disziplin\u00e4re Arbeiten erm\u00f6glichen. In dem Ma\u00dfe, in dem sie als Infrastruktur wirksam werden, verschwinden sie im Hintergrund, erscheinen fraglos gegeben und f\u00fchren auf diese Weise die Sinnentlastung (Hans Blumenberg) herbei, f\u00fcr die sie gebraucht werden. Laurent Th\u00e9venot w\u00fcrde hier von Investitionen in Formen sprechen. Zur Festigung dieser aufwendigen und kostspieligen Wissensinfrastrukturen geh\u00f6ren nicht nur Bibliotheken mit ihren Katalogen und Klassifikationen, fachspezifische Zeitschriften, Berufsverb\u00e4nde, Sammlungen (heute insbesondere digitale Datenbanken), sondern Ausbildungsg\u00e4nge, Finanzierungen, Karrierepfade, Zertifikate, \u00f6ffentliche Darstellungen und Wahrnehmungen. In diesem Zusammenhang bilden sich zudem Fachsprachen und eigene Denkstile mit ihren impliziten epistemologischen und ontologischen Selbstverpflichtungen heraus.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich f\u00fchrt das Arbeiten innerhalb dieser Strukturen zu disziplin\u00e4r unterscheidbaren Formen des Habitus, der jeweils distinkte Empfindlichkeiten, Affekte und Weisen der Selbstreflektion, Kritik und Ironie hervorbringt. Die Menschen, die zu den Wissensinfrastrukturen geh\u00f6ren, in ihnen arbeiten, sie am Laufen halten, sie interpretieren und manipulieren, identifizieren sich am Ende als X-ologen oder zumindest wird ihnen diese Identit\u00e4t beharrlich zugeschrieben. In einigen F\u00e4llen geht die Identifikation soweit, dass man von einer Art Genophilia sprechen kann, wenn es hei\u00dft \u201eanthropology, our beloved discipline\u201c, oder von einem Werte- und Deutungskonsens, wenn es etwa hei\u00dft \u201ewe in STS have always argued that \u2026\u201c. Wer hier aneckt, muss mit heftigen Reaktionen rechnen.<\/p>\n<p>Disziplinen als Wissensinfrastrukturen bzw. als Gemengelagen von Formen sind die unverzichtbare Voraussetzung f\u00fcr grundlegende Einsichten in die Art und Weise, in der die Welt funktioniert. Man kann \u00fcber CRISPR\/CAS9 nur mitreden, wenn man bis zu einem bestimmten Grad versteht, worum es geht und nur daran mitarbeiten, wenn man die molekularbiologischen Voraussetzungen beherrscht. Man kann aber auch nur insofern daran arbeiten, als s\u00e4mtliche der anderen aufgez\u00e4hlten Elemente der Infrastruktur und Forschungstechnologie der Molekularbiologie gegeben sind. Das gleiche gilt f\u00fcr alle anderen Disziplinen, auch wenn es zutrifft, dass sich geisteswissenschaftliche Konzepte leichter in Alltagssprache \u00fcbertragen und sich schwieriger von Metaphern unterscheiden lassen. Wer zum Beispiel Konzepte wie metapragmatischer Diskurs, Autopoiesis, Agencement, Heterotopie oder Rhizom und ihre theoretischen Einbindungen nicht kennt, kann sie zwar alltagsprachlich erkl\u00e4rt bekommen. Doch werden in diesen Erkl\u00e4rungen erstens andere Konzepte auftauchen, die dasselbe Problem verursachen, und zweitens kann eine laufende Debatte nur vertieft werden, wenn sie \u2013 f\u00fcr eine Weile jedenfalls \u2013 auf diesen Konzepten aufbaut. Offenkundig wird dieser Sachverhalt im Zuge der Ein\u00fcbung in das Lesen und Schreiben von Fachtexten im Rahmen universit\u00e4rer Ausbildung oder bei der \u00f6ffentlichen Vorstellung geisteswissenschaftlicher Erkenntnisse. Der Blick von Novizen und Laien bringt gelegentlich \u00fcberraschende und wertvolle Einsichten zu Tage, aber im Regelfall erkennen uneingeweihte Blicke nicht ausreichend, worum es gerade geht, welche Punkte man kritisch in Frage stellen kann, und wo dies im gegebenen Kontext unsinnig ist.<\/p>\n<p>Die Sinnentlastung durch Disziplinen als Wissensinfrastrukturen und die Disziplinierung der menschlichen Elemente dieser Infrastrukturen sind unverzichtbar f\u00fcr das Zustandekommen von Wissen, das aus guten Gr\u00fcnden bem\u00fcht ist, sich von den Sinnentlastungen des Alltagswissens \u2013 dem gesunden Menschenverstand, dem <em>common sense<\/em> \u2013 kritisch zu l\u00f6sen. Daf\u00fcr wird indes ein gewisser Preis bezahlt, sofern die Institutionalisierung einer solchen Erm\u00f6glichungsstruktur (<em>agencement<\/em>, Deleuze) mit Aufforderungscharakter (<em>affordance<\/em>) und besonderen Anh\u00e4nglichkeiten (<em>affect<\/em>) dazu neigt, eine gr\u00f6\u00dfere Beharrlichkeit zu entwickeln, als es dem Zweck der Sache dienlich ist. Die angestrebte Sinnentlastung kippt bisweilen in einen Sinnverlust. Die laufenden Debatten \u00fcber die Zukunft ethnographischer Sammlungen in Europa bieten eines von vielen Beispielen f\u00fcr diesen Fall. \u201eDie Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien St\u00fccken, nicht unter selbstgew\u00e4hlten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und \u00fcberlieferten Umst\u00e4nden\u201c hei\u00dft es bei Karl Marx. Der Wissenschaftsbetrieb ist nicht nur nicht frei von dieser Positionalit\u00e4t, sondern eben auf sie angewiesen. Die vorgegebenen St\u00fccke und die nicht selbstgew\u00e4hlten Umst\u00e4nde lenken das Geschehen in Richtungen, die sich nicht allein aus den Handlungsmotiven ergeben, sondern immer schon teilweise vorbestimmt sind \u2013 doch ohne dem kommt man eben nicht weiter.<\/p>\n<p>Allerdings ist der Wissenschaftsbetrieb im Idealfall systematisch auf seine eigene Fehlbarkeit ausgerichtet und sucht so den Widerstand der Dinge und Umst\u00e4nde, um gegebenenfalls seinen Kurs zu \u00e4ndern. Vor allem aber dr\u00e4ngen sich die Dinge und Problematisierungen auch von selbst auf, lassen sich nicht restlos durch die Suchraster diverser Methodologien einfangen, sondern st\u00f6ren den Betrieb, der wiederum trotz seiner Beharrlichkeit f\u00fcr solche St\u00f6rungen nicht ganz unempf\u00e4nglich ist (Thomas Kuhn). Dadurch unterscheidet er sich von anderen Einrichtungen \u00e4hnlicher Dimensionen wie etwa der B\u00fcrokratie. Dieses idealtypische Bild von der prinzipiellen Nicht-Abgeschlossenheit und Korrigierbarkeit wissenschaftlicher Aussagen \u00fcber die Welt hat einen ungebrochen hohen heuristischen Wert insbesondere im Hinblick auf die politische Steuerung des Betriebs und die Finanzierung der Wissensinfrastrukturen (die ja nicht in jedem Fall so verbl\u00fcffend g\u00fcnstig sind wie in der Anthropologie) im Hinblick auf ihre Unabh\u00e4ngigkeit von Kapital, Politik, Religion, Alltagswissen. Detailliertere empirische Untersuchungen lassen indes schnell erkennen, welche entscheidende Rolle Politik, Wirtschaft, Wissensinfrastrukturen und \u00dcberzeugungsnetzwerke (<em>webs of belief<\/em>, Quine) dennoch spielen, auch wenn es prinzipiell um Neutralit\u00e4t geht.<\/p>\n<p>Die tektonischen Verschiebungen der Anthropologie haben zwar alle etwas mit der inh\u00e4renten Korrigierbarkeit der Wissenschaft zu tun und stets kommen entsprechende Korrekturvorschl\u00e4ge aus dem Inneren des Betriebs lange vor ihrem Durchbruch. Doch zu einer tektonischen Verschiebung kommt es in der Regel erst, wenn die Zeit daf\u00fcr reif ist, also durch ein viel sp\u00e4teres und kontingentes Wechselspiel mit Politik, Wirtschaft und \u00dcberzeugungsnetzwerken. Zwei gro\u00dfartige Beispiele unserer Zeit kommen aus der technik-historischen Untersuchung der Entstehung dessen, was heute unter KI (K\u00fcnstlicher Intelligenz) oder Maschinenlernen verhandelt wird.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[v]<\/a> Was sich an der Geschichte dieser Debatten gut aufzeigen l\u00e4sst, ist die Verflechtung disziplin\u00e4rer Einlassungen mit den historisch tiefgreifenden Ver\u00e4nderungen der <em>conditio humana<\/em>, die sich bekanntlich niemals an die Grenzen bestehender Disziplinen halten, sondern diese massiv in Frage stellen. Gregory Bateson, den die Anthropologie gerne f\u00fcr sich reklamiert, war einer der zentralen Figuren in den Debatten \u00fcber Kybernetik zweiter Ordnung der vierziger und f\u00fcnfziger Jahre, die innerhalb der Disziplin dann schnell verstummt sind. Erst heute, etwa achtzig Jahre sp\u00e4ter, werden auch in der Anthropologie Fragen dieser Debatten unter anderen Namen neu aufgegriffen \u2013 weil sie sich aufdr\u00e4ngen und weniger, weil Gregory Bateson einen Anfang gemacht hat.<\/p>\n<p>Der prinzipiellen Fehlbarkeit von Erkenntnis tendenziell entgegenlaufend werden grundlegende \u00c4nderungen oft zu lange verdr\u00e4ngt, allerdings sind sie nicht ausgeschlossen und warten oft nur auf das richtige politische Klima f\u00fcr ihren Durchbruch. Trotz der Robustheit und Beharrlichkeit von Disziplinen als Wissensinfrastrukturen verf\u00fcgen sie dank ihrer Offenheit f\u00fcr St\u00f6rungen (Anomalien), f\u00fcr grundlegende \u00c4nderungen der Welt und f\u00fcr politischen Einfluss gleichwohl \u00fcber eine besondere Dynamik. Es kommt ununterbrochen zu kleinen und meist intern verursachten und hin und wieder zu tektonischen Verschiebungen. Diese beiden Mechanismen resultieren unwillk\u00fcrlich darin, dass Disziplinen ihren Namen meistens auch dann noch behalten, wenn sie schon l\u00e4nger nicht mehr das tun, was sie bei ihrer Entstehung und Namensgebung als Neuerung eingef\u00fchrt haben. In der mehr oder weniger langen Zeit zwischen ihrer ersten Institutionalisierung und der Umbenennung einer Disziplin liegen oft verbitterte Debatten dar\u00fcber, ob eher der alte Name bedeutungslos und irref\u00fchrend geworden ist, oder eher die neuen bzw. die veralteten Praxen am Rande der Disziplin eigentlich schon au\u00dferhalb ihrer selbst liegen und sich besser anderswo verorten sollten. Dann hei\u00dft es etwa rhetorisch \u201eIst das noch Ethnologie?\u201c.<\/p>\n<p>Im Fall der Sozial- und Kulturanthropologie und ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte verl\u00e4uft es nicht anders. Bereits circa f\u00fcnfzig Jahren nach der relativen Fixierung einer disziplin\u00e4ren Wissensinfrastruktur und Identit\u00e4t, trat mit der Befreiung vom Kolonialismus eine erste tektonische Verschiebung ein, die die Problematisierungen und Formen der Disziplin radikal infrage gestellt und langsam zu deren Ver\u00e4nderung beigetragen hat. In Deutschland fielen die Frankfurter Auschwitz-Prozesse und die Studentenrevolte in dasselbe Jahrzehnt, in den USA war es der Vietnamkrieg. Im Laufe der folgenden circa zwanzig Jahre stellte sich die n\u00e4chste tektonische Verschiebung ein, die sich aus der letzten entfaltete. Es war langsam klar geworden, dass man ohne weiteres auch nicht heuristisch und im affirmativen Sinn \u00fcber Fremdheit oder Andersheit reden kann, ohne Differenzen zu vergr\u00f6\u00dfern oder gar zu ontologisieren, die mehr den Klassifikationen der Methodologie entstammen und weniger dem zu untersuchenden Gegenstand.<\/p>\n<p>Weitere zwanzig Jahre sp\u00e4ter, also an der Schwelle zum 21ten Jahrhundert und hundert Jahre nach der Institutionalisierung der modernen Sozial- und Kulturanthropologie unter diversen Namen, beobachten wir eine weitere und diesmal noch massivere Erweiterung der onto-epistemologischen Implikationen der Unterscheidung des Eigenen vom Fremden. Es steht nicht weniger als die Neudefinition der <em>conditio humana<\/em> zur Disposition und damit die Kategorie Anthropos. Diesmal geht es mit Hilfe der anthropologischen Gretchenfrage \u2013 wie sehen uns die Anderen \u2013 darum, wie uns etwa die Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen des Planeten in ihre Welt einbeziehen und welche Rolle unbelebte Materie dabei spielt (James Lovelock; Stefan Helmreich; Val Plumwood; Hugh Raffles). Leben und Nicht-Leben beginnen sich etwa im Bereich von KI und von Nanobots in der Medizin in anderen Modi ineinander zu falten, als von Menschen lange Zeit angenommen.<\/p>\n<p>Es ist die empirische und philosophische Untersuchung der Unterscheidung Eigen\/Fremd, die hierbei weiterhin Bestand hat. Die Besch\u00e4ftigung mit dieser Unterscheidung zeichnet allerdings die Anthropologie nicht gegen\u00fcber anderen Wissenschaften aus, denn sie l\u00e4uft analog der Unterscheidung System\/Umwelt, Zeichen\/Bezeichnetes, Kultur\/Natur, Mensch\/Umwelt. Alle diese Unterscheidungen enthalten das philosophische Grundlagenproblem der Trennung von Subjekt und Objekt und damit die Frage, ob und wie die Beobachtung der Beobachtung in eine Theorie eingebaut werden kann. Im Horizont dieser Frage steht das Problem der unergr\u00fcndlichen Fremdheit bzw. der M\u00f6glichkeit unzug\u00e4nglicher Realit\u00e4ten, auf die man sich einstellen m\u00f6chte, aber nicht wei\u00df, wie das geht.<\/p>\n<p>In Anbetracht dieser tektonischen Verschiebungen erstaunt es nicht, dass disziplin\u00e4re Grenzen zur Disposition stehen und es dabei kontrovers zugeht. Es erscheint naheliegend, in diesem Kontext \u00fcber die Vor- und Nachteile der Bezeichnungen \u201aV\u00f6lkerkunde\u2018, \u201aEthnologie\u2018, \u201aAnthropologie\u2018 zu streiten. Was indes von einer L\u00f6sung eher ablenkt als sie herbeizuf\u00fchren, ist das Beharren auf der M\u00f6glichkeit einer eidetischen Reduktion der Namen. Die drei alternativen Bezeichnungen haben zwar ihre je eigenen und auch ihre gemeinsamen Genealogien mit vielen verschiedenen Urspr\u00fcngen, und selbstverst\u00e4ndlich ist es hilfreich, diese Genealogien in ihrer Vielf\u00e4ltigkeit und Verflechtung m\u00f6glichst gut zu kennen. Allerdings kommt man so von der Bestimmung einer Bezeichnung, die f\u00fcr Menschen mit unterschiedlichen \u00dcberzeugungen gleicherma\u00dfen richtig erscheint, immer weiter ab. Die richtige Bezeichnung einer Disziplin, deren Grenzen und Praxen sich permanent verschieben, muss also eine Konvention sein. Deren G\u00fcltigkeit liegt gerade nicht in der Plausibilit\u00e4t ihrer eidetischen Reduktion, sondern in ihrer metapragmatischen F\u00e4higkeit, diverse onto-epistemologische \u00dcberzeugungen zu beherbergen. Diejenigen, die sich 2018 gegen \u201aV\u00f6lkerkunde\u2018 und \u201aEthnologie\u2018 und f\u00fcr \u201aAnthropologie\u2018 aussprechen, pl\u00e4dieren damit f\u00fcr einen im Weltma\u00dfstab verst\u00e4ndlichen Namen, der genug festlegt, um nicht beliebig zu sein, und genug offen l\u00e4sst, um grundlegende Kontroversen nicht auszuschlie\u00dfen. Dass diese Umbenennung in einem historischen Moment stattfindet, in dem die Referenz Anthropos bzw. die Gattung Mensch problematisiert wird und zudem die Definitionsmacht der euro-amerikanischen Welt rapide sinkt, gibt dem zuversichtlichen Vorgang eine melancholische Note.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><em>Richard Rottenburg<\/em><\/strong><em> ist Professor f\u00fcr Ethnologie am Institut f\u00fcr Ethnologie und Philosophie der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle bis zum Herbst 2018 und <a href=\"https:\/\/wiser.wits.ac.za\/event\/wiser-welcomes-professor-richard-rottenburg\">ab Januar 2019 Professor f\u00fcr Wissenschafts- und Technikstudien (STS) am Wits Institute for Social and Economic Research der University of Witwatersrad, Johannesburg, S\u00fcdafrika<\/a>. In Halle hat er das internationale Netzwerk \u201e<a href=\"https:\/\/lost-research-group.org\/\">Law, Organization, Science and Technology<\/a>\u201c (LOST) gegr\u00fcndet. Er untersucht Praktiken der Herstellung von Fakten (Experiment, Test, Messung) und der Infrastrukturierung von Wissen, die gemeinsam Evidenzen festigen und zirkulieren. Die Leitfrage der Untersuchungen richtet sich auf die Modi der Mobilisierung von Evidenzen bei der Gestaltung und Kritik verschiedener Szenarien von Zukunft.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[i]<\/a> Brauk\u00e4mper, Ulrich. 2002. &#8222;Trauma einer Ethnologen-Generation? \u2014 Die Tagung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde in G\u00f6ttingen 1969.&#8220;\u00a0 <em>Zeitschrift f\u00fcr Ethnologie<\/em> 127 (2):301-319.<br \/>\nKramer, Fritz W. 2016. &#8222;Abschied von der Nachkriegsethnologie. Der Fall der DGV-Tagung von 1969.&#8220;\u00a0 <em>Paideuma<\/em> 62:223 \u2013 241.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[ii]<\/a> Hirschauer, Stefan, and Klaus Amann. 1997. <em>Die Befremdung der eigenen Kultur: zur ethnographischen Herausforderung soziologischer Empirie<\/em>. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<br \/>\nKalthoff, Herbert, Stefan Hirschauer, und Gesa Lindemann (Hrg). 2008. <em>Theoretische Empirie: zur Relevanz qualitativer Forschung<\/em>. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[iii]<\/a> Schmidt, Robert. 2012. <em>Soziologie der Praktiken: konzeptionelle Studien und empirische Analysen<\/em>. Berlin: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[iv]<\/a> Rammert, Werner. 2008. &#8222;Technographie trifft Theorie. Forschungsperspektiven einer Soziologie der Technik.&#8220; In <em>Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung<\/em>, edited by Herbert Kalthoff, Stefan Hirschauer and Gesa Lindemann, 341-367. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[v]<\/a> Edwards, Paul N. 1996. <em>The closed world: computers and the politics of discourse in Cold War America<\/em>, Inside Technology. Cambridge, Mass.: MIT Press.<br \/>\nKline, Ronald R. 2015. <em>The cybernetics moment: or why we call our age the information age<\/em>, New studies in American intellectual and cultural history. Baltimore: John Hopkins University Press.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[128],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1597","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-richard-rottenburg"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1597","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1813,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1597\/revisions\/1813"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1597"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}