{"id":1592,"date":"2018-06-05T00:00:00","date_gmt":"2018-06-04T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/ich-heisse-bub\/"},"modified":"2020-02-21T16:39:39","modified_gmt":"2020-02-21T15:39:39","slug":"ich-heisse-bub","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/ich-heisse-bub\/","title":{"rendered":"Ich heisse Bub"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1592?pdf=1592\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1592?pdf=1592\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<div align=\"justify\">\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Einsidel: \u201eWie heissestu?\u201c \u2013 Simplex: \u201eIch heisse Bub.\u201c [\u2026] Einsidel: \u201eWie hiesse dich dann dein Me\u00fcder?\u201c \u2013 \u201eSie hat mich Bub geheissen, auch Schelm, lang\u00f6hrichter Esel, ungehobelter R\u00fcltz, ungeschickter D\u00f6lpel und Galgenvogel.\u201c \u2013 [\u2026Und wie hat deine Mutter deinen Vater gerufen?] \u2013 \u201eR\u00fclp, grober Bengel, volle Sau, alter Scheisser\u201c (Simplex Simplicissimus, 1669, s. Endnote <a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>).<\/p>\n<p>Aus Bub wurde Simplex. Namenswechsel ist deutsche Tradition. 1915 war es die \u201e<em><a href=\"http:\/\/www.worldcat.org\/title\/verdeutschung-der-speisekarte-die-in-der-kuche-und-im-gasthofwesen-gebrauchlichen-aber-entbehrlichen-fremdworter-in-das-deutsche-ubersetzt-mit-einem-vorwort-uber-das-fremdworterunwesen-in-der-kuchen-und-gasthofsprache-verdeutschung-der-namen-fur-das-kuchenpersonal-grosse-probe-speisekarte-ist-beigegeben\/oclc\/163050551&amp;referer=brief_results\">Verdeutschung der Speisekarte: Die in der K\u00fcche und im Gasthofwesen gebr\u00e4uchlichen, aber entbehrlichen Fremdw\u00f6rter in das Deutsche \u00fcbersetzt.<\/a><\/em> <em>[\u2026] Grosse Probe-Speisekarte ist beigegeben<\/em>\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>. Zum posthumen Ehrenmitglied unseres neubenamten Fachverbandes aber schlage ich Joachim Heinrich Campe (gest. 1818) vor: Er fand ca. 11.500 neue W\u00f6rter, wie \u201e<em>Zitterweh<\/em>\u201c f\u00fcr \u201eFieber\u201c<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Wortmagier<\/strong><\/p>\n<p>Nacht f\u00fcr Nacht brauen sie magische Wortgebr\u00e4ue. In Zitterweh umbenannt, ist das Fieber gebannt &#8211; bis der Morgen graut und der Namensspuk verweht. Ein neuer Name der 1970er Jahre f\u00fcr die Entwicklungsl\u00e4nder, <em>UGL<\/em> = <em>unterentwickelt gehaltene L\u00e4nder<\/em>, h\u00e4tte diese gewiss befreit, h\u00e4tte er sich nur durchgesetzt. Durch das K\u00fcrzel BRD wollte die DDR unseren Staat so klein zaubern wie sie selbst war, doch das vereitelten unsere \u00c4mter, indem sie nie \u201eBRD\u201c schrieben. In Frankfurt schreiben Beamte nicht, wie die Post empfahl, \u201e<em>Frankfurt\/Main<\/em>\u201c, sondern <em>Frankfurt am Main<\/em>: Dort liegt Frankfurt bis heute, wir lassen uns hinter keinen Schr\u00e4gstrich zaubern!<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mein Dorf ist die Welt<\/strong><\/p>\n<p>Ein Fachname sollte nicht mit einem bestimmten innerfachlichen Paradigma verwechselt werden. In einem lebendigen Fach wechseln Paradigmen und Themen oft. Geographie bedeutet \u201eErdbeschreibung\u201c, aber das Fach macht l\u00e4ngst weit mehr, und anders als einst; die Anglistik inkorporiert allgemeine linguistische Theorie \u00fcber das Englische hinaus, nach dem sie sich aber weiterhin nennt. Man forscht anders als vor Jahrzehnten, bewahrt aber den Fachnamen. Nur der Name unseres Faches soll die \u201eepistemologisch-konzeptuellen Neuorientierungen unseres Fachs der letzten Jahrzehnte\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a>\u00a0nachzeichnen. Paradigmen entwickeln sich etwa im Dekadenrhythmus &#8211; soll der Fachname ebenso oft wechseln?<\/p>\n<p>Und soll die Welt jedes Mal so werden wie mein Dorf gerade geworden ist? Die Westberliner \u201e<em>Sozial- und Kulturanthropologen<\/em>\u201c tragen diesen Namen erst seit 2015, und nun tragen sie ihn mit dem missionarischen Eifer der Neugetauften aus ihrem Dorfclub in den ganzen bis dahin \u201ef\u00fcr V\u00f6lkerkunde\u201c genannten Verein.<\/p>\n<p>Auch im <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/ethnologie-eine-begriffsfalle\/#more-62\">Nachbardorf<\/a> werden keine Ethnien mehr erforscht. Damit ist <em>Ethnologie<\/em> raus, und die Dorf-Magier m\u00fcssen nur noch zwei Probleme wegzaubern.<\/p>\n<p>1) Der Name<em> Sozial- und Kulturanthropologie<\/em> ist zusammengebraut aus <em>Social<\/em> und <em>Cultural<\/em> <em>Anthropology<\/em>. Die <em>Social Anthropology<\/em> gr\u00fcndet auf Malinowskis Paradigma der Wechselwirkung der Funktionen innerhalb <strong><em>einer<\/em><\/strong> (!) Gesellschaft (oder des Handels innerhalb <strong><em>einer<\/em><\/strong> Handelsgemeinschaft). Die <em>Cultural<\/em> <em>Anthropology<\/em> hat im gr\u00f6\u00dften Teil ihrer Geschichte \u00fcberwiegend je einzelne Kulturgruppen erforscht. Wie nun das Publikum so verzaubern, dass es aus den gleichen Namen ersieht, dass wir keine einzelne Gruppen mehr erforschen, sondern: \u201ewie Differenzierungslinien [\u2026] die K\u00f6rper von Menschen selbst durchdringen\u201c?<\/p>\n<p>2) Als Vereinsmitglied belehre ich die Welt, dass ihre V\u00f6lker der falsche Ansatz sind \u2013 und die lachen! Ach, sollen sie doch. Was z\u00e4hlt, ist unsere Wortmagie. Was k\u00fcmmern uns da Einw\u00e4nde wie:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">\u201ethe abolition of <em>V\u00f6lkerkunde <\/em>and the associated idea of distinct peoples may have consequences for applied anthropologists and non-governmental organizations working with indigenous peoples (<em>indigene V\u00f6lker<\/em>) to protect their rights.\u201c (Han Vermeulen<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a>)<\/p>\n<p>Als ginge es auch um Menschen, die ihre Rechte gerade als <em>V\u00f6lker<\/em> einfordern! Denen muss man halt erkl\u00e4ren, dass es nur dann um sie geht, wenn sie auf unsere eigene \u201evielschichtige Positionalit\u00e4t\u201c R\u00fccksicht nehmen und migrieren. Entsprechend unserem neuen Paradigma muss die <em>Gesellschaft f\u00fcr Bedrohte V\u00f6lker<\/em> sich umbenennen in Gesellschaft f\u00fcr \u201eeine stets auszuhandelnde Relation\u201c, <em>Survival International<\/em> in \u201e<em>Bodynesses and Action Orientations<\/em>\u201d<em> International<\/em>.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u201eDen Reinen ist alles rein, den Unreinen und Ungl\u00e4ubigen aber ist nichts rein\u201c <\/strong>(Paulus an Titus, 1:15)<\/p>\n<p>&#8211; <strong><em>V\u00f6lkerkunde<\/em><\/strong>: Das Wort <em>Volk<\/em> kann nationalistisch abgrenzen, aber auch f\u00fcr demokratische Hoffnung stehen wie in \u201e<strong><em>Volks<\/em><\/strong><em>aufstand<\/em>\u201c, \u201eWir sind das <strong><em>Volk<\/em><\/strong>!\u201c, oder in der aus genossenschaftlichen Idealen erwachsenen \u201e<strong><em>Volks<\/em><\/strong><em>bank<\/em>\u201c. Der Plural <strong><em>V\u00f6lker<\/em><\/strong> meint meist Vielfalt, so verstehe ich ihn auch in V\u00f6lk<strong><em>er<\/em><\/strong>kunde.<\/p>\n<p>&#8211; <strong><em>Ethnologie<\/em><\/strong>: Griechisch <em>ethnos<\/em> meinte meist die Bev\u00f6lkerung eines Bezirks, ob alteingesessen oder immigriert (mehr \u201eBev\u00f6lkerung\u201c als \u201eVolk\u201c). Im hellenistischen Universalismus und im Evangelium zeigte der Plural dann \u00dcberwindung regionaler Schranken: Matth\u00e4us 28:19 \u201eGehet hin in alle Welt und lehret alle V\u00f6lk<strong><em>er<\/em><\/strong>\u201c (im Urtext \u201eEthni<strong><u>en<\/u><\/strong>\u201c) \u2013 gegen die Begrenzung auf <strong><em>eine<\/em><\/strong> Ethnie <strong><em>alle<\/em><\/strong> Ethnien, die Menschheit. In der Aufkl\u00e4rungszeit dr\u00fcckte der Begriff <em>Ethnos<\/em> die \u201eV\u00f6lkervielfalt\u201c aus, zuerst 1718 (zeitlich vor <em>V\u00f6lkerkunde<\/em>) adjektivisch in dem Begriff <em>Historia ethnica<\/em> des Matej B\u00e9l, der just wegen seines Kosmopolitismus kritisiert wurde.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Ernst Wilhelm M\u00fcller pl\u00e4dierte daf\u00fcr, die Begriffe <em>Volk<\/em> und <em>Ethnos<\/em> so zu verwenden, wie man sie in der jeweiligen Gruppe versteht, und sie als Selbstzuschreibungen ernst zu nehmen. <em>Volk<\/em> bezeichne eine Gemengelage, in der letztlich \u201edie Meinungen der Mitglieder \u00fcber diese ihre Gruppen selbst\u201c den Ausschlag geben.<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>In das Selbstverst\u00e4ndnis zumindest jener modernen indigenen Politiker Lateinamerikas, denen ich begegnet bin, ist freilich die Idee des Nationalen seit dem 19.\u00a0Jh. eingewebt. Die j\u00fcngst in die Verfassungen mehrerer hispanoamerikanischer Staaten aufgenommene Pluri-Ethnizit\u00e4t meint (meist indigene) <strong><em>Ethnien<\/em><\/strong>\/<strong><em>Volksgruppen<\/em><\/strong>. Alles Faschos? Schon in Emanzipationsbewegungen kleinerer ost- und s\u00fcdosteurop\u00e4ischer V\u00f6lker waren die Herder\u2018schen <strong><em>V\u00f6lker<\/em><\/strong> ein wichtiger Begriff. Finnen, Esten, Tschechen k\u00e4mpften mit ihm gegen Imperien, f\u00fcr eine Demokratie, die f\u00fcr sie auch R\u00fcckkehr zu eigenen Traditionen und Sprachen bedeutete. Das hallt wider in indigenen kulturellen Autonomiebestrebungen, die wir nicht Europa-zentrierten Blickes mit dem faschistoiden Ethnopluralismus europ\u00e4ischer extremer Rechter verwechseln sollten.<\/p>\n<p>&#8211; <strong><em>Sozialanthropologie<\/em><\/strong>: Die in der <em>Anthropologie<\/em> mitgedachte physische Anthropologie ist per se nicht rassistisch. Doch in Deutschland wuchs sich diese Verbindung zur biologistisch-rassistischen Eiterbeule der <em>Sozialanthropologie<\/em> aus.<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a>\u00a0Deren erster Lehrstuhl, 1930 auf Vorschlag des Nazi-Innenministers von Th\u00fcringen eingerichtet, wurde mit dem profiliertesten Vertreter (neben Hitler) der nazistischen Rassenideologie besetzt, Hans G\u00fcnther.<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a>\u00a0Dieser verstand als Thema <em>sozialanthropologischer<\/em> Forschungen u.a. \u201edie Verh\u00e4ltnisse: Beruf und Kopfform, Beruf und K\u00f6rperh\u00f6he\u201c und stellte fest, dass l\u00e4ngere H\u00fcte in einem h\u00f6heren Preissegment liegen als k\u00fcrzere. Das erkl\u00e4rte er nicht damit, dass in l\u00e4ngeren H\u00fcten mehr Stoff verarbeitet wird, sondern (empirische <em>Sozialanthropologie<\/em>!) damit, dass nordische Langk\u00f6pfe h\u00f6here soziale Positionen innehaben.<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a>\u00a0Die Berliner Gesellschaft f\u00fcr Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte ehrte G\u00fcnther 1936\/37 mit ihrer Rudolf-Virchow-Plakette.<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a>\u00a0Auf die Nazizeit r\u00fcckblickend warf M\u00fchlmann (der sie aus tiefer Verstrickung kannte) Kollegen \u201eein eigensinniges Festhalten an den Kategorien und Standpunkten der \u00e4lteren Sozialanthropologie mit ihren unreflektierten sozialdarwinistischen Begriffen\u201c vor.<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Geschichte ist Mumpitz<\/strong><\/p>\n<p>\u201eNur wer von dieser geistes- und gesellschaftswissenschaftlichen Tradition Mitteleuropas nichts wei\u00df, wird die Eindeutschung des englischen <em>Social Anthropology<\/em> vorbehaltlos begr\u00fc\u00dfen\u201c, schrieb Bernhard Streck in der Begr\u00fcndung seines Austritts aus der Gesellschaft, die sich nun \u201ef\u00fcr Sozial- und Kulturanthropologie\u201c nennt.<a href=\"#_edn15\" name=\"_ednref15\">[15]<\/a>\u00a0Ach, vergesst doch die Geschichte (wie ich in meiner Nachkriegsjugend oft h\u00f6rte), es muss endlich ein Schlu\u00dfstrich&#8230; Was wird da noch \u201efachhistorisch gegraben\u201c nach \u201eirgendwelchen Funden aus fr\u00fchen Zeiten\u201c, h\u00f6rt doch auf mit der \u201eGeschichtsbesoffenheit\u201c!<a href=\"#_edn16\" name=\"_ednref16\">[16]<\/a>\u00a0Singen wir alle gemeinsam das Lied <em>Wonderful World<\/em>:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 60px;\">Don\u2019t know much about history<br \/>\nDon\u2019t know much biology<br \/>\nDon\u2019t know much about a science book<br \/>\nDon\u2019t know much about the French I took<br \/>\nBut I do know that I love you[\u2026]<br \/>\nLa ta ta ta ta ta ta<br \/>\n(und der Chor wiederholt \u201chistory\u201d) [\u2026].<\/p>\n<p>Dieser Hit evoziert den Roman <em>Brave New World<\/em> von Huxley, wo Mustapha Mond (Weltaufsichtsrat f\u00fcr Westeuropa in der Welt des Vergessens) ruft: \u201eSie kennen wohl alle den erhabenen und erleuchteten Ausspruch Fords des Herrn: Geschichte ist Mumpitz\u201c (<em>History is bunk<\/em>) \u2013 im Interesse der geistigen Leere.<a href=\"#_edn17\" name=\"_ednref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Die britischen <em>social anthropologists<\/em> k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr, dass die deutschen <em>Sozialanthropologen<\/em> mit Massenm\u00f6rdern ideologisch verbandelt waren, doch ihr eigener Bezug zum Kolonialismus ist unvergessen, auch wenn die meisten keine Kolonialisten waren. Laut <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-geschichtsverdraengung-der-ethnologen-als-gesellschaftliches-problem\/#more-192\">Vermeulen<\/a> haben <em>anthropologists<\/em> wenig zur Kolonialpraxis beigetragen; doch k\u00f6nnte dies auch daran liegen, dass man sie nicht so ernst nahm (Jomo Kenyatta wurde als <em>social anthropologist<\/em> m.W. kaum beachtet, wohl aber als Politiker).<\/p>\n<p>Namens\u00e4nderungen scheinen\u00a0\u201ein Berlin endemisch zu sein\u201c (Vermeulen), doch die Vergangenheit kehrt durch die Hintert\u00fcr zur\u00fcck. Unsere umbenannte Gesellschaft kehrt zu einem Namen aus der Zeit des Rassismus zur\u00fcck und beh\u00e4lt von ihrem bisherigen Namen just nur den aus der Nazizeit stammenden Zusatz \u201eDeutsche\u201c (gegen den Einspruch \u00f6sterreichischer Kollegen).<\/p>\n<p><strong><em>Kulturanthropologie<\/em><\/strong> ist <em>relativ<\/em> weniger kolonialistisch und rassistisch belastet. Die <em>Cultural Anthropology<\/em> hat Beachtung der je unterschiedlichen Historien von Kulturen gefordert \u2013 gerade in den USA gegen die <em>white Anglo-Saxon<\/em> \u00dcbermacht und gegen das \u201e<em>Geschichte ist Mumpitz<\/em>.\u201c Das deutsche \u201e<em>Kulturanthropologie<\/em>\u201c ist zwar als Viel-F\u00e4cher-Schibboleth ziemlich sinnentleert, aber immerhin: An die erste Stelle des neuen Doppelnamens gesetzt, h\u00e4tte es den Rassismus der <em>Sozialanthropologie<\/em> und die Geschichtsvergessenheit auf den zweiten Platz verwiesen.<\/p>\n<p>An <strong><em>Museen<\/em><\/strong> k\u00f6nnen Direktoren individuellere Namens-Akzente setzen als an der Universit\u00e4t, wo das Weiterlaufen von Studieng\u00e4ngen eine gewisse Konformit\u00e4t der Namen verlangt. In Frankfurt nannte eine neue Direktorin das Museum<em> f\u00fcr V\u00f6lkerkunde<\/em> in \u201e<em>der Weltkulturen<\/em>\u201d um, ihre Nachfolgerin wenige Jahre sp\u00e4ter \u00e4nderte das in <em>Weltkulturen Museum<\/em>. Neue Leerstelle zwischen den beiden Namensteilen: hip! Noch hippiger, soll das Hamburger Museum f\u00fcr V\u00f6lkerkunde bald \u201cMarkk\u201d hei\u00dfen, woraus der findige Tourist die Adresse erraten kann.<a href=\"#_edn18\" name=\"_ednref18\">[18]<\/a>\u00a0Spiel mit, finde den lustigsten Namen!<\/p>\n<p>Nehmen wir die Spielchen als Denkanst\u00f6\u00dfe: \u201eAuf Alles, was den Denker in seinen Gedanken unterbricht [\u2026], muss er friedfertig hinschauen, wie auf ein neues Modell, das zur Th\u00fcr hereintritt\u201c.<a href=\"#_edn19\" name=\"_ednref19\">[19]<\/a>\u00a0Denn schimmert auch beim Mantel des Modells vorne noch das Hakenkreuz durch, w\u00e4hrend er hinten etwas verwaschen ist \u2013 \u201eSozial- und Kulturanthropologie\u201c ist kein Fach, sondern ein neues Modell, ein Ansatz. Und ein neuer Ansatz kann ja wirklich \u201eein Fenster f\u00fcr [\u2026] Debatten\u201c sein, darin hat Hansj\u00f6rg Dilger recht, auch wenn Ans\u00e4tze nicht mit dem Fach verwechselt werden sollten, und es einer Ansatz-Diskussion nicht schlecht anst\u00fcnde, die Geschichte ihrer Begriffe zu reflektieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mark M\u00fcnzel, seit 1989 Prof. der V\u00f6lkerkunde in Marburg, seit 2008 im Ruhestand.<\/em><\/p>\n<p>\u2013\u2013\u2013\u2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Grimmelshausen, Jacob Christoffel von (1887 [1669]): <em>Der abentheuerliche Simplicius Simplicissimus<\/em>. Berlin\/Stuttgart: Speman: 25-26.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Gruber, Alois (1915): <em><a href=\"http:\/\/www.worldcat.org\/title\/verdeutschung-der-speisekarte-die-in-der-kuche-und-im-gasthofwesen-gebrauchlichen-aber-entbehrlichen-fremdworter-in-das-deutsche-ubersetzt-mit-einem-vorwort-uber-das-fremdworterunwesen-in-der-kuchen-und-gasthofsprache-verdeutschung-der-namen-fur-das-kuchenpersonal-grosse-probe-speisekarte-ist-beigegeben\/oclc\/163050551&amp;referer=brief_results\">Die Verdeutschung der Speisekarte [etc.<\/a><\/em>]. Partenkirchen: Oberbayerisches Institut Werdenfels.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutscher_Sprachpurismus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Das sind keine Witze. Das K\u00fcrzel BRD wurde tats\u00e4chlich als kommunistisch tabuisiert, und ich h\u00f6rte die Begr\u00fcndung: Die Kommunisten wollen uns kleinmachen. Die Frankfurter Stadtverwaltung legt bis heute Wert auf das \u201eam Main\u201c, was auch ich sch\u00f6ner finde als Schr\u00e4gstrich oder \u201ea.M.\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Dieses und die folgenden Zitate, sofern nicht anders ausgewiesen, aus dem <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/von-menschen-und-ethnischen-gruppen\/\">Beitrag von Hansj\u00f6rg Dilger<\/a> zu diesem Blog.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Vermeulen, Han F. (2018): German Ethnological Society Changes Its Name during a Highly Contested Vote. In: <em>Anthropology Today<\/em>, 34, 1: 20. https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/epdf\/10.1111\/1467-8322.12407<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Die zwei neuen Namen wieder nach Dilger, Blog cit., der zweite aber von mir aus \u201eK\u00f6rperlichkeiten und Handlungsorientierungen\u201c ins Englische \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Vermeulen (2015): <em>Before Boas<\/em>, Lincoln\/London: University of Nebraska Press; und jetzt kurzgefasst: <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-geschichtsverdraengung-der-ethnologen-als-gesellschaftliches-problem\/#more-192\">https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-geschichtsverdraengung-der-ethnologen-als-gesellschaftliches-problem\/<\/a>. Zu B\u00e9l: Vermeulen op. cit. (2015): 164, 328; und Treimer, Karl (1932): Mathias Bel und sein Slovakentum, in <em>Jahrb\u00fccher f\u00fcr Kultur und Geschichte der Slaven<\/em>, N.F. 8,2: 224-227.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> M\u00fcller, Ernst Wilhelm (1987): <em>Der Begriff \u201cVolk\u201d in der Ethnologie<\/em>. Mainz: Institut f\u00fcr Ethnologie und Afrika-Studien, Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz: 18.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> worauf anl\u00e4sslich der Umbenennung der DGV in Ges. f. <strong><em>Sozial-<\/em><\/strong> und Kultur<strong><em>anthropologie<\/em><\/strong> hingewiesen haben: Dieter Haller <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit\/\">https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit\/<\/a>, Karl-Heinz Kohl <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/de\/dcntr\/kollateralschaeden-eine-polemik\/\">https:\/\/boasblogs.org\/de\/dcntr\/kollateralschaeden-eine-polemik\/<\/a>, Carola Lentz <u><a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/ich-gebe-auf-ethnologen-sind-und-bleiben-ein-segmentaerer-haufen\/\">https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/ich-gebe-auf-ethnologen-sind-und-bleiben-ein-segmentaerer-haufen\/<\/a><\/u>, Bernhard Streck in Austrittsbegr\u00fcndung v. 7. 11.2017 an Prof. Dilger als Vorsitzenden der Ex-DGV.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Geisenhainer, Katja (2000): Rassenkunde zwischen Metaphorik und Metatheorie: 84. In: Streck, Bernhard (ed.): <em>Ethnologie und Nationalsozialismus<\/em>. Gehren: Escher. S.\u00a0auch Kohl Blog. cit. (obige Endnote 10) mit weiteren Angaben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> G\u00fcnther, Hans F. K. (1939 [1922]): <em>Rassenkunde des deutschen Volkes<\/em>. M\u00fcnchen: J. F. Lehmanns Verlag: 198-199.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Ho\u00dffeld, Uwe (2017): Hans F. K. G\u00fcnther: 253, in: Fahlbusch, Michael et al. (2017, 2. Aufl.): <em>Handbuch der v\u00f6lkischen Wissenschaften<\/em>. Berlin\/Boston: Walter de Gruyter. Geisenhainer loc. cit. erw\u00e4hnt diese Ehrung, aber ohne dieses Datum.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> M\u00fchlmann, Wilhelm E. (1986 [1948]): <em>Geschichte der Anthropologie<\/em>. Wiesbaden: Aula: 199.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref15\" name=\"_edn15\">[15]<\/a> Streck, loc. cit. (s. Endnote 10).<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref16\" name=\"_edn16\">[16]<\/a> Erstes Zitat: Dilger, Blog cit., die Kritiker ironisierend. Die zwei weiteren Zitate bei <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/teilnehmende-namensgebung\/\">Thomas Widlok<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref17\" name=\"_edn17\">[17]<\/a> Lied von Sam Cooke: Don\u2019t know much about history, in Album <em>The Wonderful World of Sam Cooke<\/em> (1960). Huxley, Aldous (1974 [1932]): <em>Sch\u00f6ne neue Welt<\/em>. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag: 38. \u201eFord der Herr\u201c: Parodie auf den Industriellen Henry Ford. Diesem wird das wohl von Huxley erfundene Zitat oft zugeschrieben. Immerhin hat Ford \u00c4hnliches gesagt, s. https:\/\/www.thoughtco.com\/henry-ford-why-history-is-bunk-172412.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref18\" name=\"_edn18\">[18]<\/a> Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u201eMuseum am Rothenbaum, Kulturen und K\u00fcnste der Welt\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref19\" name=\"_edn19\">[19]<\/a> Nietzsche, Friedrich \/1980 [1880]: Der Wanderer und sein Schatten, \u00a7 342, in: <em>S\u00e4mtliche Werke, Kritische Studienausgabe<\/em>. M\u00fcnchen\/Berlin-New York: dtv\/de Gruyter, vol 2.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[98],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1592","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-mark-muenzel"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1592","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1592\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3139,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1592\/revisions\/3139"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1592"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1592"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1592"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}