{"id":1583,"date":"2018-05-15T00:00:00","date_gmt":"2018-05-14T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/teilnehmende-namensgebung\/"},"modified":"2019-09-23T17:12:46","modified_gmt":"2019-09-23T15:12:46","slug":"teilnehmende-namensgebung","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/teilnehmende-namensgebung\/","title":{"rendered":"Teilnehmende Namensgebung"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1583?pdf=1583\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1583?pdf=1583\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Seltsam bei der Diskussion um die Namens\u00e4nderung ist, wie vor allem Gegner der Umbenennung auf fachfremde Argumente zur\u00fcckgreifen. Da geht es um Etymologie, viel Geschichte, auch Nationalgeschichte, um Hochschulpolitik und mitunter sehr stark r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt um die Suche nach einer reinen, essentialistisch aufgefa\u00dften \u201eUrform\u201c hinter den einzelnen Namen. In diesem Beitrag m\u00f6chte ich als Alternative ausprobieren, was passiert, wenn wir hingegen den Werkzeugkasten unserer eigenen Disziplin anwenden, also beispielsweise die teilnehmende Beobachtung. Ich werde durchg\u00e4ngig das ethnographische Pr\u00e4sens verwenden:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist 1986 und in meiner Tasche ist ein Studentenausweis der Uni M\u00fcnster, darin ist als Hauptfach \u201eV\u00f6lkerkunde\u201c eingetragen. Das geht so in Ordnung, denn an der T\u00fcr unseres Instituts steht auch \u201eSeminar f\u00fcr V\u00f6lkerkunde\u201c und in den \u201eBl\u00e4ttern zur Berufskunde\u201c, die ich vom Arbeitsamt bei der Studienberatung bekommen habe, steht auch \u201eV\u00f6lkerkundler (Ethnologe)\u201c. Als Nebenf\u00e4cher stehen in meinem Ausweis noch \u201ePhilosophie, Kath. Theologie, Germanistik, Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie\u201c.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-159\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/06_Widlok_voelkerkundeUniMuenster_CROP.jpg\" alt=\" width=\" height=\"1580\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Plus \u00e7a change &#8230; ? Seitdem diese Studienbescheinigung ausgestellt wurde, ist der Studiengang in M\u00fcnster von &#8222;V\u00f6lkerkunde&#8220; in &#8222;Kultur- und Sozialanthropologie&#8220; umbenannt worden, die Fachschaft hei\u00dft im BA jetzt &#8222;KuSA&#8220; statt &#8222;Ethnologie&#8220; und den Fachbereich &#8222;Alte und Au\u00dfereurop\u00e4ische Sprachen und Kulturen&#8220;, in dem ich Fachschaftsvertreter war, gibt es unter der Bezeichnung auch nicht mehr \u2013 Nebenf\u00e4cher im Magister-Studiengang bekanntlich ebensowenig.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Studentensekretariat fragen sie etwas m\u00fcrrisch, ob ich mich nicht entscheiden k\u00f6nne, aber dagegen tun k\u00f6nnen sie nichts. Ich kann mich tats\u00e4chlich in dieser Hinsicht schlecht entscheiden. Als Prof. Schott mich beim ersten Gespr\u00e4ch fragt, weshalb ich denn V\u00f6lkerkunde studieren wolle, antworte ich, das sei wenigstens ein Fach, wo man etwas \u00fcber die Verbindungen zwischen den Lebensbereichen lernt. Er findet die Antwort gut und wohl auch, dass ich sein Seminar \u201eWirtschaft und Religion\u201c direkt als Beispiel nenne. Und es gibt viele Studis, die das Fach gut finden, denn hier geht es um Feldforschung statt um verstaubte B\u00fccher und Geschichte. Wir treten hier an, die Welt zu verbessern, indem wir uns um die Beziehung von Wirtschaft und Religion am Beispiel der Bulsa und Lyela k\u00fcmmern, Seminare mit Medizinern \u00fcber Gesundheit in Afrika besuchen und Seminare mit der Indologie, wo wir die armen Indologen manchmal bemitleiden, die nur \u00fcber die Herkunft von W\u00f6rtern in alten Texten br\u00fcten, w\u00e4hrend es bei uns ja um die gesellschaftliche Praxis in Gegenwart und Zukunft geht.<\/p>\n<p>In diesem Jahr trete ich auch in die DGV ein, die ihre Tagung in K\u00f6ln hat. Da tritt als Keynote Speaker unter anderem Michael Agar auf, der uns \u00fcber Wittgensteins Sprachspiele in Interviews mit dem \u00d6sterreichischen Pr\u00e4sidenten Waldheim erz\u00e4hlt. Eingeladen wurde er, glaube ich, von Thomas Hauschild, bei dem ich ein Jahr sp\u00e4ter ein Seminar mit Texten aus der aktuellen amerikanischen Kulturanthropologie mache. Und ich sehe im Rechenzentrum auf einem monochromen Bildschirm meine allererste Email, die aus Kent kommt, wohin eine Gruppe von \u201eearly adopters\u201c um Thomas Schweizer gute Kontakte unterh\u00e4lt. Das Fach hat also vielleicht einen altmodischen Namen, aber es ist trotzdem herrlich breit und international aufgestellt, von den Bulsa und den Lyela in Burkina Faso (\u201eehemals Obervolta\u201c) \u00fcber die amerikanisch aufbereiteten \u00d6sterreicher Waldheim und Wittgenstein bis zu Emails die quasi zeitgleich sowohl in England als auch in Deutschland auf dem Bildschirm erscheinen. Konsequenterweise exmatrikuliere ich mich zwei Jahre sp\u00e4ter aus den F\u00e4chern \u201ePhilosophie, Kath. Theologie, Germanistik, Soziologie, Politikwissenschaften, Psychologie\u201c, gehe nach England an die London School of Economics und setze alles auf eine Karte, da steht einfach \u201eAnthropology\u201c drauf, auf meinem Masterzeugnis steht \u201eSocial Anthropology\u201c, meine Promotion ist in \u201eAnthropology\u201c, auf meiner Habilitationsurkunde steht sp\u00e4ter \u201eIn Litteris Ethnologiae\u201c, auf meinem ersten Lehrstuhl \u201eAnthropologie van de Pacific\u201c und auf meiner jetzigen Professur-Designation \u201eKulturanthropologie Afrikas\u201c. F\u00fcr mich ist das alles ein Fach, weitl\u00e4ufig und vielseitig, es bereitet mir keine Identit\u00e4tsprobleme \u2013 wichtig ist mir, dass der Inhalt mir hilft, die Welt zu verstehen, egal wo er herkommt oder unter welcher \u00dcberschrift.<\/p>\n<p>Oktober 2017 in Berlin. Ich blicke etwas gelangweilt auf den Zettel, der die Argumente f\u00fcr und gegen eine Umbenennung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde zusammenfasst. Die meisten Argumente habe ich in den letzten 30 Jahren schon mal geh\u00f6rt. Gute Gr\u00fcnde gibt es in allen Teilen der Tabelle, aber f\u00fcr mich ist die Sache klar, da ich nur f\u00fcr das stimmen brauche, was ohnehin auf meiner Dissertationsurkunde und auf meinem Arbeitsvertrag steht. Richtig befremdlich finde ich die R\u00fcckw\u00e4rtsgewandtheit und Geschichtsbesoffenheit mit der eine scheinbare \u201eGeschichtsvergessenheit\u201c im Fach beklagt wird. Man \u00fcberbietet sich mit irgendwelchen Funden aus fr\u00fchen Zeiten, wo die jetzt vorgeschlagenen Begriffe in negativen Kontexten auftauchen. Da geht es um die Herkunft von Namen statt um die Pragmatik von Sprachspielen. Das f\u00e4nde nicht nur Wittgenstein seltsam, sondern das muss eigentlich jeden wundern, der ein Fach betreibt, das immer betont, wie wichtig es ist, was Menschen aus den althergebrachten Kulturg\u00fctern und Namen machen, die sie vorfinden, wie sie innovativ aus Fehlern lernen und wie ihr Tun davon erf\u00fcllt ist, was sie erreichen wollen.<\/p>\n<p>Jetzt kommt die Abstimmung. Ich blicke mich um und merke, dass viele Gegner der Umbenennung nicht im Saal sind. Das ist gut f\u00fcr das Ergebnis, aber schade f\u00fcr die danach einsetzende Diskussion, denn sie verpassen was jetzt geschieht. In dem Moment, als das Ergebnis bekannt gemacht wird, scheint ein zentnerschwerer Stein von den Herzen der Meisten im Saal zu fallen. Geradezu euphorischer Applaus, vor allem bei den J\u00fcngeren. Liminalit\u00e4t und communitas verbreiten sich, die Welt scheint sich zu \u00f6ffnen und der Horizont der M\u00f6glichkeiten scheint auf einmal breiter zu werden. Es ist wie oft in einer Situation der teilnehmenden Beobachtung: Mir tun die anderen leid, die nicht dabei sind und zugleich f\u00fchle ich mich angehalten, etwas von dem Erlebten in einem ethnographischen Bericht festzuhalten.<\/p>\n<p>Mir scheint, das Abstimmungsergebnis h\u00e4tte auch schon zur DGV-Tagung von 1986 gepa\u00dft, aber wichtiger ist, was jetzt kommt, was wir daraus machen. N\u00e4chste Woche fliege ich nach Namibia, Botswana und Zimbabwe. An der University of Namibia arbeiten sie gerade daran, ein neues Fach zu etablieren, das es dort so noch nie gegeben hat, es soll \u201eAnthropology\u201c hei\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Thomas Widlok arbeitet derzeit auf der Professur \u201eKulturanthropologie Afrikas\u201c an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln (Institut f\u00fcr Afrikanistik und \u00c4gyptologie). In K\u00f6ln ist er Sprecher des Kompetenzfeldes \u201eKulturen und Gesellschaften im Wandel\u201c und im Vorstand des \u201eGlobal South Studies Center\u201c. Zu seinen neuesten Publikation geh\u00f6ren \u201eAnthropology and the Economics of Sharing\u201c (Routledge 2017) sowie \u201eWir Staatsmenschen\u201c (K\u00f6ln 2017).<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":1584,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[131],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1583","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-thomas-widlok"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1583","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1583\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1817,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1583\/revisions\/1817"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1584"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1583"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1583"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1583"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}