{"id":1582,"date":"2018-05-08T00:00:00","date_gmt":"2018-05-07T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-bereinigte-dgv\/"},"modified":"2019-09-23T17:15:46","modified_gmt":"2019-09-23T15:15:46","slug":"die-bereinigte-dgv","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/die-bereinigte-dgv\/","title":{"rendered":"Die bereinigte DGV"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1582?pdf=1582\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1582?pdf=1582\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Die Deutsche Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde (DGV) hei\u00dft jetzt Deutsche Gesellschaft f\u00fcr Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA). Aus einem dreibuchstabigen K\u00fcrzel ist ein f\u00fcnfbuchstabiges geworden. War ersteres so eing\u00e4ngig und handlich, dass es mit der unheimlichen Gro\u00dfschwester Volkskunde (mit ihren diversen Umbenennungen, die sich aber wohl nicht so unmissverst\u00e4ndlich abk\u00fcrzen lie\u00dfen) geteilt werden musste (dgv), bedarf die neue Abk\u00fcrzung langer Erl\u00e4uterungen und verharrt auch dann noch im Unklaren. Gewiss kann die Aufstockung von 3 auf 5 Buchstaben als Fortschritt und Akt der Ausdifferenzierung ausgelegt werden, zumal das moderne Leben auch immer komplizierter wird und DGSKler einfach besser in die neue digitale Umwelt passen als die schlichten DGVler. Doch es sind mit der Kritik an diesem Schritt als nicht ausreichend begr\u00fcndeter Anpassungsleistung an den sich international verstehenden anglophonen Okzidentalisierungstrend Schw\u00e4chen offenbar geworden, die mit den mutigen Taten eines Adolf Bastian als Gr\u00fcnder des Faches oder Fritz Krause als Gr\u00fcnder des Fachverbands \u00fcberhaupt nicht vergleichbar sind. Der Mangel an Geschichtskenntnissen im eigenen Fach wurde in letzter Zeit h\u00e4ufig angemahnt. In diesem Essay soll die Umbenennung ethnologisch interpretiert werden, als Akt der Selbstreinigung, der jede Kultur imperativisch zu folgen hat.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Verst\u00e4ndnis von Kultur als S\u00e4uberungszwang war in der lateinischen Etymologie schon angelegt: wer pflanzen will, muss Unkraut j\u00e4ten. Pflege (<em>cultura<\/em>) ist immer mit Vernichtung all dessen verbunden, was den Garten st\u00f6rt. Diese Aufgabe kommt nie zum Abschluss, weil Unkraut nachw\u00e4chst. Kultur lebt nur in der permanenten Revolution (f\u00fcr radikale) oder Reformation (f\u00fcr gem\u00e4\u00dfigte Denker). Solche Gedanken wurde in der franz\u00f6sischen Sozialwissenschaft von Roland Barthes, Jean Baudrillard bis zu Bruno Latour entwickelt. Das Streben nach Sauberkeit \u2013 fr\u00fcher moralischer, heute eher funktioneller (Baudrillard) \u2013 hat die Kultur von der Natur geerbt. Schlangen h\u00e4uten sich regelm\u00e4\u00dfig, Katzen putzen sich t\u00e4glich, B\u00e4ume werfen (nicht nur im Herbst) \u00dcberfl\u00fcssiges ab. Der moderne Mensch reinigt sich selbst mit einem bisher nie dagewesenen Aufwand an Wasser und Chemikalien, er desinfiziert seine Umgebung (einschlie\u00dflich der Krankenhaust\u00fcren) immer sorgf\u00e4ltiger und poliert sein Auto bis zur Blendung des neidischen Betrachters. Dass seine Umgebungsnatur, von der er anf\u00e4nglich den Putzwahn abgeschaut hat, dabei zugrunde geht, wird dabei in Kauf genommen. Sauberkeit ist der h\u00f6chste Wert in allen Kulturen, in der modernen Welt wird selbst zwischen sauberem und schmutzigem Krieg unterschieden, wobei immer die Ma\u00dfst\u00e4be des Siegers angelegt werden. Bashar al-Assad muss der Einsatz von chemischen Waffen nachgewiesen werden, damit er \u2013 auch nach Befriedung fast ganz Syriens &#8211; als Verlierer dasteht.<\/p>\n<p>Kehren wir zur Umbenennung der ehrw\u00fcrdigen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde zur\u00fcck und begreifen wir sie als Reinigungsakt. Der Hinweis auf Anpassung an internationale Terminologie offenbart den R\u00fcckstand, den der deutsche Geist beim Verstehen fremder Sinnzusammenh\u00e4nge aufweist und den er aufzuholen hat. Die Reinigungsmittel m\u00fcssen also aus dem fortschrittlichen angloamerikanischen Westen kommen. Sie hei\u00dfen Sozialanthropologie und Kulturanthropologie. Dass diese aus der paternalistischen Handhabung von Indianerreservaten hervorging und jene haupts\u00e4chlich die kostensparende <em>indirect rule<\/em> im britischen Weltreich abzust\u00fctzen hatte, spielt nur noch unter Fachgeschichtlern eine Rolle. Im Vergleich zur gr\u00fcndlich und nachhaltig kontaminierten V\u00f6lkerkunde (weil hier \u201ev\u00f6lkisch\u201c und die damit verbundenen Erz\u00fcbel assoziiert werden k\u00f6nnen) sind die beiden neuen Etiketten sauber und eignen sich bestens f\u00fcr das \u00fcberf\u00e4llige Reinigungsvorhaben.<\/p>\n<p>Die Ethnologie begann mit der Neugier auf scheinbar unsaubere Kulturen. Johann Gottfried Herder sprach von \u201eunpolizierten Nationen\u201c. Deren \u201ewildes Denken\u201c st\u00f6rte das abendl\u00e4ndische Geistesleben aus prinzipiellen Gr\u00fcnden (manchmal war auch eine Befruchtung sp\u00fcrbar wie bei Rousseau, bei Schopenhauer oder Nietzsche), und der Ethnologie kam so etwas wie die Rolle einer Vermittlungsagentur zu. Sie erl\u00e4uterte den Weltkulturen die Wildkulturen, z.B. mit dem Nachweis, dass auch akephale Dorfgemeinschaften sich um Sauberkeit bem\u00fchen, den Dorfplatz regelm\u00e4\u00dfig kehren und den Abfall in den Busch werfen. Trotzdem geriet eine solche Wissenschaftsdisziplin mit ihrer Sympathie f\u00fcr primitive Reinigungsgemeinschaften zwangsl\u00e4ufig ins Hintertreffen gegen\u00fcber allen anderen, dem Fortschritt zuarbeitenden Forschungsrichtungen. Die im modernen Sinne unzul\u00e4nglichen Sauberkeitsvorstellungen, mit deren \u00dcbersetzung sich Ethnographen herumplagten, blieben gleichsam an ihnen haften. Im interdisziplin\u00e4ren Kontext galten Ethnologen gerne als \u201edie mit den Giftpfeilen\u201c, also unsauberen Kampfmitteln, wie sie Verlierer anwenden. Das soll offenbar nunmehr ein Ende haben.<\/p>\n<p>Der Fachverband DGV hat sich gereinigt und den \u201einternational\u201c \u00fcblichen Hygiene-Standards angepasst. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Prozess in den noch r\u00fcckst\u00e4ndigeren L\u00e4ndern, wo Ethnologen oder Ethnographen sich noch so nennen, nachgeholt wird. F\u00fcr diese peripheren Regionen ist der Berliner Schritt von 2017 ein Vorbild \u2013 wie \u00fcberhaupt Berlin, von dem in der Vergangenheit so viel Elend auf die Welt ausgegossen wurde, heute als Leitstern im Aufbau des internationalen Sozialstaats ohne Grenzen leuchtet: \u00fcberall auf der Welt sollen die gleichen Wertvorstellungen, Versorgungsstandards und S\u00e4uberungspraktiken G\u00fcltigkeit bekommen. So will es die Neue Weltordnung, die mit der Gr\u00fcndung der Vereinigten Staaten von Amerika dem Erdball implantiert wurde und seither sukzessive um sich greift. Heute ist Deutschland \u2013 wegen seines fr\u00fcheren Falls in den rassistischen Reinigungswahn &#8211; ein besonders beflissener Modernisierungsagent.<\/p>\n<p>Die deutsche V\u00f6lkerkunde war mit ihrer Leidenschaft f\u00fcr Differenzen, die sie betulich beschrieb und aufw\u00e4ndig ausstellte, bei der angesagten Weltreinigung eher ein Bremsklotz. Sie argumentierte immer gleich kulturrelativistisch und zuletzt trat sie mit ihren Leitbegriffen Autonomie und Souver\u00e4nit\u00e4t in der neuen Einheitswelt eher f\u00fcr Parallelgesellschaften ein als f\u00fcr einheitliche Hygiene-Standards und universale Anspr\u00fcche. Die im neuen Firmenschild ausgewiesene Sozialanthropologie wird den weltweit g\u00fcltigen Menschenrechten verpflichtet sein und die Kulturanthropologie der Religionsfreiheit. Es wird dann nur noch um Relativismus unter einheitlicher Kontrolle gehen k\u00f6nnen. Es wird niemanden mehr geben, der sich f\u00fcr das unter den Teppich Gekehrte interessiert, der auf die Nacht-, R\u00fcck- und Unterseiten menschlichen Zusammenlebens achtet und der Zweifel an der Identit\u00e4t zwischen vordergr\u00fcndiger Evidenz und hintergr\u00fcndiger Wahrheit zul\u00e4sst, weil er aggressive von rezessiven Sinnsystemen unterscheiden gelernt hat. Ethnologie als die Wissenschaft von den eigenst\u00e4ndigen Wegen zur gesellschaftlichen Selbstpflege scheint sich selbst zu Tode gereinigt zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Bernhard Streck<\/strong>, Jahrgang 1945, war bis 2010 Professor der Universit\u00e4t Leipzig und Leiter des dortigen Instituts f\u00fcr Ethnologie. Seine zahlreichen Ver\u00f6ffentlichungen betreffen Kulturtheorie, Ideengeschichte, Ethnographie Nordostafrikas und Tsiganologie. Er ist Mitglied der S\u00e4chsischen Akademie der Wissenschaften und der Frobenius-Gesellschaft Frankfurt am Main.<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[44],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1582","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-bernhard-streck"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1822,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1582\/revisions\/1822"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1582"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}