{"id":1577,"date":"2018-04-17T00:00:00","date_gmt":"2018-04-16T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit\/"},"modified":"2020-02-21T16:48:03","modified_gmt":"2020-02-21T15:48:03","slug":"die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/die-umbenennung-moralisches-schulterklopfen-und-geschichtsvergessenheit\/","title":{"rendered":"Die Umbenennung: Moralisches Schulterklopfen und Geschichtsvergessenheit"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1577?pdf=1577\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1577?pdf=1577\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Kurz vor der Umbenennung der DGV in DGSK konnte ich in Bochum die Umbenennung meines Lehrstuhles, der die \u201eSozialanthropologie\u201c zur Denomination hatte, in \u201eEthnologie\u201c erwirken. In Berlin geschah nun genau das Umgekehrte. Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass sich in meinem geliebten Fach einmal Gleichg\u00fcltigkeit gegen\u00fcber faschistischen Bez\u00fcgen, neoliberale Anbiederei an den angels\u00e4chsischen Zeitgeist, moralische Selbst\u00fcberhebung und schlichte Wurschtigkeit siegreich die H\u00e4nde reichen. Aber der Zeitgeist weht eben rechts, und selbst die, die sich als Vertreter einer progressiven Haltung verstehen, sehen manchmal nicht, wessen Handwerk sie da besorgen. So wie die siegreichen Umbenenner der Berliner Tagung &#8211; wahrscheinlich bei bester Absicht &#8211; wahrscheinlich nicht merken wollten, dass sie kolonialistische und faschistische Bez\u00fcge mit der getroffenen Wahl zur Umbenennung w\u00fcrdigen. Auch ich hadre deshalb mit mir, ob ich aus einer solchen Gesellschaft austreten soll. Noch habe ich soviel Vertrauen in meinen Berufszweig dass ich unterstelle, die meisten Umbenenner h\u00e4tten nicht gewusst, was sie da tun. Aber auch das ist schon ein Armutszeugnis f\u00fcr Wissenschaftler, die nichts mehr wissen von ihrer fachlichen Vergangenheit und wohl auch nichts wissen wollen. Sensibilit\u00e4t gegen\u00fcber rechten Diskurshegemonien ist heute wohl \u201e<em>so twentieth century<\/em>\u201c, vielleicht auch deshalb hat sich auf der Tagung die Vorstellung von Identit\u00e4t als Bekenntnis durchgesetzt. Wie ich h\u00f6re, habe es w\u00e4hrend der Mitgliederversammlung keine inhaltliche Debatte um die Umbenennung gegeben.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Anders als die m.E. nach von falscher politischer Korrektheit \u2013 bei gleichzeitiger historischer Blindheit \u2013 getriebene Mehrheit der DGV-Tagungsteilnehmer gehe ich nicht von einer Fachidentit\u00e4t als Bekenntnis aus, sondern davon, dass Identit\u00e4t sich vor allem daraus speist, was man konkret tut. Ich folge damit also dem Ansatz von \u201eidentity as practice\u201c anstatt von \u201eidentity as discourse and identification\u201c.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mit meinem Beitrag im Blog an <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/de\/dcntr\/kollateralschaeden-eine-polemik\/\">die Argumentation des Kollegen Kohl<\/a> ankn\u00fcpfen und um jene Aspekte anreichern, die die Fakult\u00e4t und das Rektorat in Bochum davon \u00fcberzeugten, dass Ethnologie die richtige Bezeichnung ist f\u00fcr das, was mein Lehrstuhl vertritt \u2013 und in der Praxis sicherlich die der meisten Lehrst\u00fchle des Faches in Deutschland. Der Bochumer Antrag auf Umbenennung, den ich zusammen mit der bisher so genannten \u201eSektion f\u00fcr Sozialpsychologie und Sozialanthropologie\u201c, der ich administrativ zugeordnet bin, stellte, basierte auf folgenden Argumenten:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fachhistorisch<\/strong> sind sowohl die Bezeichnungen Sozialanthropologie wie auch Kulturanthropologie sehr viel problematischer als der Begriff Ethnologie. Historisch sind die Inhalte und Ans\u00e4tze eines vormals im deutschsprachigen Raume bestehenden Faches <em>Sozialanthropologie<\/em> als auch allein schon dessen Bezeichnung hochgradig belastet, da sie eng mit der rassebiologischen Bev\u00f6lkerungsplanung und der Eugenik, sowie mit Rassenforscherinnen und -ideologinnen wie Eugen Fischer, Ilse Schwidetzky-Roesing und Wilhelm Emil M\u00fchlmann verbunden sind. F\u00fcr Fischer bezeichnete <em>Sozialanthropologie<\/em> die \u201eLehre von den Beziehungen zwischen den anthropologischen Merkmalen und den sozialen Gruppen, denen ihre Tr\u00e4ger angeh\u00f6ren (historische Anthropologie, Eugenik, Kriminalanthropologie, Rassenhygiene usw.)\u201c (Sigrist 1995: 1122). Bis zum Ende der NS-Zeit hatte die <em>Sozialanthropologie<\/em> im deutschen Sprachraum \u201eeine Steuerungsfunktion sowohl im Bereich der staatlichen Gesundheitsdienste, als auch bei der Vorbereitung und Durchf\u00fchrung eugenischer Massnahmen.\u201c Die <em>Sozialanthropologie <\/em>setzte \u201eauf den Staat, um der vorgeblichen \u201aDegeneration\u2018 der Bev\u00f6lkerung entgegenzuwirken.\u201c (Sigrist 1995: 1122).<\/p>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich an der Verkn\u00fcpfung von Biologie und Gesellschaft nichts ge\u00e4ndert: \u201eGegenstand der S.\u201c, so das von Schwidetzky-Roesing \u2013 Sch\u00fclerin des f\u00fchrenden NS-Rasseideologen, Egon von Eickstedt \u2013 mitherausgegebene Fischer Lexikon Anthropologie (Heberer et al 1959: 296) von 1959 \u201esind die Wechselbeziehungen zwischen der biologischen Beschaffenheit der Menschen und den Sozialvorg\u00e4ngen.\u201c Die Zentralen Begriffe der <em>Sozialanthropologie<\/em> sind noch immer Auslese (Selektion) und Siebung.<\/p>\n<p>Die biologische Determinierung der sozialen Gesellungsformen steht auch im Werk des V\u00f6lkerkundlers und Soziologen W.E.M\u00fchlmann bis zum Kriegsende explizit, danach implizit, im Mittelpunkt (Westphal-Hellbusch 1959: 857f). Als ausgewiesener Rasseforscher vertrat er vor Kriegsende nationalsozialistische Positionen zur Beziehung zwischen Rasse und Kultur. Auch M\u00fchlmann arbeitete in der Nachkriegszeit inhaltlich genauso weiter wie zuvor, er verstand es jedoch, sein wissenschaftliches Instrumentarium in neue und unverd\u00e4chtige Begrifflichkeiten zu \u00fcberf\u00fchren: aus dem vormals biologischen Rassebegriff wurde ein soziologischer, \u201eaus \u201aUmvolkung und Volkwerdung\u2018 wurden \u201aethnische Assimilation und Ethnogenese\u2018\u201c (Herbert 2010: 496). M\u00fchlmann, der institutionell versuchte, Soziologie und Ethnologie zusammenzubringen, nahm zwar in den 1960er Jahren die britische <em>Social Anthropology<\/em> und die soziologische Analyse von \u201aNaturv\u00f6lkerkulturen\u2018 auf, allerdings mit zwei entscheidenden Unterschieden zur \u201eechten\u201c (= britischen) <em>Social Anthropology<\/em>: er selbst arbeitete nie als Feldforscher und er behielt seine rassentheoretischen Grundlagen immer bei.<\/p>\n<p>Mein Bochumer Vorg\u00e4nger Helmut Nolte, Professor f\u00fcr Sozialpsychologie und \u2013anthropologie, war sicherlich kein Vertreter dieser Richtungen, allerdings f\u00fchrte auch er seinen sozialanthropologischen T\u00e4tigkeitsbereich auf eine bioaffine Weise fort, die sowohl national als auch international nach dem Kriege \u2013 bis eben auf Schwidetzky-Roesing &#8211; kaum mehr gepflegt wurde. Er kn\u00fcpfte auch an diese Tradition an, indem er die Bereiche der biologischen (z.B. K. Lorenz, I. Eibesfeldt) Anthropologie mit der philosophischen (z.B. A. Gehlen und H. Plessner), der historischen Anthropologie und der Ethnologie (z.B. C. Geertz) kombinierte. Die britische <em>Social Anthropology<\/em> spielte bei ihm jedoch \u00fcberhaupt keine Rolle.<\/p>\n<p>Es ist mir unbegreiflich, wie sich mein Fachverband einen solch faschistisch kontaminierten Begriff aneignen kann, wohl im Brustton der \u00dcberzeugung, dass er unbelasteter sei als der der Ethnologie oder der V\u00f6lkerkunde. Warten wir ab, ob nun auch der Antrag gestellt werden wird, etwa das Max-Planck-Institut in Halle in Wilhelm-Emil-M\u00fchlmann-Institut umzubenennen (der wollte n\u00e4mlich die Fachvereinigung einmal in Kulturanthropologie, ein andermal in Sozialanthropologie umbenennen lassen (Haller 2012)). Folgerichtig jedenfalls w\u00e4rs.<\/p>\n<p>Die Bezeichnung \u201eKulturanthropologie\u201c ist bei weitem nicht so vorbelastet wie der der Sozialanthropologie, aber er hat mit dem, was Franz Boas <em>Cultural Anthroplogy<\/em> nannte, heute in der Praxis wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Begriff, der f\u00fcr allerlei kulturwissenschaftliche Studienwege verwendet wird, die mit den Grundlagen der Ethnologie, insbesondere der langanhaltenden Feldforschung und dem m\u00fchevollen Vor-Ort-sein, kaum etwas zu tun haben. Vielmehr bewegt man sich hierzulande als Kulturanthropologin in der Tradition der britischen <em>Cultural Studies<\/em> der 1980er Jahre, die alles M\u00f6gliche und mit Vorliebe Texte untersuchen \u2013 am allerwenigsten aber <em>das Humane<\/em> am Menschen. Sigmar Gabriel hat einmal gesagt, der Platz der SPD sei dort, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch <em>stinkt<\/em>. Dort ist m.E. auch der Platz der Ethnologie (\u00e4hnlich argumentiert auch Howell 2017). Von den KulturanthropologInnen macht das aber kaum Jemand, vielmehr gef\u00e4llt man sich darin, ohne ethnologische Basis zu Bhabheln, zu Agamben und zu Butlern, das ist ja auch viel angenehmer als sich an den Herd mit einer Familie zu setzen und mit ihnen \u00fcber ein Jahr lang Kohlsuppe zu l\u00f6ffeln.<\/p>\n<p>Der Ethnosbegriff tr\u00e4gt der Tatsache Rechnung, dass die meisten Menschen auf diesem Globus sich nach ethnischen Kategorien zuordnen und die Ethnologie die einzige Disziplin ist, die sich diesem Befund schwerpunktm\u00e4ssig zuwendet. Werner Schiffauer spricht in seinem Beitrag davon, dass mit Ethnologie der \u201eHypostasierung des Begriffs \u201aEthnos\u2018 Vorschub geleistet wird\u201c, auch wenn \u201edie Mehrheit der Fachvertreter dies ablehnt und einen konstruktivistischen Begriff des Ethnos bejaht\u201c. Das ist f\u00fcr mich genau ein Grund daf\u00fcr, warum es notwendig ist, Ethnologie als Bezeichnung beizubehalten. Wir d\u00fcrfen diese konstruktivistische Herangehensweise nicht r\u00e4umen in einer Zeit, in der die Identit\u00e4ren sich des Begriffes zu bem\u00e4chtigen versuchen, um ihre kruden Vorstellungen pseudowissenschaftlich zu untermauern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zuge einer <strong>falsch verstandenen Internationalisierung<\/strong> wird \u201eEthnologie\u201c heute f\u00fcr ein Fach benutzt, das in Gro\u00dfbritannien als <em>Social Anthropology<\/em> und in der in dieser Wissenschaft international f\u00fchrenden Nation, den USA, als <em>Cultural Anthropology<\/em> bezeichnet wird. Beide F\u00e4cher wenden sich jedoch in der Forschungspraxis demselben Gegenstand wie die Ethnologie zu, n\u00e4mlich der kulturellen Pr\u00e4gung des Gesellschaftlichen. Wollte man sich ernsthaft internationalisieren, m\u00fcsste man sich terminologisch entweder an die Leitnation anlehnen und das Fach in <em>Cultural Anthropology<\/em> umbenennen, so wie das auf der DGV-Tagung 1977 in B\u00fcdingen vorgeschlagen wurde (auch damals \u00fcbrigens mit der Absicht, Anschluss an die US-amerikanische Disziplin zu finden). Oder aber man verwendete eine inhaltlich korrekte Form: <em>Cultural and Social Anthropology<\/em> (auf Englisch). Genau f\u00fcr diesen Sachverhalt gibt es in Deutschland aber bereits eine altbew\u00e4hrte und eigene Bezeichnung, die sich ihrer selbst nicht sch\u00e4men muss und sich nicht der imperialistisch verflochtenen US-amerikanischen <em>Cultural Anthropology<\/em> und der im Kolonialismus verwurzelten britischen <em>Social Anthropology<\/em> anzudienen versucht: Ethnologie. Sie merken an meiner Wortwahl hoffentlich die Ironie: nat\u00fcrlich waren und sind die meisten <em>Cultural Anthropologists<\/em> und <em>Social Anthropologists<\/em> weder Imperialisten noch Kolonialisten \u2013 genausowenig wie die allermeisten Ethnologen. Die aber werden auf der DGV-Tagung 2017 <em>in toto<\/em> abgewatscht, weil sie vermeintlich B\u00f6ses im Schilde f\u00fchren.<\/p>\n<p>Im Zuge der Anbiederungen an eine vermeintlich globalisierte und damit entkulturalisierte Wissenskultur (die aber in Wahrheit sehr wohl kulturell, n\u00e4mlich anglonormativ gepr\u00e4gt ist), orientiert man sich in der Gegenwart deshalb hierzulande lieber mehr und mehr an der dortigen Begrifflichkeit der <em>anthropology<\/em> und \u00fcbersetzt dies dann als <em>Anthropologie<\/em> ins Deutsche \u2013 so als g\u00e4be es in unserer Sprache keine bereits bestehenden, spezifisch konnotierten Bedeutungen des Anthropologiebegriffes.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man <em>Social Anthropology<\/em> nicht w\u00f6rtlich, sondern aus der Arbeitspraxis heraus \u00fcbersetzen, dann hie\u00dfe sie nicht <em>Sozialanthropologie<\/em>, sondern<em> Ethnologie<\/em>. Dies zeigte sich z.B. deutlich, als die <em>Professur f\u00fcr Sozialanthropologie<\/em> an der RUB 2004 ausgeschrieben wurde: die Fakult\u00e4t lud ausschlie\u00dflich Bewerber aus der <em>Ethnologie<\/em> ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es auch<strong> epistemologische Gr\u00fcnde<\/strong>, um sich der Bezeichnung \u201eSozial- und Kulturanthropologie\u201c zu verweigern. In der US-Tradition setzt sich das Fach <em>Anthropology <\/em>aus den vier Feldern <em>Linguistics, Archaeology, Cultural Anthropology<\/em> und <em>Physical Anthropology<\/em> zusammen. Im Deutschen jedoch besitzt \u201eAnthropologie\u201c eine ganz andere Bedeutung: es bezeichnet keine einheitliche Disziplin, sondern ist vielmehr Zusatz f\u00fcr verschiedene F\u00e4cher, die sich <em>dem<\/em> Wesen <em>des <\/em>Menschen zuwenden \u2013 und zwar zumeist unabh\u00e4ngig von seiner spezifischen kulturellen Pr\u00e4gung (wie etwa in der p\u00e4dagogischen, der psychologischen oder der philosophischen Anthropologie). Fast alle Vertreterinnen der amerikanischen <em>Cultural Anthropology<\/em>, der britischen <em>Social Anthropology<\/em> und deutschen Ethnologien wenden sich aber in erster Linie den kulturspezifischen Formen der (in erster Linie gesellschaftlichen) Daseinsbew\u00e4ltigung zu, das Interesse sowohl an physischer Anthropologie, Arch\u00e4ologie und <em>dem<\/em> Wesen <em>des <\/em>Menschen ist dem ganz klar nachgelagert. Letzteres h\u00e4ngt \u00fcbrigens von den Ontologien ab, die den verschiedenen Kulturen der Welt zu Grunde liegen, ist damit also selbst nur vor einer kulturellen Folie zu verstehen. Denn ist <em>anthropos<\/em> \u2013 der Mensch \u2013 alleiniger Erkenntnisgegenstand in einer Ontologie, in der beispielsweise Wesenheiten wie Naturerscheinungen und Geister einen Personencharakter besitzen, den sie mit <em>homo sapiens<\/em> teilen? Mit der sprachlichen Fixierung auf \u201e<em>anthropos<\/em>\u201c entwerten wir genau jene Gruppen (\u201e<em>ethnoi<\/em>\u201c), \u00fcber deren Kosmologien wir als Einzige \u00fcberhaupt forschen.<\/p>\n<p>Eine weitere Gemeinsamkeit der <em>Ethnologie<\/em> mit allen anderen internationalen <em>anthropologies<\/em>, also auch der britischen <em>Social Anthropology<\/em> und der amerikanischen <em>Cultural Anthropology<\/em>, besteht in einer gemeinsamen und eindeutigen Schwerpunktsetzung: diese liegt ganz klar in der Erarbeitung tiefer Kenntnisse \u00fcber konkrete Lebenszusammenh\u00e4nge (sie ist also ethnologisch); auf dieser Grundlage werden Kulturvergleiche angestellt und in induktiver Weise Beitr\u00e4ge zur Theoriebildung geleistet. Das Aufstellen von Theorien \u00fcber <em>das Wesen des Menschen<\/em> (also das anthropologische Moment) ist dem in der Arbeitspraxis der meisten Fachvertreter ganz klar nachgelagert (womit ich in keinster Weise etwa die Arbeiten des Kollegen Antweiler kritisieren m\u00f6chte, die ich immer f\u00fcr wichtig, sinnvoll und extrem anregend empfinde). Man kehrt heute diese Beziehung zwischen Empirie und <em>Theoriebildung<\/em> in der Praxis um, wenn die Arbeit mit dem Begriffszusatz <em>\u201eanthropologi<\/em>e\u201c versehen wird. Bei solchen Umbenennungen handelt es sich um terminologische Kosmetik, denn in der wissenschaftlichen Praxis steht auch bei den \u201eneuen\u201c Sozialanthropologen (die gar nichts mit der biologischen Vergangenheit zu tun haben) die Erforschung konkreter Lebenszusammenh\u00e4nge im Vordergrund, das (und somit anthropologisch zu nennende) Interesse am Wesen <em>des<\/em> Menschen ist auch hier eindeutig nachgelagert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es fr\u00f6stelt mich. Ich bin alt geworden und offensichtlich ein Relikt vergangener Zeiten. Wer h\u00e4tte das gedacht. Es ist kalt geworden in unserem Land. Diskreditierte Begriffe kehren zur\u00fcck, erobern unseren Alltag, dringen in Nischen ein, aus denen sie ihre Wirkung subkutan entfalten, aus denen sie unser Denken lenken. Im Moment stehen die Spieglungen des Eigenen im Vordergrund, es geht nach rechts. Hoffen wir, dass sich das bald wieder \u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong><img decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-106\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/2014-01-26-Cafe-Makina-3-225x300.jpg\" alt=\" width=\" height=\"240\" \/>Dieter Haller<\/strong>\u00a0lehrte Ethnologie an der New School for Social Research in New York und an der University of Texas (Austin) und unterrichtet seit 2005 als Professor an der Ruhr Universit\u00e4t Bochum. Er war Mitbegr\u00fcnder des Bochumer Zentrums f\u00fcr Mittelmeerforschung. Er ist Autor einer Einf\u00fchrung in die Ethnologie, einer bundesdeutschen Fachgeschichte und mehrerer Monographien \u00fcber seine Feldforschungen in Sevilla (1980er), Gibraltar (1990er), Texas (2000er) und Tanger (2010er).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliographische Angaben<\/strong><\/p>\n<p><strong>Haller, Dieter 2012<\/strong> <em>Die Suche nach dem Fremden. Geschichte der Ethnologie in der Bundesrepublik 1945-1990.<\/em> Frankfurt\/Main: Campus.<\/p>\n<p>Heberer, Gerhard\/Kurth, Gottfried\/Schwidetzky-Roesing, Ilse 1959 <em>Das Fischer Lexikon \u2013 Anthropologie<\/em>. Frankfurt\/Main: Fischer.<\/p>\n<p>Herbert, Ulrich 2010 Der deutsche Professor im Dritten Reich. Vier biographische Skizzen, in: Karin Orth \/ Willi Oberkrome (Hg.) <em>Die DFG 1920-1970. Forschungsf\u00f6rderung im Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik<\/em>. Stuttgart, pg. 483-503.<\/p>\n<p>Howell, Signe\u00a0 2017 Two or three things I love about ethnography, <em>HAU: Journal of Ethnographic Theory<\/em> 7, no. 1 (Spring 2017): 15-20.<\/p>\n<p>Sigrist, Christian 1995 Sozialanthropologie, in: Joachim Ritter\/Karlfried Gr\u00fcnder (Hg.) <em>Historisches W\u00f6rterbuch der Philosophie<\/em>, Bd. IX, pg. 1122-1126<\/p>\n<p>Westphal-Hellbusch, Sigrid 1959 The Present Situation of Ethnological Research in Germany, <em>American Anthropologist<\/em> 61, pg. 848-865<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":1578,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[134],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1577","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-dieter-haller"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3142,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1577\/revisions\/3142"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1577"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}