{"id":1576,"date":"2018-04-10T00:00:00","date_gmt":"2018-04-09T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/whatsinaname\/ethnologie-eine-begriffsfalle\/"},"modified":"2019-09-23T17:17:29","modified_gmt":"2019-09-23T15:17:29","slug":"ethnologie-eine-begriffsfalle","status":"publish","type":"whatsinaname","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/whatsinaname\/ethnologie-eine-begriffsfalle\/","title":{"rendered":"Ethnologie \u2013 eine Begriffsfalle"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1576?pdf=1576\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1576?pdf=1576\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Als ich h\u00f6rte, dass\u00a0 der Vorsto\u00df einer Namens\u00e4nderung der Disziplin von &#8222;V\u00f6lkerkunde&#8220; in &#8222;Ethnologie&#8220; abgelehnt und statt dessen die Umbenennung in &#8222;Sozial- und Kulturanthropologie&#8220; beschlossen wurde, war ich mehr als erleichtert. Zum einen war mir der Umbenennungsvorschlag in Ethnologie schon deshalb als absurd erschienen, weil man den Begriff des &#8222;Volkes&#8220; (nur eben als Fremdwort) weiter als Bezeichnung des Fachgegenstandes f\u00fchren wollte. Dies deckt sich aber keineswegs mehr mit dem, was inhaltlich in dem Fach passiert. An den meisten Instituten und Lehrst\u00fchle wird das Fach als Wissenschaft von der kulturellen und sozialen Formung des Menschen gelehrt \u2013 mit anderen Worten: als Sozial- und Kulturanthropologie.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Problematisch am Begriff der Ethnologie ist ja zun\u00e4chst, dass der Hypostasierung des Begriffs &#8222;Ethnos&#8220; Vorschub geleistet wird. Mir ist durchaus bewusst, dass die Mehrheit der Fachvertreter dies ablehnt und einen konstruktivistischen Begriff des Ethnos bejaht &#8211; also Fremd- und Selbstethnisierungsprozesse analysiert (auch wenn der ontological turn hier m\u00f6glicherweise eine erneute Wende einleitet). Dennoch entfaltet die Fachbezeichnung als solche eine performative Wirkung: Schlie\u00dflich benennt sie einen Gegenstand, der zu erforschen ist.\u00a0Und dies setzt\u00a0 sich immer wieder\u00a0 durch &#8211; wie der sprichw\u00f6rtliche Wasserfleck auf der Wand, den man vergeblich zu \u00fcbert\u00fcnchen sucht.<\/p>\n<p>Das hatte gerade auf meinem Arbeitsgebiet, der Migrationsforschung, weitgehende Implikationen. Die erste und folgenreichste ist nach wie vor, dass das im Begriff Ethnos mitschwingende\u00a0 Ordnungsprinzip der Identifikation von sozialer Gruppe, Raum und Kultur sich nach wie vor in der regionalen Ausrichtung unserer Institute wiederspiegelt (wenn auch in der verallgemeinerten Form der Kulturr\u00e4ume).\u00a0Dies erschwert es effektiv transnationale Ph\u00e4nomene systematisch zu analysieren und f\u00fchrte dazu, dass die Ethnologie sich effektiv aus der Migrationsforschung verabschiedete. Da die regionale Ausrichtung sich in der Besetzungspolitik niederschl\u00e4gt, setzt sich ein Anthropologe, der seine Habilitation auf Forschungen zu Ghanaischen Migranten in der T\u00fcrkei gr\u00fcndet systematisch zwischen die St\u00fchle. Er\/Sie wird weder f\u00fcr einen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt Afrika noch f\u00fcr einen mit dem Schwerpunkt &#8222;Vorderer Orient&#8220; berufbar sein. Die Folge ist, dass in der Ethnologie die Migrationsforschung zwar noch in studentischen Lehrforschungsprojekte eine Rolle spielt; jede_r ambitionierte_r Nachwuchswissenschaftler_in aber gut beraten ist, sp\u00e4testens bei der Promotion die Untersuchung von Migrationsprozessen bleiben zu lassen.\u00a0Ich selbst konnte mich nur mit Aussichten auf Erfolg auf einen Ein-Personen-Lehrstuhl an einer Kulturwissenschaftlichen Fakult\u00e4t bewerben, der eben nicht regional ausgerichtet war. In die von der Ethnologie ge\u00f6ffnete L\u00fccke stie\u00dft die Europ\u00e4ische Ethnologie (also die gewandelte Volkskunde) vor &#8211; und konnte dies, weil sie die Einwanderung nach Europa analysiert. Die transkontinentale Migration (etwa von Indien in die Golfstaaten; von Afrikanern in die T\u00fcrkei oder nach China) blieb ein Au\u00dfenseiterthema.<\/p>\n<p>Der von dem Begriff mitgeschleppte Ballast f\u00fchrte auch zu problematischen Weichenstellungen in der Migrationsforschung selbst. Allzu oft bestand der Beitrag der &#8222;Ethnologen&#8220; in der Erstellung von <em>ethnic community studies<\/em>. Damit wurde, wie Gerd Baumann \u00fcberzeugend gezeigt hat, das den Alltag und die Lebenswelt bestimmende komplexe Netz zwischen Angeh\u00f6rigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen ausgeblendet. Schlimmer noch: Das Festhalten an der Gleichsetzung von ethnischer Gruppe,\u00a0 Kultur und Identit\u00e4t, das \u00a0auch die <em>ethnic community studies<\/em> mit sich schleppten, unterst\u00fctzte Alterisierungs- und damit Ab- und Ausgrenzungsprozesse. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Es kommt dazu, dass die Fachbezeichnung auch ein Signal nach Au\u00dfen setzt. Immer wieder wird in interdisziplin\u00e4ren Arbeitszusammenh\u00e4ngen die Erwartung an die &#8222;Ethnologen&#8220; herangetragen, den &#8222;Faktor ethnische Kultur&#8220; zu untersuchen und zu erkl\u00e4ren welche kollektiven Werthaltungen etwa Modernisierungsprozessen im Wege stehen oder Radikalisierungsprozesse f\u00f6rdern. Nicht, dass die Bezeichnung Kultur- und Sozialanthropologie vor diesen Ansinnen sch\u00fctzen w\u00fcrde \u2013 aber in Frankfurt\/Oder konnten wir uns wenigstens auf sie berufen um zu erkl\u00e4ren, dass es uns um die Analyse von Verwaltungen, Unternehmen oder Migrationsprozessen ging.<\/p>\n<p>Es\u00a0stimmt nat\u00fcrlich, dass wir uns untereinander \u2013 wie in der Auseinandersetzung um die Fachbezeichnung auch schon festgestellt \u2013 gegenseitig oft als &#8222;Ethnologen&#8220; ansprechen. Dabei spielt unsere Fachgeschichte (und damit unsere Lesebiographien) als Auseinandersetzung mit den au\u00dfereurop\u00e4ischen Ethnien eine Rolle. In ihr wurden die wesentlichen begrifflichen und methodischen Werkzeuge entwickelt, die heute unser Kennzeichen sind: Die intensive Feldforschung und die anthropologische Deutungskunst (ich tendiere die Abfolge der theoretischen Ans\u00e4tze &#8211; Diffusionismus, Funktionalismus, Struktur-Funktionalismus, Strukturalismus, Symbolische Anthropologie, marxistische Anthropologie, Writing Culture \u2013 weniger unter dem Ansatz einer fortschreitenden Wissenschaftsentwicklung zu sehen, als unter dem der Ausdifferenzierung einer Kunstlehre der Interpretation). Wenn wir uns auf diesem Hintergrund als &#8222;Ethnologen&#8220; ansprechen, dann in dem Wissen, dass wir dies in Anf\u00fchrungszeichen tun, n\u00e4mlich als Wissenschaftler die nicht mehr \u00fcber Ethnien forschen, sondern \u00fcber B\u00fcrokratien, Unternehmen, Polizeiapparate, Migrationsprozesse etc. \u2013 aber dies mit unseren spezifischen Zug\u00e4ngen. Dies erkl\u00e4rt auch, warum wir das Wort &#8222;Ethnographie&#8220; auch weiter gerne in Untertiteln verwenden. Wenn wir &#8222;Ethnographien&#8220; des Labors, des Innenministeriums oder der Islamischen Gemeinde Milli G\u00f6r\u00fc\u015f vorlegen, dann ergibt sich von selbst, dass wir den Begriff &#8222;Ethnographie&#8220; metaphorisch verwenden.<\/p>\n<p>Noch ein Wort zur Fachgeschichte: Ja \u2013 alle Bezeichnungen sind problematisch. Und ich glaube auch nicht, dass uns die Doppelung Sozial-und Kulturanthropologie aus dem Dilemma rettet. Wir m\u00fcssen uns dem schwierigen Erbe reflexiv zuwenden und den kolonialistischen, rassistischen und nationalsozialistischen Hintergrund unserer Disziplin aufarbeiten. Es w\u00e4re aber heillos, hier zu gewichten und eine Hierarchie der Schuld aufzumachen. Da nun alle Fachbezeichnungen problematisch sind, sollten wir die bitter notwendige Reflexion von der Frage der Selbstbezeichnung abkoppeln &#8211; und hier die Bezeichnung w\u00e4hlen, die am wenigsten missverst\u00e4ndlich in Bezug auf den Gegenstand ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Werner Schiffauer<\/strong> ist Prof. emeritus und gegenw\u00e4rtig Mercator Senior Fellow. Er war bis 2017 Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina Frankfurt (Oder). Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Fragen der multikulturellen Gesellschaft, Entwicklungen im Europ\u00e4ischen Islam und die Anthropologie von Staatsapparaten. Er ist Vorsitzender des Rats f\u00fcr Migration. <\/em><\/p>\n<p><em>Zuletzt ist von ihm erschienen:<\/em><\/p>\n<p><em>Nach dem Islamismus. Die Islamische Gemeinde Milli G\u00f6r\u00fc\u015f. Eine Ethnographie. Berlin Suhrkamp. 2010<\/em><\/p>\n<p><em>Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention. Berlin. Suhrkamp. 2015<\/em><\/p>\n<p><em>(zusammen mit Anne Eilert und Marlene Rudloff) So schaffen wir das. Eine Zivilgesellschaft im Aufbruch. 90 Projekte. Bielefeld. Transcript. 2017<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>\u2013\u2013\u2013\u2013<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Baumann, G. (1996). <u>Contesting Culture. Discourses of Identity in Multi-ethnic London<\/u>. Cambridge, Cambridge University Press.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[135],"whatsinaname_category":[],"class_list":["post-1576","whatsinaname","type-whatsinaname","status-publish","hentry","autor-werner-schiffauer"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1576","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/whatsinaname"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1576\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1828,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname\/1576\/revisions\/1828"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1576"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1576"},{"taxonomy":"whatsinaname_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/whatsinaname_category?post=1576"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}