{"id":1652,"date":"2019-02-05T00:00:00","date_gmt":"2019-02-04T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/warumethnologie\/schrecklich-interessant-aber-in-zukunft-ohne-mich\/"},"modified":"2019-09-23T17:43:43","modified_gmt":"2019-09-23T15:43:43","slug":"schrecklich-interessant-aber-in-zukunft-ohne-mich","status":"publish","type":"warumethnologie","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/warumethnologie\/schrecklich-interessant-aber-in-zukunft-ohne-mich\/","title":{"rendered":"Schrecklich interessant \u2013 Aber in Zukunft ohne mich"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1652?pdf=1652\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1652?pdf=1652\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n\r\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Abschied von der akademischen Ethnologie <\/h2>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Heute ist Montag der 14 Januar 2019, ich liege auf dem Sofa und versuche die Zeit zwischen dem Bewerben um Stellen f\u00fcr frische Absolventen totzuschlagen. Ich denke dar\u00fcber nach, was ich alles in meinem im November 2019 abgeschlossenem Studium der Ethnologie an den Universit\u00e4ten in Frankfurt und Mainz alles erlebt, gesehen und getan habe. Ich falle in einen Zustand tiefer Versenkung, um alles noch einmal im Tagtraum Revue passieren zu lassen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><!--more--><\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich bin jahrelang kasernenartige Flure entlanggelaufen, um das richtige B\u00fcro zu finden. W\u00e4hrend ich Modulpr\u00fcfungen anerkennen lassen wollte, fehlte der richtige Institutsstempel. Bis ich den richtigen Stempel auf der Unterschrift des Professors hatte, musste ich durch Frankfurt reisen. Ich habe im Schnitt t\u00e4glich 200 Studenten beim kollektiven G\u00e4hnen zugeschaut. Ich habe im Vorlesungssaal aufwachen k\u00f6nnen, ohne vom Sonnenaufgang Notiz zu nehmen. Ich habe Kommilitonen von hinten dabei zugesehen, wie sie \u2013 vor Langeweile \u2013 im Internet surften, bei Amazon einkauften oder Pornos guckten. Die Lust zu lernen kann ja mit einem Ersatz befriedigt werden. Andere sa\u00dfen da wie ein kaltes St\u00fcck Materie und warteten darauf ins Freie zu diffundieren, sie wechselten vermutlich den Studiengang nach drei Semestern Wartezeit.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich habe festgestellt, dass es mindestens 50 geschlechtsunspezifische Flip-Flops gibt. Gleiches gilt f\u00fcr Sandalen. In der Not gingen meine Kommilitonen<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> auch barfu\u00df in die Universit\u00e4t. Der Monumentalarchitektur des Campus Westend in Frankfurt, wurde die \u00c4sthetik der gebatikten second-hand Uniform mitsamt Dreadlocks und der Odem von Kaffee und anderen Psychoaktiva entgegengesetzt. Ich habe erwachsene deutsche Studenten (mit Abitur und Wahlrecht) geh\u00f6rt, die wissen wollten, wie man an der Universit\u00e4t Ethnologie studiert, ohne eine Hausarbeit schreiben zu m\u00fcssen. Ob Feldforschung im Freien stattfindet und ob die Dozenten auch abends noch telefonisch zu erreichen w\u00e4ren.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich habe die atlantische K\u00fcste Ghanas gesehen. Ich habe gesehen, wie blinde Menschen ihren Weg in der ghanaischen Gesellschaft, wie sie ihn durch die Stra\u00dfen Accras meistern und mir lachend davon erz\u00e4hlten. Ich habe viele stimulierende Speisen gegessen wie Jollof Rice, ungesalzene oder unges\u00fc\u00dfte Bananenchips und Kenkey. Kenkey mit Currywurst \u2013 ein Sinnbild kulinarischer Globalisierung. Ich habe ghanaischen Erfindergeist bei Stromausf\u00e4llen erlebt. Ich habe in Ghana mehr Chinesen gesehen, als in meinem ganzen Leben davor und es war immer ein Ghanaer, der ihnen folgte, nie umgekehrt. Ich habe die Wirtschaftskraft Ghanas im Kleinen gesehen \u2013 und mit politischem Geschick steht ihr eine noch erfolgreichere Zukunft bevor.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Ich habe beim Schach gegen deutlich j\u00fcngere und attraktivere Kommilitonen verloren. Ich habe eine Professur neu mitbesetzt. Ich habe an der Entwicklung eines Studiengangs mitgewirkt. Ich habe Professoren in den Ruhestand verabschiedet. Ich habe mich mit Dozenten \u00fcber die maximale Teilnehmerzahl von Seminaren heftig gestritten. Ich habe mit Dozenten, Absolventen, Alumni und Kommilitonen Rituale im Keller des I. G.-Farben-Haus durchgef\u00fchrt, die Erw\u00e4hnung in der Lokalpresse finden. Ich habe meinen Nagel in den Fetisch geschlagen. Ich habe Menschen willkommen gehei\u00dfen und Abschiede gefeiert. Ich habe Freund- und Feindschaften f\u00fcrs Leben geschlossen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Beginnen wir noch einmal von vorn und dieses Mal bem\u00fche ich mich um Genauigkeit:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Vom 01.10.2011 bis zum 22.11.2018 studierte ich Ethnologie zun\u00e4chst in Frankfurt am Main im Bachelorstudiengang und sp\u00e4ter in Mainz im Masterstudiengang, den ich Ende letzten Jahres abschloss. Es gibt keine Institute in Deutschland, in denen Ethnologie gelehrt wird, die so nah beieinander liegen, wie das Mainzer und das Frankfurter Institut. An dieser Stelle lie\u00dfe sich annehmen, dass der Zusammenschluss der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t, der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt und der Technischen Universit\u00e4t Darmstadt zu Rhein-Main Universit\u00e4ten auf einen gleichartigen Zuschnitt des Ethnologiestudiums deutet. Nichts k\u00f6nnte ferner der Wahrheit liegen. Auch wenn die europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten mit dem Fortschreiten des Bologna-Prozesses dazu gezwungen waren, ihre Studieng\u00e4nge vergleichbarer und damit verwechselbarer zu machen. So war es Aufgabe der Institute ihre Studieng\u00e4nge trotz der \u00e4u\u00dferen Zw\u00e4nge durch die Bologna-Reform studierbar und interessant zu gestalten. Dies \u00e4u\u00dfert sich vor allem in den gelehrten Inhalten der beiden Institute f\u00fcr Ethnologie. W\u00e4hrend ich \u00fcber Jahre hinweg damit besch\u00e4ftigt war f\u00fcr Plakate, Referate, Handouts, Moderationen, Ausstellungen und Gruppenaufgaben <em>Credit Points<\/em> zu sammeln, konnte ich im Rahmen meiner Arbeit in beiden Fachschaften einen tieferen Einblick in die Strukturen einer Universit\u00e4t gewinnen. Durch das fachschaftliche Engagement sind mir auch viele Kommilitonen begegnet, die vieles an ihren Studienbedingungen auszusetzen hatten. Gleichzeitig waren sie nur minimal bis gar nicht dazu bereit auch nur ansatzweise etwas daf\u00fcr zu tun, um die Bedingungen zu verbessern. Ihnen ist dieser Text unter anderen gewidmet.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jeder Ethnologiestudent geh\u00f6rt mit seiner Immatrikulation automatisch der Fachschaft seines Faches an. Mehrere Fachschaften von F\u00e4chern mit \u00fcberschneidenden Interessen schlie\u00dfen sich manchmal zusammen. Witzigerweise hat sich im Verlauf der Jahre die umgangssprachliche Regelung durchgesetzt, dass das gew\u00e4hlte Gremium, welches Fachschaften in den anderen Gremien der Universit\u00e4t vertritt, die Fachschaft sei. So entstehen erste Irrt\u00fcmer. In Frankfurt waren Fachschaftsr\u00e4te \u00fcber die F\u00e4chergrenzen hinaus organisiert, gew\u00e4hlt und kommunizierten Informationen zwischen den Fachschaften. In Mainz hatte jede Fachschaft einen eigens gew\u00e4hlten Fachschaftsrat, dem ich einige Semester angeh\u00f6rte. In Frankfurt hatte dieses Gremium keinen Namen, bis auf die w\u00f6chentlichen Fachschaftstreffen, wo jeder Student der Ethnologie dazu aufgerufen und eingeladen war hinzukommen und in seinem Rahmen mitzuwirken. Es war f\u00fcr mich immer deprimierend mitanzusehen, wie an einem Institut, dass zwischenzeitlich (im akademischen Jahr 2012\/2013) \u00fcber eintausendf\u00fcnfhundert<a href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Studierende zu bew\u00e4ltigen hatte, sich maximal 15 Personen daraus, also etwa ein Prozent im Fachschaftsraum einfanden. Und das an guten Tagen. Denn die Fachschaftstreffen waren ein freiwilliges Gremium in Frankfurt. Niemand war dazu gezwungen mitzuwirken, aber jeder war gern willkommen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u00dcblicherweise geben Fachschaften Einf\u00fchrungen f\u00fcr Erstsemester. Sie sammeln Vorlesungen, vergangene Klausuren<a href=\"#_ftn3\">[3]<\/a>, organisieren Fachschaftspartys, Exkursionen, helfen j\u00fcngeren und unerfahrenen Kommilitonen beim Einstieg ins Studium oder vermitteln in Konfliktf\u00e4llen mit den Lehrenden. Einige Fachschaften organisieren sogar Tutorien, geben Zeitungen heraus und treten fachbezogen, als politische Fachschaft auf<a href=\"#_ftn4\">[4]<\/a>. Fachschaften unternehmen dar\u00fcber hinaus noch viel mehr, als ich hier in der knackigen K\u00fcrze eines Blogeintrags aufz\u00e4hlen kann, denn sie definieren ihre Schwerpunkte selbst. Gewiss ist: Die Qualit\u00e4t der Arbeit einer Fachschaft h\u00e4ngt von der Zahl und der Aktivit\u00e4t ihrer Mitglieder ab. Und hier gelangen wir bereits an einen Punkt wo f\u00fcr mich zu einem bestimmten Augenblick ein Ende erreicht war.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Sp\u00e4testens als ich 2017 als Masterstudent mit zwei Bachelorkommilitoninnen helfend an meiner Seite eine Erstsemestereinf\u00fchrung geben sollte \u00fcber ein Bachelorstudium, dass ich noch nicht mal in Mainz absolviert hatte, wusste ich: Es ist Zeit loszulassen. In insgesamt sechs Semestern Fachschaftsarbeit (jeweils drei in Frankfurt und drei in Mainz) habe ich mich an den hohen Erwartungen, an der Indolenz und an den gleichzeitig immer gr\u00f6\u00dfer gewordenen \u00c4ngsten meiner Kommilitonen abgearbeitet: <em>I\u2019ve had enough. <\/em>Ich habe mich an studentischen Belangen lang genug abgearbeitet und m\u00f6chte jetzt nach meinem Abschluss den Weg ins Berufsleben finden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Der Weg in die Wissenschaft \u00fcber die Promotion scheint mir die falsche Wahl zu sein. Als Gr\u00fcnde kann ich hier viele anf\u00fchren, welche die meisten Leser dieses Blogs sicher kennen, daher nur eine Auswahl: schlechte Bezahlung, Missverh\u00e4ltnis zwischen geleisteten und bezahlten Arbeitsstunden (Promotion wird zum \u201eHobby f\u00fcrs Wochenende\u201c), Dauerbefristung nach der Promotion bis das magische Ende von zw\u00f6lf Jahren Befristung erreicht ist. Wer bis dahin nicht Professor geworden ist, hat nach der aktuellen Gesetzeslage Pech gehabt und darf sein Dasein in Lehrauftr\u00e4gen fristen. Au\u00dferdem wird es realistisch gesehen niemals so viele Professorenstellen geben, um alle Anw\u00e4rter aufzufangen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In meinen Augen wird der wissenschaftliche Nachwuchs in Deutschland ausgebeutet. Daran m\u00f6chte ich nicht teilhaben. Damit wir uns richtig verstehen: Ich mochte meinen Studiengang, aber eine wissenschaftliche Karriere innerhalb des Faches Ethnologie ist nicht nur m\u00fchselig, kostspielig und ausbeuterisch. Es besteht f\u00fcr alle das Risiko in der oben genannten Lehrauftragsschleife zu landen. Und so lange sich nichts \u2013 grunds\u00e4tzlich<a href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> \u2013 an der Art und Weise wie Stellen des Mittelbaus befristet werden, \u00e4ndert, so lange kann ich mit meinem Abschluss an der Universit\u00e4t als wissenschaftlicher Mitarbeiter nicht stattfinden. Die Unsicherheit(en) einer wissenschaftlichen Karriere und die Ausbeutung des wissenschaftlichen Nachwuchses sind kein Ph\u00e4nomen der letzten Jahrzehnte. Schon Max Weber hielt in seinem Vortrag \u00fcber \u201eWissenschaft als Beruf\u201c vor \u00fcber 100 Jahren fest:<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>\u201eDenn es ist au\u00dferordentlich gewagt f\u00fcr einen jungen Gelehrten, der keinerlei Verm\u00f6gen hat, \u00fcberhaupt den Bedingungen der akademischen Laufbahn sich auszusetzen. Er mu\u00df es mindestens eine Anzahl Jahre aushalten k\u00f6nnen, ohne irgendwie zu wissen, ob er nachher die Chancen hat, einzur\u00fccken in eine Stellung, die f\u00fcr den Unterhalt ausreicht.\u201c (Weber 1985 [1922]: 582)<a href=\"#_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>In den hundert Jahren seit Webers Vortrag ist diesbez\u00fcglich wenig ver\u00e4ndert worden und wenn dann eher zum Schlechteren. Dieses Wagnis m\u00f6chte ich nicht eingehen und ziehe es deshalb vor meinen Weg auf dem Arbeitsmarkt au\u00dferhalb der Universit\u00e4t zu suchen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Mit dem Masterabschluss in Ethnologie bin ich nun in der ersten Phase der <em>rites de passage<\/em> der Ethnologen eingetreten. Ich habe damit begonnen mich von meiner akademischen Dom\u00e4ne zu l\u00f6sen. Diese Abl\u00f6sung begann schon eine Weile vor der Pr\u00fcfungsfrist der Masterarbeit. Es waren Momente tief empfundenen Widerstands und Ablehnung gegen\u00fcber universit\u00e4ren Strukturen (hiermit sind vor allem die darin enthaltenen studentischen Gremien gemeint, vor allem in ihren dysfunktionalen Momenten) und deren Wege der Entscheidungsfindung. Ein einfaches Beispiel hierf\u00fcr ist die professorale Mehrheit. Universit\u00e4re Gremien bestehen heutzutage aus Statusgruppen. Darunter gibt es die Gruppen der Studenten, der wissenschaftlichen Mitarbeiter und vereinzelt auch das administrative oder technische Personal. Egal wie die Stimmenverteilung dieser Gremien gestaltet ist, seit 1973 ist die professorale Mehrheit in den Gremien der akademischen Verwaltung vorgeschrieben. Wie auch immer eine Entscheidung gef\u00e4llt wird. Das war, ist und bleibt wohl eines der vielen zutiefst undemokratischen Elemente, welches die Organisation universit\u00e4rer Gremien mitbestimmt. Ich erwarte nicht, dass die Professoren diesbez\u00fcglich ihre Macht einfach aufgeben. Ich rechne langfristig damit, dass die Universit\u00e4ten dieses Problem erkennen, begreifen und daraufhin die Strukturen ver\u00e4ndern werden. Damit soll nicht gesagt sein, dass Professoren ihren Stimmenvorteil permanent gegen\u00fcber ihren Studenten ausnutzen, aber es kommt hin und wieder vor und das m\u00fcsste eigentlich nicht sein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Was bleibt? Was bleibt ist eine Mischung eines tief empfundenen Gef\u00fchls der Frustration, dass ich in meiner Rolle als Student nicht mehr Studenten zu mehr Aktivit\u00e4ten bewegen konnte<a href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> und das Gef\u00fchl einer Zufriedenheit, die sich sehr langsam und z\u00f6gerlich nach meinem Abschluss einstellt. Diese Zufriedenheit f\u00fchre ich auf das Studium der Ethnologie selbst zur\u00fcck, auf die Inhalte und erworbenen F\u00e4higkeiten, nicht auf die umgebenden universit\u00e4ren Strukturen, von denen bisher im Text die Rede war. Mit zwei Abschl\u00fcssen in Ethnologie habe ich einige existenzielle Erfahrungen gemacht und F\u00e4higkeiten erworben, die mir so schnell nicht mehr genommen werden k\u00f6nnen. Nehmen wir uns ein Bespiel heraus: Viele von uns empfinden die Feldforschungserfahrung, die sie w\u00e4hrend ihres Studiums gemacht haben, als gew\u00f6hnlich und vorherbestimmt, da sie im Curriculum vorgeschrieben ist. Wenn man sich nur mit Ethnologen und Ethnologiestudenten umgibt, kann die Feldforschungserfahrung durch die Tatsache, dass man mit vielen Menschen Kontakt hat, die eine \u00e4hnliche Erfahrung gemacht haben, trivialisiert werden. Nur: nichts daran ist trivial. Wie viele Wissenschaften k\u00f6nnen eigentlich von sich behaupten ihre Absolventen so intensiv auf ihre Forschungspraxis vorzubereiten<a href=\"#_ftn8\">[8]<\/a>, dass sie wortw\u00f6rtlich sich in der Fremde wiederfinden und bei 0 anfangen m\u00fcssen. Alles in der Theorie erworbenes Wissen mag f\u00fcr die eigene wissenschaftliche Arbeit eine kleine Rolle spielen, aber es gilt zun\u00e4chst sich im Feld zurecht zu finden. Es geht hier nicht darum die Feldforschungserfahrung als eine existenzielle Ersch\u00fctterung zu zeichnen (wobei das bei einigen wenigen vielleicht der Fall sein mag), sondern darum darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um eine einfache Auslandserfahrung handelt. Es ist eine neu erworbene F\u00e4higkeit sich in ungewohnter Umgebung zurechtfinden zu k\u00f6nnen. Mit den begleitenden Faktoren Sprache, Gestus und Habitus. Nicht zu vergessen den sp\u00e4teren Folgen nach der R\u00fcckkehr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Jedem Nichtethnologen, dem ich von dieser Feldforschungserfahrung erz\u00e4hlt habe, wie ich mit blinden Ghanaern Gespr\u00e4che \u00fcber ihre Diskriminierungserfahrungen f\u00fchrte, konnte mir im ersten Moment gar nicht glauben, dass ich so ein Vorhaben in der Vorbereitung, Durchf\u00fchrung und Nachbereitung selbst organisieren konnte. Dies fand unter professoraler Anleitung statt, was die Fragen der Wissenschaft anbelangt, aber dar\u00fcber hinaus gab es unz\u00e4hlige Ratschl\u00e4ge von Professoren, Mitarbeitern, Doktoranden und Kommilitonen. Ihnen sei an dieser Stelle von Herzen gedankt.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Schaue ich auf die Beitr\u00e4ge zur\u00fcck, die auf diesem Blog erschienen sind, so wollen Studenten Ethnologie wie eine Psychologie einsetzen, um Denk- und Verhaltensmuster zu hinterfragen. Andere w\u00fcnschen sich eine Ethnologie, die aktivistische Elemente hervorhebt und dazu aufrufen Widerstand zu leisten und einzugreifen. Wieder andere f\u00fchlen sich in ihrer Studienfreiheit sprachlich eingeschr\u00e4nkt. Die meisten jedoch versuchen die Ethnologie vor dem Hintergrund ihrer im Studium gemachten Erfahrungen \u201eeinen Reim zu machen.\u201c<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Aus meiner Sicht zeichnet sich die ethnologische Perspektive dadurch aus, dass diese von einigen Studenten rigoros auf jedes Thema und jede Situation angewendet wird. Man k\u00f6nnte sie als eine Art <em>d\u00e9formation professionelle <\/em>beschreiben, mit dem ethnologischen Blick auf fachfremde Themen und Situationen schauen. Das kann unter Umst\u00e4nden zu eingeengten Sichtweisen oder Fehlurteilen f\u00fchren. Im Gegenzug kann der Ethnologe, als Gast in einer Sendung mit gr\u00f6\u00dferer Reichweite, \u201emit der Welt im Blick\u201c, mehrere Perspektiven in eine Debatte bringen als die einer einzelnen Person.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Welche Relevanz und welches Potenzial die Ethnologie im 21. Jahrhundert hat, kann ich nicht vorhersagen. Ich w\u00fcrde mir lediglich w\u00fcnschen, dass Ethnologen noch \u00f6fter den Elfenbeinturm verlassen und die Fachsprache an der Garderobe ruhen zu lassen, um auf einige dr\u00e4ngende gesellschaftliche Fragen zu antworten. Inwiefern Ethnologen dazu bereit sind, muss jeder f\u00fcr sich selbst entscheiden und zwar bei jeder Anfrage zum Interview, einer Podiumsdiskussion oder einer Radio-\/Fernsehsendung. Und welches Potenzial das Studium der Ethnologie f\u00fcr zuk\u00fcnftige Studenten des Faches hat, nun, dieses Potenzial muss jede Generation von Studenten von sich aus neu entfalten. Ich w\u00fcnsche gutes Gelingen dabei und trete nun in die Position des <em>Outsiders<\/em>, der stoisch die nach ihm folgenden Entwicklungen beobachten und vielleicht hin und wieder kommentieren wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Im Interesse einer besseren Lesbarkeit wird nicht ausdr\u00fccklich in geschlechtsspezifischen Personenbezeichnungen differenziert. Die gew\u00e4hlte m\u00e4nnliche Form schlie\u00dft eine ad\u00e4quate weibliche Form gleichberechtigt ein. Das Problem der geschlechtsneutralen Form (z. B. Studierende) ist, dass es um Ableitungen des generischen Maskulinums handelt, die f\u00fcr gew\u00f6hnlich im Sprachgebrauch nicht verwendet werden, so wie auch in diesem Blogbeitrag.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Jahresbericht des Instituts f\u00fcr Ethnologie Frankfurt am Main f\u00fcr das akademische Jahr 2012\/2013: http:\/\/publikationen.ub.uni-frankfurt.de\/files\/38482\/Jahresbericht_IE_12-13-II.pdf<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Was nicht an jeder Universit\u00e4t erlaubt ist!<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Wovon ich pers\u00f6nlich nur abraten kann. F\u00fcr politisches Engagement ist das politische Spektrum in den letzten vier Jahrzehnten immer breiter geworden und hat sich in viele Parteien ausdifferenziert. Das Angebot ist gro\u00df und f\u00fcr jede Ambition ist etwas dabei. Meine Bef\u00fcrchtung ist, dass das politische Engagement, wenn es von einer bestimmten Partei getragen wird, die Arbeit der Fachschaften zu sehr beeinflusst. Dar\u00fcber hinaus sind bei Wahlen zu Studentenparlamenten die Wahlbeteiligungen erschreckend gering, was vielleicht bedeutet, dass die \u00fcberwiegende Mehrheit der Studenten sich in den angebotenen Positionen nicht wiederfinden kann, sie nicht an den hochschulpolitischen Vorg\u00e4ngen interessiert sind oder (die Position vertrete ich): Die Probleme die Studenten betreffen, betreffen sie h\u00e4ufig als gesamte Statusgruppe. Es macht daher wenig Sinn, parteipolitische Gefechte, im Kleinen, an der Universit\u00e4t auszutragen. Es mag f\u00fcr angehenden Landtagsabgeordnete eine \u00dcbung sein \u2013 aber vielleicht w\u00e4re eine Universit\u00e4t ohne Hochschulgruppen etablierter Parteien produktiver und offener. Zumindest h\u00e4tte so etwas gerne testweise erlebt. Es w\u00fcrde immer noch Fraktionen geben, die bestimmte Ver\u00e4nderungen an der Universit\u00e4t begr\u00fc\u00dfen oder ablehnen, aber warum sollten Studenten ihre Forderungen und W\u00fcnsche an ihre Universit\u00e4t in parteipolitische Programme tauchen? Mir erscheint das eine Spur zu aufwendig, zu dramatisch und auch zu kostspielig. \u2013 Trotz all dessen: so lange demokratische Wahlen an Universit\u00e4ten abgehalten werden, empfehle ich weiterhin jedem daran teilzunehmen, Wahlurnen zu beaufsichtigen und sich f\u00fcr die Belange der Universit\u00e4t zu interessieren. Die Wahlbeteiligungen sprechen allerdings deutlich dagegen.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Diese \u00c4nderungen m\u00fcssen \u2013 dringend \u2013 im Hochschulrahmengesetz vorgenommen werden.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Weber, Max (1985[1922]): Gesammelte Aufs\u00e4tze zur Wissenschaftslehre. Hrsg. Winckelman, Johannes. T\u00fcbingen: J.C.B. Mohr.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Eine Frustration, die ich mir selbst zu Last lege. Ich habe mich nicht selten mit zu viel Erwartungen an meine Kommilitonen in Projekte hineingesteigert, ohne vorab zu registrieren, wie wenig Interesse hervorgerufen wird.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><a href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Spontan fallen mir hier die F\u00e4cher Medizin, Biologie und Chemie ein.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p><strong>Rajner Tatz<\/strong> beendete 2018 sein Masterstudium der Ethnologie an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Zuvor absolvierte er den Bachelorstudiengang Ethnologie in Frankfurt am Main. Einige seiner Hauptinteressen waren Wahrnehmung, die menschlichen Sinne, und die unterschiedlichen Bedeutungen, die ihnen in verschiedenen Kulturen gegeben werden. In seiner Masterarbeit analysierte er die Stigmatisierungen von Ghanaern mit Sehbehinderungen in ghanaischen Printmedien.<\/p>\r\n\r\n\r\n\r\n<p>Rajner Tatz verfolgt seit seinem Ausscheiden aus allen sozialen Netzwerken eine pers\u00f6nliche Kommunikationspolitik. Er liest nie Kommentare unter seinen Texten, weshalb ihm Lob, Tadel und andere Nachrichten nur \u00fcber die Redaktion dieses Blogs, in Person oder per E-Mail an tatzrajner@gmail.com erreichen k\u00f6nnen.<\/p>\r\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[165],"warumethnologie_category":[],"class_list":["post-1652","warumethnologie","type-warumethnologie","status-publish","hentry","autor-rajner-tatz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/warumethnologie"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1870,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1652\/revisions\/1870"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1652"},{"taxonomy":"warumethnologie_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie_category?post=1652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}