{"id":1640,"date":"2018-10-23T00:00:00","date_gmt":"2018-10-22T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/warumethnologie\/wie-eine-insel-im-meer\/"},"modified":"2019-09-23T17:47:10","modified_gmt":"2019-09-23T15:47:10","slug":"wie-eine-insel-im-meer","status":"publish","type":"warumethnologie","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/warumethnologie\/wie-eine-insel-im-meer\/","title":{"rendered":"Wie eine Insel im Meer"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1640?pdf=1640\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1640?pdf=1640\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Im ersten Semester wird in den Seminaren zu Anfang die Frage gestellt: \u201eWarum studiert ihr Ethnologie und was stellt ihr euch darunter vor?\u201c. Fragende und ratlose Gesichter sind meist die Antwort. Nach kurzem \u00dcberlegen kommt von vielen die Begr\u00fcndung, dass sie einen zulassungsfreien Studiengang gesucht haben, sich f\u00fcr Kultur interessieren und hoffen, dass die Ethnologie, meist als Beifach gew\u00e4hlt, das Kernfach sinnvoll erg\u00e4nzt. An dieser Stelle schaut der ein oder andere Dozent<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> dann erst einmal am\u00fcsiert, weil die Ahnungslosigkeit der Erstis, um was es sich \u00fcberhaupt handelt, sehr offensichtlich ist.<\/p>\n<p>Fakt ist, die Ethnologie ist in der \u00d6ffentlichkeit fast gar nicht vertreten, was es schwierig macht, sich vorher ein Bild \u00fcber diese Wissenschaft zu verschaffen. Die allermeisten, so behaupte ich mal, springen ins kalte Wasser, wenn sie ein Ethnologiestudium beginnen. Das habe ich auch gemacht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das erste, was dann passiert, ist, dass alle Studenten dieses Faches eingenordet werden, und zwar auf sprachlicher Ebene. In den ersten Vorlesungen wird vermittelt, dass bestimmte Worte, die sicherlich jeder schon vor dem Studium unbedarft verwendet hat, in der Ethnologie nicht verwendet werden d\u00fcrfen und\/ oder ihre Definitionen umstritten sind. Das beginnt mit \u201eVolk\u201c, \u201eNation\u201c, \u201eStamm\u201c, \u201eUreinwohner\u201c, \u201eKultur\u201c, \u201eKult\u201c, \u201eReligion\u201c, \u201eFl\u00fcchtling\u201c&#8230; und endet bei dem Begriff der \u201eGruppe\u201c. Uns Studenten wurde am Anfang des Ethnologiestudiums beigebracht, dass Sprache Weltbilder vermittelt und das Denken beeinflusst. Irgendwann verinnerlicht jeder dieses Spiel der \u201eBegriffspolizei\u201c so sehr, dass der Einzelne nicht mehr nur ganz genau zuh\u00f6rt und genervt ist, wenn der Gespr\u00e4chspartner einen der \u201everbotenen\u201c Begriffe verwendet, sondern anf\u00e4ngt, alle zu korrigieren und auf die Streitbarkeit dieser W\u00f6rter aufmerksam zu machen. In der Regel nervt das die anderen Leute. Deshalb sollte es vermieden werden.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf des Studiums werden verschiedene Seminare und Vorlesungen belegt, sowohl zu Grundlagen, als auch zu spezielleren Themen. Letztere sind dann die wirklich interessanten Sachen. Durch all die verschiedenen Seminare zu den unterschiedlichsten Themen ist es m\u00f6glich, sich neue Perspektiven auf viele Bereiche zu verschaffen. Dieser Prozess des Perspektivwechsels ist spannend und lehrreich. Oft ging ich, wie sicherlich auch einige meiner Kommilitonen, zu Beginn eines Semesters mit einer Meinung in ein Seminar und mit einer ganz anderen wieder hinaus, wenn das Semester endete. Die Ethnologie ist unglaublich vielf\u00e4ltig, was sicherlich eine Chance f\u00fcr dieses Fach ist, etwas zur Gesellschaft beizutragen. Erfahrungsgem\u00e4\u00df steht sie sich dabei aber immer selbst im Weg. Das beginnt schon allein damit, dass die Ethnologie in sich instabil ist und daher im Konkurrenzkampf mit anderen Sozialwissenschaften nicht bestehen kann. Allein schon die Frage: \u201eWas ist Ethnologie?\u201c, kann nicht einheitlich beantwortet werden. \u00dcberhaupt ist es aus meiner Sicht dann auch verst\u00e4ndlich, wenn die Frage gestellt wird, ob die Ethnologie \u00fcberhaupt eine Wissenschaft ist. Vor allem deshalb, weil sie im Vergleich zu anderen Wissenschaften ein komplettes \u201eChaos\u201c ist und im Gesamten jeglicher Strukturierung entbehrt. Im Kleinen gibt es vielleicht Methoden zur Feldforschung, die sich \u00e4hneln, aber im Gro\u00dfen und Ganzen mutet sie unsortiert an. Es ist, das muss dazu gesagt werden, von den Ethnologen anscheinend auch nicht erw\u00fcnscht, das \u201eChaos\u201c zu beseitigen. Denn dazu ist es notwendig, Kategorisierungen vorzunehmen, bspw. von bestimmten Gruppen oder Traditionen. Doch schon die \u00c4u\u00dferung: \u201eZwischen Tradition X bei den 123 und Tradition Y bei den 456 besteht eine \u00c4hnlichkeit&#8230;\u201c, kann kompliziert werden, weil dann immer irgendjemand sagt: \u201eNein, also das kann man jetzt aber gar nicht vergleichen, weil &#8230;\u201c Sobald es um Kategorisierung geht, kommt immer irgendein Ethnologe um die Ecke und bezichtigt einen schlimmstenfalls des Rassismus oder kolonialistischen Denkens. Einordnung hat in der Ethnologie immer einen Anklang einer Wertung: \u201eDie sind besser, die sind schlechter\u201c. Doch durch Vergleiche und Kategorisierungen m\u00fcssen nicht zwangsl\u00e4ufig Hierarchiesierungen vorgenommen werden.<\/p>\n<p>Auch fehlt der Ethnologie meiner Ansicht nach der Wille zu einem Gesamt\u00fcberblick. Es gibt stattdessen immer nur Forschung im Kleinen um das Kleinste, welche sich aber nie in ein Gesamtkonzept einf\u00fcgen l\u00e4sst, allein schon deshalb nicht, weil dabei eine Konsensfindung notwendig w\u00e4re. Au\u00dferdem hat jeder Dozent sein Spezialgebiet und ist im Prinzip wie eine Insel im Meer damit allein. Das gibt nat\u00fcrlich auch die M\u00f6glichkeit f\u00fcr pure Willk\u00fcr in der Forschung und den Ergebnissen. Jeder kann schreiben, was er will, weil er der einzige Experte auf seinem Gebiet ist und keiner kann ihm nachweisen, dass es falsch ist, was er schreibt, da jeder Forscher das Gesehene anders interpretiert. Die Ethnologie gibt jedem die M\u00f6glichkeit, ein Experte zu werden, ohne dass stichhaltig und objektiv nachzuweisen ist, dass er recht hat. Ethnologie ist subjektiv durch und durch, was sie aus der Sicht vieler anderer Wissenschaften unwissenschaftlich macht.<\/p>\n<p>Die Ethnologie ist streitbar, scheut aber paradoxerweise innerhalb der eigenen vier W\u00e4nde in der Regel jegliche Diskussion. Dies ist in vielen Seminaren par excellence zu beobachten. Bei Themen, \u00fcber die durchaus diskutiert werden kann, schweigt die ganze Seminargruppe, weil niemand etwas Falsches sagen will und \u2026 ach ja, eine Hausarbeit muss bei dem Dozenten auch noch geschrieben werden&#8230; Wenn ich jetzt also aus Versehen eine Meinung vertrete, die mein Dozent nicht vertritt, werde ich die Konsequenzen an meiner Note sp\u00fcren (das gilt nat\u00fcrlich nur f\u00fcr einen Teil der Dozenten). Hier tritt ein weiteres Paradoxon zutage: Einerseits gibt es in der Ethnologie an sich kein richtig oder falsch, andererseits existieren diese Wertungen f\u00fcr viele Dozenten im Einzelnen definitiv. Manche ihrer Ansichten stellen sie auch nicht einmal zur Diskussion, sie sind \u00fcberzeugt, dass sie im Recht sind. Manchmal auch einfach nur mit der Begr\u00fcndung, dass sie dort Forschung betrieben haben. Aber auch das ist kein Garant und kann die Sicht auf das Thema vernebeln, vor allem, da w\u00e4hrend der Feldforschung auch pers\u00f6nliche Kontakte gekn\u00fcpft werden, die f\u00fcr eine im Endeffekt nette und vielleicht verharmlosende Beschreibung verantwortlich sind. (Sollte dann von studentischer Seite vielleicht die Frage nach Fundamentalismus gestellt werden, wenn das Forschungsobjekt gewisse Religionsgemeinschaften waren, kann das im Seminar f\u00fcr einen Eklat sorgen).<\/p>\n<p>Die Ethnologie ist theoretisch nicht begrenzt und begrenzt sich doch immer wieder selbst, weil sie sich mit (wenn \u00fcberhaupt vorhandenen) Diskussionen aufh\u00e4lt, die nicht zielf\u00fchrend sind. Das ist schade, weil gerade diese Wissenschaft in der momentanen gesellschaftlich komplizierten und konfliktbehafteten Situation durch ihre detaillierten, wenn auch subjektiven Einsichten f\u00fcr mehr Verst\u00e4ndnis auf beiden Seiten der Konfliktparteien sorgen k\u00f6nnte. \u00dcberhaupt sollte sich die Ethnologie in der \u00d6ffentlichkeit darum bem\u00fchen, dass mehr Menschen einen Perspektivwechsel wagen und sich andere Kulturen (jaja, der Begriff, ich wei\u00df&#8230;) ansehen, einfach schon deshalb, weil es interessant ist, zu sehen, wie Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund leben. Das hei\u00dft nicht, dass das in der Folge auch alles akzeptiert werden muss. Die Ethnologie ist gerade heute von gr\u00f6\u00dferer Relevanz als fr\u00fcher, bewirkt aber momentan nichts, da niemand diese Wissenschaft in der \u00d6ffentlichkeit vertritt.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<br \/>\n<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Der Einfachheit halber wird auf das Gendern in diesem Text verzichtet. Des Weiteren streitet der Rechtschreibrat bis heute dar\u00fcber, ob die folgenden Schreibungen <em>Student*innen, Student\/innen, StudentInnen<\/em> orthografisch legitimiert werden k\u00f6nnen, da sie gegen alle bisherigen Orthografieregeln versto\u00dfen. Formen wie <em>Studierende<\/em> entwickeln eine andere Problematik. Bei Verwendung der unbestimmten Artikel wird auch wieder zwischen Femininum und Maskulinum unterschieden: <em>ein Studierender<\/em> und <em>eine Studierende<\/em>. Nur bei der Verwendung der bestimmten Artikel bleibt die Form gleich (der\/ die Studierende). Da sich diese Art des Genderns, wie es scheint, noch in einem fr\u00fchen Entwicklungsstadium befindet und es daf\u00fcr, wie auch f\u00fcr die anderen oben genannten Formen, kaum bis gar keine Regeln gibt, halte ich es f\u00fcr unvertretbar, etwas in \u00f6ffentlichen Texten zu schreiben, das noch nicht orthografisch und\/ oder verwendungstechnisch legitimiert wurde. Da das Gendern aber auch <em>kein neues<\/em> Ph\u00e4nomen ist, m\u00f6chte ich hier einmal fragen: Hat diese Art der Sprache inzwischen wirklich etwas f\u00fcr die Emanzipation der Frau erreicht? K\u00f6nnen Sprachvorschriften im Allgemeinen tats\u00e4chlich die Gesellschaft ver\u00e4ndern? W\u00e4re es nicht viel sinnvoller, zuerst die Gesellschaft zu ver\u00e4ndern, damit die Gleichberechtigung auch wirklich in den K\u00f6pfen der Menschen ankommt, statt einen halbherzigen Versuch in Form von Sprachvorschriften zu unternehmen, der auf der fragw\u00fcrdigen Annahme beruht, neue W\u00f6rter \u00e4nderten automatisch das Denken?<\/p>\n<p><em><strong>Paulin Schulz<\/strong> studiert im siebenten Semester an der JGU Mainz. Ihr Kernfach ist Linguistik und in diesem Wintersemester 2018\/19 schreibt sie ihre BA mit dem Schwerpunkt in Pragmatik und Soziolinguistik. Weitere Interessen umfassen die Sprachen und Kulturen Nordeuropas und des Baltikums sowie die deutsche Sprache. F\u00fcr die Ethnologie f\u00e4llt es ihr hingegen schwer, genaue Interessen zu benennen, da ihrer Meinung nach jedes Seminar faszinierend sein kann. Besonders begeistern konnte sie sich f\u00fcr Veranstaltungen aus den Bereichen Musikethnologie und Religionsethnologie. Aber auch Veranstaltungen zur ethnologischen Perspektive auf Kleidung und Mode (Entschl\u00fcsselungen der Symbole und Muster auf Kleidungsst\u00fccken), als auch Regionalseminare zu Kuba und Westafrika haben ihr Interesse geweckt.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[176],"warumethnologie_category":[],"class_list":["post-1640","warumethnologie","type-warumethnologie","status-publish","hentry","autor-paulin-schulz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1640","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/warumethnologie"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1640\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1881,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1640\/revisions\/1881"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1640"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1640"},{"taxonomy":"warumethnologie_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie_category?post=1640"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}