{"id":1639,"date":"2018-10-16T00:00:00","date_gmt":"2018-10-15T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/warumethnologie\/wie-die-ethnologie-zu-interkulturellen-diskursen-und-perspektivenvielfalt-beitragen-kann\/"},"modified":"2018-10-16T00:00:00","modified_gmt":"2018-10-15T22:00:00","slug":"wie-die-ethnologie-zu-interkulturellen-diskursen-und-perspektivenvielfalt-beitragen-kann","status":"publish","type":"warumethnologie","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/warumethnologie\/wie-die-ethnologie-zu-interkulturellen-diskursen-und-perspektivenvielfalt-beitragen-kann\/","title":{"rendered":"Wie die Ethnologie zu &#8222;interkulturellen&#8220; Diskursen und Perspektivenvielfalt beitragen kann"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1639?pdf=1639\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1639?pdf=1639\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><strong>Blogredaktion:<\/strong><em> Warum studierst du Ethnologie? <\/em><\/p>\n<p><strong>Rebekka Walter: <\/strong>F\u00fcr mich ist das Besondere an der Ethnologie eine gewisse Haltung. Und zwar eine Haltung von Respekt dem Anderen gegen\u00fcber und ein aufrichtiges Interesse an der Lebenswelt des Gegen\u00fcbers. Der Versuch, Situationen und Menschen zun\u00e4chst unvoreingenommen und wertfrei zu betrachten, sich auf eine neue Umwelt einzulassen und den eigenen Standpunkt und eigene Pr\u00e4missen zu reflektieren und zu relativieren.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Was zeichnet aus deiner Sicht eine ethnologische Perspektive aus? <\/em><\/p>\n<p>Schon seit Franz Boas und seinen Sch\u00fcler*innen f\u00fchrt ein kulturrelativistisches Verst\u00e4ndnis in der Ethnologie zu einer Arbeitsweise, sich auf neue, andere Umwelten einzulassen und dabei nicht zu werten, sondern erstmal nur zu schauen, was passiert &#8211; warum tun Menschen Dinge, die vielleicht zun\u00e4chst fremd und unverst\u00e4ndlich erscheinen. Das ist f\u00fcr mich eine besondere ethnologische Perspektive und eine Eigenschaft, die ich sehr sch\u00e4tze: Menschen im Dialog weitestgehend wertfrei zu begegnen, den eigenen Standpunkt zu relativieren, versuchen zu verstehen, wie mein Gegen\u00fcber denkt und dabei weit weg davon zu sein, dar\u00fcber moralisch zu urteilen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Welche Relevanz und welches gesellschaftliche Potenzial hat f\u00fcr Dich die Ethnologie im 21. Jahrhundert?<\/em><\/p>\n<p>In der Praxis bearbeitet die Ethnologie Probleme mit unmittelbarem Bezug zur Lebenswirklichkeit der Betroffenen. Eine angewandte Aktionsethnologie setzt sich zum Ziel, Ethnologie in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu setzen, indem Probleme aufgegriffen und gemeinsame L\u00f6sungsversuche angestellt werden. Ethnolog*innen k\u00f6nnen also mehr als nur eine teilnehmende sensibilisierende Rolle einnehmen und auf Thematiken aufmerksam machen, die sonst verdeckt bleiben w\u00fcrden. L\u00f6sungen k\u00f6nnen in einem ergebnisorientierten Dialog erreicht werden, wenn eine subjektive Verst\u00e4ndigung aller Beteiligten angestrebt wird und Grenzen, die durch kulturelle Zuschreibungen und Stereotype entstehen, dekonstruiert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor allem in Bezug auf die inflation\u00e4re Verwendung des Begriffs \u201eKultur\u201c zeigt meiner Meinung nach die ethnologische Herangehensweise ihre St\u00e4rke darin, solche Grenzen zu erkennen und zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Im Zuge meiner vor einigen Monaten beendeten Bachelorarbeit besch\u00e4ftigte ich mich ausf\u00fchrlich mit der Verwendung des Kulturbegriffs in der Arbeit mit Gefl\u00fcchteten. Dabei hatte ich h\u00e4ufig den Eindruck, hier best\u00fcnde ein starres Kulturverst\u00e4ndnis, eine Vorstellung eines festen Systems von Regeln und Verhaltensweisen, die den Menschen half, die Welt zu sortieren. Im Laufe eines Forschungsaufenthaltes in einer Wohngruppe f\u00fcr unbegleitete minderj\u00e4hrige Gefl\u00fcchtete und in Interviews, die ich im Anschluss mit Ethnolog*innen f\u00fchrte, die in der sozialen Arbeit mit Gefl\u00fcchteten t\u00e4tig waren, best\u00e4tigte sich dieser Eindruck: Sozialarbeiter*innen, Erzieher*innen oder Ehrenamtliche schrieben gewisse Verhaltensweisen der fremden \u201eKultur\u201c eines Menschen zu, um diese zun\u00e4chst einordnen zu k\u00f6nnen, was aber meist nur der Hervorhebung von Differenzen statt von Gemeinsamkeiten diente. \u201eKultur\u201c wurde als essenzielles Element des Wesens eines Menschen verstanden, oft wurden Stereotype reproduziert. Die individuellen Einzelf\u00e4lle von Gefl\u00fcchteten wurden selten differenziert betrachtet und \u201eKultur\u201c wurde h\u00e4ufig mit Nationen gleichgesetzt (\u201eDie syrischen M\u00e4nner sind eben so\u201c). Die interviewten Ethnolog*innen erz\u00e4hlten mir, es best\u00fcnde unter ihren Kolleg*innen zumeist die Annahme eines eindeutig bestimmbaren Kulturraums, der mit einer starren Mentalit\u00e4t verbunden sei.<\/p>\n<p>Dieses Kulturverst\u00e4ndnis halte ich f\u00fcr problematisch. Darauf basierend werden kulturelle Verallgemeinerungen gemacht, wobei kaum der individuelle Einzelfall ber\u00fccksichtigt wird. \u201eKultur\u201c, zudem oft an die Herkunftsnation gebunden, reproduziert Stereotype und Vorurteile und konstituiert als Differenzmarker eine Andersartigkeit und Grenzen der Fremdheit, deren \u00dcberwindung kaum m\u00f6glich erscheint. Diese exotisierende Tendenz im Dialog mit Gefl\u00fcchteten impliziert immer eine Andersartigkeit des Gegen\u00fcbers.<\/p>\n<p>Dementsprechend kritisierte auch Lila Abu-Lughod schon die Verwendung des Kulturkonzepts: \u201eKultur\u201c dient als Herausstellung einer Andersartigkeit. Die Dichotomie von \u201eWir\u201c und \u201eAnderen\u201c schafft Grenzen, indem Menschen begegnet wird als Menschen, die anders sind, weil sie aus einer anderen Kultur stammen. Diese Konstruktion von Fremdheit kann in Form von Selbst- und Fremdethnisierungen instrumentalisiert werden, um Positionen und Rollen deutlich zu machen oder sich zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>\u201eKultur\u201c wird meistens dann herangezogen, wenn es um die Erkl\u00e4rung von Problemen oder Konflikten geht. Die Benennung oder Begr\u00fcndung eines Konflikts als \u201ekulturell\u201c erkl\u00e4rt nicht die zugrundeliegenden Faktoren, die zu einem Konflikt f\u00fchrten. Stattdessen wird eine L\u00f6sung lediglich vorget\u00e4uscht und macht damit Bem\u00fchungen um das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die wahren Konfliktursachen \u00fcberfl\u00fcssig. Diese Erkl\u00e4rung nutzt zwar, um sich mit der Situation zu arrangieren, es wird allerdings dar\u00fcber hinaus nicht weiter versucht, die Person zu verstehen oder die Ursachen zu bearbeiten.<\/p>\n<p>In diesem Dilemma sehe ich die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Ethnolog*innen, als Moderator*innen oder Supervisor*innen t\u00e4tig zu werden, da sie die Kompetenz einer gr\u00fcndlichen Reflexion des Kulturbegriffs besitzen und so zwischen Parteien vermitteln k\u00f6nnen und dadurch l\u00f6sungsorientierte Diskurse zu erm\u00f6glichen. Es kann eine offene Art der Kommunikation geschaffen werden, indem beteiligte Akteure der leeren H\u00fclle \u201eKultur\u201c nicht zu viel Raum geben und kulturbehaftete Vorurteile und Stereotype ausger\u00e4umt werden. Au\u00dferdem kann ein Raum f\u00fcr Begegnungen geschaffen werden, indem \u201eKultur\u201c nicht als un\u00fcberwindbare H\u00fcrde fungiert, sondern vielmehr eine M\u00f6glichkeit bietet, Perspektivenvielfalt zuzulassen, damit Menschen ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander entwickeln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em><strong>Rebekka Walter<\/strong> beendete dieses Jahr ihr B.A. Studium in Ethnologie und Politikwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universit\u00e4t Mainz. Im Zuge der Bachelorarbeit forschte sie zur Verwendung des Kulturbegriffes in der Arbeit mit Gefl\u00fcchteten aus ethnologischer Sicht. Dabei interessierte sie sich vor allem f\u00fcr die Rolle angewandter ethnologischer Kompetenzen, um zu politischen und gesellschaftlichen Diskursen beizutragen. Weiter besch\u00e4ftigt sie sich mit Thematiken wie Humanismus, Flucht und Migration und postkolonialen Strukturen. Rebekka Walter studiert derzeit Ethnologie im Master an der Martin-Luther-Universit\u00e4t Halle-Wittenberg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[],"warumethnologie_category":[],"class_list":["post-1639","warumethnologie","type-warumethnologie","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1639","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/warumethnologie"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie\/1639\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1639"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1639"},{"taxonomy":"warumethnologie_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/warumethnologie_category?post=1639"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}