{"id":12531,"date":"2025-09-29T18:15:02","date_gmt":"2025-09-29T16:15:02","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=uncommoning&#038;p=12531"},"modified":"2025-09-29T18:15:02","modified_gmt":"2025-09-29T16:15:02","slug":"urban-super-food-vs-rural-staple-food","status":"publish","type":"uncommoning","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/uncommoning\/uncommoning-foodways\/urban-super-food-vs-rural-staple-food\/","title":{"rendered":"Urban Super Food vs. Rural Staple Food"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einleitung<\/strong><\/p>\n<p>Im Jahr 2023 setzte der G20-Gipfel in Neu-Delhi ein bemerkenswertes Signal. Anstelle des \u00fcblichen, fleischlastigen Men\u00fcs entschied sich Premierminister Narendra Modi f\u00fcr ein rein vegetarisches Galadinner f\u00fcr seine internationalen G\u00e4ste. Eine besondere Rolle als Bestandteil jedes Gangs spielte dabei eine Getreideart, die in Indien bereits seit Jahrtausenden verbreitet ist, jedoch \u00fcber Jahrhunderte hinweg als marginal galt: die Hirse. Diese Entscheidung war nicht nur eine kulturpolitische Geste, sondern kn\u00fcpfte unmittelbar an die Erkl\u00e4rung der Vereinten Nationen an, das Jahr 2023 \u2013 auf Initiative Indiens \u2013 zum \u201eInternational Year of Millets\u201c auszurufen. Hirsearten werden heute als klimaresistent, ern\u00e4hrungsphysiologisch wertvoll und vielversprechend im globalen Kampf gegen Hunger betrachtet, weshalb sie mit dieser Kampagne mehr in den Fokus der Weltern\u00e4hrung gebracht werden sollten.<\/p>\n<p>Innerhalb dieses gr\u00f6\u00dferen Rahmens nimmt meine Masterarbeit die Fingerhirse, im s\u00fcdindischen Bundesstaat Karnataka als Ragi bezeichnet, in den Blick. Die Geschichte dieser Pflanze ist von Ambivalenzen gepr\u00e4gt. Einerseits bildet Ragi in vielen ruralen Regionen S\u00fcdindiens seit Jahrhunderten ein schnell wachsendes und langanhaltend s\u00e4ttigendes Grundnahrungsmittel. Andererseits wurde Ragi in urbanen Zentren, insbesondere in Bangalore, lange Zeit als grobk\u00f6rniges und braunes \u201eArmenessen\u201c, im Gegensatz zum feink\u00f6rnigen, wei\u00dfen Reis, stigmatisiert. In j\u00fcngerer Zeit erf\u00e4hrt Ragi jedoch eine Neubewertung. Angesichts einer steigenden Anzahl an sogenannten Wohlstandserkrankungen wie Diabetes oder \u00dcbergewicht und im Zuge globaler Ern\u00e4hrungstrends \u2013 \u00fcberwiegend im Fast-Food-Bereich \u2013 gilt sie heute in urbanen Mittelschichten als \u201eSuperfood\u201c.<\/p>\n<p>Meine zentrale Forschungsfrage lautet daher: Wie pr\u00e4gen die materiellen Eigenschaften von Ragi und ihre kulturellen Interpretationen soziale Differenzierungen zwischen ruralen und urbanen Kontexten in S\u00fcdindien? Um diese Frage zu beantworten, verbinde ich dabei Perspektiven aus Agrarwissenschaften, Ern\u00e4hrungswissenschaften und Entwicklungs\u00f6konomie mit meinem ethnologischen Hintergrund. Ragi wird dabei nicht nur als Pflanze, sondern zugleich als kulturell aufgeladenes Lebensmittel betrachtet.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12532\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-920x736.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"736\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-920x736.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-1440x1152.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-1536x1229.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-2048x1639.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/4096px-Ragi_Puttu-920x736@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><strong>Abb. 1<\/strong> <em>Ragi Puttu Fotocredit: Vaidehi Pujary, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Theoretischer Rahmen<\/strong><\/p>\n<p>Die Masterarbeit kann im Feld der Kulinarischen Ethnologie verortet werden. Damit schlie\u00dfe ich an eine lange Kontroverse \u00fcber die lebensnotwendige einerseits und eine kulturelle Rolle von Nahrung andererseits, und einen separaten Arbeitsbereich innerhalb der Ethnologie an. Im Sinne von De Garine bedient sich eine Kulinarische Ethnologie gerade solcher Widerspr\u00fcche und versucht an diesen Reibungspunkten entstehende Forschungsfragen unter Einbindung separater Disziplinen zu beantworten. Dieses Ph\u00e4nomen kann jedoch in der Geschichte der Kulinarischen Ethnologie nicht unbedingt als neu betrachtet werden. Bereits in den 1930er Jahren untersuchte Audrey Richards in funktionalistischer Tradition Ern\u00e4hrung als Grundlage sozialer Organisation und versuchte dabei Ern\u00e4hrungswissenschaften miteinzubeziehen. Umgekehrt versuchte Marvin Harris verschiedenste Esskulturen \u00fcber \u00f6kologische und \u00f6konomische Faktoren zu erkl\u00e4ren, jedoch ohne Einbezug der darin handelnden Akteur*innen. Schlie\u00dflich hat Sidney Mintz mit seiner kulturhistorischen Studie zum Zucker mithilfe von Ans\u00e4tzen und Methoden unter anderem aus der Humanbiologie und den Ern\u00e4hrungswissenschaften gezeigt, wie Lebensmittel in unterschiedlichen Epochen und sozialen Milieus radikale Bedeutungsverschiebungen erfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Um dahingehend zu verstehen, wie sich Ragi \u00fcber die Jahrhunderte bis heute von einem Grundnahrungsmittel in ruralen Gebieten, zu einem urbanen \u201eSuper Food\u201c entwickeln konnte und im Kontext des New Materialism, orientierte ich mich an Tim Ingolds materialit\u00e4tsorientiertem Ansatz. Er betont, dass Materialien nicht lediglich passive Substrate seien, denen Menschen eine entsprechende materielle Bedeutung zuschreiben, sondern dass diese durch ihre Eigenschaften aktiv an diesen Prozessen mitwirken. \u00dcbertragen auf Ragi bedeutet dies, dass dessen N\u00e4hrstoffzusammensetzung, die Robustheit im Anbau, die S\u00e4ttigungseffekte und die gesundheitsf\u00f6rdernden Eigenschaften, entscheidend f\u00fcr jene kulturellen Zuschreibungen sind, die es dadurch in verschiedenen sozialen Kontexten erf\u00e4hrt. F\u00fcr dieses Verst\u00e4ndnis ist es wichtig, die besagten anderen Disziplinen mit einzubeziehen, was in meinem Fall Agrarwissenschaften, Ern\u00e4hrungswissenschaften und Entwicklungs\u00f6konomie betraf.<\/p>\n<p>Um zu verstehen, wie und in welchen Formen (als Getreidekorn, Pflanze, gemahlen oder unterschiedlich zubereitet) Ragi zwischen ruralen und urbanen Gegenden zirkuliert und so sozio-kulturelle Interpretationsverschiebungen erf\u00e4hrt, w\u00e4hlte ich f\u00fcr meine Feldforschung eine methodologische Orientierung an der Multi-Sited Ethnography nach George Marcus. Diese erm\u00f6glichte es, Ragi nicht nur an einem einzelnen Ort, sondern entlang seiner unterschiedlichen Interaktionskontexte zu verfolgen.<\/p>\n<p>Letztendlich kann Ragi damit als ein klassisches Fallbeispiel f\u00fcr die NatureCultures-Debatte gesehen werden, welche die Untrennbarkeit von Natur und Kultur hervorhebt. Nahrung ist nicht entweder naturgegeben oder kulturell gedeutet, sondern immer beides zugleich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Methodik<\/strong><\/p>\n<p>Als empirische Grundlage f\u00fchrte ich zwischen Februar und September 2022 im Rahmen eines Austauschsemesters an der University of Agricultural Sciences (UAS) Bangalore eine ethnologische Feldforschung durch.<\/p>\n<p>Meine daf\u00fcr gew\u00e4hlten Forschungsmethoden waren hierbei vielf\u00e4ltig. Um zun\u00e4chst einen \u00dcberblick \u00fcber die naturwissenschaftlichen Eigenschaften bzw. Materialit\u00e4t von Ragi zu erwerben, nahm ich an Lehrveranstaltungen des Department of Food Science and Nutrition mit den Kursen \u201ePrinciples of Nutrition\u201c und \u201ePrinciples of Community Nutrition\u201c sowie am Department of Agronomy mit dem Kurs \u201eAgronomy of Major Cereals and Pulses\u201c teil.\u00a0 Insbesondere in letzterem Kurs f\u00fchrte ich eine Teilnehmende Beobachtung durch, indem ich als praktischen Teil Ragi-Pflanzen auf den universit\u00e4ren Versuchsfeldern anbauen konnte und mir so die landwirtschaftliche Materialit\u00e4t von Ragi vor Augen f\u00fchren konnte.<\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend f\u00fchrte ich f\u00fcnf Leitfadeninterviews \u2013 die meisten mit teils biographischem Inhalt \u2013 mit Gespr\u00e4chspartner*innen durch, welche jeweils unterschiedliche Ber\u00fchrungspunkte mit Ragi haben.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Bekannter einer Freundin von mir: er und seine Familie stammen direkt aus Bangalore: Ragi wird ca. einmal in zehn Tagen in Form von Ragi-Rotti konsumiert<\/li>\n<li>Eine Kommilitonin aus der Region um das sogenannte \u201eRagi-Zentrum\u201c Mandya, ihre Familie betreibt einen landwirtschaftlichen Betrieb: Ragi wird meist zwei Mal t\u00e4glich konsumiert und auch f\u00fcr die Dorfgottheiten und um Hochzeitsfeiern serviert<\/li>\n<li>Eine weitere Kommilitonin, jedoch aus der Grenzregion zu Nordkarnataka, Davanagere: sie hat keine direkten Verbindungen zu Landwirtschaft und Ragi wird in ihrer Familie nur sporadisch konsumiert, allerdings dient es ein Mal pro Jahr als Zutat f\u00fcr eine S\u00fc\u00dfigkeit zu Diwali namens Shandigge Huggi<\/li>\n<li>Der Onkel einer Kommilitonin aus der Hassan-Region westlich von Bangalore: er ist Landwirt, f\u00fchrt den elterlichen Betrieb fort und baute urspr\u00fcnglich vor allem Ragi an; inzwischen jedoch am meisten Reis, Kartoffeln und H\u00fclsenfr\u00fcchte; zu den traditionellen s\u00fcdindischen Festen Suggi Habba Mitte Januar und Ayudha Puja im Oktober wird Ragi, meist als Ragi-Mudde, serviert<\/li>\n<li>Ein Mitarbeiter eines in Bangalore ans\u00e4ssigen Unternehmens, welches unter anderem Fertigprodukte auf Ragi-Basis f\u00fcr den urbanen Markt produziert und sich darin als Vorreiter sieht (Online-Interview)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Diese Kombination unterschiedlicher Perspektiven und damit Interaktionen mit Ragi bzw. seiner Materialit\u00e4t, erlaubte es mir, sowohl traditionelle Anbau- und Zubereitungspraktiken aus eher ruralen Gegenden als auch urbane Vermarktungsstrategien in den Blick zu nehmen und zu vergleichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<p>Seit seiner Einf\u00fchrung, wahrscheinlich zwischen 1800 und 1390 v. d. Z. aus dem heutigen Uganda, bildete Ragi \u00fcber die Jahrhunderte ein zentrales Grundnahrungsmittel in S\u00fcdindien. Im Laufe der Geschichte verlor die Pflanze jedoch an Prestige. Mit der Etablierung des Reisanbaus \u2013 bef\u00f6rdert durch religi\u00f6se Praktiken der von Norden vordringenden Brahmanen sowie durch koloniale Handelsstrukturen \u2013 wurde Reis zum bevorzugten Getreide. Reis erlangte eine starke symbolische Aufladung in Ritualen und galt als wertvolles Handelsgut. Ragi hingegen wurde zunehmend an den Rand gedr\u00e4ngt und schlie\u00dflich als \u201eArmenessen\u201c stigmatisiert.<\/p>\n<p>Im Nachhinein l\u00e4sst sich diese Entwicklung auch durch die \u2013 inzwischen mittels Naturwissenschaften ermittelten \u2013 physiologischen und agronomischen Materialit\u00e4ten von Ragi begr\u00fcnden. Ragi zeichnet sich durch einen bemerkenswerten N\u00e4hrwert aus. Das Getreide enth\u00e4lt hohe Anteile an Eiwei\u00df, Calcium, Eisen und Ballaststoffen. Besonders hervorzuheben ist der Calciumgehalt, der \u2013 genauso wie die meisten genannten N\u00e4hrstoffe \u2013 im Vergleich zu Reis deutlich h\u00f6her liegt. Damit kann Ragi zur Pr\u00e4vention von Mangelerscheinungen beitragen. Dar\u00fcber hinaus wirkt sich der hohe Ballaststoffanteil positiv auf die Verdauung aus und sorgt einerseits f\u00fcr ein langanhaltendes S\u00e4ttigungsgef\u00fchl; andererseits kann dieser dabei gleichzeitig helfen, Blutzuckerspitzen zu vermeiden \u2013 ein entscheidender Faktor angesichts der wachsenden Zahl an Diabetiker*innen in Indien im Kontext des Double Burden of Malnutrition. Zudem ist die Pflanze \u2013 im Gegensatz zu Reis \u2013 widerstandsf\u00e4higer gegen\u00fcber Trockenheit, ben\u00f6tigt wenig Bew\u00e4sserung und gedeiht auch auf kargen B\u00f6den; allesamt Eigenschaften, welche Ragi auch in Zeiten des Klimawandels besonders relevant machen, jedoch gleichzeitig typische Merkmale eines \u201eArmenessens\u201c komplettieren.<\/p>\n<p>Ragi ist als St\u00e4rkebeilage, anstelle von Reis, in ruralen Regionen S\u00fcdkarnatakas bis heute fest in den Ern\u00e4hrungsalltag integriert; vornehmlich in Form von Ragi-Mudde, einem festen Klo\u00df aus gekochtem Ragi-Mehl, und Ragi-Rotti, einem d\u00fcnnes Fladenbrot, oft mit Zwiebeln und Gew\u00fcrzen verfeinert. Diese Gerichte werden h\u00e4ufig zu typischen s\u00fcdindischen Currys \u2013 genannt Saaru oder Huli \u2013 serviert. Dar\u00fcber hinaus spielt Ragi auch bei Festen und in regionalen hinduistischen Praktiken eine wichtige Rolle, wo es zu oder um spezielle Anl\u00e4sse wie Hochzeiten oder lokalen Feiertagen serviert wird. In ruralen Kontexten kann Ragi damit aufgrund seiner Materialit\u00e4t als Konkretion, sowohl f\u00fcr Allt\u00e4glichkeit, als auch f\u00fcr Kontinuit\u00e4t kultureller und religi\u00f6ser Traditionen gesehen werden.<\/p>\n<p>In urbanen Zentren wie Bangalore war Ragi lange Zeit aufgrund seiner Materialit\u00e4t mit einem sozialen Stigma versehen, worunter es auch heute noch leidet. Es galt und gilt als das Essen der \u00e4rmeren Stadtbev\u00f6lkerung und wurde von der st\u00e4dtischen Mittelschicht weitgehend gemieden. Eine Vorliebe f\u00fcr den zarten Reis und dessen steigendes Vorhandensein verst\u00e4rkte diese Differenz. Seit einigen Jahren l\u00e4sst sich jedoch ein grundlegender Wandel beobachten. Die besagten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse \u00fcber die gesundheitsf\u00f6rdernde Materialit\u00e4t von Ragi f\u00fchren zu einer gesellschaftlichen (Wieder)entdeckung. Angesichts der steigenden Pr\u00e4valenz von Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen \u2013 vornehmlich in St\u00e4dten wie Bangalore \u2013 wird Ragi zunehmend als gesunde Alternative zu Reis interpretiert und vermarktet. In Caf\u00e9s, Restaurants und Haushalten der Mittel- und Oberschicht gilt es heute als \u201eSuperfood\u201c. Neue Gerichte wie Ragi-Dosa oder Ragi-basierte Kekse und Power-Shakes zeigen, wie sich traditionelle Zutaten, vornehmlich aus ruralen Gegenden, in sogenannte \u201emoderne\u201c urbane Konsumstile integrieren bzw. \u00fcbertragen lassen. Auch Lebensmittelindustrien tragen durch Fertigprodukte dazu bei, Ragi f\u00fcr andere Bev\u00f6lkerungsteile wieder bekannter und leichter zug\u00e4nglich zu machen.<\/p>\n<p>Diese Neuinterpretationen von Ragis Materialit\u00e4t bedeuten jedoch nicht, dass daran festgemachte soziale Unterschiede am Verschwinden sind. Im Gegenteil: W\u00e4hrend Ragi in ruralen Regionen S\u00fcdkarnatakas weiterhin als eines der Grundnahrungsmittel der tendenziell niedrigeren Einkommensschichten gilt, wird es in den urbanen R\u00e4umen nun wieder mehr von der Mittel- und Oberschicht konsumiert \u2013 allerdings in anderen Zubereitungsformen und mit abweichenden Motivationen.<\/p>\n<p>Es l\u00e4sst sich daher eine Ambivalenz feststellen: Ragi verbindet Menschen \u00fcber das gemeinsame Bed\u00fcrfnis nach gesunder Nahrung, trennt sie aber zugleich durch soziale Zuschreibungen und geschmackliche Pr\u00e4ferenzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Diskussion<\/strong><\/p>\n<p>Es wird deutlich, dass Ragi als eine ambivalente Entit\u00e4t, und in seinen verschiedenen Erscheinungsformen als Lebensmittel bzw. Objekt, das Potential besitzt, die damit interagierenden Menschen zu vereinen und zu trennen. Die Materialit\u00e4t von Ragi nach den Definitionen von Tim Ingold \u2013 dessen Anbaubedingungen als Pflanze und physiologischen Eigenschaften in Form von Nahrung \u2013 pr\u00e4gten \u00fcber Jahrhunderte und bis heute, dessen oszillierende Interpretationen als marginalisiertes \u201eArmenessen\u201c einerseits und als gesundheitsf\u00f6rderndes \u201eSuperfood\u201c andererseits. Um diese Dynamiken zu verstehen, reicht weder eine rein kulturelle noch eine rein \u00f6kologische Herangehensweise. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel von Naturen und Kulturen. Ragi kann einerseits als ein widerstandsf\u00e4higes Getreide mit hohem N\u00e4hrwert, andererseits als ein Symbol f\u00fcr soziale Differenzierung gesehen werden.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie in Sidney Mintz\u2019 Analyse des Zuckers, wird am Beispiel Ragi deutlich, wie historische und sozio-\u00f6konomische Kontexte mit globalen Trends, gesundheitspolitischen Diskursen und lokalen Traditionen zusammenwirken, um Ragi als Pflanze und Lebensmittel immer wieder neu zu interpretieren und definieren. Im Rahmen der NatureCultures-Debatte wird daher deutlich, dass Ragi nicht nur als nat\u00fcrliche Ressource, sondern zugleich als kulturell pr\u00e4gendes Objekt verstanden werden muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Untersuchung von Ragi in S\u00fcdkarnataka zeigt exemplarisch, wie sich Naturen \u2013 in Form von Pflanzen und daraus resultierender Nahrung \u2013 und Kulturen \u2013 niedergeschlagen als sozio-kulturell spezifischen Zubereitungsformen und Aufnahmen, verbunden mit Zuschreibungen und Differenzierungen \u2013 gegenseitig bedingen.<\/p>\n<p>Tendenziell galt und gilt Ragi in ruralen Regionen S\u00fcdkarnatakas als Grundnahrungsmittel, welches zugleich tief in kulturellen und religi\u00f6sen Traditionen verankert ist. In urbanen Zentren wie der Megacity Bangalore hingegen, wird Ragi als \u201eSuperfood\u201c neu entdeckt, allerdings prim\u00e4r von der wachsenden Mittelschicht, w\u00e4hrend tendenziell \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsteile der Stadt Ragi seit jeher als Grundnahrungsmittel nutzen. Deshalb k\u00f6nnen meine zwei aufgestellten Kategorien auch innerhalb Bangalores selbst existieren, was eine strikte Unterscheidung zwischen Stadt und Land erschwert. Globalisierungs- und Urbanisierungsprozesse schaffen zwar \u00dcberschneidungen, doch werden soziale Unterschiede dadurch nicht \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Meine Masterarbeit leistet damit einen Beitrag zur Kulinarischen Ethnologie, indem sie zeigt, wie die materiellen Eigenschaften eines Nahrungsmittels und seine kulturellen Zuschreibungen ineinandergreifen. F\u00fcr die Ern\u00e4hrungspolitik ergeben sich daraus wichtige Implikationen. Ragi k\u00f6nnte sowohl zur Bek\u00e4mpfung von Mangelern\u00e4hrung als auch zur Pr\u00e4vention von Zivilisationskrankheiten eingesetzt werden. Zugleich bleibt die Herausforderung bestehen, eine sozial inklusive Nutzung sicherzustellen, die nicht erneut bestehende Ungleichheiten verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Ragi steht damit beispielhaft f\u00fcr den Nexus von \u00d6kologie, Gesundheit, \u00d6konomie und sozialer Differenzierung \u2013 und verweist auf die Notwendigkeit, Nahrung stets als integrales Element von \u201eNatureCultures\u201c zu begreifen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Jasmin Lasslop<\/strong> ist Ethnologin mit einem regionalen Schwerpunkt auf S\u00fcdasien, insbesondere Indien. Sie studierte Ethnologie und Modern Indian Studies an der Georg-August-Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. Sie absolvierte Auslandssemester an der Savitribai Phule Pune University w\u00e4hrend ihres Bachelorstudiums sowie an der University of Agricultural Sciences Bangalore w\u00e4hrend ihres Masterstudiums. F\u00fcr ihre Masterarbeit \u201eUrban Super Food vs. Rural Staple Food: (Re)discovering Ragi in Bangalore and South Karnataka\u201c f\u00fchrte sie eine siebenmonatige Feldforschung in und um Bengaluru durch und pr\u00e4sentierte ihre Ergebnisse bereits beim Ethnologischen Sommersymposium im Frobenius-Institut.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[761],"blog":[719],"class_list":["post-12531","uncommoning","type-uncommoning","status-publish","hentry","autor-jasmin-lasslop","blog-uncommoning-foodways"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12531","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/uncommoning"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12531\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12534,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12531\/revisions\/12534"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12531"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=12531"},{"taxonomy":"blog","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog?post=12531"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}