{"id":12466,"date":"2025-09-27T19:07:10","date_gmt":"2025-09-27T17:07:10","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/?post_type=uncommoning&#038;p=12466"},"modified":"2025-09-30T08:01:13","modified_gmt":"2025-09-30T06:01:13","slug":"ethnologische-museen-als-orte-affekthistorischer-forschung","status":"publish","type":"uncommoning","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/uncommoning\/commoning-museum-and-university\/ethnologische-museen-als-orte-affekthistorischer-forschung\/","title":{"rendered":"Ethnologische Museen als Orte affekthistorischer Forschung"},"content":{"rendered":"<p>Ethnologische Museen sind palimpsetartige Orte. Generationen von Museumsarbeiter*innen haben sie immer wieder ver\u00e4ndert, Neues hinzugef\u00fcgt und Altes in Vergessenheit geraten lassen. Dabei haben sie versucht, auf historisch wackligen Fundamenten Orte der Zukunft zu schaffen. Gefangen im Spannungsfeld zwischen kolonialer Herrschaft und humanistischen Anspr\u00fcchen, zwischen Verstehen und Beherrschen, sind sie notwendigerweise widerspr\u00fcchliche Orte, die Kulturgut bewahren und dabei doch oft die Menschen hinter den Objekten vergessen haben. Ethnologische Museen sind eigentlich schon immer in der Krise und auf der Suche nach einem neuen, irgendwie stabileren Selbstverst\u00e4ndnis. Vor diesem Hintergrund ist das ethnologische Museum ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Ort f\u00fcr Forschung, der sowohl den Rahmen als auch das Material bietet, die Geschichte und Gegenwart Europas in der Welt nachzuvollziehen. Es ist ein Ort der Spannungen, weniger ein einzelnes Archiv als ein Sammelsurium verschiedener archivarischer Sedimente, die die Jahrhunderte imperialer Herrschaft hier abgelagert haben. Unter der Oberfl\u00e4che repr\u00e4sentativer Geb\u00e4ude passt nichts wirklich zum anderen, und diese Spannungen, welche im Alltag oft frustrierend sind, erm\u00f6glichen es gleichzeitig, sicher geglaubte Gewissheiten infrage zu stellen und neue Perspektiven zu entwickeln.<\/p>\n<p>Wie kann man an einem solchen Ort forschen? Im Rahmen meines Beitrags m\u00f6chte ich eine m\u00f6gliche Antwort auf diese Frage aufzeigen, inspiriert von meiner Promotion zur Affektgeschichte des ethnografischen Sammelns. Forscher*innen wie Ann Stoler argumentieren bereits seit den 1990er Jahren, dass Imperialismus ganz zentral auch ein emotionales System war, das die Empfindungen von Kolonisierten und Kolonisatoren gleicherma\u00dfen zu reglementieren versuchte (Stoler 1995; 2009; 2016; aber auch McClintock 1995; Lowe 2015; Cheng 2001). Entsprechend habe ich mir die Frage gestellt, was diese Erkenntnis f\u00fcr kolonialzeitliche ethnografische Praktiken bedeutet. Inwiefern waren sie von Emotionen gepr\u00e4gt und wie wirkte sich das Sammeln auf die emotionale Konstitution der Sammler*innen aus? Welche Rolle spielten beispielsweise Schuldgef\u00fchle angesichts der immensen Gewalt und Zerst\u00f6rung indigener Lebenswelten f\u00fcr jene Menschen, die versuchten, diese Lebenswelten durch ihr Sammeln zu dokumentieren? Solche affektiven Fragen sind methodisch schwer zu beantworten, und gerade hier kommt das vielf\u00e4ltige Archiv des Museums zum Tragen.<\/p>\n<p>Die zentrale Fallstudie meiner Arbeit ist das Archiv des deutschen Ethnologen Wilhelm Joest (1852\u20131897), der das von Sklaven auf Zuckerplantagen erwirtschaftete Verm\u00f6gen seiner Familie nutze, um global ethnologische Sammlungen anzulegen. Unter anderem eignete er sich in den Guyanas \u2013 Franz\u00f6sisch- und Britisch-Guyana sowie Surinam \u2013 Objekte an, schrieb dort Tagebuch und ver\u00f6ffentlichte eine Monografie \u00fcber seine Reise (Joest 1893; hierzu siehe auch Haeming 2023; Deu\u00dfen and Haeming 2023). In diesem Tagebuch lassen sich zwischen den Zeilen auch seine Schuldgef\u00fchle nachvollziehen, wie in der folgenden Beschreibung der desastr\u00f6sen kolonialen Lebensumst\u00e4nde indigener Menschen in Saint Laurent du Maroni:<\/p>\n<p><em>Trieben sich den ganzen Tag, nachdem Fische + Entenkr\u00fcge verkauft, von einer Schnapsbude zur andern. Mittags bot sie uns schon stieren Blicks + h\u00f6llisch unsicher auf d. Beinen, dabei Kinder s\u00e4ugend. Nacher alle todtbesoffen w\u00e4lzten sich im Koth + Regen. Kerle schliefen unter der str\u00f6menden Traufe, Weiber schlugen hin, da\u00df die S\u00e4uglinge (bis zu 3 Jahren) meterweit auf die harte Chaussee schlugen, ein etwas gr\u00f6\u00dfere Kinder, die noch nicht trinken k\u00f6nnen das hei\u00dft denen das Sauzeug dahin noch nicht schmeckt, weinten vor Hunger + Bek\u00fcmmerni\u00df [\u2026] Ein Priester machte sich schleunigstens aus dem Staub, aber der Gouverneur Commandant schien die wie tr\u00f6ge Schweine im Graben, quer \u00fcber die Stra\u00dfen usw. herumliegenden Bestien gar nicht zu beachten. [\u2026] M\u00f6gen die Indianer weglaufen oder sich besaufen, all right. Besser noch an ihrer Stelle Br\u00fcllaffen, die kann man wenigstens abschie\u00dfen. Skandal, da\u00df die Regierung 1.) den Schnaps verkaufen an Besoffene zumal M\u00e4dchen, nicht regulirt 2.) da\u00df die Schweine nicht aufgelesen werden + feste verhauen. [\u2026] Disgusted ans Boot, wo wieder Besoffener. Alles war \u00fcberhaupt besoffen, selbst Kulis, den verhaute <\/em>(Joest 1890, 104-5).<\/p>\n<p>Joest dr\u00fcckt eine Reihe von Emotionen aus: Ekel gegen\u00fcber den betrunkenen \u201eIndianern\u201c, Wut gegen\u00fcber der niederl\u00e4ndischen Kolonialregierung, den Wunsch nach gewaltsamer Bestrafung sowie Verzweiflung angesichts der entw\u00fcrdigten Lebensumst\u00e4nde, die er beobachtet. Keine dieser Emotionen scheint stabil zu sein; er wechselt chaotisch zwischen ihnen hin und her. Was er sieht, ruft eine starke emotionale Reaktion hervor, doch er ist nicht in der Lage, das Erlebte zu verarbeiten.<\/p>\n<p><em>Ich vermute, dass die eigentliche Ursache f\u00fcr Joests heftige Reaktion sein Schuldgef\u00fchl angesichts der Folgen des europ\u00e4ischen Imperialismus ist. Das mag spekulativ erscheinen, da Joest dieses Schuldgef\u00fchl nie offen erkl\u00e4rt. Doch gerade diese Verleugnung f\u00fchrt zu seiner inkoh\u00e4renten emotionalen Reaktion, da er nicht akzeptieren kann, dass das System, das er vertritt und an das er glaubt \u2013 der Imperialismus \u2013 die Ursache f\u00fcr dieses Elend ist. Daher sucht er nach anderen M\u00f6glichkeiten, die Situation zu interpretieren. K\u00f6nnten nicht die fahrl\u00e4ssigen Kolonialbeh\u00f6rden, die Kirche oder die indigenen V\u00f6lker selbst schuld sein? Die verschiedenen Texte, die er \u00fcber die Guayanas geschrieben hat, sowohl ver\u00f6ffentlichte als auch unver\u00f6ffentlichte, geben weiteren Aufschluss \u00fcber diese Suche nach einem Schuldigen. An einer Stelle behauptet er beispielsweise, \u201edass der Indianer, wenn ihm der Europ\u00e4er keinen Schnaps liefert, sich seine berauschenden Getr\u00e4nke Paiwari, Cassiri, Tapana, Chicha, Kumu, Peru usw. einfach selbst bereitet\u201c (Joest 1895, 76). An anderer Stelle widerspricht er sich jedoch, indem er den Konsum von indigenem Alkohol verteidigt und argumentiert, dass die Bayern genauso oft betrunken seien (Joest 1893, 93). In einem weiteren Text versucht er, die Alkoholverk\u00e4ufer zu rassifizieren, indem er sie als gierige Chinesen beschreibt (Joest 1895, 62). An wieder anderer Stelle fragt er rhetorisch: \u201eWen trifft aber die Schuld f\u00fcr diese grauenhaften Zust\u00e4nde?\u201c, und antwortet: \u201eDoch entschieden die Europ\u00e4er\u201c, wobei er sich selbst irgendwie aus dieser Kategorie ausnimmt (Joest 1893, 75). Schlie\u00dflich nimmt er eine zynische, nahezu genozidale Haltung ein: \u201eDie Indianer scheinen dazu bestimmt, von der Erde zu verschwinden; viel ist an ihnen nicht verloren. Bald wird sich der letzte Indianer zu Tode getrunken haben, ohne andere Spuren seines Daseins zu hinterlassen, als leere Geneverflaschen\u201c<\/em> (Joest 1985, 24-5).<\/p>\n<p>Die Grausamkeit dieser Aussage wird durch Joests tats\u00e4chliche Anwendung von Gewalt noch unterstrichen. Von seinen Emotionen \u00fcberw\u00e4ltigt, greift er einen Kuli-Arbeiter an, von dem er annimmt, dass dieser ebenfalls betrunken ist. All diese Positionen und Handlungen unterstreichen in ihrer Inkoh\u00e4renz Joests verzweifelte Versuche und seine letztendliche Unf\u00e4higkeit, die erlebte Gewalt zu verstehen, ohne sich selbst darin zu verstricken. Er w\u00fcrde lieber die betrunkenen indigenen Familien wie \u201eBr\u00fcllaffen\u201c t\u00f6ten, als seine Impliziertheit zu sp\u00fcren und zu akzeptieren. Gleichzeitig wirft die Szene die Frage auf, warum Joest ausgerechnet hier und nicht an den vielen anderen imperialen Orten der Gewalt, die er auf seiner Reise besuchte, mit so starken Gef\u00fchlen reagiert.<\/p>\n<p>Um diese Frage zu beantworten, m\u00fcssen wir die Sammelmethoden Joests in den Blick nehmen, zum Beispiel folgende Beschreibung:<\/p>\n<p><em>Die verschiedenen Besitzer der Ethnographica hatten sich inzwischen ebenfalls versammelt und bei jedem einzelnen Gegenstand frug der Captain: \u201eWillst du das abgeben? Was willst du daf\u00fcr haben?\u201c [\u2026] Dass bei diesen Unterhandlungen reichlich Schn\u00e4pschen verabreicht wurden, brauche ich wohl nicht hervorzuheben <\/em>(Joest 1893, 79).<\/p>\n<p>Der Auszug stellt eine direkte Verbindung zwischen Joests Sammelt\u00e4tigkeit und seinen Schuldgef\u00fchlen her. Wie sich herausstellt, war der Alkohol, der im Zentrum seiner Gef\u00fchle in Saint Laurent stand, gleichzeitig ein wesentliches Element des Handels mit der indigenen Bev\u00f6lkerung. Ohne das, was Joest als die \u201eunvermeidliche Geneverflasche\u201c bezeichnet, h\u00e4tte er keines seiner ethnografischen Objekte erwerben k\u00f6nnen (Joest 1893, 88). Den Alkohol, den er als so sch\u00e4dlich f\u00fcr die indigene Gemeinschaft anprangert, verteilt er in Wirklichkeit selbst.<\/p>\n<p>An einer Stelle r\u00e4umt Joest diese Verbindung sogar ein:<\/p>\n<p>Dabei will ich nun nicht verschweigen, dass man als Ethnograph der Dipsomanie der Indianer auch eine gute Seite abgewinnen kann: ohne sie w\u00fcrden die Leute nicht den kleinsten Topf oder Korb anfertigen; nur Sucht nach Schnaps ist es, welche die Leute veranlasst, \u00fcberhaupt irgend etwas zu arbeiten oder anzufertigen; ohne Schnaps w\u00fcrde man schon seit 50 Jahren keine ethnographische Sammlung mehr unter ihnen anlegen k\u00f6nnen, und die Indianer selbst w\u00fcrden darum dennoch auf keiner h\u00f6heren Kulturstufe stehen wie heute (Joest 1893, 76).<\/p>\n<p>In einer Geste rhetorischer Ehrlichkeit gibt Joest zu, Alkohol verwendet und die Sucht der Menschen, von denen er sammelte, ausgenutzt zu haben. Allerdings verteidigt er sein Handeln sofort mit der Behauptung, dass ohne Alkohol keine Gegenst\u00e4nde hergestellt w\u00fcrden und die indigenen Gemeinschaften genauso \u201eunzivilisiert\u201c w\u00e4ren. In Inhalt und Tonfall ist dieses Zitat das genaue Gegenteil des oben beschriebenen Gef\u00fchlsausbruchs. Hier ist der Alkoholismus von Vorteil und Joest wirkt ruhig und beherrscht. W\u00e4hrend die Begegnung in Saint Laurent also nur zu mehr Gewalt f\u00fchrte, taucht hier etwas Neues auf: ein ethnografisches Objekt. W\u00e4hrend der Akt des Sammelns Joest in die gewaltvolle Struktur der Kolonie verwickelt, erm\u00f6glicht der Objekterwerb auch eine tentative L\u00f6sung. Denn das ethnografische Objekt bietet gleichzeitig einen Ort, an dem die affektive Krise vor\u00fcbergehend \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n<p>Wie kann das ethnografische Objekt affekttheoretisch verstanden werden? In meiner Forschung f\u00fchre ich hierf\u00fcr das Konzept des Fetisches ein. Auf dessen theoretische Einbettung kann ich in diesem beschr\u00e4nkten Rahmen leider nicht ausf\u00fchrlich eingehen. Nur so viel: Ich verstehe den Fetisch vor allem entlang der Konzeptionierung von Ann McClintock als ein Mittel, um imperial Gewalt gleichzeitig sichtbar zu machen und sie dann wieder zu verleugnen (McClintock 1995). Das Ausma\u00df der Gewalt in den Kolonien ist zu gro\u00df und allgegenw\u00e4rtig, um sie schlicht zu verdr\u00e4ngen. Gerade daher bietet sich das ethnografische Objekt als Ort an, an dem die Gewalt zwar kurz zugestanden werden kann \u2013 die Erwerbung des Objekts ist unweigerlich mit dem Alkoholismus und damit auch mit den dahinterliegenden Traumata des kolonialen Genozids verbunden \u2013, aber dann umgeleitet und verdeckt werden kann \u2013 aus seinem Ursprungskontext entfernt wird das indigene Objekt ethnografisiert und so zum Marker einer zeitlosen und intakten \u201eKultur\u201c jenseits der europ\u00e4ischen Gewalt. Dies l\u00e4sst sich bei Joest vor allem im zweiten Teil seiner ethnologischen Monografie \u00fcber die Guyanas nachvollziehen, in dem er gro\u00dfe grafische Reproduktionen einiger der von ihm gesammelten Objekte zusammen mit langen technischen Beschreibungen einf\u00fcgt:<\/p>\n<p>Diese Entenflaschen oder -Kr\u00fcge werden heute noch in grosser Zahl von den, auf dem linken Ufer des Maroni, des Grenzflusses zwischen Surinam und Franz\u00f6sisch-Guayana (Cayenne), wohnenden Indianerinnen angefertigt. Wissenschaftlichen Werth besitzen sie weiter nicht. In meiner Sammlung habe ich \u00fcber hundert verschiedene T\u00f6pfe, Flaschen, Sch\u00fcsseln und Kr\u00fcger dieser Art (Joest 1893, 99).<\/p>\n<p>Die sachlich-n\u00fcchterne Diskussion und \u00e4sthetisierende Pr\u00e4sentation dieser gesammelten Objekte erm\u00f6glicht es Joest, eine distanzierte Position einnehmen. Als ethnologischer Kommentator ist er nicht mehr kausal oder emotional mit den von ihm beschriebenen Menschen verbunden und befindet sich auch jenseits der imperialen Gewalt, der er beiwohnte und zu der er beitrug.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12469\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-686x920.jpg\" alt=\"\" width=\"686\" height=\"920\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-686x920.jpg 686w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-1073x1440.jpg 1073w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-1145x1536.jpg 1145w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-1526x2048.jpg 1526w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-scaled.jpg 1908w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-1-686x920@2x.jpg 1372w\" sizes=\"auto, (max-width: 686px) 100vw, 686px\" \/><br \/>\n<strong>Abb. 1 <\/strong><em>\u201eTafel aus Joests Ethnografisches und Verwandtes aus Guayana, S. 92\u201c<\/em><\/p>\n<p>Da affekthistorische Studien notwendigerweise personenzentriert sind, stellt sich die Frage, inwieweit sich die in dieser Weise gewonnenen Erkenntnisse auf andere Fallbeispiele \u00fcbertragen lassen. Ich m\u00f6chte daher diese Gelegenheit nutzen, um ein weiteres, vorl\u00e4ufiges Beispiel aus meinem neuen Arbeitskontext am Weltkulturen Museum in Frankfurt einzubringen. Dort wird die ethnografische Sammlung von Louise von Panhuys (1763\u20131844) verwahrt. Von Panhuys verbrachte zusammen mit ihrem niederl\u00e4ndischen Mann, dem Plantagenbesitzer Willem Benjamin van Panhuys, zwischen 1811 und 1816 Zeit auf verschiedenen Plantagen in Surinam, nicht weit von Joests sp\u00e4terer Reiseroute. Ber\u00fchmt wurde sie vor allem f\u00fcr ihre botanischen Aquarelle, es sind aber auch diverse Landschafts- und Personenbilder von ihr erhalten. Diese Bilder zeigen eine starke Ambivalenz im Umgang mit der Sklaverei: Einerseits wird die brutale Arbeit auf der Plantage nicht gezeigt, andererseits sind versklavte Menschen aber ein wiederkehrendes Motiv. Diese Gleichzeitigkeit erinnert an die Funktion des Fetisches: Von Panhuys verdr\u00e4ngt die Ausbeutung im Herzen der Kolonie nicht vollst\u00e4ndig, sondern macht sie andeutungsweise sichtbar, allerdings ausschlie\u00dflich in einer Form, die ihr ein stabiles, emotional ertr\u00e4gliches \u00c4u\u00dferes gibt.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12467\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-2-920x726.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"726\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-2-920x726.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-2-1440x1136.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-2-1536x1211.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-2.jpg 1827w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><br \/>\nAbb. 2<\/strong> <em>&#8222;Lousie von Panhuys, Tanz der Haus Sclaven, 1811. Digitalisiert durch die Universit\u00e4tsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main 2013, urn:nbn:de:hebis:30:2-47781. <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/deed.de\">Creative Commons BY-NC-SA<\/a>.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund sind vor allem zwei Bilder interessant. Auf dem ersten Bild versucht von Panhuys, ein Tanzfest der Versklavten darzustellen. Das Bild wirkt eher steif, aber besonderes Interesse weckt die Tatsache, dass von Panhuys nachtr\u00e4glich und mit Bleistift die Namen vieler der Abgebildeten notiert hat, fast wie eine Erinnerungsst\u00fctze f\u00fcr die Zeit nach ihrer R\u00fcckkehr nach Deutschland. Die versklavten Menschen werden hier sichtbarer als in vielen anderen Konstellationen des imperialen Archivs und dennoch wird das Ausma\u00df der ihnen angetanen Gewalt durch die harmlose Tanzszene verleugnet. In einem zweiten Bild wird diese Dualit\u00e4t aus Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sogar materiell sichtbar. Zu sehen ist ein gro\u00dfer Baum, im Vordergrund drei Versklavte. Im Hintergrund sollten in der urspr\u00fcnglichen Version des Bildes die Wohn- und Wirtschaftsgeb\u00e4ude der Plantage Alkmaar zu sehen sein. Von Panhuys schien jedoch mit ihrem Gem\u00e4lde unzufrieden gewesen zu sein und malte daher einen weiteren Ast auf ein zus\u00e4tzliches St\u00fcck Papier und klebte ihn genau vor die Plantagengeb\u00e4ude. Was auf den ersten Blick wie eine \u00e4sthetische Korrektur wirken mag, ist vor dem Hintergrund des Fetischgedankens \u00e4u\u00dferst suggestiv: Die feine Balance zwischen der Anerkennung der Existenz der Versklavten und der Verleugnung der Umst\u00e4nde dieser Existenz schien durch die kompositorische N\u00e4he der Schwarzen Menschen im Vordergrund und der Orte ihrer Ausbeutung im Hintergrund aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. Schwarze Menschen k\u00f6nnen sichtbar werden, aber nur in einer g\u00e4nzlich pastoralen Umgebung wie sie durch die Hinzuf\u00fcgung des Astes geschaffen wird.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12471\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-920x645.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"645\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-920x645.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-1440x1009.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-1536x1076.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-2048x1435.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-3-920x645@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12473\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-920x645.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"645\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-920x645.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-1440x1009.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-1536x1076.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-2048x1435.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-4-920x645@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><\/p>\n<p><strong>Abb. 3 und 4<\/strong> <em>\u201eLouise von Panhuys, Commevina-Flu\u00df mit dem Berston-Baum, Borsten Tree, den die Neger anbethen, 1812. Digitalisiert durch die Universit\u00e4tsbibliothek J.C. Senckenberg Frankfurt am Main 2013, urn:nbn:de:hebis:30:2-46799. <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-nc-sa\/3.0\/deed.de\">Creative Commons BY-NC-SA<\/a>.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist diese Betrachtung noch sehr provisorisch. F\u00fcr ein tats\u00e4chliches affekthistorisches Verst\u00e4ndnis der Sammlung Louise von Panhuys fehlt eine tiefergehende Untersuchung des archivalischen Spannungsfelds, wie ich sie im Falle Joests angedeutet habe. Eine entscheidende Frage w\u00e4re hierbei auch, wie sich die ethnografische Sammlung von Panhuys zu ihren Bildern verh\u00e4lt und inwiefern die Materialit\u00e4t dieser Sammlung die in den Bildern angedeuteten affektiven Man\u00f6ver erweitert und verst\u00e4rkt. Sicher ist, dass sich einige der in den Bildern abgebildeten Objekte auch in der Sammlung wiederfinden, darunter eine Rassel, oder <em>saka<\/em>, die auf dem Bild des Tanzfestes zu sehen ist. Trotz dieser Vorl\u00e4ufigkeit zeigt der Fall, wie wirksam ein solcher affekthistorischer Ansatz, nachdem er einmal entwickelt wurde, auf weitere Kontexte angewendet werden kann.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-12551\" src=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-920x698.jpg\" alt=\"\" width=\"920\" height=\"698\" srcset=\"https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-920x698.jpg 920w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-1440x1093.jpg 1440w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-1536x1166.jpg 1536w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-2048x1555.jpg 2048w, https:\/\/boasblogs.org\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Deusen_Abbildung-5-920x698@2x.jpg 1840w\" sizes=\"auto, (max-width: 920px) 100vw, 920px\" \/><strong>Abb.\u00a0 5<\/strong> <em>\u201eSaka, E0091. \u00a9 Weltkulturen Museum. Fotograf: Wolfgang G\u00fcnzel, 2023.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aus dieser Erkenntnis ergibt sich auch mein Fazit bez\u00fcglich der <em>common future<\/em> von Museum und Universit\u00e4t. Denn anhand der beiden Fallbeispiele wird das umfassende, unausgesch\u00f6pfte Potenzial deutlich, welches das ethnologische Museum als Sammlungs- und Archivort gerade auch f\u00fcr theoretisch versierte Forschung bietet. Gleichzeitig wird deutlich, dass ein Umdenken bez\u00fcglich der Methoden und Fragestellungen, die in solchen Museen verhandelt werden k\u00f6nnen, stattfinden muss, um dieses Potenzial nutzbar zu machen. Ein wichtiger Schritt ist, das Museum nicht nur als multiperspektivischen, sondern auch als multidisziplin\u00e4ren Raum zu verstehen, in dem neben ethnologischen auch historische, globalhistorische, kulturwissenschaftliche, kunsthistorische, kolonialismustheoretische und vor allem interdisziplin\u00e4re Fragestellungen verhandelt werden k\u00f6nnen. Das bedeutet nicht, dass das Museum der Ethnologie entrissen wird, wie ja schon des \u00d6fteren bef\u00fcrchtet, sondern eine \u00d6ffnung des disziplin\u00e4ren Raumes hin zu schlichtweg mehr M\u00f6glichkeiten der Forschung. Eine solche \u00d6ffnung w\u00fcrde auch der universit\u00e4ren Ethnologie besser gerecht, die ebenfalls l\u00e4ngst nicht mehr innerhalb klar definierter Disziplingrenzen operiert (und das, so zeigt es meine Forschung zu Joest, vielleicht auch nie wirklich getan hat). Insofern verstehe ich meinen Beitrag als einen Appell, das ethnologische Museum breiter und komplexer zu denken, im Hinblick sowohl auf seine Sammlungen als auch darauf, was mit diesen m\u00f6glich ist. Nur so, davon bin ich \u00fcberzeugt, kann sich das Museum erneut wandeln hin zu einer dekolonialen Zukunft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Cheng, Anne Anlin. 2001. <em>The Melancholy of Race. Psychoanalysis, Assimilation, and Hidden Grief<\/em>. Oxford University Press.<\/p>\n<p>Deu\u00dfen, Carl, and Anne Haeming, eds. 2023. <em>Aus Indien Nach Santa Cruz Durch Die Ethnologie. Fragmente Des Forschungsreisenden Wilhelm Joest<\/em>. Matthes &amp; Seitz.<\/p>\n<p>Haeming, Anne. 2023. <em>Der Gesammelte Joest. Biografie Eines Ethnologen<\/em>. Matthes &amp; Seitz.<\/p>\n<p>Joest, Wilhelm. 1890. <em>Tagebuch XVIII<\/em>. Die Tageb\u00fccher werden im Rautenstrauch-Joest-Museum in K\u00f6ln verwahrt und k\u00f6nnen dort auf Anfrage eingesehen werden.<\/p>\n<p>Joest, Wilhelm. 1893. <em>Ethnographisches Und Verwandtes Aus Guayana<\/em>. P. W. M. Trap.<\/p>\n<p>Joest, Wilhelm. 1895. <em>Welt-Fahrten: Beitr\u00e4ge Zur L\u00e4nder- Und V\u00f6lkerkunde, Erster Band<\/em>. A. Asher.<\/p>\n<p>Lowe, Lisa. 2015. <em>The Intimacies of Four Continents<\/em>. Duke University Press.<\/p>\n<p>McClintock, Anne. 1995. <em>Imperial Leather. Race, Gender and Sexuality in the Colonial Contest<\/em>. Routledge.<\/p>\n<p>Stoler, Ann Laura. 1995. <em>Race and the Education of Desire. Foucault\u2019s History of Sexuality and the Colonial Order of Things<\/em>. Duke University Press.<\/p>\n<p>Stoler, Ann Laura. 2009. <em>Along the Archival Grain. Epistemic Anxieties and Colonial Common Sense<\/em>. Princeton University Press.<\/p>\n<p>Stoler, Ann Laura. 2016. <em>Duress. Imperial Durabilities in Our Times<\/em>. Duke University Press.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><em>Carl Deu\u00dfen<\/em><\/strong><em> ist Kustos f\u00fcr den Sammlungsbereich Amerikas am Weltkulturen Museum in Frankfurt. Er studierte Liberal Arts in Freiburg und Museum Studies in Amsterdam. Er promovierte ebenfalls an der Universit\u00e4t von Amsterdam. In seiner Dissertation mit dem Titel \u201eThe Affects of Imperial Collecting\u201d erforschte er die Affektgeschichte kolonialzeitlichen Sammelns am Beispiel des Ethnologen Wilhelm Joest. In seiner Forschung besch\u00e4ftigt er sich mit den imperialen Geschichten ethnografischer Sammlungen und den M\u00f6glichkeiten dekolonialer Museumsarbeit.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"menu_order":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[185],"blog":[754],"class_list":["post-12466","uncommoning","type-uncommoning","status-publish","hentry","autor-carl-deusen","blog-commoning-museum-and-university"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/uncommoning"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":12553,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/uncommoning\/12466\/revisions\/12553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=12466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=12466"},{"taxonomy":"blog","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/blog?post=12466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}