{"id":1635,"date":"2017-10-03T00:00:00","date_gmt":"2017-10-02T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/vielstimmigkeit-differenzpolitik-und-konflikte\/"},"modified":"2020-07-08T21:25:55","modified_gmt":"2020-07-08T19:25:55","slug":"vielstimmigkeit-differenzpolitik-und-konflikte","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/vielstimmigkeit-differenzpolitik-und-konflikte\/","title":{"rendered":"VIELSTIMMIGKEIT, DIFFERENZPOLITIK UND KONFLIKTE \u2026"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1635?pdf=1635\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1635?pdf=1635\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Vielleicht liegt es ja an der Zeit meines Studiums in den 1970er Jahren. Ohne eine intensive Grundausbildung in marxistischer Theorie ging gar nichts, und die Soziologie und Politikwissenschaft hatte damals f\u00fcr eine neugierige politisierte Studentin weit Interessanteres anzubieten als die Ethnologie, zumindest an meinen Studienorten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>F\u00e4chergrenzen waren uninteressant; wir wollten die Gesellschaft verstehen und ver\u00e4ndern. Und jedenfalls lernten meine Kommilitonen und ich, immer nach den Widerspr\u00fcchen und Konflikten zu fragen, die sich in jeder Gesellschaft finden \u2013 egal, ob auf der Makro- oder Mikroebene, und egal, ob im Globalen Norden oder in der \u201eDritten Welt\u201c, wie es damals hie\u00df. Vielleicht liegt es auch an meiner spannungsreichen Familiengeschichte, die mich von fr\u00fch an gelehrt hat, auf Dissonanzen zu achten und unterschiedliche Sichtweisen und Interessen der Beteiligten gegebenenfalls zum eigenen Vorteil zu nutzen, wenn ich einigerma\u00dfen durchkommen wollte.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Jedenfalls \u00fcberwog bei mir in all meinen Feldforschungen seit den 1980er Jahren, ob in indianischen Gemeinden im ecuadorianischen Hochland oder bei den einst segment\u00e4ren Dagara in Nordghana (den \u201eLoDagaa\u201c von Jack Goody), der Eindruck einer gewissen Vertrautheit, bei aller Unterschiedlichkeit und Fremdheit. Irgendwie schien es in diesen D\u00f6rfern und Lokalgesellschaften nicht so grunds\u00e4tzlich anders zuzugehen als in meiner komplizierten Familie oder in nieders\u00e4chsischen oder hessischen Kommunen mit ihren immer noch nachwirkenden Spaltungen von Katholischen versus Evangelischen und politischen Fraktionsk\u00e4mpfen im Gemeinderat, in denen sich wirtschaftliche mit verwandtschaftlichen Interessen verbanden. Es gab in meiner Erfahrung auch nicht so eine klare Grenze zwischen \u201ewir\u201c und \u201edie anderen\u201c, wie sie in manchen Beitr\u00e4gen in diesem Blog anzuklingen scheint. Ich wurde als Feldforscherin in Ecuador und Ghana zwar einerseits als Au\u00dfenseiterin behandelt, andererseits aber auch sehr rasch in mit hiesigen lokalpolitischen K\u00e4mpfen durchaus vergleichbare Auseinandersetzungen hineingezogen; ich wurde dabei nicht selten instrumentalisiert, oft ohne zun\u00e4chst so recht zu begreifen, wie mir geschah&#8230; Und ich habe dann am meisten gelernt \u00fcber die \u201efremde\u201c lokale Geschichte und das Zusammenleben in den erforschten Gesellschaften, wenn ich versuchte genauer zu verstehen, wer da eigentlich mit wem, gegen wen, warum, seit wann und auf welche Weise k\u00e4mpfte, sich verb\u00fcndete und wieder trennte. Das eine Mal geriet ich sofort in die erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Bauern, die von der Patronage des alten Gro\u00dfgrundbesitzers immer noch profitierten, und anderen, die fr\u00fchzeitig auf Unabh\u00e4ngigkeit gesetzt hatten. Das andere Mal wurde ich in massive Konflikte um H\u00e4uptlingsnachfolgen hineingezogen, die mit allen Waffen der Erfindung von Traditionen und der Re-Interpretation kolonialer Eingriffe ausgefochten wurden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Romantische Vorstellungen, dass ich Gemeinschaften mit einer \u201efremden\u201c Kultur erforschen w\u00fcrde, die ich ganzheitlich verstehen und respektieren m\u00fcsste, lagen hier verst\u00e4ndlicherweise nicht sehr nahe. Ich hatte es irgendwie immer mit Gesellschaften und Gruppen zu tun, deren Mitglieder selbst intensiv \u00fcber anzustrebende Lebensentw\u00fcrfe, durchzusetzende Normen und geeignete Strategien stritten. Auch \u00fcber Fragen der Mitgliedschaft (wer \u201egeh\u00f6rt\u201c eigentlich dazu) waren diese Gesellschaften uneins. Und einige Mitglieder hatten teilweise sehr selbstbewusst einige koloniale Angebote angenommen und zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen gewusst. Nat\u00fcrlich wurden und werden dabei auch tempor\u00e4r Bilder von Geschlossenheit errichtet, und einzelne Gruppen positionieren sich als \u201edie X\u201c gegen \u201eeuch\u201c Imperialisten im Westen (aber meist eher gegen \u201edie Y\u201c im eigenen Land). Doch solche Demarkationslinien waren und sind nicht von langer Dauer oder nur in bestimmten Kontexten relevant. F\u00fcr mich bedeutete das auch: Ich f\u00fchlte und f\u00fchle mich einigen Individuen oder Fraktionen \u201edort\u201c enger verbunden und konnte sie besser verstehen als manche meiner Mitb\u00fcrger \u201ehier\u201c.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Und wenn ich heute \u00fcber Nationalfeiern oder \u00fcber die Entstehung von Mittelklassen arbeite, kann ich beobachten, dass die Herausforderungen f\u00fcr einen ghanaischen und einen deutschen Protokollbeamten sehr \u00e4hnlich sind, oder ich verstehe vor dem Hintergrund der famili\u00e4ren Konflikte um Bildungsinvestitionen hiesiger Mittelklasse-Eltern die Entscheidungsdilemmata aufstiegsorientierter Nordghanaer besser.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das alles ist sicherlich nicht sonderlich \u00fcberraschend oder neu. Viele Blog-Teilnehmer haben sicher \u00e4hnliche Erfahrungen, und einige haben auch schon erw\u00e4hnt, dass die meisten Ethnologen heute keine (scheinbar) geschlossenen indigenen Gemeinschaften, sondern differenzierte, in sich heterogene und vielf\u00e4ltig transnational oder jedenfalls supralokal verflochtene Lebenswelten erforschen. Eine gewisse Nostalgie \u00fcber die verlorene Welt scheinbar einfacher Gegens\u00e4tze klingt dennoch in etlichen Beitr\u00e4gen an. Ebenso wie ein merkw\u00fcrdiger \u201eS\u00fcndenstolz\u201c, wenn die indigenen Gesellschaften vor allem als Opfer des europ\u00e4ischen Kolonialismus wahrgenommen werden. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir \u00fcber Machtgef\u00e4lle nachdenken, in die unser eigenes Tun \u2013 als Forscher ebenso wie als politisch positionierte B\u00fcrger \u2013 eingebunden ist. Doch mir liegt, wie auch Chris Hann, eine komparative Soziologie sehr viel n\u00e4her als eine romantisierende Ethnologie, die die \u201eAndersartigkeit\u201c fremder \u201eKulturen\u201c zu verstehen trachtet und \u00e0 la Graeber als inspirierenden Steinbruch f\u00fcr den Entwurf anti-kapitalistischer Praktiken sieht. Ich denke, wir brauchen komplexe, weltkluge Analysen nicht von Differenzen, sondern von Prozessen des Setzens (und Aussetzens) von einem ganzen B\u00fcndel von Differenzierungen (und \u00c4hnlichkeiten). Dass ich \u201ehier\u201c wie \u201edort\u201c in manchen Hinsichten vergleichbare Herausforderungen und Konfliktdynamiken wahrgenommen habe, macht ja das Erforschen von bzw. Forschen in nicht-europ\u00e4ischer Gesellschaften nicht \u00fcberfl\u00fcssig \u2013 im Gegenteil. Aber es braucht daf\u00fcr keine Postulate einer grunds\u00e4tzlichen, radikalen Andersartigkeit, die durch kulturrelativistische Positionen \u00fcberwunden werden m\u00fcsste. \u201eAndersartigkeit\u201c findet sich auch in der eigenen Gesellschaft, und die \u201eBefremdung des Eigenen\u201c, die Stefan Hirschauer von Soziologen verlangt, braucht es \u00fcberall.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Darum h\u00e4tte ich auch kein grunds\u00e4tzliches Problem damit, \u201eunser\u201c Fach in einer \u00fcbergreifenden Kultur- und Gesellschaftswissenschaft aufgehen zu sehen, die solche Analysen leistet. Es ist doch im Gegenteil erfreulich und erfrischend, wenn sich andere Wissenschaftler \u201eunsere\u201c Methoden aneignen (die im \u00dcbrigen noch nie so recht das Monopol der Ethnologie waren, wie der von Malinowski konstruierte und in wissenschaftspolitischer Hinsicht erfolgreiche Mythos postulierte). Aber das geht weit \u00fcber die Thematik des \u201eKulturrelativismus\u201c hinaus \u2013 und verweist darauf, dass \u201ewir\u201c Ethnologen nat\u00fcrlich auch keine geschlossene Gemeinschaft sind, sondern h\u00f6chstens ein tempor\u00e4rer Verbund, der sich im Protest gegen eine unbefriedigende journalistische Darstellung vereint\u2026<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[133],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1635","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-carola-lentz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1635","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1635\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5092,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1635\/revisions\/5092"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1635"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1635"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1635"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}