{"id":1633,"date":"2017-07-25T00:00:00","date_gmt":"2017-07-24T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/vier-statt-zwei-relativismus-und-universalism2\/"},"modified":"2020-07-08T20:51:59","modified_gmt":"2020-07-08T18:51:59","slug":"vier-statt-zwei-relativismus-und-universalism2","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/vier-statt-zwei-relativismus-und-universalism2\/","title":{"rendered":"VIER STATT ZWEI: (RELATIVISMUS UND UNIVERSALISM)2"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1633?pdf=1633\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1633?pdf=1633\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Sowohl der in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> erschiene Beitrag als auch einige der im Blog versammelten <em>interventions<\/em> scheinen von der problematischen Annahme auszugehen, dass Relativismus und Universalismus ein sich gegenseitig logisch ausschlie\u00dfendes Paar konstituieren. Mit anderen Worten: entweder man ist Relativist oder man ist Universalist. Das Hauptproblem dieser Annahme ist die Verkennung der Tatsache, dass jede Aussage auf zwei Arten als universalistisch oder relativistisch verstanden werden kann: einerseits mit Bezug auf die in der Aussage enthaltene Proposition, anderseits mit Bezug auf die G\u00fcltigkeit der Aussage selbst. Dies f\u00fchrt dazu, dass die Debatte eigentlich entlang vier m\u00f6glicher Alternativen gef\u00fchrt werden m\u00fcsste.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->Um die Konfusion aufzukl\u00e4ren, nehmen wir als Beispiel eine h\u00e4ufig als kulturrelativistisch verstandene Proposition: \u201eJede soziale Praxis muss abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c. Hier haben wir eine relativistische Aussage (Praxis ist relativ zu, d.h. abh\u00e4ngig von, Kultur), die universelle G\u00fcltigkeit beansprucht (universeller Relativismus). Die Proposition, die zumeist mit dieser Aussage kontrastiert wird, ist die Folgende: \u201eEs gibt keine soziale Praxis, die abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss\u201c. Oder noch einmal ins Positive gewendet: \u201eJede soziale Praxis muss unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um die logische Negation des universellen Relativismus, d.h. es handelt sich nicht um einen relativen Universalismus, sondern um einen universellen Universalismus. Ein Beispiel f\u00fcr einen derartigen universellen Universalismus w\u00e4re der Versuch, jede Handlung entlang universell g\u00fcltiger Kosten-Nutzen Rechnungen zu analysieren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die logische Negation des universellen Relativismus ist jedoch die folgende Aussage: \u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis, die unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss\u201c (relativer Universalismus). Hiervon ausgehend l\u00e4sst sich dann auch die vierte logische M\u00f6glichkeit bilden: \u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis, die abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss\u201c (relativer Relativismus). Es gibt also die folgenden vier M\u00f6glichkeiten:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<ol>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li>Universeller Relativismus: \u201eJede soziale Praxis muss abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"2\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"2\">\n<li>Universeller Universalismus: \u201eJede soziale Praxis muss unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"3\">\n<li>Relativer Universalismus: \u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis, die unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden kann\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"4\">\n<li>Relativer Relativismus: \u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis, die abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden kann\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<div align=\"justify\">\n<p>Mit Hilfe dieser Aufteilung wurde mir zun\u00e4chst klar, warum ich als Au\u00dfenstehender h\u00e4ufig das Gef\u00fchl hatte, in diesem Blog einer Scheindebatte zu folgen. Dies liegt schlicht darin begr\u00fcndet, dass der relative Universalismus und der relative Relativismus zueinander nicht in einem grunds\u00e4tzlichen Konflikt stehen, d.h. man kann \u2013 zeitgleich und ohne sich in logische Widerspr\u00fcche zu verwickeln \u2013 sowohl relativer Universalist wie auch relativer Relativist sein. So lie\u00dfe sich die Position von <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">Christian Weber<\/a> wohlwollend als die eines relativen Universalisten lesen (\u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis [Genitalverst\u00fcmmelung], die unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischer Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.\u201c). Die Position von <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/das-gespenst-des-kulturrelativismus\/\">Cora Bender<\/a> hingegen als die einer relativen Relativistin (\u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis [Maskent\u00e4nze und Geschenkfeste der Kwakiutl], die abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden muss.\u201c)<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Hieraus folgt, dass es zwei m\u00f6gliche Debatten gibt, die vor dem Hintergrund der Frage nach dem Kulturrelativismus gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Zun\u00e4chst die in diesem Blog prim\u00e4r gef\u00fchrte Debatte nach der Frage, welche Praktiken in Abh\u00e4ngigkeit von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden m\u00fcssen und welche nicht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dann jedoch auch die eine Abstraktionsebene h\u00f6her angesiedelte Debatte, die zwischen den folgenden vier Positionen gef\u00fchrt werden m\u00fcsste:<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<ol>\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol>\n<li>Universeller Relativismus \u2227 Universeller Universalismus: \u201eJede soziale Praxis muss abh\u00e4ngig von und unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"2\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"2\">\n<li>(Radikaler) Universeller Relativismus: \u201eJede soziale Praxis kann allein und ausschlie\u00dflich vor dem Hintergrund von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"3\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"3\">\n<li>(Radikaler) Universeller Universalismus: \u201eJede soziale Praxis kann allein und ausschlie\u00dflich mit Bezug auf universell g\u00fcltige Prinzipien verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<ol start=\"4\">\n<li style=\"list-style-type: none;\">\n<ol start=\"4\">\n<li>Relativer Universalismus \u2227 Relativer Relativismus: \u201eEs gibt mindestens eine soziale Praxis, die mit Bezug auf universell g\u00fcltige Prinzipien, und mindestens eine soziale Praxis, die abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten und Vorstellungen verstanden werden\u201c<\/li>\n<\/ol>\n<\/li>\n<\/ol>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Auflistung der ersten M\u00f6glichkeit mag zun\u00e4chst \u00fcberraschen. Zu Unrecht, da es \u2013 wie beispielsweise Claude L\u00e9vi-Strauss strukturalistisches Projekt zeigt \u2013 keinen logischen Widerspruch zwischen universellem Relativismus und universellem Universalismus gibt: Es ist denkbar, dass jede Handlung sowohl abh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten als auch unabh\u00e4ngig von kulturell spezifischen Werten erkl\u00e4rt werden muss (so k\u00f6nnte die Struktur jeder Handlung universell g\u00fcltigen Prinzipien, der Inhalt hingegen kulturspezifischen Prinzipien unterliegen). Reflektiert man intensiv \u00fcber die Unterschiede zwischen diesen vier Alternativen, wird einem au\u00dferdem schmerzhaft bewusst, dass es in der Ethnologie bislang kaum befriedigende Varianten des radikalen universellen Relativismus gibt. Dies liegt darin begr\u00fcndet, dass Varianten des Kulturrelativismus zumeist eine soziale Praxis aus ihrer Allaussage herausnehmen und somit zu Formen des relativen Universalismus werden. Gemeint ist hierbei nat\u00fcrlich die soziale Praxis des Kulturrelativismus selbst. Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnte Christian Webers Artikel auch als ganz anders gelagerte Provokation gelesen werden: n\u00e4mlich als Aufforderung, eine befriedigende Antwort auf die folgende Frage zu finden: Wie k\u00f6nnte ein Kulturrelativismus aussehen, der zu sich selbst ein relatives Verh\u00e4ltnis hat?<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[136],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1633","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-mario-schmidt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1633","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5088,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1633\/revisions\/5088"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1633"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}