{"id":1632,"date":"2017-07-18T00:00:00","date_gmt":"2017-07-17T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/ethnologie-als-beruf\/"},"modified":"2020-07-08T20:38:13","modified_gmt":"2020-07-08T18:38:13","slug":"ethnologie-als-beruf","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/ethnologie-als-beruf\/","title":{"rendered":"ETHNOLOGIE ALS BERUF"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1632?pdf=1632\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1632?pdf=1632\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Zun\u00e4chst m\u00f6chte man in diese (nicht neue, wiederkehrende) Diskussion um die Verkl\u00e4rung oder aber Verurteilung der Praxen und Subjektverst\u00e4ndnisse anderer Kollektive einwerfen: Nicht die Ethnologie als Disziplin, sondern kultur-, also modernit\u00e4tskritische Intellektuelle des 18., 19. und des 20. &#8211; und vielleicht auch des 21. &#8211; Jahrhunderts haben &#8218;die Anderen&#8216; verkl\u00e4rt: Philosophen, Literaten, K\u00fcnstler, gegenw\u00e4rtig ebenso Survival-Trainer, oder Hebammen; und EthnologInnen &#8211; nicht indes als WissenschaftlerInnen, sondern als politisch oder kulturkritisch Engagierte. Es ist fast zu banal: Der Ethnologie als Wissenschaft geht es mitnichten darum, jeden &#8217;noch so absonderlichen&#8216; Brauch zu verkl\u00e4ren &#8211; und ebenso wenig kann es ihr darum gehen, ihn normativ zu bewerten, aus dem Blick der Menschenrechte zu verurteilen. Man kann auch hier Max Webers Vortrag zu &#8218;Wissenschaft als Beruf&#8216; in Anschlag bringen &#8211; in einem Vortrag zu Ethnologie als Beruf ginge es nach wie vor darum, Analyse und Kritik auseinanderzuhalten. Ethische Positionierungen geh\u00f6ren in das politische oder intellektuelle Leben, oder zum Beruf der Philosophie.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Ethnologie hingegen ist &#8211; ebenso wie die Soziologie &#8211; keine normative Wissenschaft. Ihre Fragen sind andere: Wozu dient eine soziale Institution, welcher sozialen Logik gehorcht sie, im Vergleich zu dem, was dem Ethnologen vertraut ist? Tats\u00e4chlich teilen Ethnologie und Soziologie sowie Arch\u00e4ologie dieselben Leitfragen; dieselben theoretischen, und z.T. auch dieselben methodischen Zug\u00e4nge. Daher lassen sich alle drei Disziplinen unter dem Begriff der Anthropologie zusammenfassen &#8211; auch wenn sie sich auf je andere &#8217;soziale Tatsachen&#8216; spezialisiert haben. Die geteilten Leitfragen sind zwei &#8211; eine theoretische und eine empirische: 1) Was ist eigentlich eine &#8218;Gesellschaft&#8216; oder &#8218;Kultur&#8216; \u00fcberhaupt, wie wird das Soziale oder &#8218;Gesellschaft&#8216; je konstituiert und wie transformiert, welche Entit\u00e4ten sind dabei sozial aktiv, gelten als <em>socii<\/em>? Und 2) mit welcher Gesellschaft hat man es je zu tun, was sind Differenzen und Gemeinsamkeiten des kollektiven Lebens, verglichen mit denen, in denen der Ethnologe, die Ethnologin ausgebildet wurde; und wie sind diese Gesellschaften oder Praxen zu dem geworden was sie sind? In beiden Fragen gilt es, gerade nicht involviert zu sein, aus der Distanz zu blicken. Selbst bei derart unhinterfragbaren normativen Standards wie der Menschenrechtsidee handelt es sich bekanntlich um eine kollektive, und kontingente Erfindung, die historisch aufkl\u00e4rbar ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dabei mag der Soziologie die Distanz leichter fallen &#8211; die kulturelle Grundlage der &#8218;Beforschten&#8216; und &#8218;Forschenden&#8216; ist dieselbe, w\u00e4hrend ethnologische Forschung immer erneut methodologische und ethische Probleme aufwirft, die unter den Begriffen der &#8218;Essentialisierung&#8216;, &#8218;Nostrifizierung&#8216;, &#8218;Inkommensurabilit\u00e4t&#8216; entsprechend intensiv diskutiert werden &#8211; viel intensiver, als es in der Soziologie der Fall ist (in der untergr\u00fcndig oft noch ein Evolutionismus mitschwingt &#8211; die Rede von &#8218;vormodernen&#8216;, &#8218;archaischen&#8216; Kollektiven). Gleichwohl l\u00e4sst sich der Vorwurf der Verkl\u00e4rung wohl nicht ganz entkr\u00e4ften: Auch die EthnologIn nimmt eine moralische Haltung ein, sie kann n\u00e4mlich kaum umhin, um jene unwiderrufliche Transformation der Kulturen zu trauern, zu der sie selbst beitr\u00e4gt: <em>Traurige Tropen<\/em> hei\u00dft daher der gesellschaftlich bekannteste Titel von Claude L\u00e9vi-Strauss. Umgekehrt ist der Vorwurf, verkl\u00e4rt w\u00fcrden damit &#8211; in bestimmten F\u00e4llen &#8211; &#8218;absonderliche, kranke, abscheuliche&#8216; Institutionen, derart ethnozentrisch und positivistisch, normalisierend und pathologisierend, wie man es nach L\u00e9vi-Strauss, nach Canguilhem und Foucault nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tte. Der SZ-Artikel ist in der Tat mehrfach irritierend: weil er der Ethnologie eine unreflektiert, naiv bewertende Praxis vorwirft &#8211; und dies aus einer viel weniger reflektierten, buchst\u00e4blich imperialen, eurozentrischen, und evolutionistischen Position.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Artikel ist aber auch irritierend, weil er zugleich Recht hat &#8211; weil die Spannung zwischen analytischer Distanz und dem eigenen normativem Standpunkt bleibt, weil modernen Subjekten das gesellschaftliche Imagin\u00e4re der Menschenrechte als unverr\u00fcckbar erscheint, als fest begr\u00fcndet &#8211; in letzter Instanz k\u00f6nnen wir uns dieses normativen Standpunkts, der Heiligkeit der individuellen menschlichen Natur, nicht entr\u00fccken: schon wegen der Verhaftetheit am eigenen Leben, an der eigenen Individualit\u00e4t oder Existenz nicht. (Wie Hans Joas zu Recht bemerkt, ist dabei keineswegs gesichert, dass &#8218;wir&#8216; der Idee der Menschenrechte selbst praktisch stets treu bleiben.)<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Kurz: Weder darf die Ethnologie als Beruf ihre analytische Distanz aufgeben. Sie hat weder f\u00fcr noch gegen die Menschenrechtsidee zu optieren &#8211; sondern kollektive Existenzweisen zu beschreiben. Dagegen sind Rechtsphilosophie und Recht gefragt, wenn es um die Einsch\u00e4tzung der Menschenrechtsidee, um ethische Fragen ihrer Begr\u00fcndung; um die Beurteilung ihrer Folgen im Blick auf andere Rechtsg\u00fcter geht. Je fallweise ist der Konflikt zwischen zwei Rechtsanspr\u00fcchen zu entscheiden &#8211; den individuellen und kollektiven Menschenrechten. Noch kann die Ethnologie sich einer (und sei es impliziten) Bewertung enthalten: als Wissenschaftler, die dazu beitragen, dass die von ihr untersuchten Kollektive andere werden; und als solche, die in einem bestimmten gesellschaftlichen Imagin\u00e4ren stehen, in ihm gr\u00fcnden: dem zentralen gesellschaftlichen Imagin\u00e4ren des Individuums, dem fundierenden Au\u00dfen moderner Demokratie, ihrem sakralen Grund. Mit anderen Worten, es geht hier um ein Problem, das in definitive, einseitige L\u00f6sungen nicht aufl\u00f6sbar ist. Das Problem nennt sich &#8218;Differenz&#8216; kollektiver Existenzen, oder von Gesellschaften &#8211; die in keinem Fall fix, homogen und unver\u00e4nderlich sind, oder &#8218;unm\u00f6glich&#8216;; und die gerade deshalb auf Fixierung dr\u00e4ngen, sich notwendig differentiell schlie\u00dfen.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[139],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1632","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-heike-delitz"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1632","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5086,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1632\/revisions\/5086"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1632"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}