{"id":1631,"date":"2017-07-11T00:00:00","date_gmt":"2017-07-10T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/die-bedeutung-der-ethnologie-im-zeitalter-von-brexit\/"},"modified":"2020-07-08T20:32:09","modified_gmt":"2020-07-08T18:32:09","slug":"die-bedeutung-der-ethnologie-im-zeitalter-von-brexit","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/die-bedeutung-der-ethnologie-im-zeitalter-von-brexit\/","title":{"rendered":"DIE BEDEUTUNG DER ETHNOLOGIE IM ZEITALTER VON BREXIT"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1631?pdf=1631\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1631?pdf=1631\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Ganz ehrlich gesagt ist der Artikel von Christian Weber in der<em> S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> an mir vorbeigegangen. Ich lebe seit 2004 in Gro\u00dfbritannien und habe mit Brexit genug Probleme. Auch ist die Ethnologen-Dresche leider kein Einzelfall. In Brasilien, meinem derzeitigen Forschungsfeld, werden Ethnologen in polemischen Zeitungskampagnen oftmals als naive Verteidiger der Indigenen angegriffen, vor allem wenn sie indigene Landrechte verteidigen. Dabei wird von den Gegnern gerne mit der wachsenden Zahl gro\u00dfst\u00e4dtischer Obdachloser argumentiert, die das Land br\u00e4uchten. Allerdings geht es in der Regel um Land f\u00fcr den industriellen Anbau von Soja oder der Zucht von Rindern, und Obdachlose gehen leer aus. Und auch in Gro\u00dfbritannien, wo Ethnologie sogar in einigen Schulen gelehrt wird, ger\u00e4t das Fach zunehmend unter Beschuss, wobei der Vorwurf des Kolonialismus eine n\u00fctzliche Waffe ist. Auf der anderen Seite ist das Interesse an ethnologischen Themen und ethnologischer Methodik gr\u00f6\u00dfer denn je. Der Begriff der Ethnographie wird zunehmend von Soziologen und anderen Empirikern als Synonym f\u00fcr qualitative Methodik verwendet, ohne allerdings Ethnographie so wie in der Ethnologie zu praktizieren. Was mich bei der Debatte um den Kulturrelativismus aber vor allem st\u00f6rt, ist die Art und Weise, wie auf Franz Boas und sein Werk eingegangen wird. In meinem Beitrag geht es daher um die Bedeutung von Boas im 21. Jahrhundert, im Zeitalter von Brexit.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wenn er lediglich als Vater des Kulturrelativismus gew\u00fcrdigt wird, wird ignoriert, dass f\u00fcr Boas die Ethnologie keineswegs stumm angesichts von Menschenrechtsverletzungen war. Er war zwar kein politischer Aktivist, der Barrikaden st\u00fcrmte. F\u00fcr ihn war aber die Kulturanthropologie seine Art und Weise des politischen Aktivismus. Zu einer Zeit, in der Frauen in der Wissenschaft in der Regel \u00fcbersehen oder nur geduldet waren, f\u00f6rderte er Frauen und schickte sie, genau wie seine m\u00e4nnlichen Studenten, allein auf Feldforschung, trotz aller Warnungen von Kollegen, dass Frauen dazu nicht in der Lage seien. Zu einer Zeit, in der indigene Kinder in Internate verschickt wurden, um sie gewaltsam zu \u201eintegrieren\u201c, machte Boas Tonaufnahmen von Liedern und Mythen, die uns indigene Kultur besser verstehen helfen. Und als der Nationalsozialismus ganze Kulturen f\u00fcr lebensunwert erkl\u00e4rte, k\u00e4mpfte er mit seinen Schriften gegen den Rassismus an. Dabei scheute er sich nicht, unbequem gegen den Strom zu schwimmen: Wegen seiner Forderung nach Gerechtigkeit auch f\u00fcr Deutschland wurde er aus der American Anthropological Association ausgeschlossen, wegen seines Antirassismus von der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr V\u00f6lkerkunde (in der Nazizeit \u2013 aber hat sie sich je daf\u00fcr entschuldigt?).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Boas forschte in Nordamerika und engagierte sich f\u00fcr das Recht der indigenen Bev\u00f6lkerung auf eigene Kulturen. Heute w\u00fcrde er viele indigene Gespr\u00e4chspartner in den Gro\u00dfst\u00e4dten seines Landes finden. Dementsprechend wird ethnologische Forschung heutzutage zunehmend in Gro\u00dfst\u00e4dten oder im eigenen Land ausgef\u00fchrt. Ich habe beispielsweise in New York City und S\u00e3o Paulo geforscht. Angesichts der enormen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die Deutschland derzeit aufgrund der \u00d6ffnung der Grenzen 2015, aber auch da Deutschland seit langem ein Einwanderungsland ist, durchmacht, ist es wichtiger denn je, Ethnologie im eigenen Land zu betreiben.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ethnologen lernen im Studium, Menschen in ihren eigenen Situationen aufmerksam zu beobachten. Dabei werden Spannungen aufgedeckt, nicht nur zwischen ethnischen, sondern auch intraethnischen Gruppen (beispielsweise zwischen Geschlechtern oder Altersgruppen). Diese Spannungen sind in Deutschland regelrecht greifbar und daher braucht Deutschland Ethnologen heute mehr denn je, um genau diese Spannungen besser zu verstehen. Und auch in Gro\u00dfbritannien, wo sich Ethnologen eher als Sozialwissenschaftler anstatt Geisteswissenschaftler verstehen, w\u00e4re es angebracht, sich an Boas zu erinnern, gerade angesichts der Spannungen zwischen den oppositionellen Feldern der Brexit Kampagne, die 2016 das Land spaltete. Wenngleich im Anschluss an das Referendum zahlreiche wissenschaftliche Verb\u00e4nde ihre Verbundenheit zu Europa bekundeten, frag ich mich, ob dabei wirklich die Menschen im Mittelpunkt stehen, die wie ich v\u00f6llig fassungslos von dem Ergebnis getroffen wurden, oder die Forschungsgelder von der EU. Boas h\u00e4tte das Referendum zwar nicht beeinflussen k\u00f6nnen, aber er w\u00e4re nicht stumm angesichts der ausl\u00e4nderfeindlichen \u00dcbergriffe geblieben.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Aber auch die Ethnologie selbst k\u00f6nnte sich wieder verst\u00e4rkt ihres Erbes bewusst werden, wie ein kurzer Blick auf mein Forschungsfeld zeigt. So forsche ich seit einigen Jahren \u00fcber Religionserfahrungen wie Geisterbesessenheit und Trance, ein Bereich, von dem viele Ethnologen Abstand nehmen, da sich diese Erfahrungen im individuellen Inneren abspielen. Wenngleich Rituale, in denen Besessenheit stattfindet, im Mittelpunkt ethnologischer Forschung stehen, bleibt es in der Regel bei einem Au\u00dfenblick auf die theatralische Performance. Boas&#8216; Forschung \u00fcber die materielle Kultur der Inuit und den Nordwestk\u00fcsten-Indianern f\u00fchrte ihn zu der Erkenntnis, dass jede Kultur einzigartig sei. Diese Betonung der individuellen, einzigartigen Aspekte einer Kultur ist f\u00fcr mich die Grundlage der heutigen Ethnologie. Anstelle Begriffe aus unserer Kultur, wie beispielsweise Gott oder Seele (oder auch Besessenheit) auf andere Kulturen zu \u00fcbertragen, zeigt Boas, wie wichtig es ist, Konzepte in ihrem kulturellen oder religi\u00f6sen Kontext zu verstehen. In dieser Tradition pl\u00e4diere ich daf\u00fcr, Geisterbesessenheit und Trance als deiktische Begriffe zu verstehen und deren lokale Bedeutung zu erkunden (2016). In Boas&#8216; Werk zeigt sich eine deutliche Kritik an den funktionalistischen Interpretationen von Religion, welche die Sozialanthropologie seiner Zeit dominierte und die heute durch die derzeitige Welle kognitiver Religionsforschung erneut im Aufschwung ist. Bei diesen Deutungen \u00fcber die m\u00f6glichen Funktionen von Besessenheit wird \u00fcbersehen, dass es sich hierbei lediglich um Interpretationen handelte, keineswegs um universelle Modelle (wenngleich kognitive Ethnologen das gerne behaupten).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Vielleicht lie\u00dfe sich Boas&#8216; Erbe auch auf ein Feld \u00fcbertragen, das der klassischen Ethnologie fremd ist. In der ethnologischen Forschung \u00fcber sogenannte au\u00dfergew\u00f6hnliche Erfahrungen argumentieren bspw. David Young und Jean-Guy Goulet (1994) vehement gegen generelle Wahrheitsanspr\u00fcche und weisen auf die Grenzen der singul\u00e4ren westlichen Denkweise hin. Wenngleich sie sich nicht in die Tradition von Boas stellen, sehe ich sie dennoch in einer Linie mit ihm. So pl\u00e4dieren sie f\u00fcr die M\u00f6glichkeit einer \u201emulti-faceted view of reality\u201c und verweisen zur Illustration auf den Film <em>Rashomon<\/em> (1950, Regie: Akira Kurosawa). In dem Film wird ein Ereignis (ein Mord) aus der Sicht unterschiedlicher Akteure gezeigt, ohne dem Zuschauer am Ende ein eindeutiges Ergebnis anzubieten, sondern vielmehr ein facettenreiches Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Young und Goulets Argumentation hat \u00c4hnlichkeit mit Eduardo Viveiros de Castro und seiner Theorie des Perspektivismus (1998, 1992), denn auch Viveiros de Castro pl\u00e4diert neben der menschlichen Perspektive auch die Perspektiven anderer Wesen einzubeziehen, sei es nun die Perspektive von Geistern oder Tieren. Dabei erhebt Viveiros de Castro f\u00fcr die unterschiedlichen Perspektiven keinen Wahrheitsanspruch, wie ja auch <em>Rashomon<\/em> am Ende offen l\u00e4sst, welche Version des Ereignisses (ob \u00fcberhaupt) wahr sei. Diese Offenheit geht nun einigen zu weit \u2013 oder aber nicht weit genug. So fordern zunehmend Ethnologen, die dem derzeitigen Trend der ontologischen Debatte folgen, Geister ontologisch als real zu akzeptieren und nicht nur als Repr\u00e4sentationen zu betrachten. Aber auch das ist ja lediglich eine Interpretation. So habe ich Geisterbesessenheit in unterschiedlichen Traditionen in Brasilien erforscht, die alle jeweils eine andere ontologische Definition der Geister und G\u00f6tter vertraten. Ich musste nicht nur von meiner eigenen Vorstellung von Realit\u00e4t Abstand nehmen, sondern auch von den Vorstellungen der Interviewten, um allen gerecht zu werden. Wie Kurosawa so anschaulich in <em>Rashomon<\/em> zeigt, gibt es keine einzige Sicht auf ein Ereignis, vielmehr polyphone Perspektiven.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir als Ethnologen nicht dabei stehen bleiben. So ist die Ethnologie eine Wissenschaft, in der es um Analyse und Interpretation geht und damit auch um kritisches Hinterfragen und Verantwortung. Die Kritik der ontologischen Debatte an der Betrachtung der Geister und so fort als ledigliche Repr\u00e4sentation ist daher auch nichts Neues in der Ethnologie, sondern schlie\u00dft an die Kritik an der repr\u00e4sentativen Macht an, welche die Ethnologie im Zuge der feministischen Wende bereits vor Jahrzehnten ver\u00e4nderte. Gerade in der Religionsethnologie sind wir uns \u00fcberaus bewusst, wie stark unser wissenschaftliches Vokabular durch Machtpositionen gepr\u00e4gt ist und wie vorsichtig wir mit der andauernden Verwendung solcher Kategorien sein m\u00fcssen. Nicht der Zeitungsartikel, von dem dieser Blog ausging, aber die Besinnung auf Boas zeigt uns das.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturhinweise<\/strong><\/p>\n<p>Schmidt, Bettina E. 2016, Spirit and Trance in Brazil: Anthropology of Religious Experiences, London.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Viveiros de Castro, Eduardo B. 1992, From the Enemy\u2019s Point of View: Humanity and Divinity in an Amazonian Society [Arawet\u00e9: Os deuses Canibais], Chicago.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Viveiros de Castro, Eduardo, 1998, Cosmological Deixis and Amerindian Perspectivism, in: Journal of the Royal Anthropological Institute. 4(3), 469-488.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Young, David E. und Jean-Guy Goulet 1994, Introduction, in: David E. Young und Jean- Guy Goulet (ed.), Being Changed by Cross-Cultural Encounters: The Anthropology of Extraordinary Experience. Peterborough, Ontario, 7-13.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[148],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1631","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-bettina-schmidt"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1631","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1631\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5084,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1631\/revisions\/5084"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1631"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1631"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1631"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}