{"id":1630,"date":"2017-07-04T00:00:00","date_gmt":"2017-07-03T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/aufklaerung-und-relationismus\/"},"modified":"2020-07-08T20:14:07","modified_gmt":"2020-07-08T18:14:07","slug":"aufklaerung-und-relationismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/aufklaerung-und-relationismus\/","title":{"rendered":"AUFKL\u00c4RUNG UND RELATIONISMUS"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1630?pdf=1630\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1630?pdf=1630\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Beherrscht die (Sozial- und Kultur-)Anthropologie eine Universalsprache, mit der sie sich \u00fcberall verst\u00e4ndlich machen k\u00f6nnte? Ist sie in der Lage, restlos zur Sprache zu bringen, was den Leuten selbst unaussprechlich bleibt, was Tabus und Schweigegeboten unterliegt oder wovon andere nur vorsprachlich wissen? Hat sie ein exklusives Mandat dazu? Niemand w\u00fcrde diese Fragen mit einem dreifachen \u201eJa\u201c beantworten und \u201eanthropologisch forschen\u201c mit \u201eAufkl\u00e4rung betreiben\u201c \u00fcbersetzen. Kein anderes Fach hat sich so gr\u00fcndlich mit dieser und anderen fragw\u00fcrdigen Autorisierungen wissenschaftlicher Repr\u00e4sentation auseinandergesetzt. Kein Fach ist sensibler f\u00fcr ganz unterschiedliche Spielarten daf\u00fcr, \u201eWissenschaft\u201c im Namen der \u201eAufkl\u00e4rung\u201c zu missbrauchen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Aus Perspektive eines soziologischen Nachbarn, der sich ethnografischer Forschungsans\u00e4tze bedient, best\u00e4tige ich gern: Die Anthropologie wei\u00df, was es hei\u00dft, Wahrheitsanspr\u00fcchen eine Stimme zu geben. Sie kennt sich aus mit den Modalit\u00e4ten, etwas zur Sprache zu bringen. Wie dieser Blog dokumentiert, h\u00e4lt sie viel auf diese Expertise. Sie zeigt sich empfindlich f\u00fcr eine Kritik, die mit einem bem\u00e4ngelten Einzelfall gleich die ganze Disziplin an den Pranger stellt. Den Vorwurf, sie \u00fcberziehe ihr Mandat, wenn sie im Namen der Wissenschaft (und der Aufkl\u00e4rung) schlechten Kulturrelativismus betreibt, will sie nicht auf sich sitzen lassen. In Reaktion auf diesen Vorwurf ist ihr nun das passiert, was mir aus allt\u00e4glichen Begegnungen her vertraut vorkommt: Wenn ich, nachdem es mir zwischenzeitlich die Sprache verschlagen hatte, das Wort ergreife, um \u00f6ffentlich eine Sache richtigzustellen, neige ich dazu, sehr lange zu reden. Darum eine vorsichtige R\u00fcckfrage: Haben sich die Leute vom Fach, indem sie sich hier im Blog ge\u00e4u\u00dfert haben, vornehmlich wechselseitig der Regeln jenes Diskurses vergewissert, der andere zuverl\u00e4ssig ausschlie\u00dft? Haben Sie dar\u00fcber die Rederechte auf Leute eingeschr\u00e4nkt, die sich als legitime Vertreterinnen und Vertreter der Disziplin ausweisen k\u00f6nnen? Ist das der Preis, um im Gesch\u00e4ft der Aufkl\u00e4rung eine privilegierte Position zu reklamieren?<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Vielleicht darf ich das Rad wieder ein St\u00fcck zur\u00fcckdrehen: In jene Phase der Befangenheit, die der nun wiedergewonnenen Gewissheit professioneller Autorit\u00e4t vorausging. Wer sich so gut mit den Modalit\u00e4ten \u00f6ffentlicher \u00c4u\u00dferungen auskennt wie die Anthropologie, wei\u00df auch um ihre Unwahrscheinlichkeit.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Drei Gr\u00fcnde laden fast immer dazu ein, dass ethnografisches Wissen stumm bleibt. Es bleibt befangen in den Beziehungen, die f\u00fcr seine Herstellung konstitutiv sind. Erstens beruht ethnografische Wissensproduktion auf teils sehr langfristigen Beziehungen, die Forschende zu den Leuten in ihren Forschungsfeldern aufbauen. Zweitens beruht es auf Einsichten dazu, wie die Leute im Forschungsfeld interagieren. Drittens beruht es auf einem Typ st\u00e4rker vermittelter Beziehung: auf Begegnungen zwischen Selbst- und Fremdrepr\u00e4sentationen des Feldes. In allen drei Hinsichten arbeitet ethnografische Forschung an einem Beziehungsgeflecht. Sie handelt sich dabei Probleme ein, die es unm\u00f6glich machen, unbeschwert das Wort zu ergreifen: Probleme der wissenschaftlichen Autorisierung einer Fremddarstellung; Probleme, die aus dem Umgang mit kollaborativen Situationen hervorgehen und als Verrat oder als Vereinnahmung denunziert werden k\u00f6nnen; Probleme der autobiografischen \u00dcberfrachtung, wenn aus der Beziehung mit dem Feld mehr \u00fcber die Person der Forschenden als \u00fcber die Realit\u00e4t der Beforschten zu erfahren ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>F\u00fcr die Leute vom Fach sind die angesprochenen Modalit\u00e4ten des Zur-Sprache- Bringens <em>truisms<\/em>. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Wenn sie sich in Beziehungen verwickeln und dar\u00fcber in Befangenheiten wiederfinden, dann hat das System. Diese Risiken einzugehen und die Modalit\u00e4ten des Be- und Verschweigens zu erkunden: So verstehe ich die Einladung zu einer reflexiven Anthropologie, die sich der Aufkl\u00e4rung verpflichtet sieht, aber eben nicht einer M\u00fcndigkeit, die sich ihrer selbst immer schon sicher w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Interaktionen im Forschungsfeld, Interaktionen mit dem Feld, Interaktion zwischen Selbst- und Fremdrepr\u00e4sentationen des Feldes: Ich habe diese Dimensionen hier nicht systematisch entwickelt, aber unl\u00e4ngst in einer Reflexion meiner ersten ethnografischen Arbeit wiederentdeckt. Vgl. Potthast, J\u00f6rg (Hg.) 2017: <em>Sollen wir mal ein Hochhaus bauen? Faksimileausgabe mit Kommentaren<\/em>. Berlin: botopress, darin v.a. \u201eEine Gebrauchsanleitung\u201c (S. 85-95). Mit einem Uni-Siegener Seminar erkunde ich gerade, wie sich eine weitere Beziehungsdimension \u2013 ethnografische Forschung im Team \u2013 auf den Umgang mit den genannten Problemen auswirkt.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[138],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1630","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-jorg-potthast"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1630","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1630\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5082,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1630\/revisions\/5082"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1630"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1630"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1630"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}