{"id":1629,"date":"2017-06-27T00:00:00","date_gmt":"2017-06-26T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/kulturrelativismus-gleichmacherei-und-verstimmte-gitarren\/"},"modified":"2020-07-08T20:00:24","modified_gmt":"2020-07-08T18:00:24","slug":"kulturrelativismus-gleichmacherei-und-verstimmte-gitarren","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/kulturrelativismus-gleichmacherei-und-verstimmte-gitarren\/","title":{"rendered":"KULTURRELATIVISMUS, GLEICHMACHEREI UND VERSTIMMTE GITARREN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1629?pdf=1629\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1629?pdf=1629\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Kulturrelativismus, ob als moralische Haltung, epistemologische Notwendigkeit oder methodischer Zugang, hat ein notwendiges Apriori: kulturelle Andersheit. Weil Kulturrelativismus ja diejenige Haltung kennzeichnet, die versucht, das kulturell Andere nicht im Lichte des Eigenen zu lesen, wird er dann relevant, wenn diejenigen Leute, um die es gerade geht, Dinge tun oder glauben, die von denen abweichen, die man selbst tut oder glaubt; w\u00e4re das Andere, anders gesagt, nicht anders, sondern gleich, man br\u00e4uchte die eigenen Ma\u00dfst\u00e4be nicht radikal zu hinterfragen; vielmehr k\u00f6nnte man sie unbesehen dazu nutzen, die Vorstellungen und Praxen der Anderen zu verstehen, sie zu vergleichen und, auch das, zu bewerten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die schwierige Frage, mit der man sich ja auch in diesem Blog herumplagt, ist nun, ob und inwiefern eine so strenge, logische Lesart das ethnologische Gesch\u00e4ft wirklich auch trifft; ob und inwiefern eine kulturrelativistische Position also tats\u00e4chlich an ein Apriori der Andersheit gebunden ist. Diese Frage ist deswegen so wichtig, weil die Ethnologie \u2013 und gerade auch ihr &#8222;hermeneutischer &#8220; Fl\u00fcgel, den <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/on-noble-anthropologists-and-ignoble-journalists\/\">Chris Hann<\/a> nicht ganz zu Unrecht in diesem Blog \u00fcberrepr\u00e4sentiert sieht \u2013 dem Ph\u00e4nomen der Andersheit ja durchaus ambivalent gegen\u00fcbersteht, um es vorsichtig zu sagen. Und zwar weil, erstens, Andersheit nicht einfach nur da ist, sondern man sie herstellt, indem man sie als Perspektive nutzt, mit der Folge, dass &#8222;die Anderen&#8220; auf ihre vermeintlich geteilte Andersheit reduziert und dabei sowohl entindividualisiert als auch exotisiert werden (das Argument, das im Fach zentral mit dem Namen Lila Abu-Lughod verbunden ist); weil, zweitens, die Auseinandersetzung mit Andersheit grunds\u00e4tzlich in einem spezifisch historischen bzw. gesellschaftlichen Kr\u00e4ftefeld steht, das dieses an sich epistemologische Problem politisch flankiert und dazu f\u00fchrt, dass konstatierte Andersheiten immer auch, vielleicht sogar in erster Linie bestimmte Interesselagen reflektieren (die sogenannte &#8222;politics of culture&#8220;); und weil sich schlie\u00dflich, drittens und mit Appadurai (1996), in unserer global vernetzten Welt die Andersheit selbst ver\u00e4ndert hat. Zwar gibt es sie nach wie vor und, Prozessen der &#8222;Aneignung&#8220; und der &#8222;Translation&#8220; sei Dank, gerade auch im Bereich global zirkulierender Ideen und Dinge, Vorstellungen und Praxen; dennoch gleichen sich die Oberfl\u00e4chen eben doch einander an, was dann eben auch zusehends danach verlangt, oder jedenfalls verlangen w\u00fcrde, kulturelle Andersheiten immer auch mit Gleich- oder zumindest \u00c4hnlichkeiten gegenzulesen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Gerade f\u00fcr diese Auseinandersetzung mit Gleichheit aber hat die hermeneutische Ethnologie, anders als die positivistischen Ans\u00e4tze des Faches, bisher noch kein dem Relativismus ebenb\u00fcrtiges explizites Instrumentarium entwickelt, was Kofi Agawu in Hinblick auf die Ethnologie afrikanischer Popul\u00e4rmusik \u2013 dem Bereich, mit dem auch ich mich seit einer Weile besch\u00e4ftige \u2013 schon vor 15 Jahren konstatiert hat: &#8222;There is no method for attending to sameness&#8220;, schreibt er in seinem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel &#8222;Contesting Difference&#8220;, &#8222;only a presence of mind, an attitude, a way of seeing the world.&#8220; (Agawu 2003, Representing African Music, 235).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wenn die kulturelle Andersheit heute also, aus den genannten Gr\u00fcnden, nicht mehr so eindeutig im Zentrum des Faches stehen kann wie einst \u2013 was ist dann mit dem Kulturrelativismus? Kann er dann \u00fcberhaupt noch die zentrale Rolle spielen, die ihm innerhalb der Ethnologie, bei aller Ambivalenz, bis heute doch noch zugestanden wird? Ja, m\u00f6chte (auch) ich behaupten, wobei nicht nur, weil es eben darauf ankommt; und bevor ich diese ethnologischste aller Antworten kurz erl\u00e4utere, m\u00f6chte ich ein kurzes Beispiel aus meiner Forschung \u00fcber Musik in Madagaskar anf\u00fchren, das dabei helfen soll, dieses &#8222;Ja, aber&#8220; besser zu verstehen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Sobald ich in die Welt madagassischer Popul\u00e4rmusik einzusteigen begann, war ich mit dem Problem verstimmter Gitarren konfrontiert. Egal, ob gef\u00fchlsduselige Schmachtfetzen von akustischen Gitarren begleitet wurden oder ob, das eigentliche Zentrum meiner Forschung, die Leadgitarristen von Metalbands ihre verzerrten Soli \u00fcber treibende Riffs legten \u2013 nicht immer, aber doch sehr oft klirrten mir die Ohren, weil Gitarrensaiten weder ordentlich aufeinander abgestimmt noch in Hinblick auf die Tonh\u00f6he mit den anderen beteiligten Instrumenten abgeglichen worden waren. Die Frage, die sich nun augenblicklich stellte war, nat\u00fcrlich, ob es sich dabei um ein kulturelles Ph\u00e4nomen handelte oder nicht: Ob &#8222;sie&#8220; also ihre Gitarren stimmten, wie sie sie stimmten, weil sie es einfach nicht gewohnt waren oder es nicht besser vermochten, oder ob sie an derartige &#8222;Unstimmigkeiten&#8220; gew\u00f6hnt waren, diese vielleicht sogar auf besondere Weise sch\u00e4tzten, w\u00e4hrend ich, sozialisiert in wohltemperierte Klangwelten, meine eigene kulturelle Vorstellung borniert und zu Unrecht universalisierte? Die Frage verfolgte mich von Anfang bis Ende meiner Forschung, und obwohl ich immer mehr Positionen und Praxen zusammentrug, die sich zu dieser Problematik verhielten, kam ich zu keinem eindeutigen Ergebnis; genauer, ich kam zu dem Ergebnis, dass es so ein eindeutiges Urteil nicht geben w\u00fcrde. Denn einerseits schienen sich zahllose Musiker oder auch Zuh\u00f6rer nicht an den &#8222;anders&#8220; intonierten Gitarren zu st\u00f6ren, andererseits wurden diese Stimmungen aber auch nicht bejubelt und es gab kein erkennbares System hinter dem, was f\u00fcr meine Ohren wie unzureichendes Stimmen klang. Daf\u00fcr gab es zahlreiche Gr\u00fcnde, weshalb es zu diesen spezifischen Ungestimmtheiten kam, und zwar nicht nur, weil durchg\u00e4ngig wenig Wert auf das Stimmen gelegt w\u00fcrde, aus kulturellen Gr\u00fcnden also. Auch die materiellen Bedingungen legten &#8222;unsaubere&#8220; Feinabstimmungen nahe: der hohe Preis von Stimmger\u00e4ten zum Beispiel, die Tatsache, dass gute Gitarrenseiten gutes Geld kosten oder dass die g\u00fcnstigen indischen und chinesischen Gitarren, wenn sie denn \u00fcberhaupt einigerma\u00dfen bundrein sind, sich schon innerhalb eines einzigen Liedes immer wieder verstimmen. Und so kam ich zu der \u00dcberzeugung, dass es zwar grunds\u00e4tzlich eine Ideologie des sauberen Stimmens und der &#8222;richtigen&#8220; Gestimmtheit gibt, die sich durchaus an &#8222;westlichen&#8220; Standards orientiert, dass es aber viele nicht so wahnsinnig st\u00f6rt, wenn es im konkreten Fall damit nicht allzu weit her ist, wohl deshalb, weil sie an solche &#8222;Unsauberkeiten&#8220; im Klangbild gewohnt sind und sie nicht zwingend als solche verstehen. Wobei, wenn beispielsweise die Darbietungen eines Konzertes bewertet werden, ich dann doch oft wieder den Eindruck hatte, dass schlecht gestimmte Instrumente durchaus zu einem negativen Gesamteindruck beitragen konnten, auch ohne dass diejenigen, die da urteilten, sich \u00fcber diesen Zusammenhang im Klaren sein mussten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Allgemein gesprochen kam ich also zu dem Eindruck, dass die ungestimmten Gitarren kulturell nicht unbedingt gesch\u00e4tzt, aber doch \u00fcberh\u00f6rt oder jedenfalls ohne gr\u00f6\u00dferen Widerwillen ertragen wurden, dass aber Desinteresse, schwierige materielle Bedingungen und \u2013 auch das \u2013 Unverm\u00f6gen eher f\u00fcr sie verantwortlich zeichneten als tats\u00e4chlich kulturelle \u00dcberzeugungen; dass also, letztlich, kulturelle Andersheit bei den verstimmten Gitarren schon, aber eben doch nur bedingt eine Rolle spielt, w\u00e4hrend Prozesse, die man auch bei uns gut kennt (wie ein Besuch bei einem durchschnittlichen Laienstreichkonzert schnell zeigen kann) deutlich wichtigere Rollen spielen. Aber auch, wenn man am Ende einer solchen Auseinandersetzung zu dem Ergebnis kommt, dass es mit der Andersheit \u2013 wieder einmal \u2013 doch nicht ganz so weit her ist, wie man dies am Anfang vielleicht vermutet h\u00e4tte, ist der Kulturrelativismus eben doch unabdingbar, weil er \u2013 und nur er \u2013 es vermag, dass so ein Ergebnis sich tats\u00e4chlich aus den Daten ergibt und nicht aus apriorischer Borniertheit; schlie\u00dflich h\u00e4tte den mir unangenehmen Stimmungen durchaus ein kulturelles System zugrunde liegen k\u00f6nnen, wie dies bei arabischen Melismen (die ich, wie wohl viele von uns, inzwischen zu h\u00f6ren gelernt habe) oder bei den (meine Ohren nach wie vor herausfordernden) leiernden und schnarrenden traditionellen westafrikanischen Saiteninstrumenten der Fall ist. Auf der anderen Seite ist allerdings auch die Gefahr durchaus real, einem exotisierenden &#8222;Ver-Andern&#8220; zu erliegen, nicht nur, aber gerade auch dort, wo man sich eine solche Andersheit gut vorstellen kann; wann immer ich zum Beispiel mit ethnologischen Kolleg\/innen \u00fcber dieses Intonations-Problem sprach, forderten mich, aus Gr\u00fcnden, die mir nicht wirklich klar sind und ohne zuvor nach spezifischen Hintergr\u00fcnden zu fragen, viele von ihnen mit einer dezidiert relativistischen Position heraus. Und wie gesagt neigt ein (vor)eingenommener Relativismus durchaus dazu, seine eigenen Prophezeiungen auch zu erf\u00fcllen. Um der M\u00f6glichkeit des anders-Seins grunds\u00e4tzlich Rechnung zu tragen, ohne aber andererseits dem <em>othering<\/em> zu erliegen, bietet sich vielleicht am ehesten an, den Relativismus als eine Art &#8222;transzendentales caveat&#8220; zu verstehen; als Stimme, die, \u00e4hnlich dem sokratischen Daimonion, weniger zu- als vielmehr abr\u00e4t und die sich immer dann zu Wort meldet, wenn man in seinen Analysen zu sehr von sich auszugehen droht. Weil man diese Stimme \u2013 anders als bei Sokrates \u2013 selbst mitsprechen muss, w\u00fcrde die Arbeit der\/s Ethnologin\/en damit inh\u00e4rent dialogisch, ein Anschreiben gleichzeitig f\u00fcr und gegen den Relativismus, den es immer wieder zu vertreten und in die Schranken zu weisen gilt. So k\u00f6nnte zumindest versucht werden, der ethnozentrischen Gleichmacherei genauso wenig zu verfallen wie der Exotisierung des Anderen, was beides von zentraler Bedeutung ist; nicht nur f\u00fcr das wissenschaftliche, sondern auch, vielleicht vor allem, f\u00fcr das gesellschaftliche Projekt.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[140],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1629","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-markus-verne"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1629","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1629\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5080,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1629\/revisions\/5080"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1629"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1629"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1629"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}