{"id":1628,"date":"2017-06-20T00:00:00","date_gmt":"2017-06-19T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/vom-sinn-und-unsinn-des-relativismus\/"},"modified":"2020-07-08T19:31:23","modified_gmt":"2020-07-08T17:31:23","slug":"vom-sinn-und-unsinn-des-relativismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/vom-sinn-und-unsinn-des-relativismus\/","title":{"rendered":"VOM SINN UND UNSINN DES RELATIVISMUS"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1628?pdf=1628\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1628?pdf=1628\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>Ohne Zweifel gibt es romantische Idealisierungen und falsche Relativierungen \u2013 auch in den Wissenschaften. Aber hat sich damit der Relativismus erledigt? Das scheint Christian Weber mit seinem Artikel <em>Die M\u00e4r vom edlen Wilden<\/em> behaupten zu wollen, wenn er relativierenden Verstehensbem\u00fchungen pauschal falschen Romantizismus unterstellt. Einem flotten Artikel eine Debatte zu schenken, lohnt sich nur, wenn sich dahinter Diskussionspunkte ausfindig machen lassen, die den Streit lohnen. F\u00fcr mich als Nicht-Ethnologe kann das nicht die Frage sein, ob schlechte Romantisierungen dieses Fach heute in einen falschen Relativismus treiben. Ich nehme den Artikel von Weber deshalb als Absprungbrett zur Frage, welchen Sinn relativistische Positionen im wissenschaftlichen und wissenschaftspolitischen Diskurs haben. \u2013 Und der liegt m.E. gerade darin, den falschen Gegensatz von objektiver Wahrheit und falschem Relativismus aufzusprengen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Gerade \u00fcber den Import ethnographischer Methoden hat die Wissenschaftsforschung in zahllosen Untersuchungen gezeigt, wie Regime der wissenschaftlichen Wahrheitsproduktion in komplexe Netze lokaler Kulturen eingebunden sind und dass selbst noch die Leitvorstellungen dar\u00fcber, was als objektiv wahr gelten kann, historisch wandelbar sind. F\u00fcr eine einfache Gegen\u00fcberstellung relativistischer Romantisierung vs. objektiver Wahrheit mag es in allen Wissenschaftsfeldern immer wieder schlechte Beispiele geben, aber das geht am epistemisch relevanten Punkt vorbei, n\u00e4mlich mit welchen Mechanismen und \u00fcber welche Techniken bestimmte wissenschaftliche Praktiken so stabilisiert werden k\u00f6nnen, dass sie zu Leitvorstellungen von Objektivit\u00e4t gerinnen. Auch wenn sie jeweils im Namen der Wahrheit erfolgt sind, unterliegen gerade auch diese stabilisierten Wahrheitsvorstellungen historisch deutlich erkennbaren Wandlungsprozessen und keineswegs nur einem vermeintlichen wissenschaftlichen Fortschritt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Pr\u00e4zise in diesem Sinne sind relativistische Positionen also ihrerseits einem Wahrheitsideal verpflichtet \u2013 und zwar einem, das nicht vorschnell von lokalen Bedingungen im Namen des Allgemeinen abstrahiert, sondern vielmehr dessen Bedingungen der M\u00f6glichkeit in den lokalen Kontexten seiner Realisierung freilegt. Dass es sich hierbei um eine problematische Konzeption handelt, hat f\u00fcr die Wissenschaftsforschung schon der inzwischen kanonisierte Ludwik Fleck mit seinem Buch <em>Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache<\/em> gezeigt, in dem er gegen die Vorannahmen allgemeing\u00fcltiger methodischer Prinzipien des Wiener Kreises deren soziale Konstruktion herauszuarbeiten suchte. Dieser Konstruktivismus macht wissenschaftliche Tatsachen keineswegs zu blo\u00dfen Erfindungen, sondern bindet die Wahrheit und G\u00fcltigkeit wissenschaftlicher Aussagen an die Bedingungen der Kultur, auch wenn sie dabei als Aussagen verstanden werden, die \u00fcber die jeweilige Kultur hinausweisen. In diesem Sinne k\u00f6nnen wir heute etwa \u201efeststellen\u201c, dass \u00e4gyptische K\u00f6nige an Tuberkulose erkrankt waren, auch wenn es bakterielle Krankheiten in diesem Kulturkreis \u201enoch gar nicht gab\u201c. Aber wie eine Infektion mit diesen Bakterien zur Erkrankung f\u00fchrt und wie diese erfolgreich behandelt werden kann, wird gerade dieser Tage wieder intensiv diskutiert. Infektionskrankheiten geh\u00f6ren in Zeiten multiresistenter Keime zu den Hauptarbeitsgebieten der Systembiologie, wo vorab kaum mehr feststeht, als dass bislang f\u00fcr unumst\u00f6\u00dflich gehaltene Konzepte von Keim und Organismus aufgel\u00f6st werden. Damit liefert die aktuelle biomedizinische Forschung ein eindrucksvolles Beispiel, wie auch objektivierende Naturforschung einem historischen Index unterliegt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der von Fleck aufgrund seiner eigenen Erfahrungen herausgegriffene Bereich der Medizin scheint mir f\u00fcr die Diskussion um den Relativismus besonders geeignet, denn kaum sonst wo zeigt sich so deutlich, dass Fragen der richtigen Wissenschaft mehr sind als Diskussionen im akademischen Elfenbeinturm. Von medizinischen Aussagen h\u00e4ngen extrem weitreichende Eingriffe in das Leben Einzelner ab, und Gesellschaften, die es sich leisten k\u00f6nnen, verwenden substanzielle Anteile ihrer Wirtschaftsleistung auf die Finanzierung medizinischer Angebote. Gleichzeitig partizipiert die Medizin an der besonders dynamischen Forschung der Biowissenschaften, die mit ihren rasanten Fortschritten und theoretischen Umschw\u00fcngen \u2013 etwa vom genetischen Determinismus zur Epigenetik \u2013 vor allem die historische Relativit\u00e4t ihrer Ergebnisse unterstreichen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Und obendrein verschr\u00e4nken sich in diesem Bereich wissenschaftliche Erkenntnisinteressen mit den existenziellen Bed\u00fcrfnissen der Betroffenen, mit \u00f6konomischen Interessen verschiedener Akteure (auch finanzstarker Pharmaunternehmen) sowie dem Mandat zur Daseinssicherung seitens der Politik. Kurzum, der Gesundheitsbereich f\u00fchrt vor Augen, dass wissenschaftliche Tatsachen immer auch soziale und politische Konstruktionen sind, dass zu ihrer Feststellung permanent wissenschaftliche und politische Aushandlungsprozesse ablaufen und dass die vermeintlich blo\u00dfe \u201eFeststellung\u201c einer wissenschaftlichen Tatsache mit weitreichenden soziopolitischen Folgen verkn\u00fcpft sein kann. So l\u00e4sst sich z.B. in der Medizin beobachten, wie die Methodik klinischer Studien von Pharmafirmen geschickt benutzt wird, um ein neues Medikament trotz zweifelhafter Testergebnisse erfolgreich zu vermarkten, oder welche unerwarteten Aneignungsstrategien knappe medizinische G\u00fcter wie z.B. die Spende einer Niere in Kontexten \u00f6konomischer Ausbeutung freisetzen \u2013 oder auch welche Anreize eine vermeintlich ganzheitliche und \u201etraditionelle\u201c Heilweise gerade in westlichen Kontexten einer anonymen Maschinenmedizin entfaltet, obwohl sie der Biomedizin in Wirksamkeitsnachweisen unterlegen ist.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Relativismus oder Wahrheit ist hier offensichtlich die falsche Frage, vielmehr geht es um ein Kartographieren komplexer Wirklichkeiten, um der jeweiligen Sache angemessen urteilen zu k\u00f6nnen und entsprechend reflektiert politische und wissenschaftliche Handlungsf\u00e4higkeit zu gewinnen. Der Artikel von Weber scheint einerseits zwar in diese Richtung zu argumentieren, wenn er etwa auf die Durchdringung vermeintlich indigener Kulturen \u2013 von der bayerischen Lederhose bis zum Lippenteller der Mursi-Frauen \u2013 mit der Globalisierung von Kapitalismus und Tourismus hinweist. Andererseits verwirft er solche Differenzierungen gleich wieder, wenn er im Namen eines unreflektierten<em> Common Sense<\/em> universalistisch gesetzter westlicher Werte die Arbeit am Verstehen solcher Verflechtungen sofort wieder verwirft. Mit der falschen Opposition von Wahrheit oder Relativismus wird so das Kind mit dem Bade ausgesch\u00fcttet \u2013 und das ausgerechnet in einer Zeit, in der es mehr denn je auf Differenzierungen ankommt, weil wissenschaftliche Kritik inzwischen als <em>Fake News<\/em> abgetan wird und im vermeintlichen R\u00fcckgriff auf wissenschaftlichen Pluralismus nun jedwede Position gleicherma\u00dfen Anerkennung verdiene. Wer so argumentiert, verwechselt Relativismus mit Beliebigkeit und unterl\u00e4uft die geforderte Anstrengung der Differenzierung, ganz gleich ob das nun eine hermeneutische oder deskriptive oder methodische Differenzierung ist. Der relative Wert einer Wissensform und die relative Funktionalit\u00e4t einer Praxis geh\u00f6ren zur Komplexit\u00e4t der Wirklichkeit; sie im Namen einer allgemeing\u00fcltigen Wahrheit zu einfach zu ignorieren, unterstreicht hingegen die Machtf\u00f6rmigkeit dieses Wahrheitsanspruchs.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Hier muss eine politische Debatte \u00fcber Formen des Wissens und die Effekte angeblich objektiver Aussagen ansetzen. Der Hinweis auf den lokalen Vermarktungswert gro\u00dfer Lippenteller w\u00e4re eine solche Differenzierung, wenn der Autor nicht aus diesem Beispiel auf die Beliebigkeit der ethnologischen Perspektive schlie\u00dfen w\u00fcrde. Mit seiner Entdifferenzierung hingegen l\u00e4uft der Artikel Gefahr, dem Populismus Vorschub zu leisten, weil er dazu beitr\u00e4gt, das Fremde zu stigmatisieren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Zur\u00fcck zur Medizin. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich weltweit eine bemerkenswerte Wende von wissenschaftlich-theoretisch verb\u00fcrgter Wahrheit zu klinisch nachgewiesener Wirksamkeit vollzogen. Unter dem Namen der Evidenz-basierten Medizin (EBM) wurde die Vorrangstellung der Grundlagenforschung f\u00fcr klinische Entscheidungen abgeschafft und durch Leitlinien auf der Basis von Metaanalysen gro\u00dfer klinischer Studien f\u00fcr die meisten klinischen Probleme ersetzt. An die Stelle der Wahrheit der Theorie trat damit die relative Wahrscheinlichkeit einer therapeutischen Wirkung. Aber dabei l\u00e4sst sich gar nicht entscheiden, ob das ein Sieg des Relativismus war, weil n\u00e4mlich ein neues Objektivit\u00e4tsregime Einzug gehalten hat, das u.a. die alten Wahrheiten ihrer relativen Abh\u00e4ngigkeit von idealisierten Laborwelten \u00fcberf\u00fchren wollte. So zeigt sich einmal mehr, wie der falsche Gegensatz von Relativismus und Wahrheit an den Problemen vorbeigeht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Im aktuellen Regime der Medizin er\u00f6ffnen sich nicht nur neue Handlungsoptionen f\u00fcr Pharmafirmen (wie oben angedeutet) oder f\u00fcr Vertreter alternativer Heilpraktiken, z.B. weil sie nicht mehr (vergeblich) f\u00fcr die Wahrheit ihrer Theorie streiten m\u00fcssen, sondern deren Effizienz demonstrieren k\u00f6nnen. Das sah im ersten Schritt nach einer Ent-Dogmatisierung der Biomedizin als R\u00fcckbesinnung auf ihre praktische Basis aus. Aber inzwischen hat sich die EBM als neues Dogma etabliert, das die Unhintergehbarkeit objektiver Daten mit den strengen Regeln der empirischen Methode verkoppelt. Dabei realisieren selbst die Verfechter der EBM inzwischen, dass die Empirie der Studienkollektive nur unzureichend die Vielfalt klinischer Wirklichkeiten abzubilden vermag \u2013 vor allem in alternden und zunehmend multimorbiden westlichen Gesellschaften. Die neue Kultur der EBM erzeugt zweifelsohne objektive Wahrheiten, aber diese sind f\u00fcr den konkreten Alltag offenbar nur bedingt tauglich und greifen mit der Macht transparenter Zahlen gleichwohl wirkm\u00e4chtig in die Aushandlungsprozesse ein, welche therapeutischen Praktiken im Gesundheitssystem finanziert werden sollen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die interne Dynamik dieses Beispiels l\u00e4sst sich f\u00fcr die Frage nach dem Sinn und Unsinn von Relativismus verallgemeinern: Wer Relativismus mit Beliebigkeit gleichsetzt, um dagegen die Wahrheit zu verteidigen, macht eine falsche Opposition auf. Gefragt ist keine Abkehr vom Relativismus im Namen einer vermeintlich dem entgegengesetzten Objektivit\u00e4t, sondern differenzierende Genauigkeit in der Analyse konkreter und komplexer Sachverhalte. Das ist der epistemische wie politische Kern der Debatte, denn Objektivit\u00e4t und Wahrheit sind keine Gegenbegriffe zum Relativismus.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[141],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1628","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-cornelius-borck"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1628","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1628\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5078,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1628\/revisions\/5078"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1628"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1628"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1628"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}