{"id":1620,"date":"2017-04-11T00:00:00","date_gmt":"2017-04-10T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/kulturrelativismus-ethnopluralismus-kritischer-ethnozentrismus\/"},"modified":"2020-07-07T19:44:28","modified_gmt":"2020-07-07T17:44:28","slug":"kulturrelativismus-ethnopluralismus-kritischer-ethnozentrismus","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/kulturrelativismus-ethnopluralismus-kritischer-ethnozentrismus\/","title":{"rendered":"KULTURRELATIVISMUS, ETHNOPLURALISMUS, \u201cKRITISCHER ETHNOZENTRISMUS\u201d"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1620?pdf=1620\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1620?pdf=1620\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p>1<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\">Artikel von Christian Weber<\/a> ist ausf\u00fchrlich besprochen und seine Einw\u00e4nde gegen das Fach sind von ihm selbst relativiert, von anderen widerlegt worden. Das \u201cGespenst des Indigenen\u201d ist einmal als europ\u00e4ischer Eskapismus (von BoBos, Lebensreformern etc.), ein anderes Mal als letzte Gef\u00e4hrdung (innere und \u00e4u\u00dfere: der Pegida-Sachse, der Detonations-Syrer) enttarnt worden, aber kaum mehr als Phantasma der akademischen Ethnologie. Webers Beitrag legt trotzdem einen Finger in die Wunden, die sich am und mit dem anderen entz\u00fcnden. Im Folgenden geht es um unsere historisch verbrieften \u00dcberlegenheitsgesten oder um die Laxheit, mit der wir die M\u00fchen der Ebenen scheuen, f\u00fcr die uns Aufkl\u00e4rung in die Pflicht nehmen wollte.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more-->2<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Abseits der Frage, inwiefern der Kulturrelativismus (es gibt deren mehrere, und bedacht wurden sie schon in der Antiken Welt) den harten Kern der Ethnologie ausmache, kann man die Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Kulturrelativismus und Menschenrechten in dem Sinne stellen, wie Weber dies tut. Es entspricht ja der Erfahrung nicht nur von Forschern, sondern von westlichen Funktionseliten, von NGO- wie von Hilfswerk-Mitarbeitern, dass der (\u201cschwache\u201d) Kulturrelativismus, der zur Familie der Aufkl\u00e4rung geh\u00f6rt (von Montaigne bis zur Ringparabel), durchaus mit dem derselben Familie entstammenden Menschenrechtsgedanken in Konflikt ger\u00e4t, der wahlweise als S\u00e4kularisat einer j\u00fcdisch- christlichen Tradition (Ebenbild Gottes, Dialogpartner Gottes) sowie als Konsequenz von Kants Einsicht in den Menschen als \u201cZweck an sich\u201d mobilisiert wird. Und der Blick muss daf\u00fcr nicht einmal geographisch oder zivilisatorisch abschweifen: als man in Deutschland \u00fcber die Bewertung von religi\u00f6s begr\u00fcndeter Beschneidung diskutierte, war es genau dieser Konflikt, den die beteiligten Personen in sich auszutragen hatten.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>3<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Kulturrelativismus bezeichnet die \u00dcberzeugung, dass Handlungen aus dem Erfahrungs- und Normenkanon der jeweiligen Gesellschaft selbst zu verstehen seien &#8211; einschlie\u00dflich der Erfahrungen, die Mitglieder dieser Gesellschaft mit anderen Gesellschaften gemacht haben. Ohne diesen Zusatz ist Kulturrelativismus ahistorisch, strukturfunktionalistisch zwar \u00e4u\u00dferst dankbar, aber dennoch Ausdruck einer \u00dcberlegenheitsfigur: \u201cErfahrung mit anderen Gesellschaften\u201d ist der Gegenstand von Geschichte, die wir als Europ\u00e4er (bis zu jenem f\u00fcr die anderen \u201cgeschichtemachenden\u201d Erstkontakt) exklusiv besitzen. \u201cWir selbst\u201d verf\u00fcgen, dass unser Kulturrelativismus ohne unsere eigene kulturelle Mischung und ohne die dabei erlittene und zugef\u00fcgte Gewalt nicht denkbar sei, ja wir verstehen ihn (unter anderem) als S\u00fchneleistung gegen\u00fcber unserer Geschichte oder als Lektion derselben, die wir nun in fremde R\u00e4ume zu projizieren haben. Einerseits. Andererseits bleibt Kulturrelativismus gerade das Produkt einer Arbeit, die wir den anderen nicht zumuten wollen. Sie sollen uns entweder belehren, Alternativen (zu unserem Begriff von Kultur, von Religion, von Staat, von Familie\u2026) aufzeigen oder uns aus dem Gef\u00e4ngnis der dauernden Selbstreflexion befreien \u2013 durch ihre Realit\u00e4t und ihr So-Sein (das wir \u201cf\u00fcr uns\u201d als Kulturrelativisten abgestreift haben).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Das ist nat\u00fcrlich wieder alles andere als relativistisch, und auch der in diesem Blog von einer Autorin ge\u00e4u\u00dferte Gedanke, dass wir uns durch die Anderen selbst erkennen, ist bar jeder relativistischen Versuchung.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>4<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wer den Kulturrelativismus ablehnt, k\u00f6nnte sich dem Ethnopluralismus zuwenden. Dieser zieht gewisserma\u00dfen die Konsequenz aus jenem, indem er verf\u00fcgt, dass die Vielfalt der Kulturrelativisten nur dann ihren hegemonialen Hautgout verliert, wenn allen Kulturen das Recht auf ihre eigene Sozial- und Lebensgestaltung zuerkannt w\u00fcrde, weshalb man mit ihnen am besten \u00fcberhaupt nicht, oder nur auf ordentlich gestalteten Zusammenk\u00fcnften (Kriege) in Kontakt tr\u00e4te. Der Ethnopluralist h\u00e4lt die Vermischung f\u00fcr S\u00fcnde und die Anerkennung von gott- oder vernunftgegebenen Grenzen f\u00fcr unausweichlich. Diese Wahrheit zeigt sich im gewaltsamen Konflikt, bei dem nicht der andere zu hassen ist \u2013 zu hassen, weil er nicht so ist, wie wir \u2013 sondern als Feind zu achten, weil er seine Andersheit f\u00fcr uns genauso verteidigt wie wir die unsere f\u00fcr ihn.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Donoso Cort\u00e9z und Carl Schmitt hei\u00dfen die V\u00e4ter dieses urspr\u00fcnglich integralkatholischen Verst\u00e4ndnisses von \u201cex pluribus unum\u201d, das l\u00e4ngst von den Neuen Rechten zu den ganz allt\u00e4glichen Populismen in Europa und der Welt gewandert ist, um von Demagogen um Putin, Erdogan oder Trump erfolgreich mobilisiert zu werden.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Ethnopluralismus spielt die Rolle des Katechon gegen die Apokalypsen der fremdausbeutenden Selbstausbeutung, er kennt statt der Utopie einer gemeinsam zu pflegenden Erde nur die Rechtfertigung der babylonischen Verwirrung (an der die Warlords dieser Welt stets gut verdienen).<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>5<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Besonderen Abscheu empfinden Ethnopluralisten vor den Menschenrechten. Schon das Wort versetzt sie in M\u00e4nadenst\u00fcrme. Wenn sie ihre eigene Weltvorstellung als Universalisierung des Nicht-Universalen begreifen, erblicken sie in der Konzeption der Menschenrechte die List des Teufels, der den von ihm Besessenen einfl\u00fcstert, es g\u00e4be eine nichtpartikulare Position, von der aus sich Normen entwickeln lie\u00dfen. Der Teufel wolle, dass man diese universellen Normen \u00fcberall durchsetze, das hei\u00dft Politik letztlich nur universalistischen Prinzipien folge. Daraus erg\u00e4ben sich nicht einfach \u201cgesinnungsethisch\u201d zu nennende Widerspr\u00fcche, sondern die Selbstaufgabe von Gemeinschaft und Politik. \u201cNiemand ist zur Selbstabschaffung verpflichtet,\u201d sagte Peter Sloterdijk angesichts der deutschen Fl\u00fcchtlingspolitik. Es war die Stimme des Menschenrechtskritikers, getarnt als Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Erhaltung des moralischen Subjekts.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es gibt drei Argumente gegen die Menschenrechte: eine universale Position ist von etwas wesenhaft Partikularem nicht einnehmbar; ein Mensch ist nicht zu bestimmen vor seiner partikularen Zugeh\u00f6rigkeit; ein Recht muss einklagbar sein und setzt einen \u201cuniversalen\u201d Gerichtshof mit Handlungsvollmacht voraus. Und schlie\u00dflich \u2013 aber dies ist nach der ontologischen, soziologischen und staatstheoretischen eben eine theokratische, keine aufgekl\u00e4rte Kritik \u2013 liegt die W\u00fcrde des Menschen in der Hand Gottes.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>6<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die aufgekl\u00e4rte Kulturrelativistin \u2013 deren Relativismus auf der Anerkennung der fremden Subjektivit\u00e4t beruht \u2013 wird eine Menschenrechtsverletzung stets in ein Dilemma versetzen. Sie wird nat\u00fcrlich versuchen, das Beobachtete aus den inneren Notwendigkeiten der fremden Gesellschaft zu erkl\u00e4ren, aber ihr Respekt vor der fremden Gesellschaft wird immer geringer bleiben als die Anerkennung der fremden Subjektivit\u00e4t. Dabei wird sie sich selbst durchaus als Mitglied einer spezifischen, historisch verortbaren Gesellschaft verstehen, aber einer solchen, die ihr die M\u00f6glichkeit gegeben hat, Subjekt im Sinne der Aufkl\u00e4rung zu sein (und entsprechend Rechte wahrzunehmen und einzuklagen). Um der Sortierung von anderem Subjekt und anderer Gesellschaft bzw. des Verh\u00e4ltnisses dieser beiden zu entgehen und sich nicht den Vorwurf des Ethnozentrismus zuzuziehen, wird die aufgekl\u00e4rte Kulturrelativistin im Konfliktfall von Kulturrelativismus und Menschenrechten gerade ihre Gesellschaft zur Berufungsinstanz machen (auch dort, wo finstere M\u00e4chte in der eigenen Gesellschaft diese Berufung zu verhindern trachten); im Normalfall wird sie auf weitere Verbesserungen ihrer eigenen Gesellschaft dringen, um Verbesserungen in der Praxis anderer Gesellschaften zu erreichen. Die eigene Gesellschaft ist, mit einem Romantitel John Le Carr\u00e9s (der diese Denkfigur sehr klar zum Ausdruck gebracht hat) <em>The Constant Gardener <\/em>in einem erst zu bestellenden Paradies.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>7<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die aufkl\u00e4rungsfeindliche (sie selbst w\u00fcrde sagen: gegenaufkl\u00e4rerische) Ethnopluralistin indes ger\u00e4t in dieses Dilemma nicht. Sie ist \u00fcberzeugt, dass Personen Funktionen von Gesellschaften sind. Gesellschaften unterscheiden sich anhand bestimmter Kriterien, die andere \u201cethnische\u201d nennen, und deren Pflege in den Augen der Ethnopluralisten auch f\u00fcr das individuelle Wohl essentiell ist. Ihr Erkennen ist ein h\u00f6heres Erkennen in dem Sinne, dass sich darin die Bedingung von Gesellschaft (Gott, die Nation, <em>you name it<\/em>) selber erkennt. Eine Menschenrechtsverletzung ist f\u00fcr sie in erster Linie ein willkommener Gegenbeweis gegen die Menschenrechte selbst. Denn diesen liege nichts anderes zugrunde als das Phantasma der \u201cleeren\u201d menschlichen Identit\u00e4t, der Lieblingsvorstellung von Wirtschaft und Finanzmarkt. Aus diesem Grund k\u00f6nnte man sie fast \u00fcberreden, zuzustimmen, damit Juden und Muslime in Deutschland ihre Kinder beschneiden d\u00fcrfen \u2013 ganz gewiss nicht, weil die Erben des 1000-j\u00e4hrigen Reichs mal 1000 Jahre lang die Klappe halten sollten, wenn es um j\u00fcdisches Leben geht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>8<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Man darf sich also tats\u00e4chlich und immer noch fragen, ob Kulturrelativismus m\u00f6glich sei, und man kann daf\u00fcr, wie angedeutet, den Kultur- oder den Relativismusbegriff dekonstruieren. Ist er wenigstens \u201cundogmatisch\u201d vertretbar, gewisserma\u00dfen als Postulat f\u00fcr die Forschungsethik? Das ist bei akademischer Zur\u00fcckhaltung vielleicht m\u00f6glich, f\u00fchrt aber mit sich, dass die Wahrheitsf\u00e4higkeit der Aussagen, die in der eigenen, nicht minder \u201ckulturrelativistisch\u201d betrachteten Disziplin getroffen werden, zumindest abgeschw\u00e4cht wird. Selbst wenn man dies in Kauf n\u00e4hme, reichte es aus, um mit Disziplinen zu sprechen, die einen deutlich allgemeineren Anspruch vor sich hertragen (und auch begr\u00fcndet haben)? Oder l\u00e4ge nicht die Aufgabe der Ethnologie als einer ernstzunehmenden Wissenschaft darin, den Kulturrelativismus ebenso zu <em>begr\u00fcnden <\/em>(was impliziert, sich jenseits seiner zu stellen), um ihn dann gegen\u00fcber den anderen Disziplinen <em>vertreten <\/em>zu k\u00f6nnen? Ethnologie kann einzig als Avantgarde \u00fcberleben, als Arbeit am Wissen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>9<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Trotz allem scheint es hin und wieder m\u00f6glich, dass der Kulturrelativismus seine eigene Widerspr\u00fcchlichkeit \u2013 allgemeiner Geltungsanspruch von kultureller Bedingtheit &#8211; und gewisserma\u00dfen den \u201cWiderstand im Material\u201d \u2013 allgemeiner Geltungsanspruch aus kultureller Bedingtheit \u2013 zur Kenntnis nimmt und produktiv h\u00e4lt. Eine solche Position vertrat der Religionsethnologe Ernesto de Martino (1908-1965). Mit den Universalismen war er als Italiener ebenso vertraut wie als Neapolitaner mit dem Partikularen (dazu als Neorealist mit dem Partikularen, das allein sich universalisieren l\u00e4sst und die \u201cunity of men\u201d begr\u00fcndet). W\u00e4hrend Ethnopluristen sagen, es gebe keinen Ausweg aus dem Nicht-Universalen, wusste er, dass man das Universale, wenn man diese Idee einmal geh\u00f6rt hat, nicht mehr losw\u00fcrde. Oft genug w\u00fcrde das zu tragischen Verstrickungen f\u00fchren, oft genug w\u00fcrde das f\u00fcr universal Gehaltene lediglich den eigenen Ethnozentrismus best\u00e4tigen. Vor Ort gelte es zu pr\u00fcfen, wie Universales und Lokales interagierten, aber nein, aus dem Universalen selbst g\u00e4be es kein Entrinnen. Und das sei auch nicht verurteilenswert.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ernesto de Martino, so gerne er gewollt h\u00e4tte, hat keine fernen Eilande erforscht. Das Fernste blieb wohl der Tarantismus im Salento, unter einem Sarazenenturm mit Ausblick gen Afrika. Aber er stellte die Philosophie vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe und wurde Inlandsethnologe. Waren andere Denkkategorien, andere Sozialformen, andere Reparaturma\u00dfnahmen wider das Ungl\u00fcck m\u00f6glich als die seiner Mittelklassenexistenz? Und kannten die S\u00fcditaliener, von denen auch Pythagoras einer gewesen sein soll, vielleicht Techniken der Lebenskunst, ja der Magie als Handlungserm\u00e4chtigung, die gegen die Unbill von Erdbeben und politischen Niederlagen halfen? De Martino untersuchte Riten, bei denen Menschen sich ihrer K\u00f6rper als \u201cnatural symbols\u201d (M. Douglas) bedienten, das nackte und das soziale Leben \u2013 das Universale und das Partikulare \u2013 zusammenf\u00fchrten. Das ging nur \u00fcber Selbstvergessenheit (Trance) und best\u00e4tigte eine religi\u00f6se Wahrheit von Selbstverlust und Selbstgewinn, die endlich in der Geschichte operationalisiert werden wollte. Darin entdeckte er Techniken, \u00e4u\u00dfere Unterdr\u00fcckung aufzuhalten und sich nur \u00fcbergangsweise mit ihr zu identifizieren (Mimikry und Mimesis, in der das, was einen unterdr\u00fcckt, rituell angeeignet und behandelbar wird). Bei aller Faszination \u00fcberwog das Bewusstsein \u2013 aus seiner Sicht m\u00fcsste man schreiben: die Einsicht \u2013 dass die Fermentierung dieser Kulturtechniken nicht das letzte Wort haben d\u00fcrfte, sondern sich in ihrer Anerkennung die wechselseitige Erl\u00f6sung ereignen, m\u00fcsste von dominierter und hegemonialer Position sein. Diese Position war utopisch, aber, wie de Martino festhielt, war es noch weniger m\u00f6glich, nicht utopisch zu sein.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>De Martinos Verbindung von Kulturrelativismus und Aufkl\u00e4rung \u2013 \u201cetnocentrismo critico\u201d \u2013 verdankt sich der langen Zivilisationsgeschichte des italienischen Lebens- und Diskussionszusammenhangs. Dieses aus \u00f6kologischen und politischen Nischen bestehende Gebilde produzierte unabl\u00e4ssig gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten und damit die Notwendigkeit der Vermittlung, die sich heute noch in der Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr eine Disziplin namens Philosophie ausdr\u00fcckt. Aber auch in der Arbeit der Institutionen und nicht zuletzt der Familie, die sehr disparate F\u00e4den zusammenf\u00fchren und Konsens immer neu herstellen muss. Der deutsche Konsens, wonach Aufkl\u00e4rung, Kulturrelativismus und Menschenrechte zusammengehen m\u00fcssen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, mutet aus dieser Perspektive geschichts- und lebensfremd an. Und das \u201cGespenst des Indigenen\u201d zieht freundlich seinen Hut.<\/p>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[105],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1620","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-ulrich-van-loyen"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1620","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1620\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5026,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1620\/revisions\/5026"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1620"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1620"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1620"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}