{"id":1619,"date":"2017-04-04T00:00:00","date_gmt":"2017-04-03T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/von-wilden-und-werten\/"},"modified":"2020-07-07T19:23:30","modified_gmt":"2020-07-07T17:23:30","slug":"von-wilden-und-werten","status":"publish","type":"kulturrelativismus","link":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/kulturrelativismus\/von-wilden-und-werten\/","title":{"rendered":"VON WILDEN UND WERTEN"},"content":{"rendered":"\n<style>\n\t.dkpdf-download-icon { height: 1.5rem; }\n<\/style>\n\n\n\n\t<div class=\"dkpdf-button-container\" style=\" text-align:right \">\n\n\t\t<a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1619?pdf=1619\" target=\"_blank\">\n\t\t\t<img src='\/wp-content\/themes\/boasblogs\/dkpdf\/download_red.svg' class=dkpdf-download-icon'\/>\n\t\t<\/a>\n\t\n\t\t<!-- <a class=\"dkpdf-button\" href=\"\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1619?pdf=1619\" target=\"_blank\"><span class=\"dkpdf-button-icon\"><i class=\"fa fa-file-pdf-o\"><\/i><\/span> Download PDF<\/a> &rarr; -->\n\n\t<\/div>\n\n<p><strong>Das Problem der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\">\n<p>Die Ethnologie hat ein Problem mit ihrer \u00f6ffentlichen Wahrnehmung. Es ist offenbar schlecht bestellt um die Allgemeinverst\u00e4ndlichkeit des Faches. Sollen sich die Presse, die selten genug \u00fcber unsere Arbeit berichtet, und die interessierte \u00d6ffentlichkeit soweit in unsere Disziplin einarbeiten, dass die ethnologische \u201eKrise der Repr\u00e4sentation&#8220;, der \u201eontologische <em>turn<\/em>\u201c und die \u201eAnthropos-Debatte\u201c keine Fremdworte mehr f\u00fcr sie sind? So funktioniert die Welt leider nicht. Wir m\u00fcssen uns also erstmal den schwarzen Peter selbst zuschieben, wenn wir haupts\u00e4chlich als Experten f\u00fcr das Fremde und Exotische angesprochen werden \u2013 im besten Fall. Wenn es schlimmer kommt, wie zuletzt in der <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/wissen\/ethnologie-die-maer-vom-edlen-wilden-1.3205238\"><em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em><\/a>, werden wir als moralisch orientierungslose Verteidiger fremdartiger Zeitgenossen geschm\u00e4ht. Auch dar\u00fcber sollten wir nachdenken.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><!--more--><\/p>\n<p>F\u00fcr die weitgehende politische Bedeutungslosigkeit der Ethnologie, die wie wenig andere F\u00e4cher geeignet w\u00e4re, sich aufkl\u00e4rerisch an \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber die Krisen des menschlichen Zusammenlebens in einer globalisierten Welt zu beteiligen, gibt es noch andere Gr\u00fcnde als den zunehmenden disziplin\u00e4ren Obskurantismus (die \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit, die den Arbeiten David Graebers zu Teil wird, ist international die Ausnahme, die die Regel best\u00e4tigt). Es gibt aber auch nationale Unterschiede. In Skandinavien etwa engagieren sich viele Ethnologen als \u00f6ffentliche Intellektuelle und der norwegische Kronprinz hat sogar ein paar Semester Ethnologie studiert. Aber auch in Norwegen gab es Mitte der 1990er Jahre eine lautstarke Debatte \u00fcber Kulturrelativismus und gesellschaftliche Werte. Hier fanden sich tats\u00e4chlich auch Ethnologen, die aus der klassischen Verteidigungslinie der Disziplin hinsichtlich des \u201eAnderen\u201c ausscherten, um im wahrsten Sinn des Wortes die Seiten zu wechseln.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Wie Thomas Hylland Eriksen in seinem \u00f6ffentlichen Betrag \u201eDas Unbehagen an der Kultur\u201c (1997) <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> schreibt, haben Ethnologen fr\u00fchzeitig die <em>Verteidigung <\/em>des Anderen mit einer \u00f6ffentlichen <em>Kritik <\/em>am Eigenen verbunden; am einflussreichsten wohl Margaret Mead in \u201eComing of Age in Samoa\u201c. Die oben angesprochenen, \u201eausgescherten\u201c skandinavischen Ethnologen drehten hier das etablierte Verteidigungs-Kritik- Schema um, indem sie die Kritik an dem Anderen mit der Verteidigung des Eigenen verkn\u00fcpften, was schnell einen nationalistischen Beigeschmack bekam.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ethnologen vertreten heute gerne, der Kulturrelativismus sei lediglich eine bevorzugte (und wertfreie) Methode der Erkenntnisgewinnung in der Ethnologie, f\u00fcr die das Verbot einer vergleichenden Bewertung verschiedener Kulturen wesentlich sei. In \u00f6ffentlichen Debatten kommt der Kulturrelativismus der Ethnologen aber oft weder wertneutral daher, noch wird das Verbot komparativer moralischer Bewertungen eingehalten. Die Verteidigung des Anderen in \u00f6ffentlichen Diskussionen &#8212; wo eigentlich nur Aufkl\u00e4rung n\u00f6tig w\u00e4re &#8212; sei eine <em>d\u00e9formation professionnelle<\/em>, <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/kulturrelativismus\/ethnologie-und-oeffentlichkeit-oder-die-kunst-zwischen-den-stuehlen-zu-sitzen\/\">schreibt Matthias Krings<\/a>, die ihre Ursache in der kolonialen Vergangenheit des Faches habe. Man solle sie uns vergeben. Ich denke jedoch, es steckt mehr dahinter.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Es gibt eine systematische Spannung zwischen zwei Verst\u00e4ndnisweisen oder Varianten des Kulturrelativismus, die beide eine zentrale Rolle in der Ethnologie spielen und die sich nicht leicht, wenn \u00fcberhaupt, voneinander l\u00f6sen lassen. In der einen Variante wird der Kulturrelativismus als eine nicht-wertende, holistische Forschungsmethode verstanden, in der anderen als eine moralische Position, die den unbedingten Wert des Anderen betont (auch wenn Ethnologen viele konkrete Praktiken nicht als sch\u00fctzenswerte \u201aKultur\u2018 betrachten m\u00f6gen). Es scheint mir nun nicht nur f\u00fcr die \u00f6ffentliche Wahrnehmung der Ethnologie, sondern auch f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis des Faches wesentlich zu sein, \u00fcber die Verbindungen und Trennlinien zwischen beiden Verst\u00e4ndnisweisen nachzudenken und allzu einfache Sortierungen aufzugeben. Dies ist umso wichtiger in einer Zeit, in der sich \u201edie Anderen\u201c nicht mehr \u00fcberwiegend als ferne Fremde pr\u00e4sentieren, sondern als oft befremdliche Nachbarn. Ethnologen sollten als professionelle Grenzg\u00e4nger zwischen dem Eigenen und dem Anderen zu einer aufgekl\u00e4rten \u2013 und nicht aufgeheizten \u2013 Debatte betragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Kulturrelativismus \u2013 Methode oder Moral\u00a0<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Der Kulturrelativismus war die Antwort auf Evolutionstheorien des 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhunderts, die westliche, \u201eaufgekl\u00e4rte\u201c Gesellschaften auf einer h\u00f6heren Stufe der kulturellen Entwicklung sahen als die \u201earchaischen\u201c \u201eprimitiven\u201c oder \u201etraditionellen\u201c Gesellschaften. Zugleich war der Kulturrelativismus eine politisch-moralische Kampfansage an koloniale Diskurse, die in der Zivilisierung des kulturell Anderen die \u2013 wenn nicht von Gott, so doch von der Vernunft auferlegte \u2013 historische Last und Aufgabe des wei\u00dfen Mannes sahen und die damit das koloniale Unrecht rechtfertigten (der sogenannte \u201ewhite man\u2019s burden\u201c). In beider Hinsicht f\u00e4llt es schwer, sich eine Ethnologie vorzustellen, die sich pauschal gegen den Kulturrelativismus aussprechen w\u00fcrde. Aus meiner Sicht sind drei Grundannahmen des Kulturrelativismus auch f\u00fcr die moderne Ethnologie nach wie vor von zentraler Bedeutung.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div>\n<p style=\"margin-left: 2em;\">1. Alle Kulturen (oder Lebensweisen) haben einen intrinsischen Wert<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\">2. Man kann (und darf) Kulturen (d.h. Wertesysteme und Lebenswelten) nicht bewertend vergleichen.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\">3. Alles menschliche Handeln und alles, was durch menschliches Handeln hervorgebracht wird (Artefakte, Lebensformen, Umwelten) kann nur vor dem Hintergrund seiner jeweils spezifischen Voraussetzungen (Wertvorstellungen und Sichtweisen) vollst\u00e4ndig erkl\u00e4rt und verstanden<\/p>\n<\/div>\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<p>Nach meinem Eindruck teilt die gro\u00dfe Mehrzahl der Ethnologen diese drei Annahme in der einen oder anderen Formulierung und Konkretisierung, einschlie\u00dflich derjenigen, die sich mit dem traditionellen Kulturrelativismus \u00e0 la Boas kaum noch identifizieren.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die drei Annahmen sind systematisch miteinander verbunden. Jede von ihnen stellt auf eine bestimmte Weise eine Beziehung zwischen Werturteilen und empirischen Tatsachen her. Es erscheint offensichtlich, dass sie eine klare Trennung zwischen moralischer Bewertung und Tatsachenbeschreibung nicht zulassen. Nun verlangt sozialwissenschaftliche Erkenntnis nach Max Weber Wert- bzw. Werturteilsfreiheit.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Damit meinte Weber mitnichten, dass man sich nicht wissenschaftlich mit Werten besch\u00e4ftigen, noch dass man wissenschaftliche Sujets nicht wertbezogen ausw\u00e4hlen d\u00fcrfte. Wissenschaftliche Objektivit\u00e4t verlangt aber, die Ermittlung sozialwissenschaftlicher Sachverhalte weitgehend von subjektiver Wertung zu trennen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung versagen Ethnologen \u2013 auch als Experten von denen man sich \u201aAufkl\u00e4rung\u2018 erwartet \u2013 oft darin, diese Trennung vorzunehmen. Uns wird dann mangelnde Distanz zu unseren Forschungssubjekten vorgeworfen und einseitiger politischer Aktivismus. Manchmal wird uns auch Zynismus oder Heuchelei unterstellt, wenn wir (in der Au\u00dfenwahrnehmung) kulturelle Praktiken verteidigen, die wir ganz offensichtlich \u201ef\u00fcr uns selbst\u201c ablehnen w\u00fcrden. <a href=\"https:\/\/boasblogs.org\/autor\/heike-drotbohm\/\">Heike Drotbohm<\/a> spricht hier zutreffend vom wunden Punkt der Ethnologie. Sie schl\u00e4gt vor, auf eine andere Art ethnologisches Wissen aufkl\u00e4rerisch in die \u00f6ffentliche Diskussion einzubringen. Die von ihr vorgeschlagene Form \u00f6ffentlicher Wirksamkeit ist klassisch ethnologisch und wird auch dem Kulturrelativismus als Methode gerecht. Kulturelle Praktiken hier und da werden miteinander in Beziehung gesetzt, um damit das scheinbar Exotische vertrauter werden zu lassen, und das Eigene zu verfremden. In ihrem Beispiel ist es das In-Beziehung- Setzen von <em>female genital cutting <\/em>in Ostafrika mit dem steigenden Trend zur chirurgischen Genitalplastik bei \u201euns\u201c. Dies sch\u00e4rft nicht nur den Blick f\u00fcr \u2013 kulturelle Gr\u00e4ben \u00fcberschreitende \u2013 gesellschaftliche Prozesse bzw. Probleme, sondern erm\u00f6glicht auch eine holistischere und wertneutralere Perspektive. Dass diese Strategie konstitutiv f\u00fcr die ethnologische Wissensproduktion ist, wei\u00df jede, die schon mal auf Feldforschung war.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ich f\u00fcrchte allerdings, dass in \u00f6ffentlichen Diskussionen \u00fcber die Bedeutung und Bewertung kultureller Praktiken (denn dazu werden Ethnologen ja meist eingeladen), ein solches In-Beziehung-Setzen nur wenig zu einer aufgekl\u00e4rteren Debatte beitr\u00e4gt, da es ganz einfach als wertender und moralischer relativierender Vergleich resp. als unzul\u00e4ssige Gleichmacherei verstanden werden kann. Die Diskussion w\u00fcrden sich dann darum drehen, \u201ewas schlimmer ist\u201c bzw. welche prinzipiellen, universellen Kriterien angelegt werden sollten, um etwas als mehr oder weniger schlimm, mehr oder weniger moralisch oder rechtlich akzeptabel bewerten zu k\u00f6nnen. Solche Diskussionen sind sicher legitim und auch gewiss notwendig, werden aber typischerweise am Ende nicht durch ethnologische, sondern durch moralphilosophische, juristische oder politische Argumente entschieden. Bleibt also nur noch die Aufgabe, die Sichtweise des \u201eAnderen\u201c zu erkl\u00e4ren? Auch das mutet heute etwas merkw\u00fcrdig an, gibt es doch genug \u201eAndere\u201c, die \u00f6ffentlich f\u00fcr sich selbst sprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Dennoch denke ich, dass der Kulturrelativismus ein Pfund ist, mit dem Ethnologen in der \u00f6ffentlichen Diskussion wuchern k\u00f6nnen. Dies setzt aber zuallererst voraus, dass der methodische Kulturrelativismus klar vom moralischen Kulturrelativismus unterschieden wird und der letztere nicht an Stelle des ersteren tritt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Die drei von mir genannten Grundannahmen des Kulturrelativismus lassen sich je nach ihrem Platz in einer Argumentationskette als Elemente eines methodischen oder eines moralischen Kulturrelativismus verstehen. Die Begr\u00fcndung eines methodischen Kulturrelativismus muss die Logik der Empirie in den Vordergrund stellen. Etwa so: Aus Annahme 1, menschliches Handeln kann nur vor dem Hintergrund seiner lebensweltlichen Voraussetzungen und Sinngebungen verstanden werden, ergibt sich dann Annahme 2, man kann verschiedene Kulturen oder Lebenswelten wissenschaftlich nicht bewertend vergleichen. Annahme 3, alle Lebensweisen haben einen intrinsischen Wert, erg\u00e4be sich dann daraus, dass ohne die Annahme dieses intrinsischen Wertes nicht zu verstehen w\u00e4re, warum kollektive Handlungsorientierungen so sind, wie sie sind, und \u00fcber die Zeit hinweg Stabilit\u00e4t aufweisen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ganz anders sieht es aus, wenn die Argumentation umgedreht wird. \u201eAlle Kulturen [Lebensweisen] haben einen intrinsischen Wert\u201c ist dann auf sich gestellt eine moralische bzw. politische Kernthese, aus der die nun moralischen Forderungen (2) und (1) abgeleitet werden. \u00dcber die Wahrheit von moralischen Pr\u00e4missen l\u00e4sst sich bekannterma\u00dfen schlecht streiten. In Debatten, in denen die ethnologische Kulturkritik an der westlichen Moderne und Aufkl\u00e4rung, und die moralische Bewertung derselben, im Vordergrund steht, gewinnt daher Polemik schnell die Oberhand.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ist das die Form der Debatte, die wir als Ethnologen suchen? Ich bin der Meinung, dass die aus der ethnologischen Feldforschung entsprungenen intellektuellen, aber auch zwischenmenschlichen Einsichten auch den besonderen Beitrag der Ethnologie zu \u00f6ffentlichen Debatten pr\u00e4gen sollten. In dem f\u00fcr die Ethnologie grundlegenden methodischen Bereich, dem der teilnehmenden Beobachtung, findet sich eine Schnittstelle, an der sich auch unter dem Gesichtspunkt wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns Methodik und Moral nicht wirklich trennen lassen: Ich meine die f\u00fcr das professionelle Grenzg\u00e4ngertum der Ethnologen in der Feldforschung zentrale Erfahrung der Mitmenschlichkeit.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Teilnehmende Beobachtung und \u201aMitmenschlichkeit\u2018<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>\u201eWhy ask me? I do not live here\u201d, war Karen Sykes erste Reaktion auf die Frage Sionis, eines langj\u00e4hrigen Bekannten aus ihrer Forschung in Papua Neuguinea, wie sie die Hochzeitspl\u00e4ne seines Sohnes und dessen Freundin bewerten w\u00fcrde. Sioni bezweifelte die Redlichkeit der Absichten der jungen Frau, und auch die allgemeine Weisheit einer solchen Verbindung f\u00fcr seinen Sohn. Wie Sykes in Residence: Moral Reasoning in a Common Place (2009) schildert, zielte ihre erste (Nicht-)Antwort \u2013 die Verweigerung einer Bewertung \u2013 jedoch auf ein theoretisches Level, auf dem die Prinzipien von Heirat und Verwandtschaft in Europa und Melanesien miteinander inkompatibel sind. Was Sioni sich jedoch von ihr erhoffte, war eine Bewertung der Situation, eine moralische Urteilsfindung auf einem Niveau, das Sykes als <em>commonplace <\/em>(allt\u00e4glich, gew\u00f6hnlich) bezeichnet, und die es erm\u00f6glicht, eigene Erfahrungen und Einsichten in menschliche Dilemmata zur Bewertung einer konkreten Situation heranzuziehen. Karen Sykes schildert hier etwas, was den meisten Ethnologen auf die eine oder andere Weise bekannt ist \u2013 man wird h\u00e4ufig nach seiner Bewertung von konkreten Situationen gefragt, obwohl man sich, besonders anfangs, inkompetent f\u00fchlt, eine der \u201eKultur\u201c des Fragenden angemessene Antwort zu liefern. Lebt man l\u00e4nger vor Ort, wird man zwar ein kompetenterer Ratgeber \u2013 jedoch weniger als Experte kultureller Prinzipien, sondern als Mitmensch, als Nachbarin oder Freundin, deren Erfahrungen vielleicht anders, aber eben nicht inkompatibel sind. Ebenso relevant hier ist, dass solche Formen des (nicht wertneutralen) Erfahrungsaustauschs Teil der Herstellung sozialer Beziehungen sind; den anderen zu kennen, hei\u00dft auch, seine begr\u00fcndeten Meinungen zu kennen.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Was haben teilnehmende Beobachtung und Kulturrelativismus damit zu tun? Die Begr\u00fcndung des methodologischen Kulturrelativismus hebt in der Regel auf einen ethnographischen \u201aUrzustand\u2018 ab, in dem man oder frau noch \u201enichts\u201c \u00fcber die Anderen wei\u00df, und sich deshalb gerechterweise keine Wertungen erlauben darf. Die lange Dauer der Feldforschung dient dann eben dazu, sich eine sozialwissenschaftlich angemessene Basis f\u00fcr Wertungen (nicht moralischer Art) aufzubauen. \u201eAndere\u201c Perspektiven und Sinnsetzungen sind jedoch nicht wertfrei. Das nachvollziehende Verstehen, das aus den reellen Erfahrungen und Freundschaften vor Ort resultiert, involviert also zumindest tempor\u00e4r auch ein moralisches (Mit)Verstehen. Indikativ daf\u00fcr ist hier die oft besp\u00f6ttelte \u201eGefahr\u201c des <em>going native<\/em>, aber auch die sozialwissenschaftlich fruchtbare Erfahrung, dass auch radikal andere Perspektiven \u201evern\u00fcnftig\u201c sein k\u00f6nnen. Mit strikt abgegrenzten Bedeutungsrealit\u00e4ten und kulturellen Prinzipien hat diese Erfahrung wenig zu tun; ebenso wenig mit einem abstrakten menschlichen Universalismus. Sie hat viel mehr damit zu tun, Mitmenschlichkeit als Austausch \u00fcber allt\u00e4gliche Probleme moralischer Urteilsfindung, und das Erkennen des Werts unterschiedlicher Erfahrungen und Perspektiven herzustellen. Hier sind weder moralischer Fundamentalismus noch d\u00fcnner Pragmatismus gefragt, sondern eine Diskussion, die die relevanten Kriterien einer vern\u00fcnftigen (und mitmenschlichen) Urteilsfindung \u201ein der Situation\u201c nennt und in die Bewertung einbezieht.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p><strong>Rechtfertigung oder Aufkl\u00e4rung?<\/strong><\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Ich m\u00f6chte nicht die These aufstellen, dass die Ethnologie als solche an dieser Aufgabe scheitert, ganz im Gegenteil. Ich m\u00f6chte aber behaupten, dass wir in \u00f6ffentlichen Diskussionen allzu h\u00e4ufig in das alte Verteidigungs-Kritik-Schema zur\u00fcckfallen. Dieses entstammt historisch auch einer (moralischen) <em>Noble Savage<\/em>-Kritik an der Moderne und kann kaum einen mehr \u00fcberzeugen, auch eben weil die ehemals exotischen Fremden heute oft fremde Nachbarn sind.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>In einer globalisierten Welt, wo sich das Eigene und Andere immer st\u00e4rker in situative Praktiken, Perspektiven und Kontexte, also spezifische soziale Situationen aufl\u00f6st, ist eine radikale Unterscheidung unterschiedlicher Kulturen, die f\u00fcr den ethnologischen Kulturrelativismus wissenschaftlich konstitutiv war, kaum noch gegeben. Das ist nat\u00fcrlich auch meine Kritik am <em>ontological turn<\/em> der Ethnologie, aber das sei hier nur angemerkt.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>Zur Gegen\u00fcberstellung von Kulturrelativismus und Aufkl\u00e4rung, die das \u00fcbergreifende Thema dieser Reihe ethnologischer Blogs ist, sei nur angemerkt, dass nach meiner \u00dcberzeugung Kulturrelativismus nur dann eine \u00f6ffentliche Bedeutung (und einen moralischen Wert) hat, wenn er zur Aufkl\u00e4rung, wenn er zum In-Beziehung-Setzen von Situationen und Dilemmata, sowie zum Finden angemessener Bewertungskriterien \u2013 auch f\u00fcr Konfliktl\u00f6sungen \u2013 beitr\u00e4gt und keine blinde Verteidigungsmotivation liefert. Als Wissenschaft ist die Ethnologie ein Kind der Aufkl\u00e4rung, und das soll sie auch bleiben.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<p>&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Original in Norwegisch, <em>Ubehaget ved kulturen<\/em>.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<p>Hylland Eriksen, Thomas 1997. Ubehaget ved kulturen. <em>Moderna Tida <\/em>Nr. 82.<\/p>\n<p>Sykes, Karen 2009. Residence: Moral Reason in a Common Place. In Karen Sykes (ed.), <em>Ethnographies of Moral Reasoning: Living Paradoxes of a Global Age<\/em>. Palgrave- Macmillan.<\/p>\n<div align=\"justify\">\n<div align=\"justify\"><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"template":"","meta":{"_acf_changed":false,"inline_featured_image":false,"footnotes":""},"autor":[149],"kulturrelativismus_category":[],"class_list":["post-1619","kulturrelativismus","type-kulturrelativismus","status-publish","hentry","autor-susanne-brandtstadter"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1619","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus"}],"about":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/kulturrelativismus"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1619\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5025,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus\/1619\/revisions\/5025"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1619"}],"wp:term":[{"taxonomy":"autor","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/autor?post=1619"},{"taxonomy":"kulturrelativismus_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/boasblogs.org\/de\/wp-json\/wp\/v2\/kulturrelativismus_category?post=1619"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}